"Wir wünschen uns mehr Engagement seitens der Bundesregierung"
In der Solarindustrie brummt das Geschäft, aber um auch das Potenzial der Solarthermie auszuschöpfen, ist Unterstützung notwendig, meint Carsten Körnig vom Bundesverband Solarwirtschaft
Kurse deutscher Unternehmen klettern derzeit in ungewöhnte Höhen und besonders jene der Hersteller von Solarzellen fallen positiv auf. Ein Papier überflügelt alle: Die Aktien der SolarWorld AG aus dem sächsischen Freiberg haben ihren Wert binnen Jahresfrist verfünffacht. Kürzlich hat das junge Unternehmen den Solarzweig von Shell übernommen und ist damit zur Nummer drei auf dem Weltmarkt aufgestiegen. SolarWorld-Aktien legten daraufhin weitere 20 Prozent zu. Wir wollten von Carsten Körnig, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarindustrie ist, wissen, welche Substanz hinter diesem Run auf Solar-Aktien steckt und vor allem, wie sich die Branche, die einen herausragenden Beitrag zur Verhinderung der Klimakatastrophe leisten könnte, entwickelt.
Solartechnik-Unternehmen gehören derzeit zu den Börsenstars. Woher der Hype?
Carsten Körnig: Das hat mehrere Ursachen. Zum einen gibt es die Erwartung, dass der Weltmarkt für Fotovoltaik in den nächsten Jahren weiter rasant wachsen wird. Wir beobachten in den letzten Jahren in Deutschland eine sehr erfreuliche Entwicklung. Jahr für Jahr wächst der Markt im zweistelligen Bereich. Die Kapazität der Hersteller hat sich 2005 im dritten Jahr in Folge verdoppelt. Und die Fachleute sind sich einig, dass auch die Exportmärkte kräftig expandieren werden. Beispielhaft kann man eine Studie der Deutschen Bank Research vom Frühjahr letzten Jahres zitieren, die davon ausgeht, dass in den nächsten 25 Jahren die internationalen Märkte für Fotovoltaik jährlich zweistellig wachsen werden.
Welches sind denn die Hauptabsatzmärkte für deutsche Unternehmen?
Carsten Körnig: Zunächst natürlich der Binnenmarkt, der noch klar dominiert. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass man hierzulande ein paar Jahre früher als anderswo die Zeichen der Zeit erkannt hat. Als neue Märkte kommen derzeit zum Beispiel Südeuropa, dort vor allem Italien und Spanien, die USA, aber auch Südostasien und Südkorea hinzu. Dort versprechen sich deutsche Unternehmen interessante Geschäftsmöglichkeiten. In den Vereinigten Staaten tun sich einige Bundesstaaten besonders hervor, wie zum Beispiel aktuell Kalifornien, wo in den nächsten Jahren knapp drei Milliarden US-Dollar in ein Eine-Million-Dächer-Solarprogramm gesteckt werden sollen.
Gibt es auch in den anderen von Ihnen genannten Ländern Förderprogramme?
Carsten Körnig: Man hat erkannt, dass Deutschland mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein sehr effizientes Instrument gefunden hat, die neuen Technologien in den Markt einzuführen. Viele Länder versuchen, diesen Weg nachzuahmen und auf diese Weise Investitionssicherheit für die Branche zu schaffen und Betreibern einen wirtschaftlichen Anlagenbetrieb zu ermöglichen. Wie in Deutschland werden feste Einspeisevergütungen geschaffen und über mehrere Jahre garantiert. Das führt dazu, dass die Förderung der Anlagen unabhängig von den jährlich neu zugewiesenen Mitteln öffentlicher Haushalte sind und die Hersteller langfristig planen können.
Kann man sagen, dass mit dem EEG die Basis für die beginnende Expansion gelegt wurde?
Carsten Körnig: Ja. Das EEG ist das Sprungbrett für unsere Branche zur Erschließung des Zukunftsmarktes Fotovoltaik. Das ist ganz klar.
Das EEG sieht vor, dass für eine Anlage, die 2005 in Betrieb ging 54,53 Cent je Kilowattstunde gezahlt wird. Dennoch dauert es rund zehn Jahre, bis sich eine Anlage amortisiert. Lohnt sich da die Anschaffung einer Fotovoltaik-Anlage für Privatleute überhaupt?
Carsten Körnig: Die Hersteller geben auf ihre Produkte inzwischen Garantien von 20 Jahren, und es handelt sich wirklich um recht unverwüstliche Produkte. Dadurch ist das Vertrauen so groß, dass der Markt rasch expandiert. In Deutschland sind derzeit etwa 1200 MWp – das p steht für Peak - installiert, die für die Versorgung von über 200.000 Vier-Personen-Haushalten ausreichen. 2005 betrug das Wachstum etwa 600 MWp, was weltweit ein Rekord war. Ein MWp entspricht einer Leistung von einem Megawatt (MW) bei optimalen Bedingungen, das heißt, einer Sonneneinstrahlung von 1000 Watt pro Quadratmeter und einer Temperatur der Kollektoren von 25 Grad.
Unsere Kunden sind vor allem privaten Haushalte, aber in den letzten zwei Jahren auch zunehmend Landwirte. Das sind einerseits Anleger, die ganz genau rechnen und andererseits langfristig denken. Die Landwirtschaft entwickelt sich derzeit zu unserem wichtigsten Abnehmer.
Eine der wenigen Wachstumsbranchen
Einige Landesfürsten der CDU machen viel Wind um einen von ihnen favorisierten Bau neuer Atomkraftwerke. Haben Sie keine Angst, dass die erneuerbaren Energien in diesen offenbar vor allem ideologisch motivierten und von Partikularinteressen der Kraftwerksbauer angeheizten Auseinandersetzungen auf der Strecke bleibt?
Carsten Körnig: Wir setzen uns sehr für eine ideologiefrei Betrachtung ein. Und ich denke, jedes Land ist gut beraten, dies ebenfalls zu tun, um die Versorgung mit Energie für die Zukunft sicherzustellen. Wir wissen, dass ein Mix aus regenerativen Energiequellen – also Solarenergie, Wasserkraft, Geothermie, Windkraft und Biomasse – ein ausreichendes Potenzial hat, um langfristig in Deutschland eine Vollversorgung sicher zu stellen. Unsere Unternehmen haben die Herausforderung angenommen, ihren Beitrag zu leisten, aber die Frage "Atom – ja oder nein?" muss die Gesellschaft entscheiden. Das ist nicht unsere Aufgabe.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie schlägt sich in dieser Auseinadersetzung auf die Seiten der alten Technologien, wie der Atomkraft. Wie laufen die Diskussionen innerhalb des Unternehmerlagers um solche Fragen?
Carsten Körnig: Wir erwarten vom BDI, dass er zukünftig auch verstärkt die Interessen Neuer Energien vertritt und suchen das Gespräch. Schließlich zählen unsere rund 600 Mitgliedsunternehmen zu einem wachsenden Industriezweig, der inzwischen auch im TecDax unübersehbar vertreten ist. Wir nutzen jede Chance, um auf die erfreuliche Dynamik unserer jungen Branchen zu verweisen. Wir haben inzwischen über 50 oder, wenn man die Solarthermie hinzunimmt, über 100 Hersteller in Deutschland, die Anlagen und Komponenten produzieren. Rund um die Solartechnik gibt es in Deutschland heute – das installierende und wartende Handwerk eingeschlossen – über 40.000 Arbeitsplätze. Das heißt wir sind derzeit hierzulande eine der wenigen Wachstumsbranchen und appellieren, dass auch unsere Interessen im In- und Ausland vertreten werden.
Der überwiegende Anteil der Arbeitsplätze ist im Handwerk?
Carsten Körnig: Richtig. Die Solartechnik ist im Vergleich zu konventionellen Energieformen sehr viel beschäftigungsintensiver. Es gibt aber noch enorme Rationalisierungspotentiale. Doch selbst wenn man die mit einrechnet, gehen wir davon aus, dass die Branche in wenigen Jahren 100.000 Menschen beschäftigen wird.
Wie sehen Sie die Zukunft des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes, auf dem diese Erfolgsstory basiert? Ist die gesichert?
Carsten Körnig: Wir sind zuversichtlich. Schon vor den Bundestagswahlen hatten beide großen Volksparteien einer Weiterentwicklung des EEG, dem sogenannten Fotovoltaik-Vorschaltgesetz zugestimmt. Auch im Koalitionsvertrag steht ein klares Bekenntnis zum Marktöffner EEG. Und wir haben inzwischen von der Seite der EU und anderen die Bestätigung, dass das EEG das weltweit erfolgreichste Instrument zur Förderung erneuerbarer Energien ist.
Die Solarthermie verfügt über ein gewaltiges Wachstumspotenzial
Wir haben die ganze Zeit von der Fotovoltaik gesprochen. Wie sehen Sie die Lage der Solarthermie, der direkten Nutzung der Sonne für Heizung und Warmwasserbereitung? Bisher wird diese Technik ja nicht im Rahmen des EEG gefördert.
Carsten Körnig: Was das Potenzial angeht, kann die Solarthermie auf jeden Fall mit der Fotovoltaik mithalten. Aber es gibt einen enormen Nachholbedarf, da in Deutschland erst 4,5 Prozent der Heizwärme regenerativ gewonnen wird. Beim Strom sind es bereits zehn Prozent. Wir wünschen uns hier mehr Engagement seitens der Bundesregierung. Wir brauchen vergleichbare Rahmenbedingungen, wie sie in der Fotovoltaik existieren, das heißt, entweder ein Wärme-EEG oder aber eine der Wärmeschutzverordnung vergleichbare Regelung. Das hieße, dass man den Einsatz regenerativer Formen der Wärmegewinnung zum gesetzlichen Standard machen würde. Zumindest im Falle der Neuinstallation und Sanierung von Heizungsanlagen. Es ist nicht einzusehen, weshalb von zehn neuen Heizungen erst eine mit erneuerbaren Energien ausgestattet wird.
Erneuerbare Energie heißt mehr als Solarthermie?
Carsten Körnig: Ja, damit sind auch Wärmepumpen und Biomasse gemeint. Das Potential aller drei alternativen Wärmequellen ist riesig. Die Solarthermie verfügt über ein gewaltiges Wachstumspotenzial. Ihre Einsatzmöglichkeit ist inzwischen tausendfach bewiesen. Immerhin gibt es bereits 800.000 solarthermische Anlagen in Deutschland.
Wer baut sich eigentlich Fotovoltaik- und solarthermische Anlagen? Überwiegend Privatleute, oder auch Unternehmen?
Carsten Körnig: Was die Fotovoltaik angeht, gibt es im gewerblichen Bereich eine erfreuliche Tendenz. Meistens Landwirte, aber auch andere Gewerbetreibende, setzen verstärkt auf Fotovoltaik. Bei der Solarthermie hingegen ist der Unternehmer als Kunde noch eher die Ausnahme. Dort sind es ganz überwiegend Privatkunden, die ihr Eigenheim mit einer entsprechenden Anlage ausstatten.
In einigen großen Städten, besonders in der Bankenmetropole Frankfurt am Main, ballen sich jene schrecklichen, vollverglasten Hochhäuser, die einen ganz exorbitanten Energieverbrauch haben, weil sie zwar hip aussehen, aber sagenhaft unzweckmäßig gebaut sind. Schon beim kleinsten Sonnenschein verwandeln sie sich in Brutöfen und müssen aufwendig gekühlt werden. Was für Möglichkeiten gebe es dort, mit Solartechnik die Energiebilanz in rationale Sphären zurückzuholen?
Carsten Körnig: Das ist sicherlich ein Einsatzbereich für die Fotovoltaikfassaden, aber insbesondere auch für die Solarthermie, denn die kann man auch für die Kühlung einsetzen. Einige Unternehmen sind in Deutschland dabei, entsprechende Systeme zu entwickeln, und es gibt erste Pilotprojekte, die zeigen, dass auch in hiesigen Breiten Solarthermie sinnvoll für die Gebäudekühlung eingesetzt werden kann. Kühlung und Heizung lassen sich sogar in einer Anlage kombinieren, je nach Bedarf.
Dieser Zweig ist übrigens auch sehr exportträchtig, denn zum Beispiel in Südeuropa gibt es einen enormen Bedarf. Dort brechen im Sommer in der Mittagszeit regelmäßig die Stromnetze zusammen, wenn es sehr heiß ist, also ein besonders großer Bedarf an Kühlung besteht.
Was die angesprochenen Bürohäuser angeht, so hoffen wir, dass dort in Zukunft öfter integrierte Lösungen entweder für Solarthermie oder für Fotovoltaik zum Einsatz kommen. Integriert heißt in diesem Fall, dass die Anlagen zum Beispiel direkt in die Fassade eingebaut werden, also in Bauelementen enthalten sind. Wir haben für Architekten ein Internetportal geschaffen, auf dem sich Architekten und Bauherren anschauen können, wie sich Anlagen als Gestaltungselemente integrieren lassen.
Wie reagieren Architekten in Allgemeinen? Hängt Ihnen noch ein "Ökomief" an oder stoßen Sie auf viel Interesse?
Carsten Körnig: Diese Assoziation dürfte inzwischen vom Aussterben bedroht sein. Vielmehr erkennt man zunehmend, dass es um Hightech geht, was sehr erfreulich ist. Die Probleme liegen eher darin, denke ich, dass viele Architekten noch nicht mit der Planung und Integration dieser Produkte vertraut sind. Es wird sicherlich noch ein paar Jahren dauern, bis das zur Selbstverständlichkeit wird, und vielleicht ist hierfür auch noch die eine oder Veränderung in der Honorarordnung für Architekten notwendig. Ein Hindernis sind sicherlich mitunter auch die Anschaffungskosten. Zwar spart man mit den Solaranlagen Betriebskosten, aber man muss zunächst mehr Kapital aufbringen.
Könnte an dieser Stelle nicht der Gesetzgeber der Entwicklung auf die Sprünge helfen?
Carsten Körnig: Sicher. Ein Vorschlag von uns wäre, dass die Forschung und Entwicklung für integrierte Systeme unterstützt wird. Aber ein erster Anreiz wurde schon mit dem EEG geschaffen, das einen Bonus für integrierte Lösungen vorsieht. Wenn Sie Ihre Anlage also nicht einfach aufs Dach setzen, sondern diese eine Funktion der normalen Gebäudehülle wahrnimmt, dann bekommen Sie für die Kilowattstunde fünf Cent mehr.
http://www.heise.de/tp/artikel/22/22067/1.html- Ohne Ausnahme? (15.3.2006 13:43)
- Für mich muß der Staat - da fängt der Fehler schon an! (15.3.2006 12:20)
- Seltsame Dinge ... (3.3.2006 19:14)
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