Alternative Medien, anderer Sozialismus und Aufziehpüppchen

Das VI. Weltsozialforum in Caracas

"Otro mundo es posible" ("Eine andere Welt ist möglich") – dem Leitspruch des VI. Weltsozialforums (WSF), das am Sonntag in Venezuelas Haupstadt Caracas zu Ende gegangen ist, endet, konnte niemand entgehen. Er prangte von Haueserwänden, auf Plakaten der Stadtverwaltung, dominierte die Berichterstattung der regierungsnahen Zeitungen sowie des lokalen Fernsehsenders. Die staatliche Nachrichtenagentur hatte ihn gar auf Baseballmützen drucken lassen, die vor U-Bahnhöfen verteilt werden.

Auftaktdemo am Mittwoch mit mehr als 60.000 Teilnehmern. Foto: Henrique Parra

Die rund 120.000 Teilnehmer - vielleicht die Hälfte davon aus dem Ausland angereist – bevölkerten die Plätze und Straßen der Stadt. Kein Sprachenbabel, aber eine Vielfalt der mehr oder weniger ausgeprägten Akzente war zu hören, mit denen die meisten Mitglieder der 200 Delegationen aus 150 Staaten mehr oder weniger gut Spanisch sprechen. Ebenso bunt auch die thematische Vielfalt. Etwa 2.000 Diskussionsveranstaltungen und Workshops waren angekündigt. So diskutierten Nonnen mit Trotzkisten über den Sozialismus im 21. Jahrhundert, Pazifisten mit Sympathisanten bewaffneter Guerillas über Friedenspolitik genau wie Gründer kleiner Kommunalradios mit Kommunikationsministern über alternative Medien oder Umweltschützer aus Europa mit indigenen Campesinos über die Agenda 21.

Nicht selten aber auch lange Gesichter: "Zwei von drei Veranstaltungen, die ich heute besuchen wollte, sind ausgefallen", beschwerte sich ein Teilnehmer, der eine neuntägige Busreise aus dem brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo auf sich genommen hatte, um an dem Forum teilnehmen zu können. Kein Einzelfall, Beschwerden über mangelnde Organisation gab es zuhauf. "Die Veranstaltungsorte liegen über die ganze Stadt verteilt, die Fahrt von einem zum anderen mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert manchmal mehr als eine Stunde. Wenigstens einen forumseigenen Transportservice sollte es geben", bemängelte eine Italienerin, die bereits zum dritten Mal auf einem Weltsozialforum mitdiskutiert. Diese Anstrengung drückte die Partystimmung auf dem sechsten Forum seiner Art nicht weniger als die Omnipräsenz des venezuelanischen Militärs. Wütende Kritik übten Delegierte vor allem daran, dass die Organisatoren die große Auftaktdemonstration am vergangenen Mittwoch an einigen einsatzbereiten Panzern hatte entlang laufen lassen.

Von Castro bis Kirchner: Neues politisches Selbstbewusstsein in Lateinamerika. Foto: HenriqueParra

Aber trotz Müdigkeit auf den letzten Metern gibt es konkrete Resultate: Vertreter der sozialen Bewegungen aus aller Welt einigten sich am Sonntag auf gemeinsame Kampagnen. So sind Aktivitäten vorgesehen gegen den Krieg, die Weltbank und den nächsten G-8-Gipfel, aber auch gegen ALCA (Kluft zwischen Amerika und den USA) und andere Freihandelsabkommen wie CAFTA (Harte Bandagen im CAFTA-Streit), deren Durchsetzung sich die US-Regierung auf die politische Agenda geschrieben hat. Unterstützung genießt indes die lateinamerikaweite Kampagne für das Menschenrecht auf Kommunikation, ins Leben gerufen von den großen Dachverbänden der kommunalen Radios AMARC und ALER, der alternativen Nachrichtenagentur IPS und anderen.

Kommunikation und Medien waren zentrales Thema auf vielen Veranstaltungen.

Beim Putschversuch der Opposition 2002 zeigte sich bei uns in Venezuela die Macht der Medien, die fast zur Gänze in den Händen der Opposition lagen: Es wurde gezielt manipuliert und nur ein paar verstreute Kommunalradios konnten dagegen halten.

David Taranzona, Chefredakteur der alternativen Stadtteilzeitung "El Parroquiano"

Auf verschiedenen Workshops berichteten Vertreter von lokalen TV-Stationen, kommunalen Radios und nichtkommerziellen Zeitungsprojekten, wie sie von der Regierung Chávez in den vergangenen Jahren systematische Unterstützung erhalten haben. "Das Volk soll sich beteiligen, angefangen bei kleinen Problemen in der Nachbarschaft bis hin zu großen Ereignissen, die die Welt bewegen", sagte Taranzona. Die Medienmacht der bürgerlichen Opposition gegen die bolivarianische Regierung Chávez - deren Anspruch eine sozialistische Umwälzung im Lande ist und sich in einer Reihe sieht mit Fidel Castros Kuba und Bolivien unter dem in der vergangenen Woche vereidigten Präsidenten Evo Morales (Umkehr eingeleitet) - wurde unterdessen beschnitten. So wacht nun ein "Observatorium der Medien" über die Einhaltung der Spielregeln in der Berichterstattung.

Vertreter der bürgerlichen Opposition waren keine anzutreffen auf dem Weltsozialforum, ihre Medien beschränken sich auf Kommentare, in denen sie den "Ideologietourismus" der Teilnehmenden geißeln und die Berichterstattung über angeblich gesichtete FKK-Gruppen in den Vordergrund stellen. Lautstark zu Wort gemeldet hatten sich Vertreter der wohlhabenden Schichten des Landes, denen die Reformen zugunsten Arbeiterschaft und Ärmeren zu weit gehen, bereits am Sonntag vor Forumsbeginn: Tausende zogen auf einer Demonstration durch das Stadtzentrum von Caracas und stießen Andersdenkende aggressiv beiseite.

Der Kult um Chavez ging Manchen zu weit. Foto: HenriqueParra

Kritik an den Chávistas gibt es aber auch von anderer Seite. Die Regierung vereinnahme das Weltsozialforum für ihre Zwecke, sagten einige bereits vor Beginn der Veranstaltung und organisierten ein alternatives Forum in der gleichen Stadt, bei dem sie jede finanzielle Zuwendung seitens einer Regierung strikt ablehnten. Von einer Mehrheit der Forumsorganisatoren wurde dieser Einwand anfangs nicht ernst genommen; das könnte sich nun aber ändern. "In dieser Art machen wir das Forum nicht noch einmal", raunte ein alter Hase aus dem Organisationsgremium, der namentlich nicht genannt werden möchte. So ging auch Hartgesottennen der Devotionalienhandel mit Chávez-Schlüsselanhängern, -Wanduhren und - der letzte Schrei - sprechenden Chávez-Barbiepuppen irgendwann an die Substanz. Ernstere Kritik übten Belegschaftsvertreter einer Parfümfabrik aus dem Umland der Hauptstadt. Sie monierten, dass die Regierung ihren Kampf gegen die Schließung des bisher privatwirtschaftlich geführten Werkes ignoriere; die Fabrik sei besetzt, doch Chávez weise die Forderung nach Nationalisierung zurück. Ähnliches berichtete die Vertreterin eines Frauenkollektives auf einer Forumsveranstaltung, das ebenfalls eine Produktionsstätte besetzt hält.

Fast wie Helden gefeiert wurden indes die Vertreter des neuen TV-Senders Televisión del Sur (Telesur), der am 24. Juni - dem Geburtstag des lateinamerikanischen Befreiungskämpfers Simón Bolivar - des vergangenen Jahres in Caracas seinen Betrieb aufnahm (Mediale Gegenmacht).

Telesur ist ein wichtiges Element geworden bei der Schaffung eines Gegengewichtes zu den US-dominierten Medien in der ganzen Welt. Der Sender wird finanziert von den Regierungen in Venezuela, Argentinien sowie Uruguay und genießt die offizielle Unterstützung aus Brasilien und Kuba.

Gabriel Mariotto, Direktor von Telesur Argentinien

Der Sender wird per Satellit übertragen und kann zur Zeit in einigen Ländern Lateinamerikas sowie Europa empfangen werden.

In unserer Berichterstattung stellen wir soziale Auseinandersetzungen und deren Ursachen in den Vordergrund. Wir wollen der Welt unsere Identität als Lateinamerikaner aus unserem eigenen Blickwinkel vermitteln. Deshalb greifen wir ausschließlich auf unser eigenes Korrespondentennetz und die alternative Nachrichtenagentur ALAI zurück.

Andrés Izarre, Direktor von Telesur Venezuela
Foto: HenriqueParra

Von bescheidenen Ressourcen abgesehen ist das Hauptproblem von Telesur die Distribution: Heute zählt der Sender nur knapp zwei Millionen Zuschauer, weil in den meisten Staaten Lateinamerikas Monopole oder im besten Fall Duopole den TV-Kabelmarkt beherrschen und diese sich gegen die Einspeisung des alternativen Senders sperren. "Unser Ziel ist die Verfünffachung der Zuschauerzahl auf zehn Millionen in diesem Jahr", sagte Mariotto. Und Wirkung zeige das Projekt bereits heute:

Die Reaktionen in den USA auf den Sendestart von Telesur waren überaus aggressiv, weil wir ihre Hoheit über Informationen in der ganzen Welt in Frage stellen. Sichtbar ist aber auch, dass CNN Lateinamerika unter dem Druck von Telesur seinen Diskurs bereits etwas ändern musste.

Der kubanische Kulturminister Abel Prieto

Nach seiner Meinung ist der neue TV-Kanal nicht nur Ausdruck des neuen politischen Selbstbewusstseins in ganz Lateinamerika, sondern er beweise auch: "Otro mundo es televesible!"

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