Der Daumen der Macht

Ist der Saddam Hussein, dem gerade der Prozess gemacht wird, der "echte" oder ein Double?

Während es so aussieht, als würde die Prozess-Soap im Irak endlos weitergehen, bei der sich eine Reihe Beschuldigter des gestürzten Saddam-Regimes für diverse Verbrechen zu verantworten hat, reißen die Spekulationen nicht ab, denen zufolge es sich bei dem ‚vorgeführten’ Saddam Hussein gar nicht um den tatsächlichen Diktator - sondern um eines seiner Doubles handelt. Ungeachtet der Gründe oder gar Indizien, die möglicherweise für eine derartige Theorie sprechen könnten, besteht für die derzeitige irakische Regierung wie auch die amerikanischen Besatzer die Möglichkeit, eine entsprechende Identitätsbestätigung in aller Öffentlichkeit durchführen. Falls sie dies denn wünschen würden...

Saddam Hussein vor dem Gericht. Bild: al-Jazeera

Am 8. August 1989 erlebte das irakische Volk die Enthüllung eines neuen Denkmals. Die an eine ausgewählte Elite von Gästen gerichtete Einladung sprach mit gewissem Recht von einem der größten Kunstwerke der Welt. Dieses Monument - ein doppelter Triumphbogen mit dem Namen Schwerter von Qadisiyyah (einer berühmten Schlacht gegen die Perser im Frühstadium des Islam um 636 n. Chr.), das den Sieg im neuzeitlichen irakisch-iranischen Krieg verherrlichen soll - war das Ergebnis eines Talentausbruchs des irakischen Präsidenten Saddam Hussein, der über dieses Projekt zum ersten Mal während einer Rede am 22. April 1985 sprach - er hatte eigenhändig den ersten Entwurf gezeichnet.

Der endgültige Entwurf wurde dann mit Hilfe des 1926 geborenen irakischen Bildhauers Khaled Al-Rahhal erstellt, und die Verwirklichung erfolgte unter genauer Anleitung seitens des Präsidenten persönlich. Da Al-Rahhal bereits in einem frühen Stadium des Baus starb (1987), wurde Mohammed Ghani Hikmat, ebenfalls ein anerkannter Bildhauer des Irak, mit der Weiterführung beauftragt. Ein erstes, stark verkleinertes Gipsmodell wurde hergestellt: Es zeigt den rechten Unterarm des Präsidenten, die Faust hält ein Schwert.

Dieser Triumphbogen gilt als baathistisches Gegenstück zum Arc de Triomphe auf dem Champs-Elysées in Paris, allerdings ist der baathistische Monument wesentlich größer. Wie riesenhafte Baumstämme aus Bronze entspringen die Unterarme und Fäuste des Präsidenten dem Boden, sie erreichen eine Höhe von 16 Metern (das ist die Höhe des französischen Arc de Triomphe), und von dort aus erheben sich die Schwerter weiter bis zu einer Höhe von 40 Metern über dem Platz. Wo sie sich kreuzen, ist eine kleine Fahnenstange angebracht. Aus den Überresten des Krieges wurden 5.000 Helme persischer Soldaten vom Schlachtfeld geholt, hälftig aufgeteilt und in betonummantelte stählerne zerrissene Netze gestopft - und sodann um die aus dem Boden ragenden Arme gehäuft.

Da es im Irak keine ausreichend große Gießerei für dieses Projektes gab, wurden die Arme in mehren Teilen in der britischen Gießerei Morris Singer im Hampshire gegossen. Dagegen wurde die Gussform für die jeweils 24 Tonnen schweren Schwerter im Irak selbst hergestellt, und in der offiziellen Einladung stand zu lesen, dass der Rohstahl dafür durch das Einschmelzen der Waffen von ‚Märtyrern’, die während der Kämpfe gefallen waren, gewonnen wurde.

Bei den Unterarmen des doppelten Triumphbogens handelt es sich um vier identische Nachbildungen des rechten Unterarms von Saddam Hussein (Bildquelle: privat)

Von diesem Monument des Saddam Hussein wurden jeweils an den beiden Zugängen zu dem neuen 50 m breiten und 650 m langen großen Paradeplatz im Herzen Bagdads zwei identische Exemplare errichtet. Mit dem Bau dieses Platzes begann man schon 1986 - also zwei Jahre vor dem eigentlichen Kriegsende! Der Präsident enthüllte dann seine beiden Bögen im Zuge einer allgemeinen Feier, bei der er sich dem Volk im Fernsehen zeigte, wie er auf einem weißen Ross unter den Bögen hindurchritt. Kanan Makiya, Architekt und Direktor der Irak Memorial Organisation, analysierte das Monument in seinem Buch Die Monumente - Kunst, Banalität und Verantwortung im Irak:

Schau dir dieses Monument einmal als etwas völlig selbständiges an. Richte deinen Blick dabei insbesondere auf die ästhetische Wirkung, die dadurch erzielt wird, dass man bei der Realisation das Verfahren des Metallgusses gewählt hat. Warum wurden die Arme des Präsidenten nicht nachgeformt oder bildhauerisch dargestellt, bevor der endgültige Bronzeguss erfolgte? Und warum wurde der mit der Ausführung beauftragte Künstler nicht ermutigt, die Methode der altgriechischen Bildhauerei anzuwenden und sich die Arme des Präsidenten in einer idealisierten Form vorzustellen, anstatt sie so abzubilden, wie sie in Wirklichkeit aussehen, oder sie doch wenigstens so darzustellen, wie sie hätten aussehen können? In diesem Fall wäre es möglich gewesen, den äußerst hässlichen Anblick der vielen Haarwurzelporen und der sich da und dort zeigenden Falten und Narben zu vermeiden. War es wirklich notwendig, alle Muskeln des Herrn Präsidenten mitsamt ihrer Linien und Kurven und den heraustretenden Adern derart originalgetreu wiederzugeben - ungeachtet ihres Alters im allgemeinen und ihrem Zustand an jenem Tag im besonderen? Könnte denn wirklich jemand den Unterschied feststellen, der im Auto an dem Monument vorbeifährt, ja selbst wenn er gemächlich daran vorbeischritte?

Samir Al-Khalil (Pseudonym von Kanan Makiya):The Monument: Art, Vulgarity, and Responsibility in Iraq. Dar al Sâqi Verlag, London 1992
Die Hand von Saddam. Bild

Doch genau dieser Größenwahn an Detailtreue bietet der Welt heute die Chance, ein für alle Mal festzustellen, ob jener bärtige Herr im Bagdader Gerichtssaal tatsächlich jener Diktator ist, für dessen Taten er hier büßen soll. Und auf eine gewisse Art bildet das Monument auch die psychische Befindlichkeit eines Absolutherrschers ab, wie sie kein Seelenforscher besser hätte beschreiben können:

Dasselbe realistische Denken, das sich in der Wahl des Präsidentenarmes ausdrückt, zeigen zwei weitere Elementen dieses Monuments: das Einbeziehen von fünftausend persischen Kampfhelmen und das Einschmelzen von Waffen irakischer Soldaten, um daraus die Klingen der Schwerter herzustellen. Der Anblick der Helme, dazu der Gedanke, dass die Löcher und Schrammen von wirklichen Kugeln hervorgerufen wurden und dass in den Helmen ebenso wirkliche menschliche Schädel zerborsten sind, ruft nicht weniger Erschrecken hervor als das Wissen, dass es sich bei den Armen nicht einfach um normale Arme eines beliebigen Menschen handelt, sondern um die Arme des Präsidenten höchstpersönlich...oder dass die Klingen der gekreuzten Schwerter nicht aus irgendwelchem Alteisenschrott hergestellt wurden, sondern aus den Hinterlassenschaften der irakischen ‚Märtyrer’.

Samir Al-Khalil
Helme von iranischen Soldaten. Bild

Inzwischen wird verschiedentlich beanstandet, dass US-Soldaten die persischen Helme häufig mit ihren ‚Killroy were here’-Sprüchen verunstaltet haben, da sich das Monument aber in der besonders geschützten und abgeriegelten Green Zone befindet, gibt es auch keine irakischen Parkwächter, die ihnen dafür ein paar Dollar Strafe abknüpfen könnten.

Doch zurück zu der Identitätsbestätigung von Saddam Hussein. Hier müssen wir uns zuallererst einmal in Europa umsehen: in Deutschland und Großbritannien. Es mag ja kaum glaublich erscheinen, dass defekte Maschinengewehre und Panzer eingeschmolzen wurden, um aus dem Eisen die Schwerter zu gießen, doch sind die Quellen dieser Information offizielle irakische Stellen, und sie werden zudem durch allgemein zugängliche Indizien gestützt.

So hat die britische Gießerei Morris Singer ausschließlich die Formen (der Arme) in Bronze gegossen und die einzelnen Teilen anschließend mit Lastwagenkonvois in den Irak transportiert (was genau der Methode entsprach, die beim Einschmuggeln der Riesenkanone angewandt wurde, von der im April und Mai 1990 vom britischen und griechischen Zoll verschiedene Teile beschlagnahmt wurden). Die vier Schwertklingen, die jeweils rund 40 Meter lang sind, wurden dagegen in einer irakischen Gießerei gefertigt, die mit Hilfe ausländischer Experten eigens für diese Arbeit ausgerüstet wurde. Es war ein immenser Aufwand für die Realisierung eines einzigen Objekts, doch es ging ja darum, die ideologische Grundlage des Systems in Gestalt eines materiellen und fühlbaren Bildes zu demonstrieren.

Der ursprüngliche Auftrag für das Monument war an die im Jahr 1983 gegründete deutsche Firma H + H Metallform im westfälischen Drensteinfurt gegangen, die allerdings nur zehn Jahre bestand hatte und mit der Verhaftung ihres Firmenchefs Dietrich Hinze und dessen Kompagnons aufgrund eines Verstoßes gegen das Bundesausfuhrgesetz ihr Ende fand. Ihre Millionen hatte die Firma mit der Lieferung von Maschinen, Werkzeug und Material zur Aufrüstung irakischer Scud- zu al-Hussein-Raketen verdient (das Unternehmen brachte allerdings so viel Geld in die Gemeindekassen von Drensteinfurt, dass dem Firmenchef ein Gedenkstein im Rathaus errichtet wurde).

Da der Auftrag für den Guss der Arme die Kapazitäten der H + H Metallform überschritt, wurde er an die bereits 1848 gegründete britische Gießerei Morris Singer weitergegeben, von der auch die beiden Löwen auf dem Londoner Trafalgar Square stammen, die jedoch das Monument im Irak in ihrer aktuellen Referenzliste nicht erwähnt. Im Zuge der Vorarbeiten für das Projekt geriet die Gießerei damals in den Besitz eines äußerst wertvollen Beweisstückes, das sie seit 1986 in ihrem Safe aufbewahrt: den Daumenabdruck von Saddam Hussein! Denn während H+H Metallform behauptete, nur eine Fotografie von Saddams Unterarm bekommen zu haben, erklärte David Vallance, damals Direktor der britischen Gießerei:

Mohammed Ghani Hikmat went to the president and got his thumbprints impressed into a tin of Plasticene, one of which was used for the modelling of the impression on the thumb.

Es scheint also Hikmats Idee gewesen zu sein, das Monument noch weiter zu personalisieren, indem einer (oder sogar alle vier Arme?) mit einen zwei Meter durchmessenden originalen Daumenabdruck des Präsidenten ausgestattet wurden.

Die Vorlage verschwand damals im Safe der Gießerei - und erst im Zuge des letzten Golfkrieges 2003 scheint man sich wieder daran erinnert zu haben, als General Norman Schwarzkopf das Monument zerstören wollte. Als sie die US-Tanks unter dem Monument hindurchrollen sehen, erinnern sich Sharon Pink, Pressesprecherin vom Morris Singer, ebenso wie ihr Direktor an den Schatz im Safe der Gießerei, dessen Wichtigkeit im Dezember desselben Jahres noch zunimmt, als Saddam Hussein gefangen genommen wird und die ersten Zweifel an der tatsächlichen Identität des verwahrlost aussehenden Erdhöhlen-Bewohners laut wurden.

Saddam Hussein kurz nach der Festnahme. Bild: Pentagon

Die US-Behörden beeilten sich zwar zu behaupten, dass man die Identität mittels einer DNS-Analyse sowie anhand von Zähnen und Narben zweifelsfrei festgestellt habe. Doch während bei üblichen Verdächtigen meist zwei Tage vergehen, bis die Laboranalyse zu gerichtsfesten Ergebnissen kommt, wurde das Ergebnis hier binnen knapp 12 Stunden bekannt gegeben:

Rumsfeld claimed at a press conference on Tuesday 16th December that DNA tests have confirmed that the man who crawled out of the Tikrit spider hole is Saddam: "I guess you'd call it proof", he said. "I think it's probably 99-point something per cent proof positive.

Joe Vialls

Daumenabdrücke ermöglichen dagegen eine 100prozentige Beweisführung - doch über sie wurde offiziell kein Wort verloren. Nicht so bei der britischen Gießerei:

The foundry director remembered that we had Saddam's thumbprint in the safe. I knew they had Saddam's DNA but still wondered if we should alert the Government to ask if the security services wanted the thumbprint for identification.

Sharon Pink

Als brave englische Bürgerin schrieb sie also die Regierung an - worauf sich der britische Premierminister Tony Blair freundlich bei Sharon Pink für ihr ungewöhnliches Angebot bedankte und sie darüber informierte, dass man die Angelegenheit an Christopher Segar, dem Leiter des Britischen Büros in Bagdad, weitergeleitet habe. Frau Stone, die behauptet, dass es noch weitere Silikon-Kopien in Deutschland gäbe, nahm die Daumenabdrücke aus Sicherheitsgründen dann aus dem Safe und wartet seitdem geduldig darauf, dass sich das Außenministerium wieder bei ihr meldet. Immerhin scheint die Dame Humor zu besitzen, denn sie meinte:

Of course if the authorities don't want it I'm happy to auction it on e-bay for a million dollars.

Man könnte also die übergroßen Daumenabdrücke des Monuments kopieren, verkleinern und dann sogar direkt im Gerichtssaal mit dem real existierenden Daumen vergleichen. Außerdem ist unter der Bevölkerung des Irak bekannt, dass die präsidialen Abdrücke noch an anderen Orten des Landes verewigt wurden - so z.B. in dem 24 Fuß durchmessenden Bodenmosaik des Wasserbeckens der ehemaligen Umm al-Maarik Moschee im Zentrum von Bagdad (= ‚Mutter aller Schlachten’, inzwischen umgetauft in Umm al-Qura, einem Beinamen von Mekka mit der Bedeutung ‚Mutter aller Städte’) - das sogar groß genug sein soll, um auf Luftbildtaufnamen erkennbar zu sein. In dieser Moschee wurde übrigens auch eine Koranabschrift gezeigt, die mit Saddam Husseins eigenem Blut geschrieben wurde (innerhalb von drei Jahren spendete er dafür 24 Liter). Inzwischen befindet sich hier der Sitz der Vereinigung der Ulema, der muslimischen Rechtsgelehrten des Irak.

Bleibt die abschließende Frage, über man lange nachdenken kann: Wem ist gedient, wenn die Identität festgestellt wird? Und wem, wenn sich demgegenüber diese als falsch herausstellen würde?!

Kanan Makiya ist in Bagdad geboren und studierte später Architektur am MIT. Heute ist er Direktor der Irak Memorial Organisation in Washington und Bagdad, sowie Professor an der Brandeis University. Für sein Buch "Cruelty and Silence: War, Tyranny, Uprising and the Arab World" erhielt er 1993 den Lionel-Gelber-Preis für das beste englischsprachige Buch über Internationale Beziehungen.

Link zu google earth mit einer Aufsicht auf das gesamte Monument: http://maps.google.com/maps?t=k&hl=en&ll=33.305703,44.382952&spn=0.00633,0.010064&t=k

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