Politische Lebewesen dringend gesucht

Thorsten Stegemann 11.03.2006

Ist der Mensch ein "zoon politikón", war er es je oder kann er wenigstens eines werden?

Im 21. Jahrhundert steht die Menschheit aller Voraussicht nach vor den größten und bedeutendsten Gestaltungsaufgaben ihrer Geschichte. Neben den politischen Differenzen, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs keineswegs verschwunden sind, gilt es wirtschaftliche Interessen auszugleichen, die negativen Folgen der Globalisierung zu begrenzen und die positiven zu nutzen, soziale Schieflagen zu begradigen oder humanitäre und ökologische Katastrophen zu verhindern. Das Auftragsbuch der Zukunft ist prall gefüllt, doch ob der Mensch in der Lage ist, diesen und vielen anderen Herausforderungen gerecht zu werden, lässt sich kaum voraussagen. Fest steht allerdings, dass er ihnen nicht als Individuum, sondern nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen, Nationen und Kontinenten begegnen kann.

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Unter diesen Umständen erfährt eine fast 2.500 Jahre alte Charakterisierung des homo sapiens neue Aktualität. Der Mensch, so erklärte der griechische Philosoph Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr., sei "von Natur aus ein politisches Lebewesen" und strebe aus Nützlichkeitserwägungen, aber "auch um des bloßen Lebens willen" nach einer Gemeinschaft mit seinesgleichen. Er sei weder Tier noch Gott, sondern befähigt oder gezwungen, seine Lebensziele, zu denen übrigens nicht nur materielle Faktoren, sondern auch Glück und Weisheit gehören sollten, im Interessenausgleich mit anderen selbstständig zu verfolgen.

Die Definition des Aristoteles basiert mithin auf der Annahme, dass der Mensch ein vitales, naturgegebenes Interesse daran hat, kommunizierend und gestaltend auf seinen Lebensraum einzuwirken und dabei im Idealfall die Hilfe der Vernunft und moralische Bewertungsmaßstäbe in Anspruch zu nehmen. Seine Vorstellungen üben bis heute erheblichen Einfluss auf den wissenschaftlichen und mit Abstrichen auch auf den öffentlichen Diskurs aus, selbst wenn sie nicht Zustimmung, sondern nur die pessimistische Einschätzung hervorrufen, dass der Mensch als Einzel- und Gattungswesen mit einer solchen Aufgabe heillos überfordert ist.

Eine aktuelle Aufsatzsammlung, die von den Salzburger Hochschullehrern Heinrich Schmidinger und Clemens Sedmak herausgegeben wurde, beleuchtet Aristoteles´ Begriff vom "zoon politikón" aus höchst unterschiedlichen zeitgenössischen Perspektiven. Ausgehend von grundsätzlichen politischen und pädagogischen Erwägungen wird er mit Menschenbildern der Wirtschaftswissenschaften und religionsphilosophischen Perspektiven konfrontiert, dann aber auch hinsichtlich seiner biophysischen, sozialen und gesellschaftlichen, historischen und juristischen Aspekte untersucht.

Dass sich der vergleichsweise optimistische Ansatz des antiken Vordenkers nicht ohne weiteres in unsere Gegenwart oder die nähere Zukunft übertragen lässt, liegt auf der Hand. Neben dem zeitlichen Abstand haben vor allem die veränderten räumlichen Bedingungen gänzlich andere Voraussetzungen geschaffen. Was für die einzelne griechische Polis gedacht wurde, scheint im Rahmen einer Europäischen Union mit 25 Mitgliedsländern, in den Vereinigten Staaten, in China oder Indien kaum möglich zu sein. Sonja Puntscher Riekmann, die Politische Theorie und Ideenlehre an der Universität Salzburg lehrt, hält die Entgrenzung geradezu für den "Todeskeim des Politischen". Schlagworte wie Entpolitisierung oder Politikverdrossenheit weisen ihrer Meinung nach darauf hin, dass der Bürger zwar noch Rechtsträger ist, in seiner Gesellschaft aber keine gestaltende Funktion mehr wahrnehmen kann.

Politische Teilnahmslosigkeit gehörte auch in der Moderne oft zur geistigen Grundausstattung

Dieses Problem ist allerdings nicht neu. Vielmehr stellte es sich im antiken Griechenland sogar in verschärfter Form, weil schon die athenische Demokratie Frauen, Kinder, "Ausländer" oder Sklaven, die später auch für Aristoteles nur den Rang von "Werkzeugen" hatten, von den Bürgerrechten ausschloss. Die politische Willensbildung war im Goldenen Zeitalter der Philosophie, Kunst und Wissenschaft ein exklusives Privileg, und das galt ebenso für die anschließenden Entscheidungsprozesse und die finale Machtentfaltung. Als Aristoteles´ Meisterschüler Alexander der Große dann auszog, die Welt zu erobern, sah es für die meisten Bewohner seines Imperiums nicht erfreulicher aus. Und im christlichen Mittelalter war das "zoon politikón" angesichts straffer Hierarchien und transzendenter Alternativen zum Leben im irdischen Jammertal nahezu beschäftigungslos.

Bis weit ins 20. Jahrhundert gehörte politische Teilnahmslosigkeit auch im Land der Dichter und Denker oft zur geistigen Grundausstattung. Friedrich Schiller war ein Revolutionär, aber er stritt für die Freiheit der Kunst; Friedrich Nietzsche rebellierte gegen die Gesellschaft und ihre ideologischen Besitzstände, definierte Kultur und Politik aber als unvereinbare Gegensätze; Thomas Mann schloss sich mit den "Betrachtungen eines Unpolitischen" explizit aus der Gattung des "zoon politikón" aus, und der ehemals expressionistische Dichter Gottfried Benn erklärte seinen Landsleuten 1933, dass Geschichte "nicht demokratisch, sondern elementar" vorgehe und Adolf Hitler eine "magische Koinzidenz des Individuellen und Allgemeinen" verkörpere. Davon abgesehen sei die Welt aber ohnehin "allein als ästhetisches Phänomen" zu rechtfertigen.

Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen und damit wohl zeigen, dass der politisch bewusste und engagierte Bürger bis dato nicht den historischen Normalfall darstellt und also durch das Bevölkerungswachstum, multinationale Interessengemeinschaften oder gigantische Kapitalakkumulationen auch nicht einfach an den Rand des Geschehens gedrängt werden kann. Trotzdem zeigen die schwindenden Wahlbeteiligungen, das Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung und viele aktuelle Umfragen, dass immer weniger Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, Einfluss auf die Gestaltung ihrer Gemeinschaft nehmen zu können, und das gilt letztendlich unabhängig davon, ob es sich um eine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, Spanien oder Polen, die Europäische Union oder die Vereinten Nationen handelt.

Ob die Menschen sich selbst aus der Politik entfernt haben oder abgeschreckt wurden – etwa durch bürokratische Hemmnisse, falsche Versprechungen, den Umstand, dass wichtige Institutionen, Repräsentationsfiguren und Entscheidungsträger wie etwa der deutsche Bundespräsident oder die EU-Kommission gar nicht direkt gewählt werden können, und anderes mehr - ist für eine abschließende Fehleranalyse von Bedeutung, aber sicher nicht so wichtig wie die Tatsache, dass eine verfahrene Situation immer auch Chancen zu Umkehr und Neuanfang bietet.

Noch befindet sich beispielsweise die Europäische Union in einem Selbstfindungsprozess, an dem ihre einzelnen Mitglieder theoretisch und praktisch beteiligt werden könnten. Zu diesem Zweck wäre es allerdings nötig, Kommunikationsprobleme und Informationsdefizite auf breitester Front abzubauen.

Das zoon politikón muss zuallererst ein Recht auf das Wort haben, um sein Interesse artikulieren zu können, um sich in Gruppen formieren zu können, die der Union "Legitimation durch Input" verleihen. Das heißt nicht, dass direkt-demokratische Verfahren den einzigen Weg zu einer europäischen Demokratie darstellen, denn nur wenige werden trotz ihres schwierigen Alltags Zeit und Energie opfern, um sich den Komplexitäten der europäischen Politik zu widmen. Aber die Bürger müssen wissen, wer sie und mit welchem Programm in Brüssel und Straßburg repräsentiert, was diese Repräsentation für die Konstruktion der europäischen Einheit, für die Verteilung von Macht auf supranationaler Ebene und für die Formulierung eines allgemeinen Guts, mithin für die europäische res publica bedeutet. Denn das zoon politikón war eine Erfindung, deren Finalität die Polis war, von der Aristoteles schrieb, dass sie ein gemeinsames Gut verfolgt.

Sonja Puntscher Riekmann

Probleme durch den homo medialis?

Das gemeinsame Gut ließe sich immerhin recht einfach definieren. Auf Frieden, wirtschaftliches Wohlergehen, soziale Gerechtigkeit, ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem, die Unterstützung für Familien und alternative Lebensgemeinschaften, Freiheit und Toleranz würden sich mittlerweile viele Bürgerinnen und Bürger einigen können, und das weist immerhin auf Fortschritte innerhalb eines Bewusstseinsprozesses hin, der in Form und Umfang dann eben doch ein Resultat der jüngeren Menschheitsgeschichte ist.

Zu den Errungenschaften der Moderne zählt aber auch ein Phänomen, dem oft die Hauptverantwortung dafür zugewiesen wird, dass jenes ominöse zôon politikón aktuell vom Aussterben bedroht ist. Michael J. Robinson hat dafür den Begriff der "Videomalaise" geprägt und Mitte der 70er Jahre einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Art der medialen, insbesondere der TV-Berichterstattung und dem politischen Interesse beziehungsweise Desinteresse des Publikums herzustellen versucht.

Seinen Thesen ist mehrfach entschieden widersprochen worden, und auch Romy Fröhlich, Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München, befürchtet nicht, dass ein Jahrtausende altes Erfolgsmodell zum "homo medialis" mutiert und Wahlfreiheit und Entscheidungskompetenz auf den Tasten seiner Fernbedienung auslebt. Es sei nicht zulässig, die Wirkung von Massenmedien auf Menschen mit einer Wirkung auf Massen gleichzusetzen. Auch wenn in den 90er Jahren – von Christina Holtz-Bacha oder Jens Wolling – recht überzeugend nachgewiesen wurde, dass bestimmte Unterhaltungsformate bei den Zuschauern ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Politik insgesamt schüren können, glaubt Fröhlich, dass Fernsehkonsum nicht eine Ursache, sondern die Folge politischer Entfremdung ist.

Gleichwohl weist sie der gesamten Medienlandschaft politische Bedeutung zu, weil sie Menschenbilder und Menschenvorbilder produziert, die im Wechselspiel mit den Erlebniswelten, Bildungsvoraussetzungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Konsumenten negativ auf das Innovationsvermögen einer Gemeinschaft wirken können.

Die Frauenbild-Bewusstseinsindustrie der vermeintlich harmlosen Soft-Unterhaltung von ´Daily TV-Soaps´ und Telenovelas über sogenannte Familienserien bis hin zu Heftchenromanen verschwindet (...) fast komplett aus dem einschlägigen gesellschaftlichen Problemhorizont, mögen deren Menschenbilder auch noch so realitätsfern sein. Was für das stereotype Frauenbild in medialen Unterhaltungsangeboten gilt, trifft auch für das dort vermittelte Männerbild zu, und so sind die medial verbreiteten Menschenbilder hier weniger Abbild als Trugbild. Als solche behindern sie gesellschaftliche Innovation und fortschrittliche Bewusstseinsbildung und damit gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt. Denn bei den Rezipienten – vor allem bei jungen – fungieren solche Trugbilder als Vorbilder und Rollenmodelle.

Romy Fröhlich

Im nicht-fiktionalen Programmangebot glänzen diese Bilder dagegen durch Abwesenheit, erzeugen aber auch in dieser Form bestimmte Eindrücke und Denkvorgaben.

Ein modernes zoon politikón weiblichen Geschlechts findet in der journalistischen Berichterstattung kaum statt. Diese Ausblendung für sich genommen produziert selbst wieder ein Trugbild: Die Nicht-Existenz von Frauen in der politischen Medienberichterstattung erzeugt den Eindruck, als hätten Frauen hier tatsächlich nichts zu sagen, als hätten sie immer noch nicht Fuß gefasst, als gäbe es sie hier immer noch nicht.

Romy Fröhlich

So landet der Spielball schließlich wieder beim Menschen. Bei den Moderatoren, Regisseuren, Produzenten und Programmleitern, bei Zuschauern, Lesern, Hörern und Usern und natürlich bei den Politikern auf unterschiedlichen Verantwortungsebenen, sofern sie in irgendeiner Weise mit dem Thema Medien befasst sind.

Weil aber alle Medien politisch sind, ist Medienkompetenz eine unverzichtbare Expertise für das zoon politikón des 21. Jahrhunderts. Und damit geht die größte Gefahr der Mediengesellschaft für das zoon politikón nicht von den Medien, von der medialen Bewusstseinsindustrie aus, sondern von einer Politik, die der Medien(aus)bildung der Gesellschaft keine Bedeutung zumisst.

Romy Fröhlich

Das moderne Europa und die aktuelle Mediengesellschaft sind nur zwei Beispiele für die Bedrohung des zôon politikón im 21. Jahrhundert. Sie demonstrieren aber gleichzeitig, wie leicht und einladend es sein muss, sich mit seinem Aussterben abzufinden und ansonsten der Dinge zu harren, die da kommen mögen. Doch der Hinweis auf die Überschaubarkeit einer griechischen Polis und den zeitlichen Abstand von zweieinhalb Jahrtausenden kann keine Entschuldigung dafür sein, dass sich die Bürgerinnen und Bürger heute aus der politischen Verantwortung stehlen oder aus derselben entlassen werden. Es wäre mindestens denkbar, dass der Erwerb einer größeren Medienkompetenz und eine insgesamt verbesserte Bildungssituation, die Einführung plebiszitärer Elemente oder die Durchsetzung von mehr Transparenz in den supranationalen Institutionen, das Individuum eines Tages an den Verhandlungstisch seiner Geschichte zurückholen könnten. Vielleicht war es überhaupt nur diese Hoffnung, die Aristoteles seinerzeit formulieren wollte.

Mehr Diskussionsstoff zum Thema zoon politikón bietet die von Heinrich Schmidinger und Clemens Sedmak herausgegebene Aufsatzsammlung "Der Mensch - zôon politikón?. Gemeinschaft – Öffentlichkeit – Macht". Sie ist als Band 3 in der siebenteiligen Reihe "Topologien des Menschlichen" in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen. Das Buch kostet 44,90 €.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21916/1.html
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