Muslimische Hacker protestieren im Internet

08.02.2006

Update: Die Globalisierung der Konflikte durch mediale Epidemien

Der Konflikt über die Karikaturen, an dem im Morgen- und Abendland die Emotionen hochkochen und hochgekocht werden, verdankt sich auch der am 11.9. erklärten und von der Bush-Regierung erwiderten Kriegserklärung, den darauf folgenden Kriegen mit ihren Grausamkeiten und dem vielleicht anstehenden Krieg. Die Maschinerie läuft, auch wenn sie möglicherweise von vernünftigen Menschen auf allen Seiten noch gebremst werden könnte. Gleichzeitig wird von der US-Regierung massiver Druck ausgeübt, der Stolz und Widerstand provoziert, während Iran die im Irak strapazierten und gegenüber Nordkorea herumschlingernden USA herausfordert. Die Menschen, vor allem die in den möglichen Kriegsgebieten, haben Angst und sie kultivieren, um sich auf die wahrscheinliche Zukunft einzustellen, mit und ohne Medien und Regierungen die Feindbilder. Muslime haben nicht nur auf den Straßen protestiert, sondern auch im Internet, indem sie Webseiten überschrieben haben.

Aufruf zum Boykott auf www.no4denmark.com/

Es ist ein Spiel aller Parteien mit hohem Einsatz, denn ein Krieg im Iran wird noch weitaus stärker als die nur militärisch, keineswegs politisch gewonnenen Kriege in Afghanistan und im Irak die Welt in Unsicherheit stürzen und den kurzen Frühling nach dem Ende Kalten Kriegs endgültig hinter sich lassen. Das 21. Jahrhundert wird sich womöglich dadurch auszeichnen, dass es regionale Kriege gar nicht mehr gibt, dass die Weltkriege des 20. Jahrhunderts als globale asymmetrische Konflikte wiederkehren und die Welt tatsächlich, wie von Bush, Rumsfeld und Co. beschworen, in den Zustand eines langen Kriegs gerät. Er könnte womöglich erst dann wieder in die nicht weniger gefährliche Ruhe eines erneuten Kalten Kriegs übergehen, wenn neben der derzeit einzigen Supermacht USA andere gleichrangige Mächte wie China oder Bündnisse etwa zwischen der EU und Russland auftreten. Sollte eine multipolare Welt, etwa mit drei oder mehr Supermächten entstehen, dann wäre der künftige Unruhezustand wohl besiegelt, wenn die Vereinten Nationen nicht größere Macht als unabhängige Instanz erhalten.

Frühere Kriege konnten meist noch begrenzt auf die Territorien der wenigen beteiligten Staaten geführt werden. War ein Staat so mächtig wie die USA, so waren Kriege wie der in Vietnam zwar verlustreich, aber sie blieben in der Ferne, nur die eigene Bevölkerung protestierte. Diese Zeit ist vorbei, spätestens seit Palästinenser mit Geiselnahmen und Flugzeugentführungen auf der ganzen Welt begonnen haben, auf ihr Anliegen hinzuweisen und Forderungen zu erpressen. Der Terrorismus bringt die fernen Konflikte ins eigene Land, aber auch die Medien sind global geworden und machen die staatliche Informationshoheit auch für autoritäre Regime wie Iran schwer. In demokratischen Ländern ist der Informationsfluss kaum zu kontrollieren, auch wenn die US-Regierung nach dem 11.9. begonnen hat, nicht nur die Telefon- und Internetkommunikation im Ausland, sondern auch die der US-Bürger ins und vom Ausland abzuhören und wahrscheinlich auch zu prüfen, wer auf bestimmte Websites zugreift.

SMS-Kampagnen, Kommentare und Protestaufrufe auf Blogs und Webseiten, die sich auf ein globales Publikum wenden, machen die neuen Dimensionen von Konflikten deutlich. Informationen oder Bilder können sich, wie das Beispiel der Karikaturen selbst zeigt, mit rasanter Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreiten und globale Erregungen auslösen, die es vor wenigen Jahrzehnten in dieser Form noch nicht gegeben hat (Die globale Massage oder das Geheimnis der Lady Di). Solche Informationsepidemien sind von einzelnen Regierungen nicht mehr zu kontrollieren, höchstens noch mit einem enormen Aufwand.

Gleichzeitig können kleine und lokale Ereignisse – eine kleine Zeitung im kleinen Dänemark – globale Konflikte auslösen, die sich dann durch die Medienberichterstattung fast in Echtzeit weiter aufschaukeln und durch wiederholte Ansteckung – wie dies auch bei den Unruhen in den französischen Vorstädten der Fall war - an Dynamik gewinnen (Die Schönheit eines brennenden Autos). Wenn etwa die Bilder der protestierenden Massen und brennenden Botschaften die Medien und den Nachrichtenstrom beherrschen, wird der Karikaturenkonflikt zu einem Topereignis, das immer mehr Aufmerksamkeit bindet und daher auch immer mehr Politik, Medien und Öffentlichkeit anzieht, die von der erhöhten Aufmerksamkeit "profitieren" wollen. Und da die Demokratisierung der Informationsflüsse viele "kleine" Akteure, die nicht durch institutionelle Einbettung gedämpft werden, mit schrillen und aggressiven Tönen Themen zuspitzen, sorgt auch dies für eine neue Dynamik, die es früher nur lokal begrenzt und angeheizt durch Gerüchte gegeben hat, die von Mund zu Mund kursierten.

Wie bei vielen Konflikten seit der Verbreitung des Internet gibt es auch bei der jetzt stattfindenden Zuspitzung des Konflikts über die Mohammed-Karikaturen, hinter dem aber eigentlich der Konflikt um das Nuklearprogramm des Iran und die Drohung militärischer Intervention steht, eine Auseinandersetzung im Internet. Erste Höhepunkte der Angriffe auf Webseiten der "Gegner" waren der Beginn der Intifada (Intifada im Cyberspace) und die Spannungen zwischen den USA und China (Der World Cyber War I entpuppt sich als heiße Luft).

In den letzten Tagen sind pro-muslimische, häufig auch pro-iranische Hacker aus unterschiedlichen Ländern vornehmlich in dänische und andere nordeuropäische Webseiten eingedrungen und haben sie mit ihren Protestparolen überschrieben. Die weltweite Gemeinschaft der Muslime, die Ummah, hat sich in den Protesten auf der Straße zum Ausdruck gebracht, aber sie wird auch ergänzt durch die Proteste aus der digitalen Ummah. Während es in Afghanistan aufgrund der medienfeindlichen Haltung der Taliban kein Internet gab und im Hussein-Irak nur wenige Zugang zum Internet hatten, ist dies beim Iran völlig anders. Daher dürften sich in diesem Fall eine zunehmende Spannung oder gar eine Intervention auch stärker im Internet abspielen.

Manche sind wie die "Red Devils Crew" auch ganz höflich: "We have always viewed Denmark as a peaceful country that respects all people around the world. I am afraid the latest events have corrupted this image, not just in the eyes of Muslims but also around the world. Danish products have always been in our shopping lists. I am afraid, this might change if Danish government continues to react in a negative manner as it did so far. We still expect that your kind government will react positively to this insult by banning this cartoon and asking the newspaper to publish an apology to all Muslims.

Wie Zone-H.org berichtete, sind nach den Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen zwischen dem 30. Januar und dem 6. Februar 578 dänische Webseiten gehackt. Dazu kamen Hunderte von Webseiten in anderen europäischen Ländern, in Israel und den USA, auf denen gegen die Karikaturen und gegen die Schmähung des Islam protestiert wurden. Die Zahl der gehackten Webseiten hätten eine Rekordhöhe erreicht, nach dem Wochenende sind sie allerdings wieder zurück gegangen. Roberto Preatoni sagt jedoch:

Das ist der größte Angriff, der jemals gegen ein Land stattgefunden hat, größer als während der Intifada, dem chinesisch-amerikanischen Konflikt über das Spionageflugzeug und dem Irak-Krieg.

Verlangt wird die Achtung der Religion, und es wird wie von der Gruppe StacoM Rache angedroht: "Respect Our Prophet Mohammed (Peace Be Upon Him) Or U Will See True Muslims Anger". Es wird zum Boykott von dänischen Waren aufgerufen, aber es wird auch deutlich, dass die Menschen Angst vor dem Krieg haben:

IM SORRY, STOP WAR, DON'T TOUCH ALL ISLAM COUNTRY! F[***] DENMARK, F[***] YOUR GOVERMENT!!!'

RedHackeR

Es gibt auch Drohungen, die Vergeltung durch Selbstmordanschläge oder einen neuen Dschihad ankündigen. Manche lassen nur pubertär ihrem Ärger Luft: "Let The Muslim people in PEACE MOTHERFUCKER. So I shit on ur gouvernement Danemark Pigs." Websites der dänischen Regierung haben entweder den Angriffen standgehalten oder sind ihnen bislang entgangen. DoS-Angriffe gab es auch auf die Website der Zeitung Jyllands-Postens, die im letzten Jahr provokativ den Wettbewerb für Karikaturen gestartet und diese dann auch publiziert hatte. Angeblich soll in Dänemark über Emails unter dem Titel "Dänemark wird von muslimischen Hackern angegriffen" zu Massenangriffen auf fünf arabische Medien, darunter al-Dschasira, Gulf News und Arab News aufgerufen worden sein. In der Mail wurde zur Installation eines angehängten Programms aufgerufen, das DoS-Angriffe ausführt.

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