Wie soll ein Muslim im Weltraum beten?

Florian Rötzer 28.04.2006

Malaysia darf nächstes Jahr einen Astronauten ein paar Tage zur Weltraumstation schicken und ist mit heiklen Fragen konfrontiert

Die islamischen Staaten stehen vor dem Problem, manche ihrer zentralen Glaubensvorschriften neuen Bedingungen anpassen zu müssen. Malaysia ist zwar nicht so streng islamisch wie viele andere Staaten im Nahen Osten. Vor allem der ehemalige Premierminister Mahathir Mohamad hatte versucht, Islam mit Technik und Wissenschaft zu versöhnen und so den Islam zukunfts- und wettbewerbstauglich zu machen (Wissen und Waffen: Wiederherstellung der alten Größe der islamischen Kultur). Vier Kandidaten – darunter eine Frau! – hat nun Malaysia nach Russland geschickt, um sie dort für die im Oktober 2007 geplante 10-tägige Fahrt in den Weltraum zur internationalen Weltraumstation ISS drei Wochen lang medizinisch zu überprüfen. Zwei Kandidaten, die dann ein 18-monatiges Training durchlaufen müssen, werden aus den vieren ausgewählt. Nur einer wird schließlich fahren können, der Andrang der Bewerber war groß gewesen.

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Die vier Kandidaten: Mohamed Faiz Kamaluddin, Dr Sheikh Muszaphar Shukor, Dr Faiz Khaleed und S. Vanajah

Die Scharia, das islamische Recht, ist wie die Vorschriften anderer Religionen alt und nicht dem modernen Leben angepasst. Überdies wird das islamische Recht teilweise recht willkürlich gedeutet und gehandhabt, da es keine zentrale Autorität gibt. Das plagt auch die Menschen in Malaysia. So wurde beispielsweise gerade von einem Scharia-Rat der Provinz Kelantan das Urteil eines Scharia-Gerichts bestätigt, das einen Mann, der Freitags nicht in die Moschee zum Gebet gegangen ist, bestrafte. Obwohl die Scharia nicht überall gleich ausgelegt werde, so hieß es, sei es in Kelantan für alle Muslims, die in der Provinz arbeiten oder leben, vorgeschrieben, an den Freitagsgebeten – vergleichbar dem Sonntagsgottesdienst der Christen – teilzunehmen.

Mazlan Othman, die Direktorin der Weltraumbehörde Malaysias, hofft, dass der in Malaysia durchgeführte Wettbewerb auch in anderen Ländern die Begeisterung für die Raumfahrt weckt – zumal die reichen Ölländer dafür auch Geld hätten. Saiyad Nizamuddin Ahmad von der American University of Sharjah in den Vereinigten Emiraten gibt sich optimistisch. Das Weltraumprogramm Malaysias stelle "die Rückkehr der islamischen Zivilisation zu einem aktiven Beiträger für den Fortschritt von Wissenschaft und Technologie" dar. Aber es gibt Hürden. Die drei männlichen Endkandidaten sind nämlich Muslims, die Frau ist bezeichnenderweise Hindu, so dass zumindest die vermutlich noch viel heiklere Frauenfrage gar nicht zur Diskussion stand oder vermieden werden konnte. Aber weil noch nicht klar ist, inwiefern Muslims ihren religiösen Verpflichtungen im Weltraum nachgehen können, wurde in Malaysia eine Konferenz mit Religionsgelehrten, Wissenschaftlern, Astronauten und anderen Experten abgehalten, um die schwierigen Fragen zu klären. Allerdings war bereits 1985 der saudische Prinz Sultan bin Salman an der Bord der Discovery.

Ein Problem ist beispielsweise, wie Raumfahrer, die sich auf der Weltraumstation aufhalten, beten. Bekanntlich müssen sich Muslims zum Gebet nach Mekka richten. Die Station umrundet die Erde 16 Mal in 24 Stunden, was es schwierig macht, die Gebetszeiten und die Richtung nach irdischen Maßstäben festzulegen. Der Betende müsste sich eigentlich während des Gebets fortwährend neu nach Mekka ausrichten. Auch die rituelle Waschung zum Gebet mit Wasser stellt Probleme, denn dieses ist im Weltraum mitunter noch knapper als in der Wüste, zudem bereitet die Schwerelosigkeit für das Beten und die Waschung Schwierigkeiten. Geklärt werden muss auch, wie sich der islamische Weltraumfahrer ernähren kann, die russische Nahrung richtet sich nicht nach streng muslimischen Anforderungen.

Solche Probleme haben freilich nicht nur streng gläubige Muslims. Wie die israelische Zeitung Ynet berichtet, will die Nasa sich an Rabbis wenden, um zu erfahren, wie es gläubigen Juden ermöglicht werden kann, sich auf der Raumstation aufzuhalten. In einer koscheren Weltraumstation müsse ebenfalls gelöst werden, wohin sich die jüdischen Astronauten beim Gebet richten sollen. Man müsste also stets berechnen, welche Position die Raumstation zu Jerusalem einnimmt. Wie bei den Muslims spielt das Essen eine große Rolle. Und zudem müssen Juden den Sabbat einhalten können. Ilan Ramon, der erste Astronaut aus Israel, war nicht gläubig.

Auf der Tagung in Malaysia berichtete Zainol Abidin Abdul Rashid, ein Professor am Weltrauminstitut der National University of Malaysia, dass er mit seinen Studenten ein Programm geschrieben habe, um immerhin die jeweils richtigen Gebetszeiten zu berechnen, wenn die Position eingegeben wird (vgl. zu den technischen Erleichterung für das Gebet: Der Satan im Taschentelefon). Wie auch immer man in Malaysia die Probleme mit der Vereinbarkeit zwischen Weltraumfahrt und Religion lösen wird, wenn nicht die Frau an den Start gehen darf, was für ein überwiegend muslimisches Land auch ein Zeichen wäre, so kümmerte man sich auch an anderer Stelle um eine Lösung.

Auf Islam Online wurde die Frage, wie ein Muslim im Weltraum beten soll, auch von einem Mufti beantwortet. Für diesen ist der Islam sowieso flexibel, daher gäbe es keine Schwierigkeit, sich an beliebige Lebensbedingungen und künftige Veränderungen anzupassen. So soll sich ein gläubiger Muslim zwar darum bemühen, sich im Gebet nach Mekka zu richten, wenn es aber nicht möglich ist, macht dies auch nichts. Wenn man verhindert ist, sich nach Mekka auszurichten, soll man zumindest versuchen, zu Beginn die Richtung einzunehmen. Dann müsse man sowieso das einmal begonnene Gebet fortführen, egal, in welche Richtung man blickt, weil man das Gebet nicht unterbrechen dürfe. Allah würde von jedem Gläubigen verlangen, dass er seine Pflichten "so gut er kann" erfüllt. Es gibt also auch als gläubiger Muslim Möglichkeiten, Vorschriften flexibel zu handhaben.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22554/1.html
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