Terminator: Gefahr gebannt?

30.03.2006

Das Moratorium für steriles Gentech-Saatgut wird auf der internationalen Konferenz zur Biodiversität vorerst nicht aufgeweicht

Mit der Terminator-Technologie können Pflanzen gezielt unfruchtbar gemacht werden, so dass Saatgut beispielsweise erst durch Zugabe bestimmter chemischer Spritzmittel wieder aufgeht. (Tote Saat). Ursprünglich wollten Konzerne damit ihre Eigentums- oder Patentrechte an Gentech-Saatgut absichern. Nach weltweiten Protesten kam es im Jahr 2000 zur Verhängung eines de facto Moratoriums durch die UN-Convention on Biological Diversity. Bei der diesjährigen Vertragsstaaten-Konferenz wollten einige Länder – allen voran Kanada – eine Lockerung erreichen.

Protest vor der COP8 gegen GURTs. Bild: Ban Terminator

Nach der Aufregung um die beinahe gescheiterte Einigung über strengere Kennzeichnungsrichtlinien im internationalen Handel für gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel stand für die nach Curitiba (Brasilien) zur Vertragsstaaten-Konferenz COP8 (Zähes Ringen in Brasilien) angereisten NGOs gleich das nächste "heiße" Thema an: GURTs (Genetic use Restriction Technologies) kamen auf die Tagesordnung einer Arbeitsgruppe der UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt.

Bereits Anfang 2005 war bekannt geworden, dass Gentech-Konzerne und einzelne Staaten wie die USA und Kanada intensive Lobby-Arbeit betrieben, um die weltweit geächtete Terminator-Technologie wieder salonfähig zu machen. Für Konzerne wäre der Einsatz von Terminator bei Nahrungsmittelpflanzen wie Soja, Weizen und Reis interessant. Denn bei diesen Kulturen werden weltweit kaum Hybrid-Sorten gepflanzt und Landwirte behalten von der jährlichen Ernte Saatgut zurück. Mit Terminator-Saatgut müsste der Bauer dann zwangsläufig jedes Jahr das Saatgut neu kaufen und die Patentgebühren oder technical fees zahlen.

Bei Gentech-Soja, die zahlenmäßig bei Gentech-Pflanzen den größten Anteil ausmacht, kommt es immer wieder zu illegaler Verbreitung. Ein Paradebeispiel dafür ist Argentinien, wo Marktführer Monsanto nie ein Patent anmeldete und jahrelang dem Treiben auf dem Schwarzmarkt zusah. Jetzt, nachdem kaum mehr gentech-freies Saatgut in Argentinien aufzutreiben ist, versucht der Konzern über Exporteure seine Patentansprüche geltend zu machen und Gebühren einzuheben. Monsanto hat zwar den Einsatz der Terminator-Technologie bei Nahrungsmittelpflanzen in einem jüngsten Disput mit der gentech-kritischen Organisation ETC-Group ausgeschlossen, bei anderen Pflanzen wie etwa Baumwolle ist das aber nicht so klar.

Nun wird mancher vielleicht generell sagen, es sei das gute Recht eines Konzerns, seine Erfindungen zu schützen, und wer Gentech nutzt, soll auch die Gebühren zahlen. Ein Problem bei der Terminator-Technologie ist allerdings, dass sie Pflanzen nicht zwangsläufig pollensteril macht. So können sich einzelne Kulturpflanzen mit eingebauten "Selbstmordgenen" , wie sie von Kritikern gerne bezeichnet werden, sehr wohl auf benachbarten Feldern ausbreiten oder auf verwandte Wildpflanzen auskreuzen. Die Felder eines konventionell wirtschaftenden Landwirts könnten dann im schlimmsten Fall lückenhaft aussehen, zumal das einbehaltene Saatgut aus der letzten Ernte verunreinigt wurde.

Die neueste Argumentationslinie der Terminator-Befürworter, dass nämlich GURTs unerwünschte Verbreitung unterbinden könnten, löst bei Gegnern Empörung aus. Die deutsche Initiative Freie Saat statt tote Ernte, der sich über dreißig deutsche Organisationen - darunter auch der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und der Naturschutzbund (NABU) – angeschlossen haben, schreibt in einem Hintergrundpapier:

Der US-amerikanische Saatgut-Konzern Delta & Pine Land (D&PL) hat nun ein neues Argument aus dem Hut gezaubert. Weist der technische Name, genetic use restriction technology, noch auf ihren ursprünglichen Verwendungszweck hin (die freie Nutzung des Saatgutes einzuschränken), empfiehlt D&PL die Terminator-Technologie jetzt als Lösung für ein hausgemachtes Problem: Die Auskreuzung von gentechnisch veränderten Sequenzen könne damit verhindert werden. Die Selbstmord-Samen seien ein biologisches Sicherheitssystem, heißt es zum Beispiel in den Werbebroschüren der Firma, da die Auskreuzung von transgenen Pflanzen zu nicht keimfähigen Samen führe. Mit diesem Taschenspielertrick sollen die zuständigen Regierungsvertreter in den Ausschüssen der CBD (häufig werden dies Mitarbeiter der Umwelt und Naturschutz-Ressorts sein) für die Technologie gewonnen werden - der Bock macht sich selbst zum Gärtner!

Die kanadische Regierung, unterstützt von Australien und Neuseeland, strebte im Vorfeld der COP8 eine "Case by Case"-Regelung an. Danach sollte den CBD-Staaten die Möglichkeit eingeräumt werden, fallweise Terminator-Saatgut zu erlauben. Viele Beobachter gingen davon aus, dass der modifizierte Text angenommen werden würde. Für die Gegner wäre damit ein Schlupfloch mit unabsehbaren Folgen geöffnet worden. Vor der Konferenz in Brasilien mobilisierten weltweit zahlreiche Bauernverbände, Konsumenten- und Naturschutz-Organsationen aber auch viele Wissenschaftler, die Terminator-Technologien ablehnen. Die Aktion "Freie Saat" forderte die deutsche Regierung auf, sich eindeutig dagegen zu positionieren. Ulrike Höfken, Bundestagsabgeordnete der Grünen, appellierte in diesem Sinne an Umweltminister Gabriel und betonte, dass neben technischen Risiken auch große "soziale Gefahren" mit GURTs verbunden wären, zumal "Bauern weltweit noch stärker als bisher von großen Saatgut-Konzernen abhängig werden" würden.

Die Österreicher, die derzeit den EU-Ratsvorsitz halten, reisten jedenfalls mit einer klaren Absage im Gepäck nach Brasilien. Landwirtschaftsminister Josef Pröll betonte im Vorfeld, sich für biologische Vielfalt, gegen Gentechnik in der Landwirtschaft und selbstverständlich auch gegen Terminator-Technologien einsetzen zu wollen. Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft berichtete aus Curitiba (Brasilien), dass sich zumindest Norwegen, Argentinien und Malaysia eindeutig für eine Streichung aufweichender Bestimmungen in dem diskutierten COP8-Text einsetzen. Malaysia betonte etwa, dass GURTs 1,4 Milliarden Menschen in asiatischen Ländern irreparablen Schaden zufügen könnten:

On behalf of G77 & China (over 100 countries). We believe that GURTs can have far reaching and negative impacts on indigenous and local communities, especially on seed saving practices and food security. This technology could be an irreparable threat on 1,4 bio people world wide, who depend on farm saved seed. There must be no release of GURTs technologies until we have a full assessment of their impacts, and there should be no field trials or introduction. We are therefore concerned about para 2b as this would allow field trials. This is clearly unacceptable.

Rascher als von den NGOs erwartet, war dann in der COP8-Arbeitsgruppe die strittige Passage vom Tisch. "In der Arbeitsgruppe haben sich vor allem Australien, Neuseeland und eher aus Prinzip und am Rande die Schweiz für die Beibehaltung der ‚case by case’-Terminologie ausgesprochen. Außerdem natürlich die USA, die aber kein Mitglied der Convention sind, und die Industrie", so Benedikt Haerlin gegenüber Telepolis. In den Handlungsempfehlungen wurde jetzt aber klar vereinbart, dass weitere GURTs-Forschungen nur unter Berücksichtigung des Moratoriums (Decision V/5) stattfinden sollen, was Feldversuche eigentlich ausschließt. Laut Haerlin lautet die Passage nun:

Continue to undertake further research, WITHING THE MANDAT OF DECISION V/5, on the impacts of genetic use restriction technologies, including their ecological, social, economic and dultural impacts, particularly on indigenous and local communities…

Die NGOs nahmen das Ergebnis erleichtert auf. "Es herrscht eine gewisse sentimentale Stimmung hier in Curitiba", so Haerlin nach dem Bekanntwerden der Entscheidung. "Theoretisch kann zwar im Plenum die Entscheidung gekippt werden, aber dann gibt es gar keinen Beschluss zu dem Thema aufgrund des Einstimmigkeitsprinzips, das bei COP erforderlich ist. Also auf keinen Fall kommt mehr die ‚case by case’- Geschichte durch."

In Curitiba wurde jedenfalls gefeiert. Die Rede des Aktivisten Haerlin verwies auf die breite Basis von Landwirten, Wissenschaftlern und NGOs, die Terminator am liebsten auf immer bannen würden. Saaten, die erst keimungsunfähig gemacht werden müssen als Lösung für möglicherweise entstehende Umweltprobleme, seien wohl auch nicht die intelligentesten Erfindungen sind.

500.000 farmers in India, 120 scientists in Italy, protesters all over the world, recently staging protest in Delhi and London in front of the New Zealand embassies, indigenous communities around the globe, environmental and consumer organisations from all continents say: Sterility will never be a valid concept to maintain and enhance biodiversity and sustainable agriculture, to feed the world and to maintain food sovereignty. And, as one argument of the industry was Terminator was needed to make GMOs safer the response is: You should never release seeds that need to be made sterile in order not to threaten the environment.

Benedikt Haerlin

Ob dieser "Sieg" in Curitiba von Dauer sein wird, muss sich aber erst weisen. Denn sicher ist, dass die Gentech-Industrie, die - von Monsanto, über Syngenta und BASF - Patente auf GURTs hält, weiter versuchen wird, politische Entscheidungsträger dafür zu gewinnen.

In der Telepolis-Buchreihe ist von Brigitte Zarzer vor kurzem erschienen: Einfach GEN:ial. Die grüne Gentechnik

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