Soziale Angst

08.03.2006

Eine Krankheit, ihr gesellschaftliches Umfeld und Therapiemöglichkeiten per Internet

Bis zu 10 Prozent der Bundesbürger leiden unter einer seelischen Störung, die von der Wissenschaft als "soziale Angst"oder in verschärfter Form als "soziale Phobie"bezeichnet wird.

Die Betroffenen fürchten sich, wenn sie vor anderen Menschen sprechen, ihre eigene Meinung vertreten, sich selbst präsentieren oder nur essen und trinken müssen. Sie haben Angst, dass die Umwelt ihre Unsicherheit und Nervosität auf den ersten Blick erkennt, und gehen deshalb allen Situationen aus dem Weg, die zu einer Bewertung und Leistungseinschätzung ihrer eigenen Person führen könnten.

Auch wenn sie erkennen, dass ihre Ängste übertrieben oder sogar gänzlich unbegründet sind, werden diese - bisweilen schon Tage vor der kritischen Situation - von unterschiedlich starken, aber deutlich erkennbaren körperlichen Symptomen begleitet. Das Sozialphobieforum Berlin nennt als Beispiele:

Erröten, Zittern, Herzrasen, schweißnasse Hände, Verkrampfungen, Sprechhemmungen, Druckgefühle im Kopf, Schwindel, Kribbeln im Magen, Durchfall, Brechreiz, Atemnot, Panikgefühl.

Per Internet kann ebenso geholfen werden wie mit einer traditionellen Behandlung

Mediziner und Wissenschaftler sind dennoch zuversichtlich, soziale Angst in Zukunft mit vergleichsweise geringem Aufwand therapieren zu können. Ihr Optimismus stützt sich beispielsweise auf Studien, mit denen der schwedische Psychologe Per Carlbring in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Carlbring geht davon aus, dass Menschen, die unter Panikattacken leiden, per Internet ebenso geholfen werden kann wie mit einer traditionellen Behandlung.

Er hat deshalb eine virtuelle Kombination aus kognitiver und Verhaltenstherapie entwickelt, die den Patienten zunächst deutlich macht, welche Ursachen und Denkmuster hinter ihrer Angst stecken und sie dann motiviert, sich angstbesetzten Situationen direkt zu stellen. Therapeut und Patient kommunizieren in diesen Projekten per eMail.

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim will diese und weitere Erkenntnisse aus dem Bereich der "computer-assisted"- oder "computer-guided self-help"-Forschung nun für die Behandlung sozialer Ängste nutzen.

Überwindung von Berührungsängsten

Zu diesem Zweck sollen zwei Gruppen mit je 50 Probanden gebildet werden, die sich entweder einer klassischen Therapie oder einer computergestützten Selbstbehandlung unterziehen, welche fachmännisch überwacht und angeleitet wird. Sie arbeitet unter anderem mit einer speziell für diesen Zweck entwickelten DVD, die beispielhafte, von Schauspielern realisierte Videosequenzen enthält.

Die Projektleiterin Regina Steil verspricht sich Erkenntnisse über die Wirksamkeit und die mögliche Kosteneffektivität der neuen Methode, die fortlaufend verfeinert und zu einem späteren Zeitpunkt auch für die Prophylaxe - etwa bei Kindern und Jugendlichen - eingesetzt werden könnte. Auf Nachfrage von Telepolis erklärt Steil, dass der Vorteil eines solchen Therapieangebots vor allem in der Überwindung von Berührungsängsten liegt, die bei den Betroffenen naturgemäß besonders groß sind. Via Internet respektive mit Hilfe eines Datenträgers könnten sie zunächst ihre Scheu überwinden und sich gründlich informieren, gerade wenn ihnen eine persönliche Begegnung Probleme bereitet. Bis Ende 2007 oder Anfang 2008 rechnet Steil mit verwertbaren Ergebnissen.

Soziale Angst und Anforderungen des Berufslebens

Doch wie genau sieht die Verbindung zwischen der Entstehung sozialer Ängste und den Anforderungen des modernen Berufslebens aus? Das Selbstwertgefühl eines Menschen wird beeinträchtigt, wenn er - tatsächlich oder nur in seiner Einbildung - dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen und von technologischen Neuerungen ausgeschlossen ist, wenn er gemobbt oder durch jüngere Mitarbeiter übertroffen wird, wenn mit dem Arbeitsplatz auch das gesellschaftliche Ansehen auf dem Spiel steht.

In zahllosen Internetforen, die von den mittlerweile bundesweit vertretenen Selbsthilfegruppen angeboten werden, ist dieser Zusammenhang evident. Immer wieder nennen Betroffene Arbeitslosigkeit oder Probleme am Arbeitsplatz als Folge, aber auch als verstärkende Faktoren einer sozialen Phobie. So schreibt "Christian"aus Münster:

Nach jüngstem Stöbern im Netz vermute ich auch, dass ich an SP leide, und zwar seit Kindheit an - wurde so genau aber vom Arzt noch nicht diagnostiziert. Seit Anfang Januar nehme ich Antidepressiva, der Neurologe schwört auf Medikamente. Mehrere Versuche in jüngster Vergangenheit wieder mit der Arbeit zu beginnen sind gescheitert. (...) Ich suche nach allen Wegen aus dem Dilemma wieder herauszukommen, denn Druck und Existenzangst steigen durch Fernbleiben von der Arbeit.

"Mira"aus München gibt zu Protokoll:

Mittlerweile habe ich leider sehr viele wichtige Entscheidungen in meinem Leben von der Phobie und den Depressionen abhängig gemacht, weil ich alle möglichen und erdenklichen Situationen zu vermeiden versuche, die mit Menschen zu tun haben. In Gegenwart von anderen fühle ich mich ununterbrochen beobachtet, negativ bewertet und wäre am liebsten nicht anwesend. (...) Wie es wahrscheinlich fast allen hier geht, habe ich auch sehr wenige soziale Kontakte. Bei mir kam noch hinzu, dass ich wegen der Phobie und den Depressionen leider mein Studium vor 2 1/2 Jahren abbrechen musste, momentan gar nichts mache und schon deshalb sehr wenig mit Menschen in Kontakt komme.

Und "Anja"aus Berlin weiß zu berichten:

Hallo , lebe seit 6 Mon. in B. und habe vor 2 Mon. erfahren, dass ich eine S. P. habe. Das ist erleichternd und erschütternd. Habe wg. der KH meinen Job verloren und fühle mich soo ängstlich je wieder arbeiten zu können.

Soziale Angst "völlig unabhängig"von den Bedingungen des Arbeitsmarktes?

Die in Zeiten von Hartz IV vielleicht nicht ganz fernliegende Vermutung, es könne sich hier nicht nur um die statistisch zweithäufigste seelische Störung nach der Depression handeln, sondern um ein Phänomen, das von hoher, lang anhaltender Massenarbeitslosigkeit, sozialer Kälte und zunehmender Verarmung größerer Bevölkerungskreise mindestens mitbegünstigt wird, weist Regina Steil allerdings kategorisch zurück.

Soziale Angst sei "völlig unabhängig"von den Bedingungen des Arbeitsmarktes zu betrachten, stattdessen habe man es mit einer "manifesten psychischen Störung"zu tun, die zum Teil wohl auch "genetisch bedingt"sei.

Immerhin gibt die Psychologin zu bedenken, dass Umweltbedingungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Negative Erfahrungen in der Schule können sich im beruflichen Umfeld fortsetzen und im Laufe der Jahre zu chronischen Krankheitsbildern führen. Auch Probleme in der Pubertät verursachen unter Umständen eine dauerhafte Herabsetzung des Selbstwertgefühls.

Oder doch: Verlagerung der Störung in die Persönlichkeit des Patienten?

Soziale Ängste sind also kein psychischer Betriebsunfall, und die Vorstellung, man könne Patienten im Schnellverfahren einer virtuellen Selbstbehandlung problemlos wieder zur vollen Funktionsfähigkeit verhelfen, wird der Komplexität des Phänomens kaum gerecht. Ulrich Streek, der als ärztlicher Direktor der Klinik Tiefenbrunn das niedersächsische Landeskrankenhaus für Psychotherapie, Psychiatrie und psychosomatische Medizin leitet, hat schon im vergangenen Jahr davor gewarnt, das persönliche und gesellschaftliche Umfeld aus der Verantwortung zu entlassen.

In der Studie "Soziale Ängste in einer klinischen Population" spricht Streeck in Anlehnung an einen von Peter Fiedler bereits 1995 geprägten Begriff von der "Personzentrierung eines interpersonellen Problems":

Insbesondere an den so genannten Persönlichkeitsstörungen wird die Tendenz deutlich, Beeinträchtigungen des sozialen Lebens als ein abgeleitetes Problem zu verstehen und auf psychische Störungen zurückzuführen. Obwohl sich die Beschreibungen der meisten Persönlichkeitsstörungen ganz überwiegend auf Phänomene des Zusammenlebens mit anderen stützen, wird die Störung in den Patienten, eben in seine Persönlichkeit verlagert.

Im Rahmen einer klinischen Untersuchung hat Streeck mit seinem Team in den Jahren 2001 und 2002 Daten von 930 Patienten gesammelt, die wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen allesamt als stationär behandlungsbedürftig eingestuft wurden. Eine Gruppe mit sozial ängstlichen Menschen wurde dabei mit einer zweiten verglichen, die sich selbst als nicht sozial ängstlich beurteilte. Die Forscher stießen hier einmal mehr auf interessante Zusammenhänge zwischen der seelischen Störung und der beruflichen Situation:

Sozial ängstliche Patienten unterscheiden sich nicht bezüglich des Schulabschlusses von nicht sozial ängstlichen Patienten. Sie sind jedoch seltener noch in der Ausbildung (3,3 gegenüber 9,6%) und deutlich häufiger ohne abgeschlossene Berufsausbildung (31 im Vergleich zu 17,3%). Weiterhin sind sozial ängstliche Patienten signifikant seltener voll erwerbstätig (27,4% gegenüber 46%). Die Unterschiede im Hinblick auf Teilzeittätigkeit und Arbeitslosigkeit weisen in die gleiche Richtung, sind allerdings nicht statistisch signifikant.

Man darf gespannt sein, ob es einer computergestützten Selbstbehandlung, selbst wenn diese medizinisch und wissenschaftlich begleitet wird, gelingen kann, die Entstehung dieses Krankheitsbildes im jeweiligen Einzelfall zu entschlüsseln und effektive Therapiemaßnahmen einzuleiten. Wenn das nicht funktionieren sollte, haben die Probanden in Mannheim allerdings die Chance, alternativ wieder die konventionelle Behandlungsmethode zu wählen.

Die Suche nach den vielschichtigen Ursachen von sozialen Ängsten bleibt aber auch generell interessant. Leider fehlt es an wissenschaftlichen Studien, die einen Vergleich über mehrere Jahrzehnte oder zwischen unterschiedlichen Wirtschaftssystemen und damit eine Antwort auf die Frage erlauben würden, inwieweit hier das Sein vielleicht doch das Bewusstsein bestimmt. Aber seit einiger Zeit wird ja nun Buch geführt.

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