Fast-Food-Medien

Thomas Pany 14.03.2006

Das kommende "Imperium des neuen Wissens"

Ob sich da manche stiff upperlip ein wenig bange gekräuselt hat oder war man doch eher "amused" und rieb sich die gepflegten Hände in vorfreudiger Erwartung des goldenen - profitablen - Zeitalters der Information, dem "Imperium des neuen Wissens", das der Medien-Großmogul heraufdämmern sieht?

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Von den Reaktionen der Zuhörerschaft, die gestern Abend den jüngsten revolutionären Visionen von Rupert Murdoch (vgl. Schon wieder eine Revolution verschlafen?) lauschten, verrät der Bericht des Guardian leider nichts. Nur dass die erlesenen Gäste der 603 Jahre alten Gilde mit dem Dickenschen Namen "The Worshipful Company of Stationers and Newspaper Makers" einen seltenen Gast hatten, der das Medienestablishment mit einer Gorbatschowschen Alternative konfrontierte: "Change or die!"

Ganze Länder gefährdet

Die Macht würde sich weg bewegen von den alten Eliten der Medienindustrie, von den Herausgebern, den Bossen, den Eigentümern, die Ära der "Medienbarone" sei zu Ende, so Murdoch, der Tycoon einer multinationalen Mediengruppe. Er prophezeit gewaltige Auswirkungen der Informationsrevolution: Nicht nur Firmen, ganze Länder würden von der neuen Technologie entweder aufgebaut oder zerstört. Man dürfe die großartigen Veränderungen, die längst im Gange sind, nicht unterschätzen, so seine Warnung. Gesellschaften und Firmen, die sich hinter einer glorreichen Vergangenheit verschanzen würden, sei das Scheitern sicher. Man müsse sich neu orientieren:

A new generation of media consumers has risen demanding content delivered when they want it, how they want it, and very much as they want it.

Großer Journalismus würde immer Leser anziehen und traditionellen Zeitungen noch einige gute Jahre ins Haus stehen. Aber Gedrucktes würde künftig nur mehr einer von mehreren Kanälen zum Leser sein. Medien würden wie "Fast-Food" werden, Nachrichten über Handys und Handhelds schnell zugänglich und überall abrufbar. Er selbst habe die Macht des Internet lange Jahre unterschätzt. Jetzt wisse er, dass das Netz eine "kreative, destruktive Technologie" ist, die alles in ihrem Weg neu ordnet. Wie es heißt, hat Murdochs Unternehmen jetzt 400 Millionen Dollar in MySpace.com investiert.

Möglich, dass die Dinergäste von solchen visionären Häppchen beeindruckt waren, interessant ist der Ausflug zum Abendessen im Londoner Grade 1-Gebäude "Stationers' Hall" vor allem, weil er ein kurzes Schlaglicht darauf wirft, wie die gegenwärtigen Transformationen im Nachrichten-, Medien- und Zeitungsgeschäft in der obersten Etage wahrgenommen werden.

Seismische Transformation

Gar nicht abgehoben, aber dafür ungleich erkenntnisreicher ist in diesem Zusammenhang der aktuelle Bericht des Project for Excellence in Journalism, einem Institut, das mit der Columbia University Graduate School of Journalism verbunden ist.

Vom Ende des herkömmlichen Journalismus wollen die Verfasser des Berichtes nicht sprechen, aber auch sie beobachten eine "seismische Transformation dessen, was und wie man heutzutage von der Welt (an) Wissen erfährt." Auch sie beobachten, dass sich die Medienmacht von den Journalisten als den klassischen Gate-Keepern zum Publikum hin bewegt. Auch ihnen ist aufgefallen, dass sich das Publikum mehr von den alten zu den neuen Medien bewegt und eine aktivere Rolle einnimmt (Stichwort Blogs, Citizen media). Die Journalisten müssten entsprechend ihre Rolle neu definieren und sich Gedanken darüber machen, welche essentiellen Werte sie gewahrt haben wollen. Ein Prozess, der nach Meinung der Verfasser erst sehr langsam beginnt.

Der Citizen-Media- und Blogger-Boom hat nach ihrer Ansicht eine Schattenseite, die bislang in dieser Deutlichkeit noch von niemandem herausgestellt wurde: Die offenen Kanäle geben auch Vertretern von "speziellen Interessen" die Möglichkeit, anonym oder unter einer anderen Identität Einfluss auszuüben. Die Sorge, welche die Verfasser beschäftigt, ist nicht das "wundersame Hinzukommen der Citizen Media" zum klassischen Medienpool, sondern der Verfall der Beobachtung und Kontrolle von mächtigen Institutionen durch professionelle Vollzeit-Journalisten.

Immer mehr Publikationen veröffentlichen die gleichen Stories

Das neue Paradox des Journalismus sei nämlich, dass immer mehr Publikationen immer weniger Geschichten abdeckten. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Zeitungsbranche in den USA arg kränkelt und auch große Zeitungen und Magazine (New York Times, Washington Post, Newsweek) ihr Newsroom- und Reporter-Personal drastisch kürzen, und zum anderen mit dem Zeitdruck, dem Journalisten unterliegen, die sich eine Spezialisierung nicht mehr leisten können und dadurch auch nur über beschränkte Kontakte verfügen.

Die Konzentration ihrer journalistischen Mitarbeiter auf wenige populäre Themen würde den Nachrichtenmachern eine Kontrolle über das geben, was das Publikum weiß. Den Regierungsinstitutionen wäre es so ein Leichtes, die "Schar von Reportern, Korrespondenten, Crews und Paparazzi" in die für die Presse freigegebenen Räume zu locken - weg von den News. Eine Ausnahme bildete die Berichterstattung über den Hurrikan Katrina im vergangenen Jahr, eben weil die Behörden nicht schnell genug schalteten.

Die Art von Zeitung, die nach der Studie am meisten gefährdet ist, ist das Big-City-Metro-Paper, im letzten Jahrhundert dominant auf dem Nachrichtenmarkt. Auch dieser Trend fügt sich für die Autoren in ein eher sorgenvolles Bild, da es gerade diese Zeitungen sind, welche über die Ressourcen, Mittel und den Ehrgeiz verfügten, als "watchdogs" über städtische, regionale und staatliche Institutionen zu wachen. Es sei fraglich, ob diese Aufgabe von Vorstadt-Tageszeitungen oder Wochenzeitungen übernommen werden könnte. Und für die Bloggerszene gelte - trotz all ihrer Qualitäten und Bereicherungen, die sie beisteuert - noch immer, dass sie vorwiegend von der Berichterstattung größerer Publikationen lebe. Der Anteil von Reportern in der Blogosphäre sei derzeit leider noch sehr gering.

Idealisten haben verloren, die Buchhalter gewonnen

Den Kampf zwischen journalistischen Idealisten und der eher wirtschaftlich denkenden Führung in den herkömmlichen Medienunternehmen der USA sei vorbei, so ein anderes Fazit der Studie. Gewonnen haben die an der Wirtschaftlichkeit orientierten Kräfte. Inzwischen sei es gar nicht mehr sicher, ob in vielen News-Media-Unternehmen überhaupt noch Stimmen präsent seien, die sich für das "öffentliche Interesse" einsetzten.

Dafür habe es einen bemerkenswerten Wandel in den traditionellen Medien gegeben. Während man früher das Internet nur als Plattform für recyceltes Printmaterial begriffen habe, habe sich hier im letzten Jahr ein Wandel gezeigt. Endlich begreife man das Internet als eigenständiges Medium, das eine eigene Form brauche und andere Leseransprüche bedienen müsse. Ob das jüngere Publikum damit zu gewinnen ist, bleibt allerdings unklar, ebenso steht die Antwort auf die Frage noch aus, ob die traditionellen Medien mit ihrem Internetauftritt tatsächlich ihre "Kultur" verändern können oder ob sie damit nicht einfach ihrer Neigung folgen, die Leserschaft ihrer traditionellen Publikationen halten zu wollen.

Muss Google künftig für News bezahlen?

Die interessanteren Fragen, die auf die Nachrichtenindustrie zukommen, werfen aber die sogenannten News-Aggregators auf. Durch Google und Yahoo sei das Nachrichtengeschäft noch schneller geworden, die Verfallszeit der Nachrichtenprodukte noch kürzer - außer bei den Bloggern, dort halten sich die Stories mit wertvollem Inhalt länger.

Dies geschehe auf Kosten derjenigen, von denen die Nachrichten stammen. Entweder, so folgern die Verfasser der Studie, müssen Google und Yahoo über kurz oder lang selbst Nachrichten produzieren, die ersten "Baby-Schritte" würden da auch schon gemacht, oder die Old-School-Nachrichten-Produzenten müssten künftig Geld von den News-Portalen verlangen. Die Frage wäre, ob Google oder Yahoo mehr als Technologie-Unternehmen werden können und wenn, inwieweit sie den Werten eines Journalismus, der sich am öffentlichen Interesse orientiert, folgen würden?

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22245/1.html
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