Das ganze Land ist korrupt, die Jugend drogenabhängig

22.02.2006

Für den Soziologen und Autor Fereidoun Gilani geht die Bedrohung der iranischen Bevölkerung vom Mullah-Regime und den USA aus

Fereidoun Gilani ist Professor der Soziologie, Journalist und Autor. Bis 1979 war er der Chefredakteur der größten Tageszeitung Persiens "Keihan". Während der Islamischen Revolution wurde er abgesetzt und war vier Jahre lang im Gefängnis, bis er nach Deutschland kam. Er ist Mitglied des Internationalen Schriftstellerverbandes PEN, Präsident des iranischen Schriftstellerverbandes im Exil und Generalsekretär der Sozialistische Partei Iran. Telepolis sprach mit ihm über das Atomprogramm des Iran, den Karikaturenstreit sowie die aktuelle Debatte in der Friedensbewegung.

Fereidoun Gilani

Der Iran ist in aller Munde. Wie neu ist das derzeit allenthalben diskutierte Atomprogramm?

Fereidoun Gilani: Der Plan, Kernkraftwerke im Iran zu bauen, existiert seit Jahrzehnten. Im Grunde genommen legt die Regierung in Teheran nur das Atomprogramm wieder neu auf, das Ende der 50er Jahre entstand und mit den USA abgesprochen war. 1967 wurde aus Amerika der erste Forschungsreaktor nach Teheran geliefert. 1974 stieg die BRD in den Atomtransfer nach Persien ein. Die deutsche Kraftwerk Union (KWU), ein Joint-Venture von Siemens und AEG-Telefunken, wollte ein Atomkraftwerk (AKW) in Buschehr am Persischen Golf bauen. Mit den Konstruktionsarbeiten wurde die Firma Thyssen-Krupp betraut.

1979 kam dann die so genannte Islamische Revolution und 1980 begann der 1. Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak und der Rohbau des AKW Buschehr wurde bei Luftangriffen total zerstört. Die KWU zog sich 1991 aus dem Projekt zurück - nicht ohne 2,5 Mrd. US-Dollar zu kassieren - und 1995 sprang Russland stattdessen ein. Der Bau verzögerte sich ständig, so dass Buschehr bis heute nicht ans Netz gegangen ist. 1975 schloss der damalige US-Außenminister Henry Kissinger mit dem Schah-Regime Verträge über ein umfassendes Atomprogramm. Schon damals war geplant, 23 AKWs bis zum Jahr 2000 zu bauen.

Derzeit sind drei Forschungsreaktoren in Betrieb, in Teheran, Ramsar und Bonab, eine Anlage zur Urananreicherung befindet sich im Bau sowie eine Anlage zur Produktion von schwerem Wasser und eine zur Produktion von Brennstäben. Alle diese Anlagen befinden sich unter der Kontrolle der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEA).

Die Befürchtung des Westens ist, dass der Iran Atomwaffen bauen würde, wenn die technischen Voraussetzungen dazu vorhanden wären. Wobei es nicht ganz ausgeschlossen scheint, dass schon jetzt an der Entwicklung von Atombomben gearbeitet wird.

Fereidoun Gilani: Die IAEA hat dafür bis jetzt keinen Beleg gefunden, das betont der Generaldirektor Mohamed Al-Baradei immer wieder. Damit will ich allerdings nicht sagen, dass ich glaube, dass der iranische Staatspräsident Mahmoud Ahmadinedschat die Möglichkeit der militärischen Nutzung nicht ausschöpfen würde. Meiner Ansicht nach würde er die Bombe bauen, wenn er es könnte.

Und sie auch zum Einsatz bringen?

Fereidoun Gilani: Auch damit müssen wir rechnen. Trotzdem ist das kein Grund, den Iran zu bombardieren, denn davon wäre in erster Linie die Zivilbevölkerung betroffen. Das haben wir alles in Jugoslawien, in Afghanistan und im Irak erlebt. Unsere Forderung kann nur sein, dass Atomwaffen weltweit abgeschafft werden, auch - und gerade - im Westen.

Mal abgesehen von der lokalen Umweltverschmutzung ist der Iran eine ausgewiesene Erdbebenregion. Wäre es nicht völliger Wahnsinn, dort 20 AKWs zu bauen?

Fereidoun Gilani: Das ist etwas, was ich an der gegenwärtigen Diskussion überhaupt nicht verstehe. So weit ich das einschätzen kann, ist die Argumentation der Friedensbewegung gegen den Irankrieg dessen Recht auf die zivile Nutzung der Atomkraft nach den Maßstäben des Atomkraftsperrvertrages. Es wird immer gesagt, es sei nicht einzusehen, weshalb dem Iran Rechte verweigert würden, die andere Länder selbstverständlich in Anspruch nähmen. Das sei eine Ungleichbehandlung, vorgeschobene Argumente, um den Krieg zu legitimieren. Das ist sicher alles richtig, nur es greift meines Erachtens viel zu kurz, schließlich geht es um ein atomares Großprojekt. Ich verstehe nicht, wieso die Ächtung der zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie in dieser Diskussion keine Rolle spielt.

Ahmadenidschad ist das Oberhaupt eines despotischen Regimes

Was sind Ihrer Ansicht nach jetzt die notwendigen politischen Schritte?

Fereidoun Gilani: Wir müssen sowohl die Kriegspläne von Bush kritisieren, als auch das Atomprogramm des Iran und die Politik des Mullah-Regimes. Deshalb sollten lokale Antikriegs-Komitees gegründet werden. Die streikenden Busfahrer sollten unterstützt werden, die für ihre Entlohnung und das Recht auf freie Gewerkschaften kämpfen. Bei den Protesten im Iran werden Hunderte von ihnen auf einen Schlag verhaftet. Iranischen Frauen werden am 8. März 2006 in Den Haag vor dem Menschenrechtshof gegen die brutale Unterdrückung im Iran protestieren, Steinigungen, Vergewaltigungen als systematische Folter, all das steht im Iran auf der Tagesordnung. Natürlich wird in Den Haag auch die Kriegsgefahr thematisiert. Das sind eine ganze Reihe von Aktivitäten und es wäre schön, wenn die Friedensbewegung das unterstützen würde.

Ahmadinedschad ist nicht das unschuldige Opfer der internationalen Atommafia, sondern Oberhaupt eines despotischen Regimes. Die Bedrohung der iranischen Bevölkerung geht von zwei Seiten aus: den USA und dem Mullah-Regime. Dabei brauchen beide Seiten sich gegenseitig.

Inwiefern?

Fereidoun Gilani: Ahmadinedschad will in der islamischen Welt als starker Mann anerkannt werden und die USA müssen ein Feindbild präsentieren können, um den Krieg salonfähig zu machen. Der so genannte "Karikaturenstreit" wird dazu instrumentalisiert und zum Kampf der Kulturen hochstilisiert. Ahmadinedschads antisemitischen Äußerungen liefern die Steilvorlage dafür. Allerdings sind seine Äußerungen nicht ´nur`eine Provokation, sondern Antisemitismus ist integraler Bestandteil der Ideologie der islamischen Fundamentalisten.

Protestaktion gegen das Mullah-Regime in Hamburg

Welche politische Vergangenheit hat Ahmadinedschad?

Fereidoun Gilani: Er war der Führer der islamischen Studentenbewegung in den letzten Jahren des Schah-Regimes, er studierte an der Universität der Wissenschaften in Teheran. Danach ging er zu dem Pasdaran-Corps, den Wächtern der islamischen Revolution, eine Armee neben der Armee. Die Revolutionswächter waren unmittelbar nach der Revolution zunächst als kleine Elitetruppe gegründet worden, sie sollten die Revolution gegen innere und äußere Feinde verteidigen und waren maßgeblich an der Niederschlagung der Autonomiebewegungen der kurdischen, arabischen und turkmenischen Völker beteiligt. Ahmadinedschad befehligte eine Einheit, deren Aufgabe Arrestierung und Kidnapping von Oppositionellen war. Später agierte er in dem berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Mit diesen Aktivitäten erwarb er sich das Vertrauen der islamischen Führung. Im Iran ist es nicht möglich, an die Macht zu kommen, ohne die Zustimmung der geistlichen Führung. Aber die USA und Europa machen einen Fehler, denn sie denken, Ahmadinedschad ist ein mächtiger Mann.

Ist er das denn nicht?

Fereidoun Gilani: Er hat nicht die Macht, sondern hinter ihm steht Pasdaran: diese Wächter der Revolutionären Garde kontrollieren das Land, im ökonomischen Bereich, in der Landwirtschaft, der Wissenschaft, Armee, Polizei, Geheimdienst, Handel und der Politik, sogar Khomeni wurde von ihnen kontrolliert. Und sie werden sich den USA nicht beugen.

Der Iran hat unglaubliche wirtschaftliche, soziale und politische Probleme. Von all dem profitiert Pasdaran. Eines der größten Probleme ist die Korruption, das ganze Land ist korrupt. Weitere Probleme sind Prostitution und Drogen. 9 Millionen Menschen im Iran sind heroin- oder opiumabhängig. Opium ist zum Spottpreis zu haben. Eine "Reform" von Mohammed Chatami, dem vorherigen Staatspräsidenten. Er war es, der stolz verkündete, Opium sei inzwischen günstiger als Zigaretten. Vor allem junge Menschen sind abhängig, die Trostlosigkeit treibt sie dazu, oder sie wollen ihre Wut betäuben. Es gibt keine Freizeitangebote, keine Discos, sie dürfen keine Westmusik hören, nicht mit ihren Freundinnen auf der Straße flanieren. Also treffen sie sich in Wohnungen und konsumieren Drogen. Damit sind sie beschäftigt und leicht beherrschbar, denn sie sind entweder auf der Suche nach Stoff oder high.

Der Drogenhandel wird von Regierung kontrolliert, zuerst unters Volk gebracht und bei Razzien wieder eingesammelt. Allein in Teheran, wo 14 Mio. Menschen Leben, werden täglich 15 Tonnen Opium verteilt. Immer mal wieder werden größere Mengen Heroin öffentlich verbrannt, doch Unmengen werden wieder in Umlauf gebracht.

Also ist das Heroin in zweierlei Hinsicht nützlich: Zum einen macht es die Menschen gefügig, zum anderen bietet es Anlass, sie zu attackieren?

Fereidoun Gilani: Ja, genau. Außerdem ist es ein gigantisches Geschäft. Der größte Teil des Opiums weltweit wird über den Iran vertrieben, kontrolliert von den Revolutionswächtern. Ich habe einmal ehemalige Angehörige von Pasdaran interviewt, die haben mir erklärt, wie das System funktioniert.

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