Privatradio schiebt Panik vor öffentlich-rechtlicher Jugendwelle

07.02.2006

Kommt nach Jump, N-Joy, Eins-Live, Fritz, Sputnik und diversen "Dingern" nun auch noch "Das Modul"?

Privat-Radiosender zielen oft speziell auf Jugendliche. Öffentlich-rechtliche Programme ledern diese teils recht unfair dadurch ab, dass sie gezielt teils ebenso billig produzierte, aber komplett werbefreie öffentlich-rechtliche Kanäle dagegenstellen. Die Werbung wird dann in andere Programme gestopft. Dass der Bayrische Rundfunk nun als letzter öffentlich-rechtlicher Sender die Jugend als Hörerkreis entdeckt haben könnte, sorgt bei den privaten Anbietern für Muffensausen.

Jo Lüders’ "Magic Blue" war einst der erste Sender, der computergesteuert Musik von Festplatte in den digitalen (DAB) Äther schob und so mit einer minimalen Besetzung auskam. Lüders ging als Einzelkämpfer und damals noch praktisch ohne Hörer und somit Werbeeinahmen jedoch an den Kosten für Sendelizenz und Standleitung zum Sender pleite.

Seit 1995 lautstark aus Unterföhring in DAB auf Sendung: Rockantenne

Andere Stationen wie Nova Radio oder Rockantenne waren erfolgreicher darin, auf ähnliche Weise einen Spartenmusikkanal kostengünstig über DAB zu verbreiten. Kostendeckend sind diese Stationen jedoch ohne ausreichende UKW-Verbreitung bis heute nicht, da sich ohne Empfang auf UKW keine Werbung verkaufen lässt – DAB, Kabel oder Satellit sind bei Werbekunden nicht gefragt.

Doch auch die öffentlich-rechtlichen Stationen produzierten Spartensender für DAB und vielleicht noch einer UKW-Frequenz, beispielsweise der Südwestrundfunk das Jugendprogramm "Das Ding" und der Saarländische Rundfunk den Ableger "Unser Ding". Auch der bayrische Rundfunk bestückte DAB mit dem Autofahrersender BR Mobil und der Jugendwelle Das Modul. Beides aus Kostengründen One-Man-Shows aus dem Computer.

Eine Gefahr für die privaten Programme waren diese öffentlich-rechtlichen Sender nicht; im Gegenteil: sie unterstützten das neue Rundfunksystem DAB, das nur von den privaten Stationen alleine nicht getragen werden konnte. Gefährlich wurde es jedoch, wenn öffentlich-rechtliche Sender ganze UKW-Ketten mit ähnlich billig produzierten Programmen belegten, wie der norddeutsche Rundfunk mit "N-Joy": Diese nahmen nun wirklich privaten jugendorientierten Sendern wie NRJ die Butter vom Brot, zumal sie absichtlich werbefrei gehalten wurden, was sich natürlich kein Privatradio leisten kann.

Die schwarze Gefahr: "Das Modul" des bayrischen Rundfunks

Jedes Bundesland bekam früher oder später seinen öffentlich-rechtlichen Jugendkanal, ob Jump, Fritz, Sputnik oder auch "Eins Live" – nicht zu verwechseln mit dem Fernsehkanal "9 live". Nur in Bayern blieb es bei ein paar Stunden "Zündfunk" auf Bayern 2 und dem Einzelkämpfer-DAB-Projekt "Das Modul".

Schon Ende der 70er hatte der bayrische Rundfunk schließlich eine andere Methode kultiviert, die Jugend mit seinen Programmen zu beglücken: Auf die Frequenzen des damals beliebten Südtiroler Privatsenders "RBI/M1" und "Radio C" wurde die neue Senderkette "Bayern 4 Klassik" gesetzt, die zunächst nur das ohnehin klassiklastige Programm von Bayern 2 übernahm. Wenn so – analog den Störsendern im Osten gegen RIAS und Radio Free Europe/Radio Liberty – im Freistaat erst einmal kein Rock und Pop mehr zu empfangen ist, dann wird die Jugend schon freiwillig Klassik hören, so das Kalkül, das jedoch nicht aufging.

Inzwischen hat der bayrische Rundfunk gelernt, dass es so einfach nicht geht und er sich nur mit Programmqualität durchsetzen kann. Und dass er sich dem Hörer anpassen muss, nicht umgekehrt. Thomas Gruber, Intendant des bayrischen Rundfunks und derzeit auch Vorsitzender der ARD, hat nun offensichtlich angedeutet, die DAB-Jugendwelle "Das Modul" in Zukunft auch auf das seinerzeitige "Anti-Jugend-Programm" Bayern 4 Klassik aufzuschalten.

Wer hat Angst vorm schwarzen Bayernfunk?

Diese Mischung aus Klassik und Punk/Rap/Pogo auf einer Frequenz dürfte zwar einen Kulturkrieg ersten Ranges auslösen, gegen den die Musikkriege auf der einstigen Musikwelle 92,4 in München (Rock und Pop gegen Jazzwelle) wie Pillepalle erscheinen werden. Doch die Privatsender machen sich trotzdem Sorgen und der VPRT warnt nun vor der Jugendwelle des Bayerischen Rundfunks: Die Pläne des Senders gefährdeten die gewachsene bayerische Radiolandschaft und die Existenzgrundlage der privaten Sender.

Eine Jugendwelle des BR würde die wirtschaftliche Grundlage der privaten Radioveranstalter in Bayern in Frage stellen. Bayern hat eine gewachsene Radiolandschaft mit bei den Hörern beliebten und erfolgreichen landesweiten und lokalen Privatradios, die sich insbesondere auch an eine junge Zielgruppe richten. Wir appellieren an die bayerische Landespolitik, die sensible Balance zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunkangeboten in Bayern nicht in Frage zu stellen.

Karlheinz Hörhammer, stellvertretender Vorsitzender des Fachbereichsvorstandes Hörfunk des VPRT und Geschäftsführer von Antenne Bayern

Hans-Dieter Hillmoth, Vorsitzender des Fachbereichsvorstandes Hörfunk des VPRT und Geschäftsführer von Radio/Tele FFH ergänzt:

Die Beispiele von N-Joy, Eins Live oder Jump in anderen Bundesländern zeigen, wie die ARD-Anstalten versuchen, durch eine Umwidmung von UKW-Frequenzen oder Umformatierung im Wettbewerb um junge Hörer die privaten Sender auszuhebeln und den Pfad der Grundversorgung immer mehr zu verlassen. Die Pläne des BR sind nicht konform mit dem grundsätzlichen politischen Konsens, dass es keine Ausweitung der öffentlich-rechtlichen Hörfunkangebote mehr geben soll. Statt immer neuer kommerzieller Programme sollte die ARD sich mit ihren Radioangeboten wieder auf ihren Grundversorgungsauftrag besinnen.

Dass der seit Jahren vor sich hinrödelnde Computer, der "Das Modul" mit Musik bestückt, einmal einen solchen Aufschrei erzeugen könnte, hat sich der Erfinder der Jugendwelle vermutlich nie träumen lassen. Und schlimmer als "Radio Galaxy – Music strikes back" kann das Ergebnis kaum werden.

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