Jeder ist ein Schiedsrichter

Thomas Pany 04.02.2006

Die Karikaturen-Affäre bläht sich auf

Kein Ende (vgl.Wo liegen die Prioritäten?) in Sicht: Demonstrationen in den Palästinensergebieten, in Ägypten, in der Türkei, in Pakistan, im Irak, in Iran, in Indonesien und Malaysia. Dazu die üblichen Manöver von Radikalen: Flaggenverbrennungen, Sturmlauf gegen Büros und Vertretungen der Ungläubigen in Gazastadt, Bombendrohungen, Morddrohungen. Auch die Bemühungen um die Freilassung der deutschen Geiseln im Irak könnten durch die Karikaturen belastet sein, sorgt sich Außenminister Steinmeier

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"Aber sicher ist richtig, das haben wir gestern bei den Eruptionen in den palästinensischen Gebieten gespürt, dass dieser Karikaturen-Streit Einfluss auf die Stimmung der arabischen Länder hat", sagte Steinmeier laut einer gestrigen Reutersmeldung: "Wir geben uns alle Mühe, um das in den nächsten Tagen zu dämpfen."

Der Staat sei "weder Schiedsrichter noch jemand, der Noten zu vergeben habe", so Regierungssprecher Thomas Steg. Genau das tun die allermeisten. In Deutschland distanzierten sich Vertreter der Kirchen und der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, von den Karikaturen. Die US-Regierung bezeichnete die Karikaturen als "beleidigend", verteidigte aber auch das Recht auf Meinungsfreiheit.

"Es gibt keine Freiheit, die es erlaubt, mehr als 1,5 Milliarden Moslems zu beleidigen", erklärte hingegen der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Ridvan Cakir. Während in London radikale Muslims mit brutalen Slogans - "Britain, you will pay, 7/7 on its way" oder "Slay Those Who Insult Islam" – durch die Straßen ziehen, lobte Großbritanniens Außenminister Jack Straw die Presse seines Landes für ihre "respektvolle Zurückhaltung". Die Karikaturen seien "verletzend, unsensibel, respektlos und falsch" gewesen.

Es ist zu einfach, sich in dieser komplizierten Situation hinter der Pressefreiheit zu verstecken. Bei der Entscheidung um die Veröffentlichung der Karikaturen geht es nicht unbedingt um richtig oder falsch. Journalisten haben Rechte, aber Menschen haben auch ein Recht darauf, in einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft zu leben, ohne sich so entfremdet und bedroht zu fühlen wie im Moment die Muslime.

The Independant

Ähnlich argumentierte die Berliner Zeitung:

Sie (die Karikaturen) sind fast ausnahmslos Zeugnisse einer Denkfaulheit, die das Fremde unter Generalverdacht stellt und sich dann wundert, dass die Gekränkten gekränkt sind. Sie sind Fabrikate eines mehr als hundertjährigen und mittlerweile nur noch scheppernden Provokationseifers, der seinen Wert im Reklamewesen längst erkannt hat, aber immer noch gern sich als das Wehen des Geistes kostümiert.

Die Bild-Zeitung macht Stimmung

Angesichts der verheerenden Wirkung verteidigte sich die dänische Zeitung Jyllands Posten:

Wir Dänen sind es gewohnt, überall in der Welt Wohlwollen zu begegnen. Dieses Privileg ist längst nicht allen Nationalitäten vergönnt. Jüngst aber hat es einige Risse im Lack gegeben. Das liegt an unserer Sicht von Zuwanderung und Integration. Wir sind nun nicht die Einzigen, die Grenzen schließen und Regeln verschärfen. Im Verhältnis zu unseren früheren Idealen aber fallen die Veränderungen ins Auge.:.Jyllands Posten

Allgemein gilt die dänische Zeitung als Auslöser des Skandals. Allerdings mehren sich mittlerweile ernstzunehmende Indizien, die dafür sprechen, dass der Entrüstungssturm vier Monate nach der Ersterscheinung der Karikaturen von einer Gruppe dänischer Muslime entfacht wurde, die auf einer Nahostreise in Ägypten und "angeblich" auch im Libanon ein Dossier zum "Anstieg des Rassismus" in Dänemark in der Tasche hatten und dies Vertretern der arabischen Liga und einigen Klerikern vorführte

Die Karikaturen sollten als Belege dienen. Aber die Gruppe hatte eben auch Zeichnungen im Gepäck, die wohl nie ein seriöses Medium drucken würde: betende Muslime beim Sex mit Tieren, den Propheten mit Schweinenase und andere Geschmacklosigkeiten. Diese Blätter sollen Muslimen in Dänemark von Unbekannten zugeschickt worden sein.

Christiane Schlötzer, SZ

Die Journalistin nennt die Prediger Abu Laban und Ahmed Akkari als radikale Wortführer der empörten dänischen Reisegruppe, die den bösen Geist erst aus der Flasche ließen. Und es sind auch jetzt vor allem Prediger, die den bösen Geist weiter beleben:

In Katar rief der sunnitische Scheich Jussef el Kardawi den gestrigen Freitag zu einem "internationalen Tag des Zorns" aus. Ein einflussreicher und als gemäßigt geltender Imam, Scheich Mohammed el-Sherief, sagte in Kairo, er habe "keinen Zweifel", dass es in der dänischen Hauptstadt Selbstmordanschläge geben werde, falls sich der dänische Ministerpräsident Rasmussen nicht "deutlich" entschuldige und die "Schuldigen" bestraft würden.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21941/1.html
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