Letzter Ausstieg: Sinnlosigkeit

Timo Kozlowski 14.04.2006

"Final Destination 3" und das 9/11-Grauen

Angst als eines der ursprünglichsten Gefühle des Menschen war für das Kino schon seit jeher eine der Triebfedern - man denke nur an die entsetzten Besucher der Gebrüder Lumière, die vor der herandampfenden Lokomotive auf der Leinwand erschrocken zur Seite entflohen. Heute fällt auf diesen Regiekniff niemand mehr herein. Zum einen weil man weiß, dass die Lok nicht real ist, zum anderen aber auch, weil sich wie und wovor der Angst seit den Lumièreschen Zeiten gewandelt hat. Dazu muss man jedoch nicht so weit zurückgehen, um dies zu erkennen.

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Es genügt schon, den dritten Teil der Horror-Reihe "Final Destination" mit seinen beiden Vorgängern zu vergleichen - und schon erkennt man, wie die Terrorangst langsam zu einem Teil der populären Kultur wird.

Das Rezept der "Final Destination"-Filme ist sehr leicht recycelbar. Die Filme beginnen immer mit einer großen Katastrophe, der die Helden des Filmes ganz knapp dadurch entgehen, dass einer von ihnen - "Shining" lässt grüßen - diese Katastrophe und den eigenen nahen Tod vorhersieht und seinem Schicksal dadurch entfliehen kann.

In Teil eins explodiert ein Flugzeug mit einer Schülergruppe direkt nach dem Start, in Teil zwei kommt es zu einer Massenkarambolage auf der Autobahn, und in Teil drei entgleisen die Wägen einer Achterbahn. Damit sind die Helden zwar vorerst gerettet, aber einer nach dem anderen haucht unter mysteriösen bzw. phantasievollen Umständen sein Leben aus. Warum? Weil der Tod, so wird gemunkelt, sie auf seiner Liste hatte und Fehler in seinem Plan gnadenlos tilgt.

Filme als Recycelmaterial

Dieses Schema arbeiten alle drei "Final Destination"-Filme Punkt für Punkt ab. Was nun nach einem wenig inspirierten Hollywood-Aufguss eines zuvor erfolgreichen Konzeptes klingt - und davon gab es in den letzten Jahren von "Star Wars - Episode III" bis "Cheaper by the Dozen 2" etliche - wurde unter der Ägide von James Wong zu einem intelligenten kleinen Film über die Angst unter George W. Bush. Wong, der schon bei Teil 1 den Regiestuhl innehatte, hat das ursprüngliche Konzept in ein paar entscheidenden Details erweitert und auf den Kopf gestellt.

Die Charaktere sind in den drei Filmen zunächst nebensächlich und nur aufs Nötigste charakterisiert. Allein den Szenen ihrer "Tötung" gilt erzählerisches Interesse. Dadurch entstehen Tableaus des Todes, die durch ein ganz eigenartiges Aufeinanderwirken von Statik und Entwicklung geprägt sind. Teil eins wurde auf dem Höhepunkt der Kevin-Williamson-Welle in den 90er Jahren gedreht. Williamson hatte das Drehbuch zu "Scream" geschrieben, und damit nicht nur dem Regisseur Wes-"A Nightmare on Elm Street"-Craven zu einem Comeback verholfen, sondern auch das Genre des postmodernen Teenie-Slasher-Films geschaffen. "I know what you did last summer", "Halloween: H20" und "Freddy vs. Jason" sind die mehr oder weniger gelungenen Mitreiter auf dieser Welle, wie auch "Final Destination".

Mysterien- und Zeichenspiele

"Final Destination" versucht, sich in diese Reihe von Horror-Filmen einzureihen, doch künstlerisch scheiterte der Film deswegen, weil er mit keinem charismatischen Bösewicht à la Freddy Kruger aufwarten konnte. Stattdessen greift eine unsichtbare, übernatürliche Macht ins Geschehen ein. Aber sich selbständig bewegende Gegenstände wirken weit weniger eindrucksvoll als selbst der autistische Michael Myers.

"Final Destination 2" änderte die Erzählweise in einem wichtigen Detail ab: Das Übernatürliche wurde zu Gunsten eines kontinuierlichen Spiels mit Zeichen verringert. Der Anfang des Films ist exemplarisch dafür: Die Helden sind gerade dabei mit einem Van auf eine Autobahnauffahrt aufzufahren. Dazwischengeschnitten sind kurze Szenenausschnitte von Leuten, die schon auf dieser Autobahn entlangrasen - und dabei die Sicherheit völlig außer Acht lassen. Da wird bei Tempo 120 telefoniert, Zigaretten entzündet, Radiosender gesucht.

Die Integration dieser kurzen Szenen in die Gesamtszene macht schnell deutlich, dass die einzelnen kleinen Ereignisse nicht für sich selbst stehen, sondern auf etwas anderes hindeuten - den bevorstehenden Massenauffahrunfall. Verstehe, die Zeichen zu lesen - und du überlebst! Dieses Motto zieht sich durch den restlichen Film. Dadurch bekommt der Film einen anderen Ton als noch der erste "Final Destination"-Film. Vom Teenie-Horror zur Fingerübung in Spannungsaufbau, denn letztlich bleibt auch "Final Destination 2" ebenfalls ein recht irrelevanter Film.

Reset

James Wong hingegen setzt ein paar neue Aspekte in die Filmreihe. Zum einen erzählt er die Geschichte mit dem Anspruch, sie von Grund auf neu zu erzählen, ähnlich wie Christopher Nolan in "Batman Begins". Wong zitiert gewisse Elemente aus "Final Destination" und "Final Destination 2", aber er ignoriert sie anschließend - als ob er diese Pflicht erfüllen muss, obwohl sie gar nicht zu seiner Kür passt, weil er auf etwas anderes hinauswill.

Wong geht es nicht mehr um pseudometaphysische Auseinandersetzungen mit möglichen Plänen des Gevatters, es geht ihm nicht um ein simples Spiel mit Zeichen, sondern ihm geht es um die Darstellung einer omnipräsenten Furcht vor etwas, das von überall her und zu jederzeit zuschlagen kann und aus scheinbar harmlosen Dingen tödliche Waffen macht. Es ist die Furcht vor etwas Ungreifbarem.

In den 50er Jahren, zu Beginn des Kalten Krieges, gab es im Kino eine Welle von ähnlichen Filmen, in denen sich scheinbar harmlose Nachbarn als Spione aus dem Ostblock entpuppten. Der Nachbar als Schläfer thematisiert eine vergleichbare Angst, wie sie heute umgeht. Natürlich nicht mehr vor Agenten aus dem "Reich des Bösen", es ist die Angst vor dem Terrorismus und vor unseren muslimischen Nachbarn.

Besonders beeindruckend ist dies in Robert Schwendtkes "Flightplan". Als Jodie Foster auf der Suche nach ihrer Tochter die beiden arabischen Fluggäste beschuldigt, das Kind entführt zu haben, hat sie nicht nur das ganze Flugzeug auf ihrer Seite sondern auch den einen oder anderen Zuschauer im Kino.

Dem Sinnlosen einen Sinn geben

"Flightplan" thematisiert diese Angst ganz direkt, weiß aber letztlich nichts so recht mit dem Thema anzufangen - besonders in Hinblick auf die letzte Einstellung des Films, in der sich nicht Jodie Foster für ihre unbegründete Beschuldigung entschuldigt sondern der arabische Fluggast. "Final Destination 3" spricht diese Angst indirekt an.

Es gibt in dem Film keine arabischen Terroristen - letzten Endes ist selbst die Existenz einer übernatürlichen Macht, die ins Geschehen eingreift, ungewiss. Alle Todesfälle könnten auch ein Zufall gewesen sein. Und dieses bewusste Pendeln der metaphysischen Ebene der Geschichte im Ungewissen ist die große Stärke des Films, denn es ist dieselbe diffuse Angst, die Amerika vor den Al Quaida-Terroristen empfindet.

Der Gegner ist unsichtbar und unberechenbar. Wo wird der nächste Anschlag sein? Wen wird es als nächsten treffen? Der Gegner ist amorph. Man könnte jeden Tag an ihm vorübergehen ohne irgend ein Moment des Verdachts. Wie kann so ein Gegner, der sich nicht manifestiert, bekämpft werden? Stattdessen werden Stellvertreterkriege geführt, um dem Feind ein Gesicht zu geben.

Osama bin Laden ist einer der beiden Hauptfiguren in diesem Medienkrieg. Seine medienpolitische Bedeutung dürfte seine operativen Bedeutung um ein Vielfaches überragen. Die andere Hauptfigur ist Saddam Hussein, dessen wirkliches Bedrohungspotenzial seit dem erklärten Ende der Kampfhandungen in Irak als immer geringer angesehen wird.

"Final Destination 3" verweigert diese Personifizierung diffuser Ängste - es gibt weder fiktive Mörder wie Freddy und Co noch reale wie bin Laden und Saddam. Deshalb konnte der erste "Final Destination"-Film noch nicht funktionieren. In der Zeit der 90er-Jahre Bubble-Economy musste der Schrecken ironisch gebrochen werden, um noch ernst genommen zu werden. Erst die allgemeine Paranoia nach dem 11. September gab der Idee des Films eine soziale Bedeutung. "Final Destination 2" war in dieser Hinsicht noch nicht konsequent. Erst "Final Destination 3" gelingt es, neben der vordergründigen Story eine zweite Ebene im Film zu installieren, auf der diese gesellschaftliche Furcht dargestellt wird.

Um die Kirche im Dorf zu lassen: "Final Destination 3" ist weder ein politischer noch ein ästhetisch relevanter Streifen, aber es ist ein für das Jahr 2006 durchaus symptomatischer Film. Wie kaum einem anderen Film der letzten Zeit gelingt es ihm, diese diffuse Angst einzufangen und gleichzeitig die Beliebigkeit dieser Furcht zu entlarven. Die Frage nach dem "Warum?" einer Katastrophe ist - neben dem rein technischen Aspekt natürlich - eine der ältesten theologischen Fragen.

Im Christentum wird dazu ein "Gottesplan" erdacht, der für die Menschen nicht einsehbar sei; Im Hinduismus und Buddhismus werden zur Begründung die Sünden aus dem vorherigen Leben herangezogen, um dem sinnlosen Sterben einen Sinn zu geben. Und auch in den "Final Destination"-Filmen wird kontinuierlich versucht, für das Geschehen einen Sinn zu finden - auch der Anschlag vom 11. September 2001 wird dabei bildlich zitiert. Und wo er nicht gefunden wird, wird ein Sinn konstruiert, denn das Ganze Sinnkonstrukt des Films kann ohne weiteres zum Einsturz gebracht werden. Ist alles nicht doch nur ein Zufall gewesen? Gibt es gar keinen Plan des Todes?

"Final Destination 3" erzählt die Geschichte von der Sinnsuche ? und verweigert den Figuren und auch dem Zuschauer am Ende eine Antwort. Der Tod bleibt ebenso sinnlos wie die Toten im World Trade Center und der Irakinvasion.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22457/1.html
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