Elektro-Psycho-Doping oder Gliedmaßen à la Terminator

28.01.2006

Fantastische Therapien und fantastische Absatzmöglichkeiten?

Eine direkte Verbindung zwischen menschlichem Nervensystem und Informationstechnik – das ist vor allem Stoff für Science Fiction-Szenarien. Während Forscher hoffen, eines Tages Blinde sehend machen zu können oder Gliedmaßen zu ersetzen, malen Skeptiker sich aus, wie Armeen ferngesteuerter Mensch-Maschine-Wesen gegeneinander marschieren.

Ob die Begriffe "Elektronik", "Implantat" und "Nervensystem" in ihrer Kombination verheißungsvoll oder bedrohlich klingen, ist eben oft nur eine Frage des Standpunkts. Phantasie anregend wirken sie allemal – auch bei den Entwicklern. Denn die ersten Anwendungen lassen nicht nur auf fantastische Therapien hoffen, sondern auch fantastische Absatzmöglichkeiten.

Der Nationale Ethikrat, der sich seit seiner Einsetzung durch die Bundesregierung 2001 vor allem mit der Gentechnik befasst hat, widmete angesichts der rasanten Fortschritte dem Thema eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am 25. Januar in Berlin. "Neuroimplantate: Stimulus oder Steuerung?", so der Titel. Laut Ankündigung wollte man vor allem den skeptischen Fragen zu diesen Technologien nachgehen

Neuroimplantate würden uns mit der Tatsache konfrontieren, dass "geistige Leistung an eine materielle Grundlage gebunden" ist, so Eve-Marie Engels, Mitglied des Ethikrats, in ihrem einführenden Vortrag. Neben philosophischen Fragen nach der Identität, Willensbildung und Verantwortung des Menschen müssten wir uns vor allem mit den Risiken der Manipulation und Überwachung befassen, so Engels weiter.

"Hirnschrittmacher"

Nachdem Ankündigung und Einführung klangen, als würde sich der Ethikrat bereits mit Mensch-Maschine-Wesen auseinandersetzen, stellte der Mediziner Marcos Tatagiba in seinem anschließenden Vortrag den heutigen Stand der Technik vor. Von "Taubheit, Parkinson, Depression, bis hin zu Blasenstörungen" reichten immerhin die derzeitigen Anwendungsgebiete, so der Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Uniklinik Tübingen. Vor allem aber machte Tatagiba deutlich, dass es bei Funktion und Entwicklungsstand der angewendeten Technologien – und damit auch beim Missbrauchspotential - entscheidende Unterschiede gibt.

So zählen ID-Implantate wie VeriChip streng genommen nicht als Neuroimplantate. Sie werden zwar in den Körper eingesetzt, aber nicht mit dem Nervensystem verbunden. Allerdings kommunizieren sie nach außen – und ermöglichen somit verschiedenste Formen der Überwachung. Die Verbindung von Nervensystem und Elektronik kommt ins Spiel, wenn verlorene Körper- oder Sinnesfunktionen wieder hergestellt werden und künstliche Gliedmaßen oder Organe Informationen mit dem Nervensystem austauschen sollen.

Besonders kritisch scheinen Implantate, die aktiv auf bestimmte Hirnregionen einwirken, wie die bereits bei Parkinson-Patienten eingesetzten "Hirnschrittmacher". Tatagiba illustrierte ihre Wirkung anhand eines Vorher-Nachher-Videos: Darin mühte sich ein heftig zitternder Patient zunächst aus dem Rollstuhl und schleppt sich durchs Krankenhauszimmer. Ein Arzt im Kittel trat dazu, um dem Patienten zu helfen, den Schrittmacher zu aktivieren. Anschließend joggte der Mann hocherfreut und vergleichsweise mühelos durch den Raum.

Das wirkt spektakulär und weckt gleichzeitig Gedanken an Frankensteins Monster. "Können denn die Patienten das Implantat selbstständig regeln?", war die nahe liegende Frage aus dem Publikum. Natürlich - aber das Missbrauchspotential ist offensichtlich.

Der Patient im Video hätte ausgesehen als wirke die Behandlung "wie eine Droge", merkte ein Zuschauer an. "Es ist in der Tat so, dass Menschen durch die Stimulation euphorische Zustände erlangen können", so Tatagibas Antwort. In manchen Fällen könnte aber auch das Gegenteil - Depressionen – auftreten. Und: Während man die Sonde einfach abschalten kann, sind bei der Implantatation dauerhafte Schädigungen des Gehirns nicht auszuschließen.

Trial-and-Error auf höchstem Niveau

Nach dem heutigen Stand ist die Behandlung eine Art Trial-and-Error auf höchstem Niveau. Zunächst werden bei den Patienten die Hirnregionen ermittelt, die für die Krankheitssymptome verantwortlich sind. Anschließend werden dort gezielt Sonden implantiert. Mit ihren Impulsen helfen sie aber lediglich, die umliegenden Hirnregionen ruhig zu stellen. Gezielte Verhaltenssteuerung – Fehlanzeige?

Für Verhaltensänderungen und psychische Auswirkungen auf Knopfdruck gibt es allerdings ein enormes Vermarktungspotential. Nicht verwunderlich, dass sie bereits von einer möglichen Nebenwirkung zum Zweck mancher Neuroimplantate avanciert sind. So wurde bei der Behandlung von Epilepsie festgestellt, dass durch Stimulation des Nervus Vagus auch die Depressionen mancher Epilepsie-Patienten verschwanden. Mittlerweile gibt es Anbieter, die mit Implantaten zur Behandlung von Depressionen werben. "Wie ist es mit krankhaften Sexualstraftätern?", wollte prompt ein Rechtsanwalt aus dem Publikum wissen.

Derartige Verbesserungen wecken Begehrlichkeiten über regenerative Therapien hinaus. Ob Elektro-Psycho-Doping oder Gliedmaßen à la Terminator, Neuroimplantate lassen den Wunsch nach einem Technik-Update des eigenen Körpers aufkommen. Warum eigentlich nicht? "Was geht Euch das an, wenn ich mir einen kleinen Eingriff bestelle", formulierte Ethikrat-Mitgliedt Jürgen Schmude die Rechtfertigung.

"Cyber-Rassismus" verhindern

"Die Einwilligung der betroffenen Person ist zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung" für die Zulässigkeit eines Implantats, wandte Rafael Capurro ein. Der Ethiker war Mitglied einer Expertengruppe, die 2005 im Auftrag der Europäische Kommission einen Bericht zur ethischen Aspekten von Neuroimplantaten vorgelegt hat. Die Frage nach der Legitimation solcher Eingriffe nimmt dort breiten Raum ein.

Die gültigen Prinzipien des Rechts und der Menschenwürde würden die meisten Neuroimplantate nicht gestatten, so Capurros Einschätzung. "Wir pflegen manchmal in der Ethik die Dinge etwas schwieriger zu machen", räumte er ein. In der Frage der "Steigerung der Fähigkeiten einzelner" gäbe es natürlich gegensätzliche Positionen. Der medizinische Einsatz scheine jedoch legitim, und die Forschung zu diesen Zwecken dürfe nicht von vorneherein verhindert werden. Vor allem einen "Cyber-Rassismus" müsse man jedoch verhindern:

Der Zugang darf nicht nach wirtschaftlicher oder sozialer Stellung geregelt werden, sondern nach gesundheitlichen Erwägungen.

Ob legitim oder nicht, Neuroimplantate-Doping wird so schnell wohl nicht auf der Tagesordnung stehen. Wer an einer Verbesserung von körperlicher oder geistiger Leistung interessiert ist – wie auch immer man dies definieren mag - wird angesichts von Wirkung und Risiken wohl noch lange zu Medikamenten oder Drogen greifen statt eine Hirnoperation auf sich zu nehmen.

Innenohr-Implantate bei Gehörlosen nicht beliebt

Verbesserte Gliedmaßen Organe gibt der Markt auch nicht her. Das Cyberhand-Projekt arbeitet zwar an einer elektronischen Hand mit direktem "Draht zum Gehirn", die jedoch weit hinter den feinmotorischen Möglichkeiten einer menschlichen Hand zurückbleibt. Immerhin, im Gegensatz zu bisherigen Prothesen soll sie sogar einfache Empfindungs-Feedbacks über Druck und Temperatur erlauben

Selbst das scheinbar legitime Ziel, Körperfunktionen wiederherzustellen, beinhaltet ethische Fallstricke. Chochlea-Implantate zum Beispiel können tauben Menschen Hörempfindungen ermöglichen, indem sie Schall in elektrische Reize wandeln, die direkt an den Hörnerv abgegeben werden. Sie wurden bereits zehntausendfach angewendet und sind wahrscheinlich das erste Beispiel eines erfolgreich kommerziell vertriebenen künstlichen Sinnesorgans.

Die Innenohr-Implantate sind jedoch "bei Gehörlosen nicht beliebt", so ein Hinweis aus dem Publikum. Mit der Wahrnehmung von Normalhörenden sind die von ihnen erzeugten Sinneseindrücke nicht vergleichbar, räumte auch der Neuromediziner Tatagiba ein. Lediglich etwa 10 Prozent der Patienten könnten nach einer langen Trainingsphase damit "sogar telefonieren".

Viele Gehörlose legen sehr viel Wert darauf, dass sie mit der Gebärdensprache nicht nur einen "Notbehelf", sondern eine ganz eigene Sprachkultur besitzen. Das medizinische High-Tech-Implantat gilt ihnen nicht als ersehntes Mittel, "Normalität" zu erlangen. Es ist vielmehr ein Ausdruck einer Definition von Normalität. Wer dieser nicht genügt, ist nicht einfach nur anders, sondern hat in der Vorstellung der "Normalen" offenbar ein Defizit.

"Eine Bedrohung für Demokratie und Menschenrechte" kann man aufgrund der heutigen Technologien nur schwer erkennen – gleichwohl das Potential sicherlich vorhanden ist, wie Rafael Capurro am Ende seines Vortrags noch einmal betonte. Die "Geheimzahl von Leuten herauskriegen", wie ein Mann bei der Diskussion warnte, kann man jedenfalls noch nicht. Der Mann schien zwar geistig verwirrt, ist aber sicher nicht der einzige mit solchen Befürchtungen.

Das Potential, unser ganz persönliches Weltbild auf den Kopf zu stellen, haben Neuroimplantate also allemal - mit ganz praktischen, philosophischen oder religiösen Erwägungen: "Wer das Zeichen des Tieres an Stirn oder Hand trägt, kann nicht von Gott angenommen werden. Damit sind eindeutig solche Geräte gemeint", so ein weiterer Beitrag zur Diskussion.

Schleichende ethischen Grenzverschiebungen

Bleibt die Frage, ob das Beschwören alarmistischer Szenarien für die notwendige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Neuroimplantaten förderlich ist. Der allmähliche technische Fortschritt wirkt wenig spektakulär. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es so zu schleichenden ethischen Grenzverschiebungen kommen wird – durch immer neue nützliche Anwendungsperspektiven. Die Kombination einzelner Technologien – ID-Implantate, Verhaltensbeeinflussung per Hirnsonde, Interaktion von Nerven- und IT-Systemen - hat auch in weniger fortgeschrittener Form mehr als genügend Missbrauchspotential.

Mediziner und Entwickler müssen sich darüber hinaus fragen lassen, ob alle denkbaren Therapien sinnvoll sind – oder ob auch sie einer eigenen Version von Science Fiction nachjagen und dabei gelegentlich das Prinzip der Verhältnismäßigkeit missachten. Nicht zuletzt Investoren und Fördermittelgeber sind nicht unempfindlich gegen verheißungsvolle, gewinnversprechende Utopien.

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