Störwellen aus Caracas, Katar und Moskau

Harald Neuber 06.02.2006

Al-Dschasira, Telesur, Russia Today: Schon drei staatlich finanziert Nachrichtensender haben den Kampf gegen Dominanz der US-Kanäle aufgenommen

Das Abkommen zwischen dem südamerikanischen Nachrichtensender Telesur und seinem arabischen Pendant al-Dschasira war im Grunde nur eine Frage der Zeit. Kurz nachdem Telesur im Oktober vergangenen Jahres in der venezolanischen Hauptstadt auf Sendung gegangen (Mediale Gegenmacht) war, hatte auch al-Dschasira ein Korrespondentenbüro in Caracas eingerichtet. Seither unterhielten beide Redaktionen vitale Kontakte. In der vergangenen Woche wurde die Kooperation nun offiziell gemacht.

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Auf dem zweiten internationalen Presseforum des arabischen Senders unterzeichneten die Programmchefs von al-Dschasira und Telesur, Wadah Khanfar und Andrés Izarra, ein Kooperationsabkommen. Die Konferenz, an der rund 380 Journalisten aus aller Welt teilnahmen, wurde zum zehnten Jubiläum al-Dschasiras in der katarischen Hauptstadt Doha ausgerichtet.

Dem Abkommen zufolge wollen beide Sender künftig Nachrichtenmaterial austauschen, ein bilaterales Ausbildungsprogramm ins Leben rufen und sich technisch unterstützen. Al-Dschasira sei schließlich die Fernsehstation mit dem größten Einfluss in der arabischen Welt, begründete Telesur-Chef Izarra die Entscheidung zur Zusammenarbeit. Bei Telesur hoffe man bald einen vergleichbaren Erfolg in Lateinamerika zu erreichen.

"Sprachrohr für Terroristen"

Die Reaktion aus den USA, wo beide Medienprojekte von jeher mit Argwohn verfolgt wurden, blieb nicht aus. Das Abkommen zwischen Telesur und al-Dschasira verfolge alleine den Zweck, "einen globalen Sender für den Terrorismus" zu gründen, erklärte der republikanische Senator Connie Mack am vergangenen Mittwoch, einen Tag nach Vertragsunterzeichnung in Doha. Al-Dschasira habe in der Vergangenheit immer wieder "als Sprachrohr für den Terrorismus" gedient, so Mack, der den US-Kongress (aus Senat und Abgeordnetenhaus) erneut aufforderte, Gegenprogramme zu starten. Entsprechende Positionen hatte der republikanische Politiker schon im vergangenen Jahr vertreten, nachdem Telesur auf Sendung gegangen war. Nun setzte Mack sein Vorhaben erneut auf die Tagesordnung, der venezolanischen Bevölkerung "objektive Informationen" anzubieten.

Tatsächlich handelt es sich bei Telesur jedoch nicht um einen venezolanischen, sondern um einen südamerikanischen Sender. Zwar hat Caracas das Projekt initiiert und ist mit 51 Prozent beteiligt. Mit im Boot sitzen aber auch Argentinien (20 Prozent Beteiligung), Kuba (19 Prozent) und Uruguay (zehn Prozent). Den US-Senator ficht das in seinem Urteil nicht an:

Hugo Chávez (der venezolanische Präsident, d. Red.) ist nun noch einen Schritt weiter gegangen. Es genügt ihm nicht mehr nur, seine sozialistische Propaganda in Lateinamerika zu verbreiten, nun konspiriert er sogar mit dem Terroristen-Fernsehen.

US-Senator Connie Mack in seiner Erklärung

In Venezuela werden solche Äußerungen durchaus ernst genommen. Als "Venezolaner und als Journalisten" habe man die Erklärung mit großer Sorge aufgenommen, heißt es in einer Entgegnung des venezolanischen Informationsministeriums. Schließlich sei Mack nicht irgendein Politiker, sondern Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des US-Senats. Man halte die Gleichsetzung mit terroristischen Strukturen daher als versteckte Drohung, bis hin zu Luftangriffen auf die Sendeeinrichtungen.

Ärger auch mit Russland

Im Schatten der Debatte um Telesur und al-Dschasira hat sich seit einigen Monaten aber auch in Russland ein Regierungssender etabliert. Russia Today setzt damit den Trend fort, von staatlicher Seite mediale Gegenpole zu den mächtigen US-Nachrichtensendern zu bilden. Das Projekt wurde in Moskau schon Anfang 2005 ins Leben gerufen, auf Sendung ging das Programm jedoch erst am 10. Dezember. Seither kann der Nachrichtenkanal Russia Today 24 Stunden am Tag empfangen werden.

Das Ziel von Russia Today TV ist es, aktuelle Informationen über Russland zu verbreiten, damit den Zuschauern die Möglichkeit geboten wird, die `russische Sicht´ auf internationale und nationale Geschehnisse kennen zu lernen.

Aus der Selbstdarstellung von Russia TV

Der Sender, der an die staatliche Nachrichtenagentur Nowosti angegliedert ist, beschäftigt nach eigenen Angaben bereits 539 Angestellte, darunter 79 Nicht-Russen. Korrespondentenbüros werden in London, Paris, Jerusalem und Washington unterhalten. Eine weitere Zweigstelle soll demnächst in Kairo entstehen. Die Startfinanzierung in Höhe von umgerechnet 24 Millionen Euro wurde teils aus staatlicher Kasse gestellt, zum Teil wurden Bankkredite aufgenommen.

Doch auch bei Etablierung von Russia Today TV gab es Probleme mit US-amerikanischen Stellen – wenn auch nicht derart politisiert wie im Fall von Telesur und al-Dschasira. Sergei Froloff, der Generaldirektor der Gruppe TV Novosti/Russia Today TV forderte die Betreiber der privaten US-Nachrichtenseite Russiatoday.com Ende Januar auf, den Namen ihrer Domain zu ändern. Die Gründer der Nachrichtenseite benötigten, so argumentierte Froloff, die Erlaubnis der russischen Regierung, um den Namen "Russland" zu benutzen. Bei den Betroffenen stieß die Aufforderung auf empörte Gegenwehr. Tausende Unternehmen weltweit dürften erstaunt sein, zu erfahren, dass sie eine solche Erlaubnis von der russischen Regierung benötigten, um den Namen des Landes zu benutzen, sagte der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft European Internet Network (EIN), um sogleich die politischen Unterschiede zwischen den beiden Seiten zu verdeutlichen:

Dieser Streit ist ein weiteres Beispiel, wie Russland sich von einer freien Presse entfernt und die Kontrolle der Regierung über die Medien festigt.

David Rothstein, Geschäftsführer der EIN

Al-Dschasira, Telesur oder Russia Today – die politischen Intentionen der drei Projekte weisen durchaus Unterschiede auf: Während die Sender aus Katar und Moskau einer Regierung unterstehen und nur deren spezifische Sicht verbreiten, handelt es sich bei Telesur um ein multistaatliches Projekt. Doch eines ist allen dreien gemeinsam. Sie wollen den von US-Konzernen dominierten Nachrichtenmarkt alternative Informationen entgegensetzen. Und schließlich zeigt das Beispiel von Telesur und al-Dschasira, dass man auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner durchaus zusammenarbeiten kann.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21974/1.html
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