Warum Menschen töten
Einfache Erklärungen und interdisziplinäre Forschungsansätze
An den meisten Tagen reicht ein kurzer Blick in die Abendnachrichten, um festzustellen, dass sich Menschen nicht davon abhalten lassen, andere Menschen zu töten. In bestimmten Momenten versagen Erziehungsmodelle und psychologische Hemmschwellen, neueste Deeskalationsstrategien und Jahrtausende alte Kultur- und Zivilisationsgeschichten. Die Täter unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Motive, ihres Schuldbewussteins und der strafrechtlichen Konsequenzen, sie handeln im rechtsfreien Raum oder im staatlichen Auftrag und natürlich in völlig unterschiedlichen Dimensionen, was die Zahl ihrer Opfer angeht. Während in Deutschland pro Jahr 900 bis 1.000 Fälle von Mord und Totschlag registriert und weltweit maximal ein Prozent dieser Straftaten von psychisch besonders abnormen Tätern begangen werden, lassen sich die Opfer von Krieg und Völkermord oft nur in Hunderttausenden oder Millionen zählen.
Die Frage, wann und warum Menschen die Hemmung verlieren, ihresgleichen zu töten, wird seit vielen Jahren von gleich mehreren wissenschaftlichen Disziplinen diskutiert. Die österreichische Journalistin Dorothee Frank hat für den Radiosender Österreich 1 und nun auch in Buchform die aktuelle Forschungsliteratur, zahlreiche Fallbeispiele sowie Befragungen von Tätern und Opfern zusammengetragen, um der Antwort ein Stück näher zu kommen.
Frank ist sich dabei wohl bewusst, dass ihre Vergleiche hinken, und das nicht nur, weil sie Serientäter - aufgrund ihrer besonderen psychischen Voraussetzungen -, Frauen - wegen ihrer zahlenmäßigen Seltenheit –,Tötungen aus Notwehr oder Suizide weitgehend unberücksichtigt lässt. Von den Raubmorden, Eifersuchtsdelikten und Affekthandlungen, die im ersten Teil ihres Buches analysiert werden, führt kaum ein Weg zu den Hinrichtungen, Kriegshandlungen, Genoziden und Terroranschlägen, die anschließend zur Diskussion stehen. Wer andere Menschen tötet, um seinen Sexualtrieb zu befriedigen, sich persönlich zu bereichern oder seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen, wird von der Gesellschaft anders beurteilt und behandelt als derjenige, der im staatlichen Auftrag handelt, seinen religiösen Verpflichtungen zu gehorchen glaubt oder den Einflüsterungen einer inhumanen Ideologie gehorcht.
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Auch ihre persönliche Disposition unterscheidet sich in vielen Fällen grundlegend. Während die Taten, die in einem mehr oder weniger privaten Umfeld stattfinden, auf bestimmte Charakterstrukturen, traumatische Kindheitserlebnisse, das soziale Umfeld, Alkohol- und Drogenkonsum und möglicherweise auch auf genetische Fehlentwicklungen – wie eine Dysfunktion im präfontalen Cortex oder eine besonders niedrige Aktivität des Serotonin abbauenden Enzyms Monoaminooxidase A – zurückgeführt werden können, lassen sich Tötungshandlungen im Rahmen größerer Auseinandersetzungen oft auf eine gezielte Konditionierung, die zufällige, aber nicht weniger unheilvolle Koinzidenz von persönlichen Voraussetzungen und historischen Ereignissen oder auf eine temporäre Sexualisierung destruktiver Impulse zurückführen, die der Sexualforscher Eberhard Schorsch als "passageren Sadismus" bezeichnete.
Um all diesen Aspekten gerecht zu werden, hat Frank die Erklärungsversuche von Psychiatern, Psychologen, Hirnforschern, Historikern, Menschenrechtsjuristen, Verhaltensbiologen, Kulturanthropologen und Philosophen einbezogen und damit die Voraussetzungen geschaffen, um das Phänomen aus acht verschiedenen oder einer übergeordneten Perspektive betrachten zu können.
Letzteres wäre zielführender, denn die Autorin glaubt, einige Merkmale gefunden zu haben, die für Menschen, die andere Menschen töten, in annähernd gleicher Weise konstitutiv sind. In den meisten Fällen handelt es sich um Täter, die im Alltagsleben keine besonderen Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Es sind vorwiegend die sprichwörtlichen "Menschen wie du und ich", die in bestimmten Situationen jede Tötungshemmung verlieren und einzelne Gewalttaten oder bis dahin unvorstellbare Exzesse verüben können.
Fehlende oder ausgetriebene Empathie mit dem Opfer
Christopher Browning hat über diesen weit verbreiteten Typus bereits 1993 die Untersuchung "Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ´Endlösung´ in Polen" vorgelegt. Die 500 Mitglieder dieser Einheit hatten während des Zweiten Weltkriegs mindestens 38.000 Juden erschossen und über 45.000 nach Treblinka deportiert.
In den 60er Jahren bewies auch das berühmt gewordene Experiment des Psychologen Stanley Milgram, dass Durchschnittsbürger ohne erkennbaren Hang zu Aggression und Gewalt unter dem Druck einer von ihnen akzeptierten Autorität zu bis dato unvorstellbaren Handlungen fähig sind. Unter dem Vorwand, den Zusammenhang von Lernerfolg und Bestrafung zu untersuchen, waren über 60% der Probanden schließlich bereit, ihre "Schüler", die im Nebenzimmer schrieen und um Gnade flehten, mit einem Stromstoß von 450 Volt zu bestrafen, der unter realen Bedingungen natürlich tödlich gewesen wäre.
Dorothee Frank sieht die Gemeinsamkeit der Tötenden aber nicht nur in ihrer Normalität und prinzipiellen Freiheit, etwas zu tun oder eben nicht zu tun, die trotz aller möglichen Einflussfaktoren bei geistig gesunden Tätern vorausgesetzt werden muss. Sie bemüht sich auch um eine "Systematisierung der Beweggründe". Angst, Hass, ein verletztes Selbstgefühl, Wut über vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, Rachsucht, Machthunger und Besitzgier bilden ihrer Einschätzung nach oft ein Motivbündel, das – wie im Fall der Besitzgier – sowohl bei Raubmord als auch bei Eroberungskriegen oder Genoziden, in deren Verlauf dem Einzeltäter die Verantwortung durch eine "höhere" Instanz abgenommen wird, in Betracht kommen kann.
Der entscheidende gemeinsame Nenner ist freilich die fehlende Empathie mit den potenziellen und realen Opfern. Sie werden von Raubmördern, Staatsanwälten, welche die Todesstrafe beantragen, und Terroristen, die ganze Völker und Kulturkreise in Sippenhaft nehmen, oft gleichermaßen verdinglicht und ihrer Menschenwürde beraubt. Das kann durch eigene Zwangsvorstellungen geschehen oder im Rahmen einer Kampfausbildung präzise vorbereitet werden. So gelang es den amerikanischen Militärs, nachdem bekannt geworden war, dass im Zweiten Weltkrieg offenbar nur 25% der Frontsoldaten tatsächlich auf ihren Gegner geschossen hatten, diese Quote im Koreakrieg auf 55% und in Vietnam dann auf bis zu 95% zu steigern. Ein Soldat, der 2003 am Irak-Krieg teilnahm, wird in Evan Wrights Buch "Generation Kill" (Zweitausendeins-Verlag 2005) mit den Worten zitiert: "Wir müssen in der Grundausbildung 3000-mal am Tag ´Töte!´ sagen. Deshalb ist es so leicht."
Frank belegt diesen Aspekt mit einer Vielzahl gleichklingender Zitate aus völlig unterschiedlichen Zusammenhängen. Ein Raubmörder, der auf der Flucht einen Polizisten erschossen hat, gibt zu Protokoll:
Damals war ich nicht in der Lage, die Konsequenzen dessen zu erfassen, was ich da wirklich anrichtete. Mir hat das Gefühl gefehlt, dass mir da ein Mensch gegenübersteht. Mir war nicht klar, dass das ein Familienvater ist, dass der ebenfalls Kinder hat, dass da eine Frau im Spiel ist und dass dieser Mensch einfach tot ist.
Robert Horan, Staatsanwalt im US-Bundesstaat Virginia, wo seit der Wiedereinführung der Todesstrafe nach Texas die meisten Hinrichtungen stattfanden, beschreibt die Menschen, die seiner Meinung nach zu Recht exekutiert werden, mit den Worten:
Es ist "eine andere Art von Tier". Sie befinden sich jenseits des Gemütszustands eines normalen Mörders. (....) Sie haben, was ich "fundamentale Bösartigkeit" nenne.
Auf die Frage, warum er nie selbst an einer Hinrichtung teilgenommen hat, entgegnet der Staatsanwalt:
Ich bin niemals eingeladen worden. (lacht) Hätte man mich eingeladen, wäre ich gekommen. (...) Aber in der Tat wäre ich glücklich, hinzugehen und "den Todesstoß auszuführen", wenn mich jemand darum bitten würde. Ich bin gefühlsmäßig so stark in die Fälle involviert – da hätte ich keinerlei Vorbehalte, es zu tun. Ich war eben einfach nie eingeladen. Wenn Sie mich einladen, werde ich gehen.
Ein Ausbilder der US-Armee unterscheidet strikt zwischen "Kerl" und "Ziel":
Wir sagen nicht: "Greif diesen Kerl da an." Sondern immer: "Greif dieses Ziel an!" Die Leute sollen sich nicht fragen, ob der Kerl vielleicht drei Kinder hat.
Der frühere IRA-Terrorist Pat Magee, der 1984 fünf Menschen in die Luft sprengte und heute mit der Tochter eines seiner Opfer in der Organisation The Forgiveness-Project zusammenarbeitet, beschreibt seinen damaligen Gemütszustand:
Sie hatten uns dämonisiert und entmenschlicht, und wir hatten sie dämonisiert. Ich hatte nur gesehen, dass ich Tories aufs Korn nahm. Ich betrachtete sie nicht als menschliche Wesen. Sie waren Tories, also schuldig und legitime Ziele.
Eine gemeinsame Folge des Tötens – gleichgültig aus welchen Motiven – ist zweifellos die Traumatisierung der Angehörigen, die von Frank immer wieder in die Betrachtung einbezogen werden. Ihre Reaktion bildet allerdings auch wieder die Grenze der Vergleichbarkeit. Das Bedürfnis nach Rache, Bestrafung und in Einzelfällen nach Versöhnung führt schließlich zu der Frage, ob und wie Tötungsdelikte, mit denen die Täter selbst in sehr unterschiedlicher Weise umgehen, gesühnt werden können. Die Palette reicht hier bekanntlich selbst in Gesellschaften, die sich für zivilisiert halten, von der Todes- oder lebenslangen Haftstrafe bis zur Ordensverleihung und Pension für verdiente Veteranen. Schuld muss offensichtlich nicht immer gebüßt, sondern kann, wenn der Staat die Tötungshandlungen autorisiert hat, auch delegiert oder – auf die Mitglieder einer Tätergruppe – verteilt und damit diffundiert werden.
Schuld ist also in der Praxis keine objektive Größe, sondern eine subjektive, kulturell unterschiedlich zu beantwortende Frage der – fremden und eigenen – Zuschreibung.
Da diese Feststellung letztlich für das gesamte Thema gilt und die Vielzahl persönlicher Stellungnahmen im Grunde immer wieder das Individuelle, Unverwechsel- und eben nicht Austauschbare der einzelnen Fälle betont, kann der Versuch einer systematischen Zusammenschau letztlich nicht von Erfolg gekrönt sein. Dass Frank ihn trotzdem unternommen hat, fördert interessante Aspekte zutage, die eine individuelle, möglichst differenzierte Betrachtung allerdings nicht ersetzen können.
Dorothee Frank: Menschen töten. Patmos Verlagshaus März 2006. 280 Seiten. € 19,90
- Einverstanden (10.5.2006 7:25)
- Gedankenspiele (23.4.2006 2:10)
- Danke für den Tipp! (22.4.2006 3:13)
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