Kohlenhydrate statt Kohlenwasserstoffe

Craig Morris 27.04.2006

Bunte neue Fahrradwelt auf der Spezialradmesse 2006

Sprit zu teuer? Beschweren Sie sich doch nicht bei den armen Ölmultis - die können ja auch nichts dafür, dass die Ölförderung mit der Nachfrage nicht mehr mithalten kann (Peak oil im Sommerloch). Steigen Sie einfach aus! Die dunklen, kalten Wintertage haben wir so langsam hinter uns, zumindest für ein halbes Jahr. Die Fahrradsaison ist eröffnet, und auf der Spezialradmesse 2006 am 29.-30. April in Germersheim kann man sehen, dass man sich lange nicht mehr nur auf Mountain Bikes, Trekkingräder, und Rennräder beschränken muss. Heute gibt es neben altbekannten Falträdern auch Räder mit Elektrounterstützung, Tandemliegeräder und "recumbent trikes" in der Delta- oder Kaulquappeausführung.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Ein echter Hinkucker, der Twike - aber seit mehr als 4 Jahren nicht billiger geworden

Anscheinend steigen die Spritpreise nicht schnell genug, denn Audi hat seinen 3-Liter-A2 vom Markt genommen, und den Lupo 3L gibt es auch nicht mehr zu kaufen. VW stampfte schon vor Jahren seinen Prototyp eines 1-Liter-Zweisitzers ein. Bleibt immerhin noch der smart fortwo coupé mit 30 kW und einem Verbrauch unter 4 Liter pro 100. Und während der Audi A2 locker € 18.000 und der Lupo 3L auch gut € 14.000 kostete, kriegt man den kleinen 2-Sitzer smart ab rund € 11.000.

Will man was Kleineres und Sparsameres, wird es ironischerweise richtig teuer, denn alles, was drunter liegt, sind Spezielanfertigungen - wenn nicht Einzelanfertigungen. So kostet das Zweisitzer-Elektrodreirad twike immerhin bis zu € 20.000. Dafür kann man nicht so weit wie mit einem smart fahren (rund 40-90 km Reichweite pro Batterieladung, aber mit einer Spitzengeschwindigkeit von immerhin rund 90 km/h), und das "Tanken" dauert Stunden, wenn man vorher eine Steckdose gefunden hat.

Das "Conference Bike", das auf der Messe zu sehen sein soll

Die Rikschas, die man heute in vielen deutschen Städten als Velotaxis sieht, könnte man als sparsame Stadtwagen verwenden, aber sie werden eigentlich gar nicht einzeln verkauft - kosten aber rund € 8.000. Damit kommt man dennoch weder wirklich schnell voran noch weit: rund 10 km/h je nach Batterieausstattung und Fläche 3-4 Stunden Fahrtzeit. Laut Herrn Reinbold von der Freiburger Velotaxi-Filiale ist dies momentan eine versicherungstechnische Lösung: "Ab 11 km/h müssten wir versichert sein wie Mofos." So aber kann das Velotaxi überall fahren, wo Fahrräder fahren dürfen - und Taxis eben nicht. "Dadurch sind wir in Fußgängerzonen trotzdem schneller als Taxis."

Theoretisch könnte man diese Karosserien in Massen herstellen und mit größeren Motoren bauen. Interessant wäre die Karosserie des Twikes - natürlich massenhergestellt, um den Preis zu senken - mit einem kleinen Hybridmotor mit wenigen kW Leistung, damit man sparsamst vorwärts kommt.

Aber was ist die Alternative, wenn man € 20.000 für einen Twike nicht gerade locker hat und auch im Winter, im Regen, und auf Glatteis fahren muss?

Der Scorpion: Ein Dreirad mit zwei 20"-Rädern vorne und ein 20"-Rad hinten. Diese "Kaulquappeanordnung" (tadpole) kippt nicht nur nicht so leicht in Kurven um wie die Deltadreiräder (zwei Räder hinten wie ein Kinderdreirad), sondern bleibt wie alle Dreiräder selbst auf Eis und nasser Fahrbahn sicher stehen. Kleines Schmankerl: Auf Touren ist ein bequemer Sitz gleich mit dabei, was allerdings weniger in Cafés als auf Zeltplätzen vorteilhaft ist. Verkleidungen gibt es auch, damit man im Regen trockener bleibt - dann heißt das Vehikel "Velomobil" http://de.wikipedia.org/wiki/Velomobil.

"Recumbent trikes": Liegedreiräder

Ein Liegedreirad ist eine völlig andere Erfahrung -- und in allen Hinsichten angenehm. Man sitzt bequem; der Po tut auch nicht nach einigen Stunden weh -- der Nacken sowieso nicht. Bergauf hat man zwar einiges zu schleppen, denn ein Dreirad kann locker 17 Kilo wiegen (ein Rennrad wiegt meistens halb so viel), aber sonst ist das Liegedreirad in allen Punkten überlegen. Wird es einem zu steil, zieht man einfach kurz die Bremse, bis sich der Atem wieder beruhigt hat. Absteigen muss man ja nicht, deswegen kommt man bei Pausen auch nicht aus dem Tritt: Man tritt einfach weiter, sobald man Bock hat. Und während man auf einem Rennrad die Nasenspitze am Vorderreifen schleift und sich den Nacken verrenken muss, um etwas von der schönen Landschaft, die man ja bereisen wollte, mitzubekommen, hat man auf einem Liegedreirad immer den Panoramablick.

Die ganze Kraft fließt auf einem Liegedreirad durch die Beine. Wie jeder Rennradfahrer weiß, ist man nach dem ersten mehrstündigen Ausflug nach dem Winter völlig erschöpft, vor allem weil der Oberkörper auch so stark mitschuftet. Auf einem Liegedreirad arbeiten die Arme und der Nacken überhaupt nicht mit, und man bekommt die Umwelt trotzdem problemlos mit.

Das Liegerad-Tandem von Mandy Helmis und Benjamin Jacob, die nach ihrem Vortrag auf der Messe die Welt per Velo umrunden wollen

Dabei hat man viel Kraft auf einem Liegerad, denn man drückt sich in den Sitz -- das bringt mehr Widerstand als stehend auf einem Rennrad zu treten. Auf ebenen Strecken haut man auch gut ab, denn trotz des Reibewiderstands von drei Rädern ist man liegend ziemlich windschnittig. Bergab schwenkt das Dreirad leicht hin und her beim Treten in hohen Geschwindigkeiten. Gewöhnungsbedürftig ist außerdem das Bremsen mit zwei Rädern vorne - schwer, beide Räder gleich stark abzubremsen. Man könnte schlimmstenfalls bei sehr sportlichem Fahren die Kontrolle verlieren. Eine Hydraulikbremse soll selbst in Kurven für gleichmäßiges Bremsen sorgen, kostet allerdings einige Hundert Euro mehr.

Die Auswahl an Liegedreirädern ist heute unübersichtlich. Etwas Konsolidierung würde dem Markt nicht schlecht tun, wie Google zeigt: Unter den ersten Treffern für recumbent trike sind auch einige Do-it-yourself-Webseiten. Ein Nischenmarkt also, in dem die größten Hersteller den Absatz in Hunderten zählen. Die billigsten sind für $1300 zu haben, aber man zahlt schnell € 2500.

Unter den größten Hersteller sind neben Greenspeed aus Australien neuerdings auch der deutsche Liegeradhersteller HP Velotechnik, der vor allem für seine Liegeräder mit zwei Rädern bekannt ist. Sein Scorpion hat die bei HPs Liegerädern verwendete Federtechnik übernommen, die die Stöße von der Strasse aufnimmt, ohne die Kraft des Fahrers aufzusaugen wie die Federgabeln von Mountainbikes.

Diese und andere Radformen kann man Ende April in Germersheim Probe fahren. Für mehr Infos sei die deutschsprachige Webseite mit dem englischen Namen human powered vehicles empfohlen. Und falls die Strecke zu weit ist für ein Fahrrad und die Bahnverbindung zu doof, fahren Sie einfach mit dem Auto: per Car-Sharing oder Mietwagen.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22523/1.html
Kommentare lesen (112 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Science Fiction am Ende?

Heute sind an die Stelle der kühnen Was-wäre-wenn-Gedankenexperimente billige Horrorszenarien getreten

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Nazi-Virus im Film

Die NS-Propagandafilme bleiben im Giftschrank eingeschlossen, als wäre die NS-Ideologie eine ansteckende Krankheit. Aber stimmt das auch? Ein Erfahrungsbericht.

Hitlerjunge Quex

Hans Westmar - Ein deutsches Schicksal

Braune Volkstänzer im russischen Wald

Verwehte Spuren

mehr

Vom Datum zum Dossier Die Neurogesellschaft Datenschatten
bilder

seen.by


TELEPOLIS