Hilfsbereite Schimpansen

Katja Schmid 03.03.2006

Leipziger Forscher konnten nachweisen, dass Altruismus keine rein menschliche Tugend ist

Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden gilt als typisch menschliche Eigenschaft. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnten jedoch nachweisen, dass junge Schimpansen nicht nur Artgenossen, sondern auch Menschen aushelfen. Daraus folgern die Wissenschaftler, dass bereits die gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse einen gewissen Grad an Altruismus entwickelt hatten.

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In weiteren Studien konnten Leipziger Forscher außerdem zeigen, dass Schimpansen je nach Situation nicht nur frei darüber entscheiden, ob und wann sie Artgenossen zu Hilfe holen, sondern auch, dass sie Experten bevorzugen. Demnach merken sich Schimpansen, welche Artgenossen sich besonders geschickt anstellen bei dieser oder jener Gelegenheit und holen dann im Ernstfall den jeweils Erfolg versprechendsten Kandidaten zu Hilfe. Die Ergebnisse der beiden Studien werden in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science vorgestellt. Sie sind deshalb interessant, weil sie einen Hinweis darauf geben, welche Eigenschaften beim Menschen vererbt und welche kulturell erworben worden sind.

Schimpansen sind sehr geschickt in Sachen Teamarbeit. Sie erkennen, wann Zusammenarbeit notwendig ist und welcher Partner am besten geeignet ist. (Bild: Science)

In einer ersten Versuchsreihe wurden 24 Kinder im Alter von etwa 18 Monaten und drei junge Schimpansen (einer im Alter von 36 Monaten, zwei im Alter von je 54 Monaten) im Vergleich getestet. Vor ihren Augen mühte sich ein Erwachsener mit einfachen Aufgaben ab: Bücher stapeln oder an schwer erreichbare Gegenstände herankommen. Sowohl Menschenkinder als auch Schimpansenkinder waren schnell zur Stelle, allerdings waren sie nicht gleichermaßen erfolgreich. So stellten sich Schimpansen sehr geschickt an, wenn es darum ging, einen Gegenstand herbeizuschaffen, bei anderen Aufgaben dagegen waren sie weniger geschickt beziehungsweise nicht sehr hilfreich. Vielleicht – so die Vermutung der Forscher –, weil ihnen nicht ganz klar war, worin bei den anderen Aufgaben das eigentliche Problem bestand.

In ihrer Studie verweisen die Autoren Felix Warneken und Michael Tomasello darauf, dass Helfen eine sehr komplexe Angelegenheit ist. So muss sich der Hilfsbereite eine Vorstellung davon machen, was das Ziel des Hilfebedürftigen sein könnte. Außerdem muss er zu uneigennützigem Verhalten bereit sein, was Fremden gegenüber durchaus nicht selbstverständlich ist. Die scheinbar angeborene Hilfsbereitschaft der Schimpansen gibt einen Hinweis darauf, dass gewisse Formen von Altruismus schon bei den Vorfahren von Mensch und Schimpanse vorhanden waren. Experimentelle Studien speziell zu diesem Aspekt wurden bislang jedoch nicht durchgeführt.

Dass bereits Kleinkinder Hilfsbereitschaft zeigen, ist aus zahlreichen Studien bekannt. Allerdings wurden bislang nur emotionale Aspekte untersucht. Zum Beispiel versuchen Kinder bereits im Alter von etwa 15 Monaten, andere zu trösten. Nicht untersucht wurden jedoch praktische Hilfeleistungen, also die Bereitschaft jemandem zur Hand zu gehen, der scheinbar nicht alleine zurecht kommt.

In der Studie von Warneken und Tomasello wurden 24 Kinder im Alter von 18 Monaten (also bevor die Mehrkeit der Kinder anfängt zu sprechen beziehungsweise gerade erst damit anfängt) mit zehn unterschiedlichen Situationen konfrontiert, in denen der männliche Versuchsleiter offensichtlich Hilfe brauchte. Die zehn Situationen fielen in eine von vier Kategorien: Gegenstände, die nur schwer erreichbar sind; Hindernisse; Erreichen eines falschen Zieles und Verwendung des falschen Gegenstandes. Zu jeder Problemsituation gab es zu Kontrollzwecken eine entsprechende unproblematische Situation, in der der Erwachsene ohne fremde Hilfe auskam.

In den Problemsituationen gab es jeweils drei Phasen. Zunächst blickte der Versuchsleiter auf das Objekt (1. bis 10. Sekunde), dann blickte er abwechselnd zum Objekt und zum Kind (11. bis 20. Sekunde), danach äußerte er sich kurz zum Problem, etwa indem er "Mein Stift!" sagte, wenn der Stift heruntergefallen war (21. bis 30. Sekunde). In den unproblematischen Kontrollsituationen blickte er einfach mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck 20 Sekunden lang auf das entsprechende Objekt. Die Kinder wurden während der gesamten Versuchsreihe weder belohnt noch gelobt. Mit den Schimpansen wurde ähnlich verfahren, allerdings wurden sie von Menschen auf die Probe gestellt, die ihnen bereits bekannt waren.

Wenn es um das Herbeischaffen von Gegenständen ging, waren sowohl Kinder als auch Schimpansen sofort zur Stelle, wobei die Menschenkinder insgesamt sehr viel schneller reagierten (nach rund 5,2 Sekunden im Gegensatz zu 12,9 Sekunden bei den Schimpansen, deren Aufmerksamkeit insgesamt geringer war) und den jeweiligen Gegenstand auch sehr viel eher aushändigten als die jungen Schimpansen. Fast alle Kinder eilten also herbei, noch bevor der Versuchsleiter Blickkontakt aufgenommen, geschweige denn etwas gesagt hatte. Allerdings waren die Kinder weitaus weniger kooperativ, wenn der Versuchsleiter einen Gegenstand absichtlich fallen ließ oder in einer Kiste versteckte. Auch in den Kontrollsituationen reagierten die Kinder verhalten. Mit anderen Worten: nur, wenn der Versuchsleiter ganz offensichtlich ein Problem hatte, bekam er spontan Hilfe.

In einer weiteren Studie untersuchten die Anthropologen Alicia P. Melis, Brian Hare und Michael Tomasello, wie effektiv sich Schimpansen gegenseitig unterstützen. Zu diesem Zweck platzierten sie Essen auf einem Brett, das außerhalb des Schimpansengeheges lag und nur mit Hilfe zweier Stricke ans Gitter herangezogen werden konnte. Die Schimpansen mussten an beiden Stricke gleichzeitig ziehen, andernfalls fiel das Essen herab. Je nach Stricklänge, Abstand und Längenverhältnis der Stricke zueinander ließ sich die Aufgabe nur zu zweit lösen, teilweise auch alleine. Kamen die Schimpansen auch ohne die Hilfe von Artgenossen an das Essen, verzichteten sie in der Regel auf Hilfe.

Für die nur gemeinsam zu lösende Aufgabe bekamen die Schimpansen nacheinander zwei unterschiedliche Partner, und je nachdem, wie geschickt diese sich anstellten, wurde bei nächster Gelegenheit der fähigere Partner herbeigeholt (die Schimpansen konnten mit Hilfe eines Schlüssels die jeweilige Tür öffnen). Da sowohl Schimpansen als auch Menschen in der Lage sind, zwischen mehr oder weniger hilfreichen Partnern zu unterscheiden, nehmen die Forscher auch hier an, dass es sich um eine Fähigkeit handelt, die bereits den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse auszeichnete.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22170/1.html
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