In den Mühlen der Fürsorge

Die jüngste Vergangenheit der schwarzen Heimpädagogik

"Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim!" Solche Sprüche gehörten früher durchaus zum rhetorischen Arsenal der Erziehung. Wer das zu hören bekam, wusste wahrscheinlich nicht viel Konkretes über das Leben von Heimkindern, aber soviel war klar: Heimkindern ging es schlecht. Wie schlecht es Heimkindern in der Bundesrepublik bis in die Siebziger des letzten Jahrhunderts hinein ging, wird erst heute deutlich, weil einige von ihnen ihr Schweigen über die Zustände brechen, denen sie ausgesetzt waren.

Einer, der ihnen zugehört hat, ist der Buchautor und Journalist Peter Wensierski. Er hat sich bereits mit einem Band über das Schicksal von Priesterkindern hervorgetan (zusammen mit Annette Bruhns), seit einigen Jahren ist ihm die jüngste Geschichte der deutschen Heimpädagogik ein Anliegen.

Was er in verschiedenen Artikeln und neuerdings einem Buch namens "Schläge im Namen des Herrn" zusammengetragen hat, besagt, dass das Netz der westdeutschen Kinder- und Jugendheime bis in die Siebziger hinein eher einem Kindergulag glich als einem Fürsorgesystem. 3000 und mehr Heime gab es in dieser Zeit, zu 80 Prozent waren sie in christlicher Hand, die katholischen Einrichtungen überwogen bei weitem. Wensierski rechnet mit mehreren Hunderttausend Menschen, die durch diese Einrichtungen gegangen sind.

Die Aussagen von Ehemaligen, die er dokumentiert, lassen den Schluss zu, dass dort Körperstrafen der entwürdigendsten Art, sexueller Missbrauch, Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen nicht nur in Einzelfällen, sondern geradezu alltäglich vorkamen. Öfter ist auch von der zwangsweisen Medikamentenverabreichung zur Ruhigstellung der Kinder und Jugendlichen die Rede. Demütigung, Quälereien bis hin zur Folter, eine umfassende Entrechtung der Heimzöglinge sind üblich gewesen.

Nur einige Beispiele von vielen:

Freistatt mit seiner Presstorfproduktion, mit seinen Schlossereien und Schmieden war als reiner Wirtschaftsbetrieb konzipiert, der die billigen Arbeitskräften ausnutzte. Wenn nicht gerade Choräle gesungen wurden, mussten die 14- bis 21-Jährigen im Sommer wie im Winter im Moor Torf stechen und pressen.

Wer bei Fluchtversuchen erwischt wurde, musste beim Torfstechen Kettenhosen tragen, die nur Trippelschritte erlaubten. Im Dortmunder Vincenzheim dagegen ging es eher musisch zu:

"Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter", brachte es das ehemalige Heimkind Gisela Nurthen aus dem Dortmunder Vincenzheim auf den Punkt. Schweigend mussten sie und die anderen Mädchen stundenlang mit den schweren Laken und Tüchern an der großen Heißmangel stehen. Wer unerlaubt sprach, riskierte Schläge. Gesungen werden durfte - aber nur Marienlieder.

Die christliche Gehirnwäsche fehlte nie

Neben dem täglichen Terror durch Missbrauch, Ausbeutung und Unterdrückung stand auch in den Einrichtungen zweier ehemaliger Heimkinder das Beten ganz hoch im Kurs, die im März diesen Jahres bei Johannes B. Kerner von ihrem Leidensweg berichteten.

Es ist besonders dieser Aspekt der moralischen und religiösen Unterfütterung widerlichster Gemeinheiten, der den Opfern von damals zu schaffen macht – und die Abwehr und Verleugnung, auf die sie treffen.

Ich glaube, fast alle Betroffenen werden ähnliches erfahren haben: Man erzählt von seiner Heimzeit, und es wird nicht geglaubt, was man erzählt, meistens heißt es: "Das hast Du erfunden". Diese Erfahrung macht uns traurig, wütend und unduldsam, aber wir müssen uns auch fragen, ob dies nicht eine verständliche Reaktion ist. Wir müssen den Menschen erzählen, dass uns wieder und wieder Gerüche, Bilder, Worte, Farben anspringen, die uns von einem Augenblick auf den anderen, auch wenn wir lange Zeit nicht daran gedacht haben mögen, wieder in die Heimsituation bannen.

Unter dem Deckmantel der christlichen Wertevermittlung lief also ein System der Überausbeutung wie geschmiert, das für manche der Insassen mit dem Tod durch Suizid endete, und für sehr viele mit einer zerstörten Jugend, die bis heute nachwirkt. Warum aber kamen die Kinder und Jugendlichen überhaupt in die Heime?

Im repressiven Gesellschaftsklima der Adenauerzeit galt nicht nur als heimwürdig, wer keine Eltern mehr hatte, sondern schon, wer durch "Herumtreiberei", Schulschwänzen oder "Aufsässigkeit" aufgefallen war. Das Kind einer alleinerziehenden Mutter zu sein, war ein großer Risikofaktor.

Schwärzeste schwarze Pädagogik

Bei Mädchen reichte es oft allein, dass sie mit 15 oder 16 einen Freund hatten, und von den Nachbarn bei den Jugendämtern als "sittlich verwahrlost" denunziert wurden. Der Begriff, der die Zusammenarbeit von Jugendämtern und Heimen in diesem Zusammenhang am besten beschreibt, ist wohl der des Komplizentums. Weil man damals mit 21 erst erwachsen wurde, hatte man eine mehrjährige Heimkarriere vor sich, wenn man in diesem Alter in die Fürsorgemühlen geriet.

Liest man die Berichte der Betroffenen, hört man ihnen zu, dann stellt sich unweigerlich die Frage, wie faschistisch eigentlich der westdeutsche Postfaschismus war. Über Jahrzehnte hinweg wurden in einem Staats, der sich als parlamentarische Demokratie begriff, an verborgenen Orten die schwärzesten Formen der schwarzen Pädagogik betrieben, und erst dreißig Jahre nach der Abschaffung dieser durch und durch kranken Form der Fürsorge finden die Opfer von damals zaghaft zu einer eigenen Stimme, unter anderem durch selbstorganisierte Kongresse, die Gründung von Interessengemeinschaften, Vereinen und Klagen vor Gericht.

Was hat eigentlich damals dazu geführt, dass diese Ausbeutungs- und Unterdrückungsmaschinerie gegen Kinder und Jugendliche an ihr Ende kam? Es waren zu einem guten Teil die Aktionen von Leuten, die später glaubten, Guerillakonzepte aus der 3.Welt zur Verbesserung der Verhältnisse in der BRD benutzen zu können.

Ulrike Meinhof mit dem Drehbuch zu ihrem Film "Bambule" und die sogenannte Heimkampagne von 1969 getragen von verschiedenen Gruppen, aus denen später die RAF hervorging, hatten einen erheblichen Anteil an der Sichtbarmachung des Elends in den Heimen.

Zeit des Totschweigens vorbei

Teilweise waren es auch Verzweiflungstaten der Insassen selbst, die ein weiteres Wegschauen verunmöglichten. Am 14. Juli 1973 zum Beispiel brannten zwei männliche Heiminsassen die sogenannte Moorkirche der bereits erwähnten Diakonie Freistatt nieder.

In anderen Heimen kam es zu Unruhen, die öfter als "aufstandsartig" beschrieben werden. Vereinzelt versucht man es auf kirchlicher Seite heute noch mit Mauern und Abwiegeln,aber viele der Organisationen, die damals dabei waren - katholische, evangelische wie staatliche -, entschuldigen sich derzeit mit vielen guten Worten bei ihren ehemaligen Opfern.

Das ist ein wichtiger Schritt. Aber Worte allein sind kostengünstig, das Verlangen nach einer finanziellen Entschädigung trifft hingegen noch auf taube Ohren. Ob das noch lange so bleiben wird, ist nicht sicher, auf jeden Fall ist die Zeit des Totschweigens vorbei.

Kann das alles nie wieder passieren?

Erst vor kurzem wurde die von christlichen Eiferern betriebene Herz-Jesu-Schule in Saarbrücken teilweise geschlossen, weil sich herausstellte, dass dort Körperstrafen nicht gerade selten waren. Eine Grundschule und ein Internat, die vom selben Trägerverein betrieben werden, bleiben bestehen.

Man kann sich auch fragen, was in den Erwachsenen vorgeht, die früher Heimkinder waren, wenn sie heutzutage Frau van der Leyen zu Gesicht bekommen, die zusammen mit der katholischen und der evangelischen Kirche "Erziehungsbündnisse" zur besseren Wertevermittlung in der Gesellschaft propagiert.

Oder wie sie sich fühlen angesichts der konzertierten Anstrengungen führender Vertreter des Christentums und ihrer politischen Sprachrohre die "religiöse Gefühle" und christliche Werte vor so gefährlichen Dingen wie Hollywoodfilmen, Zeichentrickserien und Theaterstücken schützen wollen. Ich vermute, es kommt ihnen die Galle hoch. Verständlich wäre es.

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