Die Magie der Bewerbung

20.03.2006

Neoprimitivismus im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit

Die zunehmend als unkontrollierbar wahrgenommenen ökonomischen Lebensbedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts führen zu einer Renaissance von neoprimitivem oder "magischem" Denken. Ein besonders frappantes Beispiel findet sich in der Veränderung der Bewerbungskultur.

In seiner 1925 erschienenen Studie Magic, Science and Religion160 wies der Ethnologe Bronislaw Malinowski anhand von Material das er in der Südsee gesammelt hatte, nach, dass Gesellschaften nicht - wie man bis dahin geglaubt hatte - in einer evolutionären Rangfolge ausschließlich von magischem, religiösem oder wissenschaftlichem Denken bestimmt sind, sondern dass alle drei Formen in allen Gesellschaften vorkommen. "Wissenschaftlich" werden immer jene Bereiche behandelt, die der Mensch technisch beeinflussen kann, "magisch" jene die außerhalb seiner Wirkungsmacht stehen.

Malinowski definierte die Magie als übernatürliche, unpersönliche Macht in der Vorstellungswelt des Menschen, die all das bewegt und steuert was für ihn gleichzeitig wichtig und unkontrollierbar ist.161 Magie wird mit Ehrfurcht und Scheu ausgeführt, mit Verboten und ausgefeilten Benimmregeln gesichert.162

Sie speist sich aus der Tradition, während die Wissenschaft aus der Erfahrung resultiert, von der Vernunft begleitet und durch Beobachtung korrigiert wird. Die Magie ist dagegen undurchdringbar für beides. Und während um die Magie Geheimnisse gemacht werden die durch Initiation weitergegeben werden ist die Wissenschaft offen für alle, ein gemeinfreies Gut.163 Wo die Wissenschaft sich nach Malinowski auf Erfahrung, Aufwand, und Vernunft stützt, kommt die Magie aus dem Glauben dass "die Hoffnung nicht trügen und der Wunsch niemals vergeblich sein könne".164

Während die von Malinowski untersuchten Bewohner der Trobriand-Inseln die sichere Lagunenfischerei ohne magische Rituale betrieben und kleinere Wehwehchen mit Massagen, Dampf und Heilkräutern behandelten kam bei ernsten Erkrankungen und bei der unsicheren Hochseefischerei Magie zum Einsatz.165 Die Naturkräfte auf hoher See waren nämlich für die Trobriander ebenso wenig kontrollierbar wie Krebs oder ein Schlaganfall. Aus diesem Grunde brachten sie hier Magie zum Einsatz.

Magisches Denken im 21. Jahrhundert: die Entwicklung von Bewerbungsstandards

Felder für magisches Denken öffnen sich auch durch vom Menschen gemachte aber trotzdem vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten wie "Markt" im allgemeinen und "Arbeitsmarkt" im besonderen. Walter Benjamin166, Christoph Deutschmann167 und Thomas Frank168 wiesen auf die Wahrnehmung ökonomischer Begriffe als übernatürliche Mächte hin. Hesiod hatte diesen Effekt bereits im 7. Jahrhundert vor Christus erkannt und sprach z.B. davon dass auch ein Gerücht ein "Gott" sein könne.

Ein Beispiel für magisches Denken im 21. Jahrhundert ist die Entwicklung von Bewerbungsstandards: Vor dem Einsetzen der Massenarbeitslosigkeit Mitte der 1970er existierten nur eine Handvoll deutschsprachige Bewerbungsbücher, gekennzeichnet durch Broschürencharakter. Formalien wurden in ihnen auf wenigen Seiten abgehandelt, dabei fand man auch noch Zeit und Platz über den Sinn einer Handschriftenprobe zu diskutieren. Sonst enthielten die Bücher Tipps wie man an Informationen über die Firma kommt, bei der man sich bewirbt.169 30 Jahre später gibt es eine unüberschaubare Flut von Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt - von der Vielzahl der Bewerbungsanleitungen im Netz ganz abgesehen. Und während das Fotografenhandwerk allgemein stagnierte wurde die spezialisiere Bewerbungsbildfotografie- und retusche zum Wachstumsmarkt (Vgl. Sie können wie Marilyn Monroe aussehen).

Erklärbar wird dies, wenn man auch hier den Effekt einer Begegnung des nicht Beherrschbaren mit Hilfe von Magie annimmt: Die Bewerbungsmappe und das Bewerbungsfoto dienen dann als (auch finanziell deutlich spürbares) "Opfer", die immer strengere Form der Bewerbung, in mehrwöchigen Zwangskursen vom Arbeitsamt gelehrt, als "Ritual". Hinzu kommt, dass die Bewerbungstechniken, wie in der Magie üblich, als Geheimwissen übermittelt werden - was sich bereits an der Auskunftsfreudigkeit der Arbeitsagentur oder ihrer ausgelagerten Veranstalter gegenüber der Presse gut beobachten lässt. Sowohl das in Agentur umbenannte Arbeitsamt als auch die privaten Kursveranstalter blieben eine Antwort auf die Frage was nun genau in den mehrwöchigen Bewerbungskursen vermittelt wird schuldig.

Steigerung der Opfergaben

Begünstigt wird diese Entwicklung hin zum "magischem" Denken unter anderem dadurch, dass die Wirksamkeit einer Bewerbungsmappe oder eines Bewerbungsfotos empirisch kaum nachprüfbar ist.170 Die Überprüfung der Richtigkeit des magischen Rituals schreibt man deshalb hier wie da einer übernatürlichen, unpersönlichen Macht zu. Was bei den Südseeinsulaner des frühen 20. Jahrhunderts "Mana", bei den Sioux "Wakan" und bei Algonkin-Indianern "Manitu" hieß, das ist für den Arbeitslosen des frühen 21. Jahrhunderts der "Markt".

Auch die Reaktionen auf Misserfolge gleichen sich in primitiven und in entwickelten Gesellschaften: Lässt der Erfolg eines Opfers auf sich warten, "so besteht die Antwort nicht etwa in einer Überprüfung der Zweckmäßigkeit des Opfers, sondern stets in der Forderung nach Steigerung der Opfergaben" - also in noch teureren Bewerbungsmappen, noch aufwändigeren Fotos und noch mehr Bewerbungskursen: "In beiden Fällen sind die Ursache-Wirkungs-Ketten zirkulär inszeniert und damit gegen empirische Kritik immun."171

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.