Todesstrafe für einen zum Christentum konvertierten Muslim?

20.03.2006

Bei einem Prozess in Afghanistan geht es um die Macht der Scharia, der nach der afghanischen Verfassung kein Gesetz widersprechen darf, und damit auch um den wachsenden Einfluss der Fundamentalisten

Der Prozess, der gerade in der afghanischen Hauptstadt Kabul stattfindet, verspricht nichts Gutes – und bedeutet vor allem nichts Gutes für die dort nach dem Sturz des Taliban-Regimes installierte Rechtsordnung. Die Verfassung garantiert zwar ein demokratisches System, hält aber auch fest, dass der afghanische Staat auf islamischen Prinzipien basiere und kein Gesetz der Scharia widersprechen dürfe. Und jetzt steht ein Mann vor Gericht, weil er vom Islam zum Christentum konvertiert ist, was nach der Scharia ein Vergehen ist, das sogar mit dem Tod bestraft werden kann.

Das hört sich reichlich absurd an, ist aber wohl Ausdruck der Konflikte zwischen den Reformern und den erstarkenden konservativen und islamistischen Kräften im Land, die zu großen Teilen auch das Parlament beherrschen (Warlords, Stammesfürsten und Fundamentalisten sind trotz Wahlen weiterhin an der Macht). Dass dieser Prozess nicht irgendwo in der Provinz, sondern in der Hauptstadt stattfindet, macht die Situation noch prekärer. Die Demokratisierung Afghanistans wurde unter hohem Erfolgsdruck vorangepresst (was im Irak wiederholt wurde). Dem Weißen Haus war es lieber, eine Verfassung zu haben, die oberflächlich einen guten Eindruck macht. Aber schon damals gab es die Kritik, dass die dem Islam und der Scharia eingeräumte Bedeutung zu Problemen führen könnte (Kein Gesetz darf den Prinzipien des Islam widersprechen).

Festgenommen wurde der Angeklagte Abdul Rahman, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, bereits im Februar. Offenbar hatte er Schwierigkeiten mit seiner Familie, denn diese hatte ihn angezeigt. Rahman war vor 16 Jahren zum Christentum konvertiert, nachdem er für eine christliche Hilfsorganisation in Peschawar mitgearbeitet hatte. Rahman hatte dann vier Jahre in Pakistan bei einer Hilfsorganisation gearbeitet und schließlich neun Jahre in Deutschland gelebt, bevor er 2002 wieder nach Afghanistan zurückkehrte. Dort wollte er das Sorgerecht für seine beiden Töchter (13 und 14 Jahre alt) übernehmen, die bei ihren Großeltern aufgewachsen sind. Darüber entwickelte sich ein Streit, der nun in einer ganz anderen Anklage endete.

Bei der Festnahme hatte er auch eine Bibel bei sich, was nun dem Richter Ansarullah Mawlavezada als Beweismittel gilt. Die erste Verhandlung fand am letzten Donnerstag statt, in zwei Monaten will der Richter sein Urteil fällen. "Wir sind gegen keine bestimmte Religion in der Welt", sagte der Richter wenig überzeugend. "Aber in Afghanistan geht dies wider das Gesetz. Es ist ein Angriff auf den Islam."

Auch der Staatsanwalt Abdul Wasi, der den Fall aufgegriffen hat, gibt sich nur dem Schein nach liberal. Er habe dem Angeklagten mehrmals angeboten, doch wieder Muslim zu werden, dann wäre die ganze Sache ausgestanden und vergeben: "Aber er sagte, er sei Christ und würde immer einer sein. Wir sind Muslims und der Übertritt zum Christentum verstößt gegen unsere Gesetze. Er muss mit dem Tod bestraft werden." Auch der Richter will ihn noch davon überzeugen, doch wieder Muslim zu werden. Die Begründung, die er BBC gegenüber gegeben hat, ist eigentlich noch schlimmer und sollte alle liberalen Muslims auf die Palme bringen: "Wir werden ihn erneut vorladen, denn der Islam ist eine tolerante Religion. Wir werden ihn fragen, ob er seine Meinung geändert hat. Und wenn ja, dann werden wir ihm vergeben." Wenn nicht, werde man seinen Geisteszustand überprüfen, also wohl von der Überzeugung geleitet, dass der Übertritt zum Christentum nur Folge einer geistigen Verwirrung sein kann. Sollte er nicht, so könnte ein fauler Kompromiss dann lauten, verrückt sein und damit für unzurechnungsfähig erklärt werden, so werde die Scharia auf ihn angewandt.

Der afghanische Präsident Karsai will sich angeblich in den Prozess nicht einmischen, obgleich die mögliche Exekution eines Christen weder Afghanistan noch dem Islam einen Gefallen täte, wohl aber ein Zeichen dafür wäre, wie weit das Land wieder den muslimischen Fundamentalisten und Taliban anheim gefallen ist (Islamischer Staat in Waziristan?), die auch systematisch Liberale und vor allem Frauen bedrohen ("Die Welt ist bereit, uns zu vergessen").

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