Wir werden immer mehr

Ernst Corinth 14.04.2006

Das größte Online-Stadion der Welt

Schon Karten für die WM? Dann schnell hin zu Ebay, wo sich Leute mit den begehrten Karten eine goldene Nase verdienen wollen. So lagen noch vor kurzem die Gebote für zwei Karten für das Spiel Deutschland-Ecuador bei rund 600 Euro, für das Hammerspiel Portugal-Iran bei 450 Euro und für die absolute Spitzenbegegnung Japan-Kroatien bei 360 Euro. Und wer sich das Viertelfinale am 30. Juni in Berlin nicht entgehen lassen will, der muss für drei Karten per Sofortkauf 1998 Euro zahlen. Wahnsinn!

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Aber es geht auch entspannter und billiger. Und ich habe es inzwischen tatsächlich geschafft. Bei der Fußball-WM bin ich dabei. Zwar nur virtuell, aber immerhin im größten Online-Stadion der Welt.

Dort hock ich nun ganz rechts in Block D, Tribüne 9. Neben mir sitzen "Hukeram" aus Polen und "Ruthless" aus Ungarn und genau hinter mir ein Paar aus Neuseeland. Weiter links hat sich übrigens ein ganzer Trupp Engländer Plätze gesichert, aber ebenfalls zum Glück nur virtuell. Wer bei diesem Spaß noch mitmachen möchte, muss sich sputen. Inzwischen sind mehr als 29.400 Plätze bereits vergeben, und ich musste recht lang nach einem freien Platz suchen. Danach musste ich diesen anklicken, mir anschließend eine kleine Fan-Figur aussuchen und mit entsprechenden Klamotten ausstaffieren (man beachte bitte wie elegant mein Alter Ego "eco2006" ausschaut!), danach meine E-Mail-Adresse angeben und schon war der Platz für mich kostenlos reserviert.

Die Idee zu diesem Projekt ist im vergangenen Dezember entstanden – aus Frust. Die vier Betreiber dieser Seite, Eylem Schwanke (Technik), Miriam Bette (Design), Dali Ivkovic (Flash) und Floyd Celluloyd (Illustration), die sonst ihre Semmeln bei einer Nürnberger Agentur verdienen, haben sich wie viele andere auch vergeblich um WM-Karten beworben. Und diesen Frust dann nach Feierabend in kreative Energie umgesetzt. Los ging es am 17. März und innerhalb von nur zwei Wochen waren mehr als 20.000 Plätze bereits vergeben. Ein erstaunlicher Erfolg, weil es zu dem Projekt damals weder eine Pressemeldung noch –berichte gab. Mit dabei sind inzwischen Fans aus rund 110 Ländern, darunter "Exoten" aus Katar, Panama und Jamaika. Den größten Block stellen allerdings die Deutschen, obwohl die Seite auf Englisch ist.

Mit ihrem Projekt versuchen die Betreiber, wie sie Netzwelt.de verraten haben, einen Rekord aufzustellen: die Errichtung des größten, jemals im Internet existierenden Stadions. Und angestrebt wird mittlerweile die Kapazität des Berliner Olympiastadions mit exakt 66.021 Plätzen. Aber vor allem soll es den Teilnehmern einfach Spaß machen. So kann man mit einem Mausklick E-Mail-Kontakt zu seinen Sitznachbarn oder anderen Fans im Stadion aufnehmen. Und wer sich zwischendurch ein virtuelles Bier holen möchte und deswegen auf eines der Ausgangs-Schilder ("Exit") klickt, dem werden dann kleine Flash-Spiele angeboten. Was ja wesentlich sinnvoller ist als ein virtuelles Bier.

Ein paar Werbebanner wurden im Stadion bereits mit dem Versprechen verkauft: "Advertising - pay once - be placed forever. Be a part of the stadium - make history!" Eines jedoch ist ein Schlag ins Wasser gewesen. Bei Ebay haben die Stadion-Besitzer kürzlich die ersten zwei Karten für ihre geplante virtuelle VIP-Tribüne angeboten. Und nur ein einziges Gebot ist dafür eingegangen in Höhe von einem einzigen Euro. Aber wer will schon VIP sein bei diesem zwar völlig sinnfreien, aber umso witzigeren Projekt?

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22471/1.html
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