Ein Spionagenetz für San Francisco

12.04.2006

Wie Google die Bürger von San Francisco ausspionieren will und kommunale WLANs um ihre Existenz kämpfen

San Francisco soll ein stadtweites, zumindest teilweise kostenloses WLAN bekommen - betrieben von der Suchmaschine Google in Zusammenarbeit mit dem großen US-Internetprovider Earthlink. Finanzieren will Google dieses Großprojekt über personalisierte, standortspezifische Werbung. Zu diesem Zweck will die Suchmaschinenfirma die Standortdaten ihrer WLAN-Nutzer ermitteln und sie mit standortspezifischen Werbeanzeigen etwa von Restaurants oder Buchläden versorgen. Anschließend sollen die Nutzerdaten für 180 Tage abgespeichert werden. Datenschützer erheben schwere Bedenken. Unterdessen verstärkt die mächtige US-Telekommunikationsbranche massiv ihre Lobbyarbeit gegen kostengünstige kommunale WLANs - mit Erfolg. Selbst die Stadtverwaltung von New Orleans muss derzeit um ihr "Notfall-WLAN" bangen.

Das geplante WLAN für San Francisco könnte eine ganz famose Sache sein. Das gesamte Stadtgebiet wird flächendeckend mit Hot Spots überzogen. Der drahtlose Internetzugang ist kostenlos für jeden Bürger möglich - sofern er sich mit einer Datenübertragungsrate von 300kbit/s zufrieden geben möchte. Wer einen schnelleren Internetzugang nutzen will, erhält ihn kostenpflichtig vom Internetprovider Earthlink zu moderaten Preisen. In beiden Fällen müssen sich die potenziellen Nutzer einloggen, um drahtlos online gehen zu können.

Im Falle des kostenpflichtigen Earthlink-Netzzugangs ist das Einloggen mit eigenen Nutzerdaten aus Abrechnungsgründen unerlässlich. Warum sich auch Nutzer des kostenlosen WLAN unbedingt bei Google einloggen müssen und warum Google deren Daten dann auch noch ein halbes Jahr lang speichern möchte, wissen nur die Google-Strategen selbst. Sachliche Gründe gibt es dafür nicht. Der einzige Grund ist Googles ausgeprägter Datenhunger. Die Suchmaschinenfirma zeigt sich beim kalifornischen WLAN-Projekt von ihrer bisher datengierigsten Seite - vergleichbar allenfalls noch mit dem hauseigenen, werbefinanzierten Emaildienst, bei dem automatisch sämtliche Email-Nachrichten mitgelesen und zu Werbeschaltungszwecken analysiert werden.

Mehr lokale Werbekunden

Alles, was der Computernutzer in San Francisco künftig braucht, um sich kostenlos ins Internet einzuklinken, ist ein Account bei Google. Nach dem Einloggen ermitteln Googles Rechner, über welchen Hot Spot sich der Nutzer einwählt. Googles Server erfahren, wo sich der Nutzer gerade aufhält, und versorgen ihn mit passgenauer lokaler Werbung für Buchländen, Restaurants oder McDonalds in der näheren Umgebung. Damit erschließt sich die werbefinanzierte Suchmaschine einen neuen potenziellen Kundenstamm. Während es sich für kleinere Geschäfte bisher kaum lohnte, per Google-Werbung auf sich aufmerksam zu machen, zahlt es sich jetzt womöglich auch für den Blumenladen an der Ecke aus, Kunden per Google anzulocken.

Nicht nur die Standortdaten des WLAN-Nutzers will Google künftig speichern. Auch sein Surfverhalten wird genauestens registriert. Das ist eine prima Sache - für Google und für seine personalisierte Form der Anzeigenschaltung. Denn aus dem Surfverhalten lassen sich mögliche Vorlieben und Interessen des WLAN-Nutzers herausdestillieren und auf der Grundlage der ermittelten Standortdaten mit den lokalen Werbeanzeigen kombinieren. So weiß Google schon im Voraus, was den WLAN-Nutzer interessieren könnte und wo er das, wonach er sucht, am schnellsten kaufen kann.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Wer im Internet zu Autoseiten surft und nach einer ganz bestimmten Marke sucht, dem liefern Googles Algorithmen nicht nur die passenden überregionalen Anzeigen der jeweiligen Autofirmen, sondern zeitgleich auch die Adressen des Autohauses um die Ecke oder die Anschriften der nächsten Kreditbank und des nächsten Versicherungsbüros. Klickt der WLAN-Nutzer diese Werbung an, fließen nach dem "pay-per-click"-Prinzip Werbedollar in Googles Kassen. Je besser sich die standortgebundene Werbung personalisieren lässt, desto höher sind die Klickraten auf die geschalteten Anzeigen und desto heller klingeln Googles Kassen.

Methoden der Spy- und Adware-Branche

Natürlich wäre Googles Werbekonzept auch völlig ohne Nutzeranmeldung realisierbar. Wozu die Suchmaschinenfirma die persönlichen Daten ihrer Nutzer benötigt, warum sie sie sogar ein halbes Jahr lang aufbewahren will, wer anschließend kontrolliert, ob die Daten auch wirklich gelöscht werden, und wie Google verhindern will, dass die gesammelten Datenberge in die falschen Hände geraten - darüber schweigt sich die kalifornische Suchmaschinenfirma derzeit noch beharrlich aus. Solange Google diese Fragen nicht halbwegs schlüssig beantwortet und die schweren Bedenken US-amerikanischer Daten- und Verbraucherschützer gegen dieses Projekt nicht ausräumen kann, muss sich die Suchmaschinenfirma mit dem selbst gestrickten "Won't be evil"-Image den Vorwurf gefallen lassen, dass sie mit ihrem Projekt in San Francisco ein gigantisches, stadtweit schnüffelndes Trojanisches Pferd installieren will, das persönliche Nutzerdaten ausspioniert, alle Daten akribisch speichert und anschließend für Googles kommerzielle Werbezwecke verarbeitet. Spy- und Adware-Firmen arbeiten mit ähnlichen Methoden.

Noch sei nichts in trockenen Tüchern, will Chris Vein, bei der Stadtverwaltung von San Francisco zuständig für den Bereich Technologie, die Kritiker des geplanten Stadtnetzes unter Google/Earthlink-Führung beruhigen. Die genauen Bedingungen und die Einzelheiten des Geschäftsmodells würden zwischen den Beteiligten erst noch ausgehandelt. "Dass wir jemanden ausgewählt haben, bedeutet nicht notwendigerweise, dass wir auch mit den Einzelheiten des Vorschlags einverstanden sind", erklärte Vein. Doch über die Entscheidungsgründe, die zur Vergabe des Großauftrags gerade an das Duo Google/Earthlink und nicht an einen der fünf anderen Mitbewerber geführt haben, schweigt sich der Technologie-Chef von San Francisco aus.

Big Brother ist längst überall aktiv

US-amerikanische Daten- und Verbraucherschützer warnen nicht nur vor der Datenkrake Google, sondern befürchten, dass die angehäuften Datenberge über San Franciscos WLAN-Nutzer Begehrlichkeiten auch bei staatlichen Ermittlungsbehörden wecken. Auf der Grundlage der US-amerikanischen Anti-Terrorgesetzgebung haben US-Strafverfolgungsbehörden beim Zugriff auf die Datenbestände privater Unternehmen weit reichende Befugnisse, die sie auch mit Kusshand nutzen. Sie können per gerichtlicher Verfügung (subpoena) oder per einfachem Durchsuchungsbefehl Einsicht in die Datenbestände verlangen, ohne dass der betroffene Nutzer je etwas davon erfährt.

Darüber hinaus zeigt die jüngste Auseinandersetzung zwischen dem US-Justizministerium und Google um die Herausgabe von Suchmaschinen- und Nutzerdaten, dass staatliche Stellen die privaten Datenbestände längst als frei sprudelnde Datenquellen zur Stillung ihres - wie auch immer begründeten - Informationshungers verstehen (Der Google-Nutzer wird gegoogelt). Die Bedenken, die US-amerikanische Datenschützer gegenüber dem geplanten WLAN-Modell für San Francisco hegen, sind also nicht fiktiv, sondern haben bereits jetzt eine reale Grundlage. Big Brother wird nicht irgendwann in ferner Zukunft schnüffeln, Big Brother ist schon längst - immer und überall - aktiv.

Wer profitiert vom kostenlosen WLAN?

San Francisco ist nicht die einzige US-amerikanische Großstadt mit einem flächendeckenden WLAN. Argwöhnisch von den großen Internetprovidern beäugt und von diesen aus ökonomischen Gründen vielfach torpediert bieten auch rund sechzig andere Städte und Gemeinden, darunter Großstädte wie Philadelphia und New Orleans, ein flächendeckendes WLAN an - zu den unterschiedlichsten Konditionen von kostengünstig bis kostenlos und mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen. In Philadelphia beispielsweise ist ebenfalls Internetprovider Earthlink mit von der Partie. Eines der Hauptziele ist es hier, die digitale Kluft zwischen den sozialen Schichten zu verkleinern.

Dieses Ziel lasse sich keineswegs einfach dadurch erreichen, "dass man lediglich ein Netzwerk einrichtet und dann sagt: ,Ok, das war's'", meint etwa der US-amerikanische IT-Spezialist Craig Settles, der die Entwicklung kommunaler WLANs in den USA kritisch verfolgt. Wer sich keinen WLAN-tauglichen Computer leisten könne, profitiere auch nicht vom kostenlosen Netzzugang. Wer aber einen Laptop mit WLAN-Karte besitze, sei auf den kostenlosen Netzzugang in der Regel gar nicht angewiesen, sondern könne die Internetgebühren auch aus eigener Tasche zahlen. In der Konsequenz habe sich deshalb vielerorts gezeigt, dass die digitale Kluft durch ein kostenloses WLAN nicht kleiner, sondern größer werde. Es profitieren diejenigen Bevölkerungsschichten, die sich PC und Internetzugang sowieso schon leisten können.

Die Stadtväter von Philadelphia haben sich diesen Einwand zu Herzen genommen und Internetprovider Earthlink gehörig zur Kasse gebeten. Earthlink musste sich erstens zu einem moderaten Grundpreis von 9,95 US-Dollar für seinen WLAN-Zugang verpflichten und an zwanzig Orten kostenlose Hot Spots einrichten. Wohlwissend, dass ein kostengünstiger WLAN-Zugang überhaupt nichts nützt, wenn der passende Computer fehlt, wurde Earthlink zweitens verpflichtet, 10.000 Computer an bedürftige Einwohner und für Schulungszwecke zu spenden. Drittens schließlich wurde der US-Provider zur Zahlung einer kommunalen "WLAN-Steuer" verpflichtet. Fünf Prozent der per WLAN erzielten Einnahmen sollen in städtische Computerschulungskurse fließen. Ob es auch in San Francisco ähnliche Auflagen geben wird, steht derzeit noch nicht fest.

WLAN ist "illegal schnell"

Die US-amerikanische Telekommunikationslobby beobachtet die Entwicklung kommunaler WLANs äußerst argwöhnisch (Das Philadelphia-Projekt). Die großen US-Provider haben erheblich in den Ausbau ihrer Netze investiert und befürchten jetzt, dass zumindest die Privatkunden scharenweise zu den kostengünstigeren oder kostenlosen kommunalen Anbietern wechseln könnten. Ihre Lobbyarbeit konzentriert sich derzeit auf die gesetzgebenden Körperschaften in den einzelnen Bundesstaaten. Dreizehn Bundesstaaten haben mittlerweile Gesetze erlassen, die den Städten und Gemeinden das Recht beschränken, kommunale Stadtnetze einzurichten. Auch in Louisiana gilt ein entsprechendes Gesetz. Es verbietet Städten und Gemeinden, die Einrichtung kommunaler Netze mit einer höheren Datenübertragungsrate als 128 kbit/s.

Betroffen ist auch das durch Wirbelsturm und Wassermassen verwüstete New Orleans. Wirbelsturm Katrina hatte einen erheblichen Teil der städtischen Kommunikationsinfrastruktur zerstört. Deshalb hatte sich die Stadtverwaltung gleich nach der Katastrophe entschlossen, ein stadtweites WLAN mit einer akzeptablen Datenübertragungsrate von 512 kbit/s in Betrieb zu nehmen. Greg Meffert, Chief Information Officer von New Orleans, öffnete das bereits bestehende und noch halbwegs intakte städtische WLAN für jeden Bürger zum Nulltarif. Das Stadtnetz war ursprünglich errichtet worden, um die stadtweit verteilten Überwachungskameras miteinander zu verbinden. Um das Netz weiter ausbauen zu können, ging man auf Sponsorensuche, klopfte bei Yahoo und Google an und bat um Unterstützung - vergeblich.

Kein Wunder, meint Meffert. Die Telekommunikationslobby hat sich auf das zu schnelle WLAN in New Orleans eingeschossen. Derzeit werde der Gesetzgeber massiv bearbeitet, um das Verbot kommunaler WLANs weiter zu verschärfen. "Die Anbieter, die BellSouths dieser Welt, wollen uns nicht nur zur Aufgabe zwingen", sondern auch erreichen, dass schnelle kommunale WLANs selbst in Notfällen nicht mehr errichtet werden dürfen. Solche Notfälle regelte das Gesetz in Louisiana bisher nicht.

Wie sehr sich gerade Internetprovider BellSouth über das kostenlose und "illegal schnelle" WLAN in New Orleans geärgert hat, zeigt eine Anekdote am Rande. Wie die Washington Post bereits Ende letzten Jahres berichtete, zog BellSouth-Chef Bill Oliver aus Ärger über das "illegale" WLAN das großzügige Angebot seiner Firma zurück, der Polizei von New Orleans ein neues Gebäude zu spenden. Das alte Polizeigebäude war während des Wirbelsturms zerstört worden.

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