Kreuzzüge sollen rehabilitiert werden

Florian Rötzer 24.03.2006

Eine Konferenz in einer katholischen Hochschule in Rom tritt in den Kulturkampf ein und verbindet die Kreuzzüge mitsamt dem christlichen Märtyrertum mit der Gegenwart des muslimischen Dschihad

Papst Benedikt XVI hat bekanntermaßen Schwierigkeiten mit der Aufklärung und manchen der Freiheiten, die mir ihr eingezogen sind. Er würde gerne eine Art Rechristanisierung betreiben und ist wohl auch nicht ganz so überzeugt von der Trennung von Kirche und Staat. Darin gleicht er manchen fundamentalistischen Evangelikalen und auch vielen Muslimen, die ebenfalls mit der säkularen westlichen Welt hadern und die Religion gestärkt sehen wollen. Die Radikalen sprechen von westlichen Mächten, die sich in die Region einmischen, in Anspielung an die blutige Vergangenheit als Kreuzzügler, auch US-Präsident Bush hatte diesen Begriff einmal aufgenommen, um den Krieg gegen den islamistischen Terror und für eine Umgestaltung des "Größeren Mittleren Ostens" zu kennzeichnen. Bislang aber hat man diesen Begriff im (christlichen) Westen möglichst vermieden.

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Nun fand an der vom Vatikan betriebenen katholischen Hochschule Ateneo Pontificio Regina Apostolorum am 17. März eine Veranstaltung statt, bei der es offenbar darum ging, dieses schwarze Kapitel der Kirchengeschichte, wie auch immer die Schuld verteilt sein mag, zu rehabilitieren. Ausgerechnet in einer Zeit, in der es eigentlich nicht geraten ist, das Feuer weiter anzuschüren und den Kulturkampf auf diese Weise aufzunehmen.

So traditionell katholisch in vielen Fragen Johannes Paul II war, so hatte er doch versucht, die Grenzen der Religionen ein wenig aufzuweichen. Im Jahr 2000 betete er als erster Papst an der Klagemauer in Jerusalem und besuchte in Damaskus eine Moschee. Im selben Jahr erkannte er die Verantwortung der römisch-katholischen Kirche für Zerstörungen und Plünderungen während der Kreuzzüge an und bat um Verzeihung.

Damit scheint es nun zu Ende sein. Die Veranstaltung "Die Kreuzzüge: Vom Mythos zur Wirklichkeit", die auch noch fast zeitgleich mit dem ersten Prozesstag in Afghanistan stattfand, bei dem ein zum Christentum konvertierter Afghane die Todesstrafe aufgrund einer fundamentalistisch ausgelegten Scharia droht, eröffnet der Kirchenhistoriker Roberto de Mattei von der Università Europea di Roma mit einem Vortrag. In diesem – aber auch schon zuvor - vollzog er eine Kehrtwende und bezeichnete die Kreuzzüge als "defensive, niemals aggressive Kriege".

Schuld für die Kriege haben nach Matteis Sicht die Muslime, die beispielsweise 1009 die Grabeskirche in Jerusalem zerstört hatten, wo Jesus Christus begraben worden und die Wiederauferstehung stattgefunden haben soll. Papst Urban II: hatte 1095, nachdem der immer stärker in Bedrängnis geratene byzantinische Kaiser um Hilfe bat, zur Rückeroberung Palästinas aufgerufen, das zunächst zum Oströmischen Reich gehörte und von den Arabern 634 erobert wurde. Die Christen hätten "nach der islamischen Invasion in christliche Länder und der Zerstörung von heiligen Stätten" nur "den Glauben und die Kultur des christlichen Westens gegen den Islam verteidigt". Der Grund sei "Barmherzigkeit" gewesen. Die wurde allerdings dann auf recht blutige Weise gemacht.

Mattei verklärt die Kreuzfahrer zudem zu "Märtyrern", die ihr Leben für ihren Glauben einsetzten. Da ist man eigentlich schon beim Dschihad. Kreuzzüge hätten dieselbe geistige Wurzel wie das Märtyrertum. Und er setzt noch eins drauf: "Der Kreuzzug ist wie das Märtyrertum eine der Konstanten des christlichen Geistes." Daher sei "die Idee des Kreuzzugs" nicht nur ein Begriff für historische Ereignisse des Mittelalters, sondern eine "alte und andauernde Kategorie des christlichen Geistes", die nur manchmal vergessen wird und dann wieder auftritt. Das will nun offenbar Mattei wieder in Erinnerung rufen, um mit dem muslimischen Fundamentalisten und ihrem Märtyrertum gleichzuziehen.

Unterstützt wurde diese Sicht der Dinge durch den Kirchengeschichtler John Riley-Smith von der Universität Cambridge, der kritisiert, dass die Geschichte meist einseitig dargestellt werde. Wer um Verzeihung bitte, kenne die Geschichte nicht. So sei auch Ridley Scotts Film "Kingdom of Heaven" (Die Selbstzerstörung der Christenheit) Unsinn, weil die Araber verklärt und die Kreuzfahrer als grausam und fanatisch dargestellt würden: "Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun." Zudem würde das nur "Osama bin Ladens Version der Geschichte" unterstützen. Allerdings liegen die Kreuzzüge, die eigentlich Thema waren, ja schon einige Jahrhunderte zurück. Dass beide Seiten grausam gewesen waren, dürfte wohl richtig sein, auch das Argument, dass dies immer in "ideologischen Kriegen" der Fall gewesen sei.

Eingeladen war auch der amerikanische Autor Robert Spencer, der das Buch "A Politically Incorrect Guide to Islam" geschrieben hat. Auch er will die Verhältnisse ganz im Sinne des christlichen Westens wieder zurechtrücken. Kreuzzüge würden oft als "nicht provozierter Angriff Europas auf die islamische Welt" dargestellt, in Wirklichkeit aber seien zuvor die Christen nach der Eroberung Jerusalems von den Arabern verfolgt worden. Die falsche Darstellung würde von den islamistischen Extremisten instrumentalisiert, um Feindschaft gegen den Westen zu stiften. Die Kreuzzüge, so auch Spencer, seien lediglich Verteidigung der Christen gegenüber dem Dschihad gewesen, der schon zuvor begonnen habe. Und das grausame Verhalten der Kreuzfahrer, etwa nach der Eroberung Jerusalems, sei damals halt so üblich gewesen.

Gegen die Instrumentalisierung der Kreuzzüge durch die Muslims, die sich damit gegen den gesamten Westen richten, will Spencer eine positive Geschichtsbesetzung erreichen. Fast klingt es so, als würde der Amerikaner sich hier gegen eine solche Schuld wenden müssen, wie sie die Deutschen durch den Holocaust tragen. Man müsse sich der Kreuzzüge nicht schämen, meint er: "Die jungen Menschen müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass sie eine Kultur und eine Geschichte haben, auf die sie stolz sein können, dass sie keine Nachkommen von verbrecherischen Unterdrückern sind, und dass es die Mühe wert ist, das eigene Haus und die eigene Familie gegen diejenigen zu verteidigen, die diese zerstören wollen und zu sterben bereit sind, um dies zu machen."

Vielleicht müsste man in die Einbürgerungstests für Deutschland mit seiner christlichen Kultur auch das Zurechtrücken der Kreuzzüge einarbeiten, die ebenso wie der Irak-Krieg nur aus der Notwendigkeit heraus stattfanden, den Westen und das Christentum – "die Zivilisation" – zu verteidigen.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22315/1.html
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