Kultur der Angst
Die Rückkehr der Repression, Überwachung und das Wiedereindringen der Gewalt in den Alltag des Westens: Michael Hanekes "Caché"
Gott und der Zuschauer sehen alles: "Caché", der neueste, vielfach preisgekrönte Film des Österreichers Michael Haneke ist das Protokoll einer Verunsicherung. Eine bürgerliche Pariser Familie wird von unbekannter Seite mit verstörenden Botschaften beschickt. Daraus entsteht ein diffuses, wachsendes Gefühl von Bedrohung - vor allem allerdings in den Köpfen des Paares, zumal der Familienvater von bösen Erinnerungen an seine Kindertage eingeholt wird. Hanekés Film kreist dabei um die Frage der Natur des Schuldigseins und berührt die wachsenden Ängste westlicher Gesellschaften. Unter der Maske der "Sicherheit" kehrt die Repression zurück. Zunehmende Überwachung und der Boom von Sicherheitsunternehmenden und -techniken aller Art produzieren überdies nur ein Mehr an Unsicherheit: Aussichten auf den Bürgerkrieg.
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Es ist der Blick, der bedrohlich wirkt. Von wem er stammt, ist nicht klar. Vielleicht ist es sogar Gott selbst oder der Teufel, der eine Familie erbarmungslos ins Visier nimmt, vielleicht der Sohn des Hauses, der gerade "eine schwierige Phase" erlebt, vielleicht ein Algerienfranzose, der sich am Vater für eine frühe Demütigung rächen will, vielleicht irgendjemand anderes. Wer weiß? Dass die Ursache all des Ungemach, das Georges (Daniel Auteuil) und seine Familie ereilt, eigentlich egal ist, gehört zu den größten Leistungen von Michael Hanekes faszinierendem Psychothriller "Caché", der beim Festival in Cannes den Preis für die beste Regie, sowie fünf europäische Filmpreise erhielt.
Der Film beginnt mit einer minutenlangen Einstellung, auf der nur ein Hauseingang zu sehen ist - doch der Schein trügt, man blickt eigentlich auf ein Bild, dass sich bald als der unbarmherzige Blick einer Überwachungskamera entpuppt. "Wer das Kino nicht kennt, hat nicht die Distanz, die für seine Erfahrung nötig ist. Und die Gefahr der Manipulation ist somit viel größer. Das ist das Thema" beschreibt Haneke seine Position dem Kino gegenüber. "Nur über den Schock" könne man diese Haltung verändern.
Kino als Versuchsanordnung
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Filme müssen einen Nerv treffen. Je schmerzhafter die Wunde ist, um so mehr werden sich die Leute auch dafür und dagegen entscheiden. Und das ist es schon, was ich als Filmemacher will, denn das ist auch das, was ich selber will, wenn ich ins Kino gehe. Der Film, der mich in meinem Leben am meisten weiter gebracht hat, war seinerzeit "Saló oder die 120 Tage von Sodom" von Pasolini. Der zeigte Gewalt als das, was sie wirklich ist: Leiden der Opfer. Das fand ich unerträglich.
Das ist bis heute der Film, der mich am meisten aus der Bahn geworfen hat. Damals habe ich mich ununterbrochen gefragt: Halte ich das noch aus? Muss ich jetzt kotzen?
Aber der hat mich wirklich über sehr sehr viel nachdenken lassen. In einer Gesellschaft wie der unserigen kann man Kino oder dramatische Kunst im weitesten Sinn nur so machen. Man kann sie nicht konsensuell machen. Dann ist man dumm. Oder feig, oder zynisch.
Haneke beginnt mit einer idealtypischen Ausgangssituation: eine perfekte Familie, ein Krippenspiel geradezu. Das kennt man aus "Funny Games", wo keiner aus diesem Bild überleben wird oder aus "Wolfzeit", wo der Vater gleich zu Beginn stirbt. Dass auch die heilige Familie, dieser Nukleus der bürgerlichen Gesellschaft, selbst dort, wo sie noch als Zwangs- und Verteidigungsapparat funktioniert (nicht nur zu funktionieren scheint), keinen Schutz bietet, vielmehr bei einer echten Störung auseinanderfällt, ist eine der unterschätzten Pointen bei Haneke, die Dialektik, die vielen seiner Filme innewohnt. Sie sind Versuchsanordnungen: Mit einer Stabilität, einer Ausgangssituation beginnt es, dann kommt etwas Anderes, Zweites von Außen, und dann guckt Haneke zu, was passiert.
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Ein großbürgerliches Pariser Intellektuellenpaar - der von Auteuil gespielte TV-Moderator und eine Verlagslektorin, gespielt von Juliette Binoche - erhält anonyme Botschaften: Videobänder, die zeigen, dass sie von irgendwem überwacht werden; Bilder, die wie Kinderzeichnungen aussehen, und gewalttätige Inhalte haben. Ganz sachte lässt Haneke die Hysterie der Familie, die Spannungen zwischen ihren MItgliedern wachsen und registriert mit seismographischer Konsequenz dieses Zerrinnen des Sicherheitsgefühls - bis die Nerven blank liegen. Es ist klar: auch für diese wohlsituierten, in jeder Hinsicht etablierten Bourgois kommt erst die Sicherheit, dann die Freiheit.
"Ein Gegenprojekt zu aller Hollywood-Ästhetik"
Hanekes Filme sind seit jeher beklemmende Untersuchungen über Terror und Paranoia, psychologische Fallstudien über die Pathologie der reichen Konsumgesellschaft, die sich im Bereich des Unbewussten, der Angst und der versteckten Gewalt bewegen.
Ich bezweifle, dass ein Zuschauer durch das Betrachten eines Films der Wahrheit näher kommt. Ein Film ist 24 mal Lüge pro Sekunde. Vielleicht dienen diese Lügen einer höheren Wahrheit, aber längst nicht immer. Das gilt natürlich auch für meine eigenen Filme. Mein Umgang mit den Bildern will genau diese Frage aufwerfen: Inwieweit man den Bildern über den Weg trauen kann.
Man kann es nicht - weder dem, was man sieht, noch dem, was vermeintlich dahinter steckt, kann man wirklich trauen. Natürlich muss man dazu auch den Zuschauer hart angehen, ihm etwas zumuten. Der Film hat offenbar einen Nerv getroffen, der wichtig ist. Und den kann man nur auf eine zerspaltete, zumutende Weise treffen. Das ist natürlich ein Gegenprojekt zu aller Hollywood-Ästhetik.
Die paradoxe Erfahrung beim Anschauen eines Haneke-Films liegt nun darin, dass bei aller Warnung vor dem Lustgewinn der Illusion, allem Misstrauen gegenüber den Bildmedien, eine Menge ästhetischer Mehrwert in diesem Film zu finden ist. "Caché" ist nicht nur eine hochkonzentrierte Geschichte, es ist zugleich ein bezaubernder Schauspielerfilm. Bestechend ist Daniel Auteuils Darstellung eines lächerlichen Mannes, der liebender Familienvater und Unsympath zugleich ist - und dabei eine unter anderem auch komische Filmfigur. Wer sich hier nicht aufzulachen traut, ist selber schuld.
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Es könnte einem allerdings im Halse stecken bleiben, und das nicht nur, weil man sich in skrupellosem Egoismus plötzlich selbst auf der Leinwand wiederfindet. Den düsteren Ereignissen um ihn herum steht er zunächst arrogant, dann zunehmend hilflos gegenüber - ein archetypisches bürgerliches Subjekt, wie aus einem Roman oder einem Stück des 19. Jahrhunderts. Dieser Georges ist Opfer und Täter zugleich.
Er ist wie wir alle, er hat Dinge getan, die nicht schön sind, aber auch kein Verbrechen. Was ihn jagt, sind nicht die anderen, sondern das eigene Schuldgefühl. Und hinzu kommen allerlei kleine Zeichen, die den Frieden des familiären Zusammenlebens Stück für Stück zersetzen. Was am Stärksten auseinanderfällt, ist die Selbstsicht, das Selbst-Vertrauen von Georges und seiner Frau.
Die Wiederkehr des Verdrängten
Jenseits ständiger Irritationen der Zuschauer und der daraus folgenden Frage nach der Wahrheit in den Bildern - die in allen Filmen Hanekes präsent ist, hier allerdings besonders effektiv und subtiler als zum Beispiel in "Funny Games" - ist "Caché" höchst doppelbödig: "Versteckt" ist nämlich nicht nur die Überwachungskamera des unbekannten Absenders und geheimnisvollen Beobachters, der die Familie belauert und terrorisiert.
Versteckt sind auch die Geheimnisse der Familie, die nun aus der Dunkelheit des Vergessens hervorgezerrt werden. So geht es diesmal auch um den Umgang mit der Vergangenheit, gut freudianisch (und wienerisch) um die Wiederkehr des Verdrängten. Die Normalität, in deren Herzen Haneke beginnt, basiert auf der Ursünde.
Das gibt es in allen Ländern. In jedem Land ist es anders, weil das Verdrängte eine andere Gestalt hat. Persönlich betrifft mich natürlich die Reaktion in meiner Heimat Österreich am meisten. Aber in allen Ländern kommt das vor. Natürlich ist Verdrängung schlecht. Das ist meiner Ansicht nach ein gefährlicher Trend - dagegen wollte ich angehen. Und dazu muss ich eine normale, aber offenkundig in Wohlstand und Bildung lebende Familie nehmen, und ihr die Sicherheit rauben.
Nur so geht das auch für die Zuschauer. Und dass ist ja die Aufgabe von Kino: Nicht Zerstreuung, sondern das Nehmen der Sicherheiten. Die Zuschauer sollen sich infrage stellen. Darum zeige ich Figuren, die sich infrage stellen - als Stellvertreter des Publikums sozusagen. Aber glauben Sie jetzt nicht, ich wüsste immer die Antwort. Ich weiß vielleicht eine Frage. Und ich finde es viel produktiver, dem Publikum Fragen mitzugeben als Antworten.
Hanekes moralischer Thriller dreht sich um das Schuldgefühl, das auch dann entsteht, wenn man nicht schuldig ist. Ist Georges schuldig? Vielleicht. Aber als er die Tat beging, die er nun Mühe hat, sich einzugestehen, war er erst sechs Jahre alt. Ein Kind, schuldunfähig.
Andererseits - Haneke nimmt Kinder so ernst wie Erwachsene und hat Recht damit - wusste er, dass das, was er tat, falsch war. Aber ist er, aus heutiger Sicht, schuldig? Und selbst wenn - was sollte er nun tun? Manchmal, aber nur manchmal liegt Haneke hier nahe an der auch irgendwie bequemen Ansicht, jede Schuld lasse sich irgendwie doch wieder gutmachen.
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Man versteht Georges, wenn er, was natürlich auch ein Akt der Verdrängung ist, auf den Geist aus seiner Vergangenheit mit der Gegenfrage reagiert: Was will er? Und mit der Ansicht, dieser sei verrückt. Aber dieser Geist ist eben auch ein Geist und so irrt, wer Georges einfach Amoral vorwirft: Sein eigenes schlechtes Gewissen produziert in letzter Konsequenz die Schreckensbilder, die ihn heimsuchen.
Die wirkliche Verantwortung liegt allenfalls bei den damals Erwachsenen. Allerdings bekommt Georges von niemandem um ihn herum die Absolution. Weitaus besser als die billigen, moralisierenden Antworten, die "Caché" hier zwischen seinen Bildern nahe legt, sind seine Fragen.
Aussichten auf den Bürgerkrieg
"Caché" handelt auch von der Rückkehr der Repression - unter dem Mantel der "Sicherheit" - in die Gesellschaften des Westens. Vor Jahren schrieb Hans Magnus Enzensberger einen latent apokalyptischen Text unter dem Titel "Aussichten auf den Bürgerkrieg". In den Gesellschaften des Westens, diagnostizierte der Autor, habe der "molekulare Bürgerkrieg" schon langst begonnen.
Dass auch Haneke ein Apokalyptiker ist, sollte spätestens seit seinem vorherigen Film "Wolfzeit" klar sein, in dem Isabelle Huppert vor einer numinosen Bedrohung floh. Entsprechend zeigt er auch in seinem neuen Film wieder eine irrationale Bedrohung, einen Atavismus inmitten der Zivilisation.
Denn mag man sich auch gern darüber mokieren, wenn jetzt beispielsweise in Großbritannien gegen eine - angebliche? tatsächliche? - "Kultur der Respektlosigkeit" vorgegangen wird, so vergeht einem doch das Lachen in einigen Situationen, in denen Haneke diese Respektlosigkeit sehr konkret und greifbar inszeniert - beispielsweise ein Streit Georges' mit einem Radfahrer, der bis an die Grenze einer Schlägerei eskaliert, weil der, der im Unrecht ist, mit Bedrohung antwortet. Eine Situation, wie sie im Kern vielen Großstädtern vertraut sein dürfte.
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Er zeigt aber auch einen Streit des Paares vor einem TV-Bildschirm, in dem Nachrichten über den neuesten Nahost-Terror flimmern. Der Mikrokosmos Familie spiegelt den Makrokosmos Gesellschaft; beides kommentiert sich wechselseitig. Das Unbehagen in der Kultur wächst. Gewalt ist immer und überall präsent. Nicht nur im Kino. Wenn aber zutrifft - und alles spricht dafür-, dass das Kino das privilegierte Medium der Selbstverständigung und Seismograph westlicher Gesellschaften ist, dann stehen uns unangenehme Zeiten bevor. Wenige andere Filme der letzten Zeit stellten das Selbstbild unserer Gegenwart ähnlich gnadenlos infrage, wie dieser. Wieder spielt ein Film des Österreichers Haneke in Frankreich, wo die Gewalt in den Vorstädten zuletzt massiv aufloderte.
Das Blut der anderen
Auch in Hanekes Film fließt Blut, es ist das Blut der Anderen, der Fremden oder Fremdgebliebenen in Frankreich, vor allem derjenigen Franzosen und Einwanderer mit Maghreb-Abstammung. Neben der individuellen, familiären Tragödie spielt sich vor Georges' Augen auch ein fast rituell vollzogener Selbstmord der Multikulturalität ab.
Hanekes Figuren, aber auch seinen Film selbst, prägt dabei ein vornehmer, in seiner Fassungslosigkeit zutiefst bürgerlicher Blick, geprägt von der Betrachtungsweise der oberen Mittelklasse des Westens - und ihrer Kultur der Angst. Georges ist ihr Stellvertreter. Was bei ungenauer Betrachtung am Ende als schöne Bilder einer Rückkehr in Harmonie erscheinen mag, ist möglicherweise nur der Anfang eines neuen bedrohlichen Videos.
Thrill ist nur ein Mittel, um die Geschichte zum Rollen zu bringen. Das gilt auch für "Caché". Darum gibt es dort gar keine Lösung am Schluss. 'Wer es war', ist völlig uninteressant.
In diesem Verzicht auf Lösungen dringt Haneke in die Tiefenschichten des Gesellschaftlichen vor. Und doch bleibt er in alldem Moralist:
Was ich erzählen will, ist die Irritation der Zuschauer. Nur eine Irritation bewirkt wirklich etwas. Man will ja aus dem Kino nicht so rauskommen, wie man reingegangen ist - das wäre verlorene Zeit.
Universal wird "Caché" dort, wo er zeigt, was jenseits der Bedrohung am Ende bleibt: Furcht und Eigennutz. Trost spendet Georges nur der Schlaf. Ein aufregender Film, dessen Regisseur dem Zuschauer alle leichten Auswege verbaut.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21894/1.html- danke (2.2.2006 10:03)
- natürlich (1.2.2006 16:59)
- wie paranoid muß man sein (1.2.2006 13:18)
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