Deutschland auch Windenergie-Exportmeister?
In fünf Jahren haben die USA Deutschland als Weltmeister abgehängt - aber wann werden deutsche Firmen davon profitieren?
Der US-Windmarkt wuchs 2005 um 36%. Der globale Windmarkt legte sogar um ganze 43% zu. Knapp 2.500 MW installierter Leistung kamen alleine in den USA hinzu - mehr als in jedem anderen Land. Deutschland folgte immerhin an zweiter Stelle mit rund 1.800 MW neu installierter Leistung. Die USA dürfte 2006 trotz fehlender Energiepolitik auf Bundesebene vom dritten Platz auf den zweiten vorrücken, wenn Spanien seinen knappen Vorsprung verliert. Danach kommt nur noch Weltmeister Deutschland, das heute immerhin noch fast doppelt so viel installierte Leistung hat wie die USA. Während aber der deutsche Windmarkt gesättigt ist und die Zuwächse nur noch schrumpfen dürften, legt der Weltmarkt erst los.
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| Ein Windpark nahe San Francisco/Kalifornien. Die alten Windräder mit den "offenen" Türmen sehen aus wie Strommasten, stehen aber dicht gedrängt und produzieren wenig Strom. Sie werden nach und nach durch größere Windräder mit "geschlossenen" Türmen ersetzt, die nicht so dicht stehen - so wie sie in Deutschland auch bekannt sind. Foto: Craig Morris |
2006 könnte die USA einen neuen Rekord aufstellen, wenn die prognostizierten 3.300 MW hinzukommen - mehr als je zuvor in einem Land und in einem Jahr. "Wir haben das genauso gewollt", witzelte Peter Ahmels, Präsident des Bundesverbands WindEnergie, mit seinen Kollegen von der American Wind Energy Association (AWEA) auf einem Windseminar in Hamburg Anfang März. Schließlich brüsten sich sowohl die deutsche Wind-, als auch die hiesige Photovoltaikindustrie vor allem als zukünftige Exportgeschäfte. Komisch nur, dass der Ausbau in den USA an deutschen Firmen vorbei zu gehen scheint.
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63% der im Jahre 2005 in den USA aufgestellten Windkraftanlagen kamen von GE, 25% vom dänischen Weltmarktführer Vestas. Da bleiben nur 12% für alle anderen. Der größte deutsche Hersteller Enercon boykottiert den US-Markt bewusst nach einem Patentstreit, der hier nachzulesen ist. Kurz: Die Deutschen reden von Wirtschaftspionage, die Amerikaner von einem Patentstreit - solche "gibt es ja immer". Der Bericht stammt übrigens von 1999. Heute kräht kein Hahn mehr danach. Für die deutsche Windindustrie hat sich das Thema erledigt, für die Amerikaner war die Angelegenheit nie ein Thema.
Dabei entsteht erst heute der Schaden, denn der US-Markt boomt ausgerechnet mit der Turbine, die die Firma Kenetech geklaut bzw. gebaut hat. Kenetech meldete später Insolvenz und wurde übernommen - von GE. In Deutschland und den USA feiert die gleiche Technik den größten Erfolg, nur mit anderen Patentinhabern.
Erklärt die Furcht von einer unfairen Behandlung die beinahe komplette Abwesenheit deutscher Windturbinenhersteller vom US-Markt? Jedenfalls war das Windseminar in Hamburg für den US-Markt bei weitem nicht so gut besucht wie das Seminar für Frankreich, obwohl in Frankreich gar nicht so viel in Sachen Wind los ist. Annette Nüsslein von windConsultant, die beide Seminare organisierte, glaubt nicht, dass deutsche Firmen Angst vor Wirtschaftspionage in den USA haben. "Die deutschen Windenergie-Unternehmen, die sich in einem geregelten Markt - dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) - entwickeln konnten, schätzen am französischen Markt natürlich die vergleichbaren gesetzlichen Regelungen, denn das deutsche EEG diente als Vorbild." Mangels einer bundesweiten Energiepolitik ist die Förderung der Windenergie in den USA nämlich vom Bundesstaat zu Bundesstaat anders - wenn überhaupt vorhanden.
Die üblichen Schikanen
Das erklärt jedoch nicht, weshalb Christian Kjaer, Chef der European Wind Energy Association, in der Januar/Februar-Ausgabe von Refocus Magazine mit kritischen Äußerungen über den französischen Strommarkt zitiert wird: Wenn man auch nur einen Windpark mit wenigen MW Leistung aufstellen möchte, müsse man ein 200-seitiges Formular ausfüllen. Wegen solcher Hindernisse zum Netzzugang verlangte die EU-Kommission eine Erklärung von Frankreich, das wie alle EU-Länder seine Stromnetze bis Mitte 2007 liberalisiert haben muss.
Vermutlich sind dies nur die üblichen Schikanen in der Geschäftswelt, die es selten bis zu den Tagesthemen schaffen, wenn es nicht um Giganten wie Microsoft oder Infineon geht. Ein deutscher Windparkbetreiber erzählte mir, dass die französischen Gesetze teilweise außer Kraft gesetzt werden, damit seine Firma dort bloß nicht zum Zuge kommt. Trotzdem hat Enercon sein erstes französisches Vertriebsbüro im Januar eröffnet, denn das Land soll seine installierte Windkraftleitung dieses Jahr von 800 MW auf 1.600 MW verdoppeln.
Ein hartes Geschäft also - schließlich wird die Technik in Asien ratzfatz nachgemacht. Dort ist der Patentschutz auch ohne Spionage nicht besser. "Europäisches Know-how, lokale Fertigung - darauf setzt auch die Suzlon Energy Ltd", beschrieb die Zeitung Energie&Management die Situation letzten Oktober. Die indische Firma hat übrigens 2005 mehr Turbinen als alle anderen Hersteller außer Vestas aufgestellt, vor allem in Indien (das Dänemark 2005 überholt hat und nun hinter den USA an vierter Stelle steht), aber auch in den USA in Projekten, die teilweise vom Agrarmaschinenhersteller John Deere finanziert werden.
Enercon darf zwar mittlerweile in den USA verkaufen, solange sie Geld für die (wie sie sagen) eigens entwickelte Technik an GE überweist. Aber wozu? Schließlich boomt der Weltmarkt, von Australien bis Kanada. Andererseits ist und bleibt vermutlich der US-Markt der größte, was das Wachstum betrifft: selbst der Ausbau für die oben erwähnte geplante Verdoppelung der Kapazität Frankreichs im laufenden Jahr macht nicht einmal ein Viertel des prognostizierten Ausbaus in den USA aus.
Alois Wobben, Chef bei Enercon, sagte letzten Sommer gegenüber der Ostfriesen-Zeitung, was ihn vom US-Markt abhält: "Was soll ich in einem Land, das einen ungerechten Krieg begonnen hat?" Wenn man sich solche Freiheiten als Geschäftsmann erlauben kann, kann es einem gar nicht so schlecht gehen.
Craig Morris übersetzt bei Petite Planète Translations. Sein Buch Zukunftsenergien ist in der Telepolis-Reihe erschienen und kommt im Sommer als Energy Switch auf englisch heraus.
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