"Irgendwann legen die Leute den Hörer daneben"

Wolf-Dieter Roth 27.02.2006

Telefonwerbung: die Penetranz nimmt weiter zu

Absurd: Immer mehr Arbeitslose werden in durch Zuschüsse des Arbeitsamts finanzierte Callcenter gesteckt, um die, die noch Arbeit haben, von selbiger oder der Erholung am Feierabend abzuhalten. Das Telefon als Kommunikationsmedium wird dadurch immer mehr in Frage gestellt.

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Wer ohne übertragene Rufnummer anruft, bekommt bei mir schon längst keinen freundlichen Gruß mit Namensnennung mehr zu hören, wie er in Benimmbüchern und Telefontrainings empfohlen wird, da es sich bei den Anrufen mit unterdrückter Rufnummer in 90% der Fälle um nervige Telefonwerbung handelt. Peinlich nur, wenn dann einmal von zuhause anrufende Kollegen, der aus einer Telefonzelle anrufende Geschäftsführer, oder aber die ebenfalls nicht immer eine Rufnummer übertragende Verwandtschaft angeraunzt wird. Und wenn es sich schon einmal um einen echten beruflichen Kontakt zu handeln scheint und man sich wortreich entschuldigt, stellt sich nach einer Weile doch heraus, dass es auch diesmal wieder einmal nur um Telefonverkauf geht.

Journalismus erfordert große Konzentration, da man einerseits hektisch herumtelefonieren und recherchieren muss, andererseits anschließend beim Artikelschreiben große Sorgfalt angesagt ist. Spätestens in diesem Moment ist ein klingendes Telefon Gift. Allerdings hat sich die Situation durch das Internet deutlich entspannt: Die Recherche kann bei nicht ganz so brenzligen Themen auch per E-Mail und Web statt Telefon oder Ortstermin abgewickelt werden und auch die früher massiven Anrufe von PR-Agenturen haben sich in E-Mails verwandelt, die man zum geeigneten Zeitpunkt durchsehen kann, statt ständig bei der Arbeit unterbrochen und aus den Gedankengängen gerissen zu werden. Selbst in unserem Beruf ist also "Das Diktat der Schwatzköppe" Vergangenheit, ebenso wie extrem erhöhter Alkohol- und Nikotinkonsum. Ob hier ein direkter Zusammenhang besteht, wäre allerdings noch zu diskutieren.

Das Telefon selbst ist allerdings noch nicht Vergangenheit: Es ist nach wie vor unentbehrlich, wenn etwas eilig ist, wenn eine E-Mail nicht beantwortet wird und nachgehakt werden muss, oder wenn es um etwas kompliziertere Dinge geht, bei denen die feinen Untertöne und notwendigen Zwischenfragen nur im direkten Gespräch möglich sind. Ebenso muss ein Journalist auch heute noch telefonisch erreichbar sein. Zu sagen "Ich gehe jetzt nicht ans Telefon, ich muss arbeiten!" mag in anderen Branchen durchgehen, jedoch nicht in Verkauf und Journalismus.

Der computergestützte Anrufbeantworter

Wer privat Langeweile hat und sich über einen telefonischen Spielgefährten freut, kann beispielsweise versuchen, den Telefonmarketer seinerseits auszufragen oder gar, ihm eine Versicherung zu verkaufen (Rechtsschutz soll übrigens sehr gefragt sein!). Wer sowieso nicht zuhause ist, kann auch den computergestützten Anrufterror mit seinem eigenen Telefoncomputer beantworten, was durchaus bühnenreife Dialoge ergibt und ganze Webseiten füllt. Doch bei der Arbeit scheiden solche Scherze leider aus: Spätestens, wenn der Personalchef anruft, wäre der Ofen aus.

Um so lästiger, wenn man dann zehnmal am Tag von Losverkäufern, Buchwerbern, Weingutbesitzern, und sogar regelrechten Betrügern unterbrochen wird. Ähnlich wie bei E-Mail-Spam tarnen die Telefonwerber sich mittlerweile immer besser, so dass man ihre Absicht nicht mehr auf Anhieb erkennen kann, zumal, wenn man in Gedanken gerade bei einem ganz anderen Problem ist und erstmal auf den Anrufer umschalten muss. Noch schwieriger, wenn die Anrufer bereits aus ihren Datensatz wissen, dass man Journalist ist und sich dementsprechend als Branchenkontakt tarnen.

Auf dieser Linie arbeitete unter anderem ein Weingutbesitzer, der – nachdem man ihn abwimmeln wollte – plötzlich davon anfing, man habe doch seinen Wein erst neulich auf einer Pressekonferenz bewundert und gelobt. Die Firma, hach, den Namen habe man leider gerade vergessen, hätte auf ihrer Veranstaltung sich von diesem Weingut sponsoren lassen und daher stamme auch die Adresse. Doch die paar Firmen, die meinen, Journalisten auch heute noch luxuriös mit Wein bewirten zu können, lassen sich dafür sicherlich nicht von irgendwelchen vom Telefonverkauf lebenden Weingütern bezahlen oder verkaufen diesen gar die Adressen der eingeladenen Teilnehmer. Dennoch ist man erstmal verwirrt, schließlich wäre es leider nicht das erste Mal, dass ein beruflicher Kontakt die gesammelten Adressen an SKL & Co vertickt hätte.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22100/1.html
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