Bayern macht dicht

11.04.2006

Zündfunk - Gerüchte um eine Hinrichtung

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Der Zündfunk, das beste deutsche Radioprogramm für Musik und Popkultur, soll Ende dieses Jahres einer Jugendwelle weichen.

Noch im Februar letzten Jahres wurde der "traditionsbewusste Bayerische Rundfunk" in einem "Zeit"-Dossier "Rettet das Radio" als mutiger Solitär im Flachland des Dudelfunks herausgestellt. Als Qualitätsausweis und Musterbeispiel für die Ausnahmeerscheinung BR wurde der Zündfunk an erster Stelle genannt.

Was als Jugendsendung begann, zählt heute zum Besten, was der Musikjournalismus in Deutschland zu bieten hat.

Zündfunk-Chefin, Ulrike Ebenbeck, konnte damals sagen, dass sie sich noch nie einer Quotenfrage aussetzen musste. Der BR-Hörfunkdirektor Johannes Grotzki sprach von der "Vielfalt im weitesten Sinne, die das Wichtigste (ist), was man überhaupt braucht."

Grund zur Freude beim BR also, Lob für gute Rundfunk-Arbeit hört und liest man ja nicht alle Tage. Vorstellbar, dass das Lob von der "Zeit" manchem aus der höheren Etage bei verschiedenen Gelegenheiten gut zupass kam, um Kritikern des BR, die es allein wegen der engen Verbundenheit des Rundfunks mit der CSU gibt, zu demonstrieren, wie pluralistisch das Haus doch in Wirklichkeit sei.

Nun aber soll die seit längerem beim BR geplante Jugendwelle, so die Gerüchte, endlich Realität werden. Im nächsten Jahr will der BR angeblich hauptsächlich über DAB (vgl. Eine Kiste DAB zum Tragen - und das absolut rauschfrei) für eine "jugendliche" Zielgruppe zwischen 19 bis 30 Jahren senden.

Was, so fragt man sich ängstlich, passiert nun mit dem Zündfunk? Bis jetzt sendet er wochentags am frühen Abend anderthalb Stunden, außerdem gibt es den legendären einstündigen Nachtmix mit prominenten DJs, wie etwa dem Suhrkamp Autor Thomas Meinecke und am Wochenende zusätzlich vier Nachtstunden.

Ob und wie diese Stunden ersetzt werden, darüber herrscht beim Sender ein beredtes Schweigen. Planungen für eine Jugendwelle laufen, offizielle Informationen werden nicht nach außen gegeben. Bayern 2 soll reformiert werden, so vage Andeutungen. Welche Programme und Programmmacher der Reform zum Opfer fallen, nährt derzeit die Spekulationen, die vom Rundfunkhaus am Bahnhof bis in die Stadt ausufern. Dass unter den Radiomachern Köpfe rollen sollen, steht zu befürchten.

Geht es einmal mehr um die Quote? Politik wird ja derzeit gern im Kleid der Wirtschaftlichkeit gemacht und vielleicht erscheint den Verantwortlichen das Format Zündfunk als überholt. Sind ihnen die Mitarbeiter zu alt? Eigentlich kümmert es den Zuhörer, der neueste Entwicklungen in der Popmusik, lokal und international, mit einsichtigen Kommentaren und großem Hintergrundwissen locker serviert bekommt, ja wenig, wie alt die Moderatoren sind. Wird auf virtuelle Zielgruppen verwiesen, statt sich auf eine glückliche Hörerschaft zu konzentrieren, die es schon gibt?

Bleibt noch die Frage, wohin sich künftig die Bayern 2 Hörer (der Autor gehört dazu) wenden sollen, die nicht mit Mainstream-Rock abgespeist werden wollen, und weiter darüber informiert und unterhalten werden wollen, was sich kulturell und politisch in Pop und Kultur so tut. Auf Bayern 3 etwa? Nichts gegen das Programm; aber Jon Bon Jovi und launige Kurzkommentare zu Allerweltsgeschichten machen einen nicht klüger.

Seit 1972 begleitet der Zündfunk schnell, aufmerksam und klug Entwicklungen in der Jugend- und Popkultur. Mit kritischer Distanz und heißem Herzen schürt er den Popkulturdiskurs. Und ebenso kritisch und heiß stürzt er sich zuweilen in die Politik. War das der Fehler?

Keine Frage, die Zeit ist schon lange reif für eine Jugendwelle. Was aber hat eine bestimmte Generation, die nicht gerade klein ist, die zwischen 35 und 50, von einer Jugendwelle zu erwarten? Was hat die jüngere Generation von dieser Jugendwelle zu erwarten, die digital hauptsächlich via DAB gesendet werden soll und damit anders als BR2 wohl nur sehr wenige erreicht? Zur Zeit sind es nur geschätzte 900 Hörer. Bayern 2 ist heute eine Bastion, die denkende Menschen davor bewahrt, Bayern und seinen Provinzialismus allzu schnell abzuurteilen. Man kann nur hoffen, dass das so bleiben wird.

Ausgesucht gute Musik und kritischer Journalismus - und das in Bayern! Kein Scherz, aber seit Jahren ein kleines Wunder. Und viele kulturinteressierte Menschen, die in Bayern leben, brauchen dieses Wunder, um hier überhaupt weiterleben zu wollen. Die Liste der Zündfunk-Entdeckungen ist lang und illuster. Sie umfasst Musik und Literatur. Eine Mainstream-Jugendwelle, der ein paar Versprengte lauschen, wird zu solchen Leistungen nicht fähig sein. Sie wird nicht fähig sein, sich den Respekt zu verschaffen, der nötig wäre, um auch nur eine dieser Entdeckungen zu machen. Der Respekt, den der Zündfunk bei Musikern und Journalisten genießt, sollte nicht unterschätzt werden. So etwas aufzugeben, hieße sich selbst kleiner zu machen. Aber vielleicht ist es genau das, was der Bayerische Rundfunk mit seinem neuen "Jugendprogramm" will: zurück in die Kleinheit, in die Unauffälligkeit, in die Kritiklosigkeit.

Für viele bayerische Künstler ist der Zündfunk das Tor zur Welt. Internationale Künstler holt er nach Bayern. Wenn die Gerüchte sich bestätigen, macht Bayern bald zu. "Stad" war es hier schon immer. Aber offensichtlich noch nicht "stad" genug.

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Privatradio schiebt Panik vor öffentlich-rechtlicher Jugendwelle

Wolf-Dieter Roth 07.02.2006

Kommt nach Jump, N-Joy, Eins-Live, Fritz, Sputnik und diversen "Dingern" nun auch noch "Das Modul"?

Privat-Radiosender zielen oft speziell auf Jugendliche. Öffentlich-rechtliche Programme ledern diese teils recht unfair dadurch ab, dass sie gezielt teils ebenso billig produzierte, aber komplett werbefreie öffentlich-rechtliche Kanäle dagegenstellen. Die Werbung wird dann in andere Programme gestopft. Dass der Bayrische Rundfunk nun als letzter öffentlich-rechtlicher Sender die Jugend als Hörerkreis entdeckt haben könnte, sorgt bei den privaten Anbietern für Muffensausen.

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