Islam - Pressefreiheit 1:0

01.02.2006

Die Mohammed-Karikaturen und ihre medialen Folgen

Satire kann also doch noch etwas bewegen. Ja, glaubt man der dänischen Tageszeitung BerlingskeTidende, dann kann sie sogar eine "echte nationale Krise" provozieren. "Die letzten Tage," schreibt das Blatt, "haben gezeigt, dass es offenbar auch für normale und vernünftige Menschen schwer sein kann, beim Streit um die zwölf Mohammed-Zeichnungen in Jyllands-Posten den Überblick zu behalten. Klar ist aber, dass der Konflikt über jedes rationale Maß hinaus derart eskaliert ist, dass man von einer echten nationalen Krise sprechen muss."

Im Internet jedenfalls kursiert (beispielsweise hier inzwischen sogar eine PowerPoint-Datei, in der acht der Mohammed-Zeichnungen enthalten sind und zum Boykott dänischer Produkte aufgerufen wird. Und es gibt eine Petition an die dänische Regierung, die bisher rund 56000 Menschen unterschrieben haben. In ihr wird das Verbot der Cartoons gefordert und eine Entschuldigung der dänischen Zeitung, die ja inzwischen erfolgt ist. Als Begründung heißt es in der Petition:

We were deeply shocked seeing a Danish newspaper (Jyllands Posten) offending almost 1 billion Muslims around the world by publishing a cartoon of the Prophet Mohammed seen as a terrorist carrying bombs on his head! This is not just offending Muslims, it is also offending the whole world, since Prophets of God are messengers of peace that came to spread peace an good well to all people this includes as well: Prophet Moses, Prophet Jesus, Prophet Noah, Prophet Abraham.. etc.

Die, die sich da aufregen und nach Zensur schreien, sprechen also angeblich im Namen von einer Milliarde Moslems, die durch die Karikaturen vermeintlich beleidigt wurden. Das ist zwar anmaßend, lässt sich aber noch irgendwie nachvollziehen. Dagegen sind Mord- und Bombendrohungen gegen Journalisten, die sich islamischen Gesetzen nicht beugen wollen, absolut hirnrissig. Und leider auch gefährlich.

Die bisweilen abstrusen Folgen, die diese Drohkulisse unter anderem bei den deutschen Medien hervorgerufen hat, hat Henry M. Broder bei Spiegel-Online unter der Überschrift "Einen bedrohen, eine Million einschüchtern" ausführlich beschrieben. Beispielsweise am Fall der taz:

Ein Kommentar, der heute im Blatt steht, fängt mit dem Satz an: "Sie wusste, was für ein Süppchen sie da kochte, die dänische Zeitung Jyllands-Posten, die als Sprachrohr des rechtsreaktionären Dänemark gilt..." Ob das wahr ist, müsste noch geklärt werden. In jedem Fall bedeutet der Satz, dass Meinungsfreiheit ein Privileg linksreaktionärer Organe wie der "taz" ist und bei "rechtsreaktionären" Blättern aufgehoben wird.

Auffällig ist jedenfalls der mediale Eiertanz um diese Karikaturen, über deren Qualität man natürlich streiten kann. Überall wurde über diesen Fall inzwischen geschrieben, doch der Stein des Anstoßes wurde bisher nirgendwo den Lesern gezeigt. So illustrierte Tagesschau.de einen Bericht über die Karikaturen mit einem Foto der entsprechenden Ausgabe des Jyllands-Posten, auf der man die Zeichnung nur erahnen kann. Und andere Medien beschreiben im besten Fall das, was man auf den Karikaturen sehen kann, aber offenbar in Deutschland nicht sehen darf. Man hat also schlichtweg so viel Angst vor möglichen Folgen, dass Solidarität, Presse- und Meinungsfreiheit zu den schönsten Nebensachen der Welt zu verkommen drohen.

Ganz anders Frankreich. Dort hat, berichtet die Nachrichtenagentur dpa, am heutigen Mittwoch die französische Boulevardzeitung France-Soir die zwölf umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed aus dem dänischen Blatt "Jyllands-Posten" nachgedruckt. Und schreibt dazu auf ihrer Titelseite: "Ja, man hat das Recht, Gott zu karikieren." Ja, dieses Recht sollten wir uns nicht nehmen lassen!

Zumindest hat jetzt die Online-Ausgabe des Titanic-Magazins reagiert – mit einem Foto auf der Startseite und der Überschrift: "Wir lassen uns das Bildern nicht verbieten!"

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