Uncooler Klassenprimus
Die Geschichte eines Absturzes: "Mission: Impossible III"
Es könnte elegant sein und poetisch, aber mit ihrem dritten Teil ist die "Mission: Impossible"-Franchise endgültig im Mainstream angekommen - eine Chimäre aus Action und Liebesfilm. J.J. Abrams epigonaler Film verschenkt die Ansätze seiner Vorläufer und seiner Figuren - der Held wird bürgerlich, die Geschichte langweilig und Tom Cruise ist sowieso eine Zumutung.
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Dies ist die Geschichte eines Absturzes. Im Jahr 2000 erklomm Ethan Hunt höchste Höhen, rang sozusagen mit den Göttern, auch jenen des Kinos, als er einsam auf den Felsen des Monument Valley kletterte und jene Höhen erstieg, die alte Helden wie John Wayne immer nur von unten betrachtet hatten. Auch John Woo, Regisseur des zweiten Teils der "Mission: Impossible"-Franchise, rang mit seinen persönlichen Göttern, mit John Ford in diesem Fall, - und scheiterte, ein Titan, der sich zuviel vorgenommen hatte. So auch sein Held Ethan Hunt. In "Mission: Impossible 3" kommt das Muster am Boden an, lässt alles Himmlische hinter sich und wird ein stinknormaler 08/15-Actionfilm - und das zu einer Zeit, in der es manche gute Gründe für die Annahme gibt, dass das Actionkino seine besten Jahre allemal hinter sich hat.
Enträumlichung des Genres
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In jenen Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat, und "Mission: Impossible" "Kobra: Übernehmen Sie" hieß, war die Serie mehr Thriller als Action, voller Teamspirit und geprägt von Vertrauen an Technik glaubte man an den Fortschritt, beherrschte die Unberechenbarkeiten des Lebens, handhabte Überraschungen: die Serie war ein Triumph des "Homo Faber", der gelingenden Planung. Actionkino dagegen lebt von Personalisierung und hebt das Gleichgewicht zwischen dem Üblichen und dem Plötzlichen auf - zugunsten des Letzteren, einem Feuerwerk von Überraschungen. Als US-Autorenfilmer Brian De Palma die TV-Kultserie 1996 erstmals erfolgreich für das Kino adaptierte, entsorgte er zunächst einmal gründlich den Teamgedanken, indem er das Team in den ersten 30 Filmminuten sterben ließ und die einstige Serienhauptfigur Jim Phelbs zum Erzverräter umdefinierte.
Als Phoenix aus der Asche erstand auch Ethan Hunt alias Tom Cruise. So wurde aus dem retrokultigen Aufwärmen einer 20 Jahre alten Serie der weitaus bessere James-Bond-Film. Zudem hatte De Palma damals die Unverschämtheit begangen, mit allen Regeln des Agentengenres zu brechen, indem mit dem Team auch ein Großteil seiner teuren Stars schon früh aus dem Film eskamottiert wurde. "Mission: Impossible" deklinierte die Geschichte des Actionkinos noch einmal für alle Zuspätgekommenen durch: Man könnte Einstellung für Einstellung, Szene für Szene zeigen, wie De Palma (wie Hitchcock das in "North by Northwest" getan hatte, der De Palma auch ein bisschen als Folie dient) alles von Anfang an noch einmal erzählt, kühl, analytisch, das Genre dekonstruierend, um es neu zusammenzusetzen, wie er es tötet, damit es weiterleben kann, und mehr und mehr Film wie Genre enträumlicht, alles münden lässt in eine brillante Symphonie der Schwerelosigkeit.
Sein "Mission: Impossible" ist eine protestantische Ödipus-Variation, mit Vanessa Redgrave als Sphinx, zugleich die Geschichte einer Wiedergeburt des Helden aus dem Feuer, aus der persönlichen Tragödie. Die Themen der späteren Filme klingen unzweideutig an: Der doppelte Verrat, das Trauma des Helden, der sich erst bewegen muss, dann denken darf. Gemeinsam mit "Matrix" und John Woos "Face/Off" setzte der Film Ende der 90er neue Maßstäbe des Actionkinos, hinter die man heute nicht mehr ungestraft zurückfallen darf.
Nach der Analyse die Oper
Die Verpflichtung John Woos für den zweiten Teil im Jahr 2000 war deshalb folgerichtig. "M:I-II" glückte weniger, immerhin stellte der Film das Doppelgesicht alles Heldentums ins Zentrum: Wenn das Ich nicht mehr Herr im eigenen Haus ist, ist das Böse längst dort eingezogen. Und wieder Verrat, wieder eine Frau, die von der einen Seite kommt und mit einem von der anderen Seite schläft, um diesen zu verraten. Dennoch war "M:I-II" keine Analyse, sondern Oper, weil Woo die brillante Reflexion der Post-Action-Ära fehlte, doch machte er dieses Fehlen aber durch die Leichtigkeit und schiere Schönheit seiner Choreographien wett, gab Cruise eine Aura, die er zuvor nie hatte und nie wieder haben wird und spülte ungeachtet mancher Kritikerschelte viel Geld in die Kassen.
So musste ein dritter Teil her, und es spricht für den Instinkt von Tom Cruise, der hier zuerst als Produzent fungiert und dann erst als Hauptdarsteller, dass er David Fincher fragte, von dem derzeit am ehesten zu erwarten ist, dass er das Actionkino weiterdenken könnte. Aber es kam zu "künstlerischen Differenzen" wie man das dann so nennt, zwei weitere Namen wurden kurz genannt und verschwanden wieder, und so bekam J.J. - Jeffrey Jacob - Abrams, der zuvor jahrelang für die TV-Serien "Lost" und vor allem "Alias" verantwortlich war, die Chance seines Lebens. Mit ihm hat Cruise überdies einen Regisseur gewonnen, der ihm weniger die Schau stehlen dürfte, als zuvor De Palma und Woo taten. Die Themen schienen angelegt: Der Schurke war einmal der imaginäre Vater, einmal der imaginäre Bruder, die Klinge zweimal am Auge - doch nichts da!
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"Familie geht vor"
Der Film scheint am Anfang schon zuende zu sein. Denn zunächst hält die neue Bürgerlichkeit Einzug, wird das Actionkino abgelöst von der romantic-comedy: US-Spezialagent Ethan Hunt hat sich aus der vordersten Einsatzlinie zurückgezogen. Statt im Kampf mit größenwahnsinnigen Schurken sein Leben zu riskieren, beschränkt er sich zu Beginn von "Mission: Impossible 3" ganz darauf, neueste Anwärter für unmögliche Aufträge auszubilden. Statt sich selbst ins Feuer zu wagen, führt er in der reichlichen Freizeit lieber den Hund spazieren, geht einkaufen und turtelt vor allem mit seiner neuen Liebe Julia. "Familie geht vor." Während des Films wird er sie dann vor den Traualtar führen. "Julia", so sagt er irgendwann, "steht für ein Leben, wie es früher mal war - und das ist gut."
Dass es derart harmonisch und wertkonservativ nicht bleiben kann, ist auch dem klar, der den Kino-Trailer nicht gesehen hat. Doch persönliche Betroffenheit ist es, die hier noch mehr als in den beiden Vorgängerfilmen die Dinge in Bewegung hält: Als Linsey, die Fähigste unter Hunts Schützlingen, gekidnapped wird, beordert der Direktor seinen besten Mann zurück: Der "unmögliche Auftrag" zu Linseys Befreiung aus einem geheimen Versteck gelingt zwar, doch stirbt sie kurz danach an einem implantierten Tötungsmechanismus. Unmittelbar zuvor verriet sie Hunt, dass sich in den eigenen Reihen ein Verräter befindet. Von nun an jagt Hunt die Schuldigen und kommt bald dem gefährlichen Waffenhändler Owen Davian (erstaunlich unterrepräsentiert: Philip Seymour Hoffman) auf die Schliche. Owen wird gefangen, kann sich befreien und dreht den Spieß um: Er entführt Hunts frisch getraute Ehefrau, um diesen zu zwingen, die Seiten zu wechseln. Noch wichtiger als die Rettung der Welt ist Hunt nun die Rettung der Geliebten...
Tatsächlich hat sich Abrams, der noch nie einen Kinofilm gedreht hat, auf die Essenz aller Action konzentriert: Die Bewegung von Körpern durch den Raum. Am besten ist der Film dann, wenn das virtuos und geschmeidig in die Tat umgesetzt wird, wenn keiner redet, das vertraute Musikthema Lalo Schifrins einsetzt, man furiosen Stunts in origineller Umgebung zusieht, mit viel Tempo inszeniert, doch ohne dass das Publikum den Überblick verliert - eine Actionsequenz jagt diesmal die nächste, sodass kaum Zeit zum Nachdenken bleibt. Das interessanteste Motiv, die "Mission: Impossible"-typischen perfekten Verwandlungen per Gesichtsmaske, wird dabei nur zweimal richtig ausgespielt: Bei Julias Ermordung, die sich als Scheinhinrichtung entpuppt, und vor allem bei Owens Entführung, als Hunt in die Maske Owens schlüpft, mit anderen Worten: als der Schauspieler Philip Seymour Hoffman sich einmal kurz flink und leicht wie Tom Cruise bewegen muss. Auf dem Papier macht "Mission: Impossible 3" auch sonst vieles richtig: Ein Held, eine schöne Frau, ein vielköpfiges Team aus Identifikationsfiguren, das verschiedene Zuschauerinteressen bündelt.
"Demokratie bringen, das ist es, was wir am besten können."
Trotzdem verlässt man merkwürdig leer und unbefriedigt das Kino. Die genrenotwendigen Ballereien sind virtuos inszeniert, aber auf über zwei Stunden Filmlänge eben doch etwas redundant. Viel Pyrotechnik und rasante Verfolgungen an beliebigen Weltschauplätzen verstärken zwar den Eindruck eines James-Bond-Pastiche, aber auch den einer gewissen Ideenlosigkeit. Es gibt keine einzige Szene, die man nicht schon mal früher irgendwo gesehen hätte, oder von der man das zumindest glaubt. Allenfalls die Hubschrauberverfolgungsjagd durch ein von riesigen Windrädern verspargeltes Tal - Deutschland als Schauplatz, das sind "Windmühlen-Wahnsinn" und ein paar geisterhaft verlassene Fabrikruinen des fordistischen Zeitalter -, garniert überdies mit ein paar hübschen musikalischen Anspielungen an "Apokalypse Now", lässt einen für Augenblicke staunend im Kino sich verlieren. Ansonsten fehlen dem Film über weite Strecken Poesie und "Seele", was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Moral des Ganzen, dass der Zweck jedes Mittel heiligt, hier ziemlich ungeniert ausgebreitet wird.
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Unter der Hand - unbewußt? - verrät auch dieser Film, wie die Amerikaner sich so in Europa aufführen, und wie sie ihre Gefangenen behandeln, wenn die nicht kooperieren - aus dem fliegenden Flugzeug hängen, und so... Umgekehrt fehlt auch die mittlerweile in Hollywood fast obligatorisch Bush-kritische Szene keineswegs: "Mit der Armee einmarschieren, aufräumen, Infrastruktur schaffen, Demokratie bringen, das ist es, was wir am besten können." sagt einer vom US-Geheimdienst - und jeder im Publikum darf wissend lachen. Dass man bei alldem sogar vor dem Vatikan nicht zurückschreckt, sondern eben mal kurz im Petersdom einbricht und den "Da Vinci Code" entwendet (oder so ähnlich?) gehört zur Chuzpe und gentlemenartigen-Großzügigkeit der alten TV-Serie, in deren Stil noch so etwas wie imperiales Bewusstsein sich bewahrte, die Gewissheit zu spüren war, die technisch und moralisch überlegene Macht zu sein. Cruise als Priester in Soutane betend durch einen Kreuzgang schlurfen zu sehen ist auch ein nettes Apercu, bei George Clooney wäre es Selbstironie, aber der gehört ja nicht zur Scientology-Church.
Die Entführungsszene im Vatikan, ist, wie vieles etwas zu schnell, zu atemlos inszeniert, Hier spürt man die Fernsehherkunft des Regisseurs, und wenn man nicht sagen möchte: Toll, da kehrt die Serie zu ihren Ursprüngen zurück - dann muss man kritisieren: Das ist zu wenig Kino, hier fehlen Momente der Ruhe, des Auskostens, der lange Atem. So geht es halt nicht auf großer Leinwand. Fernsehhaft ist auch, dass der ganze Film als eine einzige Zitatorgie daher kommt, aus zweiter und dritter Hand. Nochmal Vatikan: Man muss befürchten, dass diese Szene sich als Anteaser und Vorwegnahme der neuesten Okkultthrillerwelle versteht, die mit dem bevorstehenden "The Da Vinci Code" von Ron Howard unweigerlich auf uns hereinbrechen wird. Auch De Palma zitierte unentwegt aus der Filmgeschichte, aber nur, um den Zuschauern einen schnellen Einführungskurs in Handwerk und Genre zu geben, und zu zeigen, was er jetzt gleich nicht (!!) macht. Abrams hingegen macht genau was er zeigt, und nichts außerdem.
Antigott und Brain Bomb
Phantasielos und beliebig, aber das auf höchstem Niveau, geht es hier um nichts als um den dritten Teil. Die ersten beiden aber waren darum so gut, weil es um vieles sonst ging. Indem sich der Film immer mehr von der Vorlage entfernt, verschenkt er alle alten Dinge: Mythen und Masken, mehr denn je geht dafür die Bewegung dem Denken voraus. Was man sonst sieht, die Scheinerschießung eines anderen und von Cruise selber, ist alles schon gehabt, aus der Retrokiste. Immer schon besonders dreist war die Synchronisation, die einst kurzerhand aus dem Satz "Ich geh lieber ins Theater" macht: "nein ich geh lieber ins Kino."
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Dass der Handlung alle innere Logik fehlt, die Story nur Vorwand ist, wäre unter anderen Umständen nicht weiter schlimm, weil sich das zwischenzeitliche Geraune um einen "Antigott" und den Weltuntergang, um Achsen des Bösen zwischen "Nordkorea, Pakistan, you know..", um Gimmicks wie "Mikropunkte" und "brain bombs", schließlich um einen MacGuffin mit dem offen absurden Namen "Hasenpfote", schnell als öde Pose entlarven - und besser in einen Fantasyfilm gepasst hätte. Wenn Hunt/Cruise dann aber noch kurz vor Ende seine Frau bittet, ihn zuerst umzubringen und dann wiederzubeleben - "Du musst mich töten, sonst sterbe ich" -, um so einen im Hirn implantierten Mikrosprengsatz außer Gefecht zu setzen, dann weiß nicht nur jeder, dass er nach wenigen Minuten wiederbelebt werden dürfte. Es ist überdies eine Wiederauferstehungsfarce, die in ihrer Jesushaftigkeit angesichts von Cruise esoterischen Kapriolen und Scientology-Engagement noch nicht einmal witzig ist, weil man eben fürchten muss, sie sei am Ende ernst gemeint.
So ist dies weder Bilderoper, noch kühler Essay, sondern ganz im Unterschied zu den beiden Vorgängern routinierte Pflichterfüllung zum schnellen Vergessen, ohne Tiefe, Subtexte und doppelte Böden - was man heute auch von gutem Actionmainstream verlangen darf. Doch hier hebt der Film nie ab, bleiben die Körper schwer am Boden.
Meißeln am Image
Und Tom Cruise als Actionheld ist eigentlich sowieso die größte Fehlbesetzung seit Dressman George Lazenby in "James Bond: Im Geheimdienst Ihrer Majestät". Humorlos, aseptisch und künstlich fehlt ihm der sardonische Charme und das Stilgefühl, das Verführerische und der freundliche Zynismus, der andere Actionhelden auszeichnet. Wie die beiden ersten Filme zelebriert auch dieser dritte Cruise masochistische Freude an der körperlichen Versehrung, als könne er sich nur auf diesem Wege vergewissern, dass er überhaupt einen Körper hat.
Der Einwand liegt nahe, man könne Schauspieler und Rolle, Star und Charakter nicht einfach in einen Topf werfen. Kann man auch nicht. Im Fall von Tom Cruise aber schon. Der ist schließlich nicht nur Schauspieler, sondern oft genug auch Produzent, und es ist auffällig genug, was er in diesen Filmen tut und nicht tut, als dass man übersehen könnte, dass er vor allem an seinem Image, seiner Schauspiel-Persona meißelt. Nach wie vor ist "Vanilla Sky" der wichtigste Film, um das Image von Cruise zu begreifen. Die Frauen in den jeweiligen Filmen sind wie die an seiner Seite. Auch Michelle Monahan, mit der man wirklich Mitleid haben muss, weil die Arme zuvor mit Robert Downey Jr. gespielt hat, und nun muss sie Katie Holmes sein und auch so aussehen: Eine Frau, die über die wahre Identität ihres Mannes von diesem belogen und betrogen wird, und jenen überstürzt heiratet, obwohl sie ihn nicht kennt.
Cruise und darum auch Hunt bleibt der ewige Klassenprimus - ein distanzierter, etwas komischer, uncooler Geselle, der keine echten Sympathien weckt, um den man nicht wirklich bangen kann, sondern dem man kühl-distanziert dabei zuguckt, "wie er es wohl diesmal schafft."
http://www.heise.de/tp/artikel/22/22609/1.html- ...da habe ich nichts gegen! (9.5.2006 12:27)
- Entscheidende Handlungsdetails, gibts die in so einem Film? (9.5.2006 8:40)
- Danke! (9.5.2006 8:35)
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