Jangtsekiang - ein Fluss zwischen Gestern und Morgen

18.03.2006

Eine Bildreportage über den Dreischluchten-Staudamm - Teil I

Ein Land hastet, es stürmt, auf einem Weg, über dessen Ziel sich den Kopf zu zerbrechen nicht lohnt. Jeder neue Morgen sieht ein neues Land. China ist kein Land kleiner Gesten. Seit Maos großem Sprung nach vorn bestimmt eine geradezu heroische Sprache den Umgang mit der Natur. Gleichrangig mit den großen Industrienationen soll das Land sein und in nichts nachstehen.

Badong, Ruinenstadt am Jangtse

Bereits vor 80 Jahren keimten erste Gedanken über die Planung eines Staudamms in den "Drei Schluchten des Jangtsekiangflusses". Aufgrund zu starker Proteste, zu hoher Baukosten und letztlich auch durch Bedenken des Nationalen Volkskongresses wurden Vertiefungs- und Machbarkeitsstudien durchgeführt.

Nachdem 1992 der Nationale Volkskongress grünes Licht für den Baubeginn gegeben hat - allerdings mit einem Negativ-Rekord: Ein Drittel der Stimmberechtigten haben nicht zugestimmt, was es in der Geschichte des Volkskongresses noch nie gegeben hat - wird mit der Fertigstellung des bisher weltweit größten Staudamms 2009 gerechnet. Seitdem ist jede Kritik untersagt. Li Peng, Energieminister und Hauptverfechter dieses Projekts, duldet keinerlei Widerspruch und nimmt Mahnungen von Ökologen und Wissenschaftlern nicht ernst.

Bisher ist das Wasser in Gaoyang noch nicht so extrem angestiegen

Eine 185 Meter hohe Staumauer lässt den Fluss in seinem Mittellauf auf einer Länge von 660 km zu einem Stausee erwachsen, wodurch der Wasserspiegel um 110 Meter ansteigt. Investoren, Ingenieure und Technikbesessene verwirklichen eine Vision aus längst überwunden geglaubter Zeit des grenzenlosen Gigantismus. Der Damm wird einmal soviel Strom liefern wie 16 Atomkraftwerke, was einer Leistung von 18.200 Megawatt entspricht. Damit wäre er das größte Kraftwerk der Welt. Er wird Hochseeschiffe bis zum Inland nach Chongqing bringen und jährliche Überschwemmungen eindämmen helfen...

Fengdu, Fragmente einer Stadt

4 Milliarden Euro wollte die chinesische Regierung ausgeben für die Umsiedlung und Entschädigung der Betroffenen. Diese Gelder sollten durch Verwaltungsbeamte der Regionalregierungen in den jeweiligen Provinzen an die Umsiedler verteilt werden. Nur ist dies nicht immer der Fall. Häufig werden Gelder aus den Umsiedlungsfonds nur teilweise oder gar nicht ausgezahlt. Der Einzelne steht somit einem Verwaltungsapparat gegenüber, welcher nicht gerecht handelt und gegen den auch schlecht anzukämpfen ist.

Bauer aus Gaoyang vor den Trümmern seines Hauses

Was heißt es, in einem totalitären Staat wie China mit Zwang umgesiedelt zu werden? Wie werden Menschen behandelt, wenn die politischen Handlungsweisen geprägt sind von Missachtung dedr Menschenrechte. Was ist dran an den Korruptionsvorwürfen?

Frau G. weigert sich ihr Haus zu verlassen

Die Bauern haben am meisten zu erzählen. Man hat ihnen ihr Land genommen. Einige kamen dabei relativ gut weg, da sie eine Wohnung in einem der neuen Hochhäuser erhielten. Doch die Beamten in der neuen Heimat treiben zu hohe Steuern ein und pressen somit den Bauern das letzte Geld aus der Tasche. Man muss bedenken, dass der Staudamm zu einem großen Teil vom chinesischen Volk, das durch eine Sondersteuer belastet ist, finanziert wird. Die neuen Felder, welche die Bauern erhielten, sind zu klein, um davon zu leben. Viele sind mittlerweile heimlich zurückgekehrt auf ihre alten Ländereien.

Herrn G. wurde zweimal das Haus eingerissen - er baut es gemeinsam mit seiner Frau immer wieder auf

Herr G. und seine Frau gehören zu den Menschen, denen die chinesische Regierung eine neue Identität (Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung an einem vorbestimmten Ort) zuwies und sie aufgefordert hat, ihr Land zu verlassen. Eine Entschädigung haben sie bis heute nicht erhalten, weshalb sie nicht bereit sind, ihr Land aufzugeben.

Nicht nur einmal sind Beamte gekommen, um ihr Haus einzureißen. Ihnen sei dies bereits schon zweimal widerfahren - und jedes Mal haben er und seine Frau die Trümmer wieder zusammengesammelt und neu aufgebaut. Sicherlich haben sie Angst vor weiteren Angriffen, aber was bleibt ihnen für eine Wahl? Mittlerweile sind sie 70 Jahre alt. Wovon sollen sie in einer neuen Stadt leben? Da das Wasser in Gaoyang noch nicht so hoch angestiegen ist, bleiben sie so lange, bis die Flut sie zwingt, ihr Haus und Land aufzugeben. Ihre Hoffnung, doch noch das ihnen zustehende Geld zu erhalten, ist unzerstörbar.

Herr W. (links) ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte versucht, Beweise für die Korruption von Beamten der Zentralregierung zu überbringen - und kam nicht weit...

Herr W. hatte gemeinsam mit anderen Bauern den Versuch unternommen, nach Peking zu fahren, um der Zentralregierung Beweise über die Korruption der Beamten vor Ort zu erbringen. Sie kamen zwar in der Hauptstadt an, wurden aber sofort von der Polizei festgenommen und als Unruhestifter für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. Nun ist er wieder zurückgekehrt nach Gaoyang und lebt seitdem im Widerstand gegen ein solch korruptes Regime.

Die in München lebende Fotografin Anke Neugebauer, 30, ist für diese Reportage zwei Monate entlang des Jangtsekiang gereist. In Gaoyang wurde sie nachts im Hotel von der lokalen Polizei überrascht. Nach einem mehrstündigen Verhör und jeder Menge Glück durfte sie ihre Reise fortsetzen - unter der Bedingung, die Provinz Chongking sofort zu verlassen...

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