Nur einer ist Titan: Klinsmann
Kühner als alle Kanzler gegen die deutsche Straße und BILD
Für einen kurzen Schock-Moment sind gestern im schönen München alle Biere eingefroren. Am frühen gestrigen Frühlingsnachmittag fegte die Nachricht durch die Biergärten, Boulevardcafés und Isarauen wie ein jäher Eiswind: Jürgen "Klinsi" Klinsmann hat sich im Kampf der Titanzwillinge für den falschen "Andern" entschieden.
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Der "Gunner"-Titan Lehmann darf also jetzt die Nummer 1 tragen und Kahn sein Heldentum als Dulder erproben, auf der Ersatzbank mit der Nummer 2, der Auslöschungsnummer für den "Weltbesten". Damit hat sich Kalifornien-Jürgen selbst zum kühnen Helden gemacht, weil er gewagt hat, was sich deutsche Führungs-Politiker nicht trauen: Der Bildzeitung einen Handschuh hinwerfen - und gleich ein ganzes Paar, lässig.
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Zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels war noch nicht klar, mit welchen Großbuchstaben das Organ der Meinungsführerschaft in Deutschland auf die jüngste Unabhängigkeitserklärung des Teamchefs reagieren würde. Fest stand am gestrigen Abend jedoch Wichtigeres: Dass Klinsmann die längeren USA-Aufenthalte offensichtlich gut tun. Und endlich ein paar Fenster in der deutschen Fußball-Bierschenke aufgemacht wurden und dem Stammtisch- und Funktionärs-Mief frische Luft entgegenströmt.
Neuerungen erwartete man von Klinsmann und er hält Wort. Aber es soll halt neu sein und trotzdem alles beim Alten bleiben... Wie viele warten jetzt darauf, dass sich die Klinsi-Neuerungen als Desaster herausstellen? Ist die von der Bildzeitung geschürte Abneigung gegen Klinsmann stärker als der Wille zum Erfolg? Die deutsche Selbstgeißelung soll ja zu allerhand fähig sein, gerade auf Seiten derjenigen, die das Beste so unbedingt wollen. Oder wird nach einem weiteren Malheur in der Vorbereitung doch noch der Kaiser gerufen, natürlich von "Bild"?
Kufsteiner Eckbänke und Schulterklopferei
Auch der Engländer Lehmann hat bei Bild keine so guten Freunde wie der deutsche Titan. Kahn kann auf Bild-Kaiser Beckenbauer zählen und die Bild affinen Bayern-Fürsten, die Klinsmann jetzt wohl noch weniger mögen. Jüngste Äußerungen der Bayern-Granden machten klar, dass sie Klinsmann als Ärgernis empfinden. Man muss nicht weit suchen, um die Quelle des Ärgernisses zu finden: gelassene Unabhängigkeit. Unabhängige Subjekte mögen die Bayern-Patriarchen vielleicht im Privaten (wo sie auch ganz anständig für ihre Spieler sorgen sollen), öffentlich auf keinen Fall; eine gehörige Portion Subordination ist dort wichtiger. Spieler haben bei Bayern öffentlich den Mund zu halten, falls sie außer Nettigkeiten etwas zu sagen haben.
Klinsmann versuchte schon als Bayern-Spieler eine Ausnahme zu sein. Ausnahmespiele lieferte er zwar nur selten (wie die anderen auch), aber sein Vertrag enthielt kluge Klauseln, die zum viel gemunkelten Reizthema wurden, als man mit seinen Leistungen nicht mehr einverstanden war. Kufsteiner Eckbänke, konsenssüchtiges Gönnergehabe und Schulterklopferei war wohl nicht die Sache des Schwaben. Die Münchner Boulevard-Presse liebte Klinsmann wenig bis gar nicht, er ging seine eigenen Wege, verbrüderte sich nicht. Und so konnte man schon damals im kleinen Münchner Milieu studieren, wie es geht, dass man Klinsmann nicht mag, wo ihn doch gar keiner kannte. Ein Interview mit der Süddeutschen Zeitung am Ende seiner Bayern-Karriere öffnete die Augen: Der Mann war klüger und hatte sympathischere Ideen und Ansichten, als man nach dem diffus unsympathischen Bild glauben mochte, das die Boulevard-Blätter nach der üblichen Anfangseuphorie bei Neueinstellungen des FC Bayern zu zeichnen begannen.
Der anhebende Boulevard-Bocksgesang zur deutschen Fußballweltmeisterschaft ist vor allem Stimmungsterror, dem sich kaum einer entziehen kann, der sich mit archaischer Gewalt einzelne Personen vornimmt. Dass Klinsmann mit amerikanisch aufgefrischtem Sportsgeist den Kampf gegen die verholzten Bastionen Fußballdeutschlands und dessen Staatszeitung aufnimmt, verheißt dann doch Hoffnung in einer Angelegenheit, die einen schon Wochen vor Beginn so zu zermürben schien wie Heimatabende mit Hansi Hinterseer. Olli, heb den Handschuh auf!
http://www.heise.de/tp/artikel/22/22422/1.html- LOL! *vombodennimmerhochkomm* (11.4.2006 10:44)
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