Warum Eulen zu Rauchern werden

Wolf-Dieter Roth 30.03.2006

Chronischer chronobiologischer Jetlag erhöht den Drogenkonsum

Nachtmenschen rauchen besonders viel – das wird jeder bestätigen, der sich gerade wieder einmal durch verqualmte Kneipen gequält hat. Dass nicht nur der "Herdentrieb" Ursache für dieses Verhalten ist, zeigt sich daran, dass Raucher ja auch zuhause rauchen. Allerdings steigert ein nicht zu den regulären Schul- oder Arbeitszeiten passender Schlaf- und Wachrhythmus die Neigung zum Konsum von Kaffee, Zigaretten, geistigen Getränken und anderen Drogen, um mit dem sozial erwünschten Rhythmus gleichziehen zu können.

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Das Internet schläft nie. Und wenn man sich ansieht, zu welchen Uhrzeiten Kollegen und Ansprechpartner so manchmal E-Mails verschicken oder Artikel schreiben, dann weiß man, was am nächsten Morgen Thema Nr. 1 sein dürfte. Die sogenannten "Eulen", die erst spät am Tag wach werden und dafür abends nicht müde, arbeiten halt abends und nachts am besten.

Der Wecker "Clocky" springt morgens vom Nachttisch und verkriecht sich unterm Bett. Der Weckerbesitzer muss so zwar schneller aufstehen, aber wacher wird er deshalb nicht wirklich (Bild: Columbia University)

Doch ein Mitarbeiter, der dann am nächsten Morgen auf der Tastatur oder gar in einer zähen Konferenz einschläft, macht sich ausgesprochen unbeliebt. Also wird der Körper mit Koffein und Nikotin getreten, um auch an einem trüben Wintermorgen in Schwung zu kommen, und wenn das nicht reicht, auch noch mit Pillen (Rund um die Uhr wach), um die Arbeitszeit zu verlängern. Am Abend, wenn die nun erwünschte Müdigkeit nicht kommen will, wird dann mit anderen Mitteln wie Alkohol gegengesteuert.

Die "frühen Vögel", die "Lerchen", sind in unserer Gesellschaft immer noch angesehener; die üblichen Arbeitszeiten und der morgendliche Schulbeginn kommen ihnen mehr entgegen. Doch auch sie ecken mit ihrem Wachrhythmus an – allerdings weniger im Büro, als in der Freizeit: Wenn es abends erst so richtig lustig wird, sind sie längst bettreif.

An Werktagen führt dies für alle, die noch Arbeit haben, zu einem ständigen Kampf mit dem Wecker. Dieses Problem (Vorsicht, wenn der Wecker klingelt!) wird auch durch immer weitere technische Tricks beim Weckgerät wie flüchtende Wecker oder sensible Stirnbänder und Armbanduhren nicht wirklich gelöst und so manches Experiment mit moderner Technik geht am Ende kläglich in die Hose.

Auch sanftes Armrütteln durch neuartige Wecker löst das Grundproblem "Aufstehen zur Unzeit" nicht wirklich (Bild: Sleeptracker.de)

Die Forscher um Professor Dr. Till Roenneberg am Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigen sich seit Jahren mit dem Problem der verschiedenen Wachrhythmen (Der frühe Vogel fängt nicht immer den Wurm). Sie werteten jetzt die Angaben von mehr als 500 Versuchspersonen zu ihrem Chronotyp, ihrem Wohlbefinden und dem persönlichen Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol aus und veröffentlichten die Ergebisse des Euclock-Experiments in Chronobiology International.

Wenn die von der Gesellschaft auferlegten Zeitpläne den individuellen Schlafpräferenzen nicht entsprechen, führen die Unterschiede zwischen dem erwarteten Schlafverhalten an Arbeitstagen und dem, was die innere Uhr diktiert, zu einem "social jetlag". Dieser kann weit reichende Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen haben. Er ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang.

Prof. Dr. Till Roenneberg

Der Chronotyp, also ob die innere Uhr eher vor- oder nachgeht, wird weitgehend durch die individuellen Erbanlagen bestimmt – das Alter kommt dann noch hinzu und schiebt den Rhythmus bei jungen Leuten Richtung Eule, bei älteren Richtung Lerche. Bezogen auf unsere sozialen Zeiten sind allerdings die meisten Menschen heutzutage eher Eulen. Dies liegt unter anderem daran, dass wir heute zu wenig Licht sehen – selbst in gut ausgeleuchteten Räumen ist es 100 bis 1000 Mal schwächer als unter freiem Himmel und dann oft auch noch von "Gute-Nacht"-Lichtfarbe. Je schwächer aber das Licht, desto später stellt sich bei den meisten Menschen die innere Uhr ein und je später der Chronotyp, desto größer sind die Probleme, sich an soziale Zeitpläne zu halten.

Eulen zeigen die größte Differenz zwischen ihren Schlafzeiten an Arbeits- und an freien Tagen. Es kommt zu einem beträchtlichen Schlafdefizit unter der Woche, das dann am Wochenende ausgeglichen wird. Aber auch Lerchen können unter sozialem Jetlag leiden, wenn sie zum Beispiel an Wochenenden dem Druck der vorwiegenden Eulenfreunde nachgeben, viel zu spät ins Bett kommen und dennoch am nächsten Morgen zur gewohnt frühen Zeit aufwachen.

Prof. Dr. Till Roenneberg

Gefragt wurde unter anderem nach den tatsächlichen Schlaf- und Wachzeiten, getrennt nach Arbeits- und freien Tagen, so dass der Chronotyp einer Person bestimmt werden kann. Dazu kamen in der Studie Fragebögen zur Schlafqualität, dem aktuellen und zurückliegenden psychologischen Wohlbefinden sowie zum Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol und ähnlichen Substanzen. "Das gab uns die Möglichkeit, die Verbindung zwischen sozialem Jetlag, Schlafqualität, psychologischem Wohlbefinden und dem Genuss von stimulierenden Substanzen zu erforschen", so Roenneberg. "Wir konnten zeigen, dass der Konflikt zwischen der biologischen Uhr und der gesellschaftlichen Zeit zu einer chronischen Form von Jetlag führt." Die meisten Eulen akkumulieren nicht nur unter der Woche ein Schlafdefizit, sondern berichten auch häufiger von geringer Schlafqualität und Müdigkeit am Tag.

"Je stärker der soziale Jetlag, desto mehr greifen Individuen nach Stimulanzien", berichtet Roenneberg. "Desto häufiger sind sie auch Raucher." Letzteres erwies sich als besonders auffälliger Zusammenhang. "Nikotin-, aber auch Alkoholgenuss deuten oft auf Schwierigkeiten hin, mit sozialen Anforderungen fertig zu werden", meint Roenneberg. "Das hat uns zu der Hypothese geführt, dass Schlafprobleme und Nikotinkonsum vor allem dann auftreten, wenn der innere Schlaf-Wach-Rhythmus nicht mit den gesellschaftlichen Zeitplänen übereinstimmt."

Auch unter Schichtarbeitern, deren Leben selten nach der inneren Zeit ablaufen kann, finden sich signifikant mehr Raucher als unter den Menschen, die zu "normalen" Zeiten arbeiten. Die starke Korrelation zwischen sozialem Jetlag und Nikotin ist deshalb von besonderem Interesse, weil Raucherkarrieren oft in der Jugend beginnen, also dann, wenn der soziale Jetlag besonders ausgeprägt ist.

Jugendliche, deren innere Uhr Schlafzeiten zwischen 2 und 10 Uhr vorgibt, sind Schichtarbeiter, wenn sie um 6 Uhr – entsprechend ihrer inneren Mitternacht – aufstehen müssen.

Prof. Dr. Till Roenneberg

Dies ist aber nur eine mögliche Folge, die Auswirkungen auf das gesamte Leben der Betroffenen haben kann. So ist auch bekannt, dass Eulen als Schüler oft weniger gut in der Schule abschneiden, was mit ihrem chronischen Schlafdefizit und der mangelnden Schlafqualität zu tun haben könnte. Auf Dauer kann diese Einschränkung lebenslang das Leistungsvermögen behindern. "Wir schließen daraus, dass Heranwachsende und junge Erwachsene außerordentlich profitieren würden, wenn ihre innere Uhr stärker berücksichtigt würde", meint Roenneberg. "Dazu gehört unter anderem die Anpassung der Schulzeiten – vor allem bei Jugendlichen zwischen 15 und 25. Aber auch flexible Arbeitszeiten für Erwachsene wären nötig, damit diese eher ihrer inneren Uhr folgen können. Wahrscheinlich ließen sich der soziale Jetlag und seine gesundheitsschädlichen Folgen aber nur durch weitgreifende Änderungen in der gesellschaftlichen Organisation vermeiden."

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22351/1.html
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