Rock Me, Aphrodite

24.05.2006

Wahnsinnig schöne Gedanken, das Glücksgefühl in der Mathematik, kulturelle Katastrophen und Lustfeindlichkeit. Ein Interview mit Friedrich Kittler

Friedrich Kittler gilt als prominentester Medientheoretiker Deutschlands. Jetzt hat er seinen Ausstieg aus der Medienwissenschaft erklärt. Der 62-Jährige kehrt in seinem Spätwerk zu den Vorsokratikern zurück. Warum, erzählt er im Interview.

Warum haben Sie Schwierigkeiten mit der Medienwissenschaft?

Friedrich Kittler: Das Problem mit der Medienwissenschaft hat sich darin geäußert, dass auch an der Tür meines Büros oder Lehrstuhls "Ästhetik und Geschichte der Medien" steht und eben nicht "Ästhetik und Theorie" oder "Wissenschaft der Medien". Die Medientheorie haben wir als neuen Lehrstuhl eingeführt. Das hatte ich schon vor geraumer Zeit, vor elf Jahren, mir sehr überlegt.

Ich wollte Mediengeschichte und nicht einfach Medienwissenschaft oder -theorie, weil schon Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts absehbar war, dass sich von McLuhan ausgehend eine sehr aktualistische Medientheorie breit macht.

Viele, die umgesattelt sind, kamen aus der Soziologie oder aus der Massenmedienforschung, beides sehr ahistorische, ungeschichtliche oder kurzatmige Wissenschaften. Ich wusste, glaube ich, schon, dass es für mich als Modell eigentlich nur Harold Innis gab, der 1950 vor dem Imperial College in London eine richtig imperiale Vorlesungsreihe gehalten hat, wo er bei den alten Ägyptern und Babyloniern anfängt und alle Fakten, zumindest was Schrift und Schriftverkehr und Briefkommunikation und Zeitungswesen angeht, perfekt historisch behandelt hat.

Das ist also die eine Sache, dass diese Geschichte nicht ganz vollständig beim mittleren Kittler war. Das ist mir bewusst. Wenn man aus der neueren deutschen Literaturwissenschaft kommt, nimmt man die griechische und lateinische Literatur, die als Einziges uns von den Medien von damals erzählt, weil sehr wenig archäologisch erhalten ist, als Horizont und als Hintergrund wahr. Das war die eine Schwäche, die, im Unterschied zu Innis, meiner Mediengeschichte lange angehaftet hat. Ich würde heute das Buch Optische Medien nicht mehr ohne Aristoteles schreiben wollen, zum Beispiel, weil der Begriff des Mediums aus der Theorie des Sehens bei Aristoteles entsteht.

Das würde ich heute gerne nachtragen, das machen auch meine jungen MitforscherInnen. Das zweite Problem mit der Medienwissenschaft, so wie sie jetzt betrieben wird, ist ihre Verwissenschaftlichung selbst, ihre Professionalisierung, ihre deutschlandweite Ausdehnung und damit eben ihre Spezialisierung auf Einzelheiten und Details.

"Medienkunst": zum An-die-Decke-Gehen!

An welche Details denken Sie?

Friedrich Kittler: Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber ich kenne einen jungen Menschen, der hat sein ganzes Leben lang damit Karriere gemacht, dass er die Nietzsche-Schreibmaschine, die in meiner Habilitationsschrift stand, ausgeschlachtet hat.

Es gibt auch eine unheilige Allianz zwischen leichtfertigen Medienkünstlern und den Medientheoretikern, die dann den Medienkünstlern oder -künstlerinnen um den Bart gehen und sich gegenseitig hochloben. Ich war einmal auf einer elektronischen Kunstausstellung in Chicago, direkt am See, am schönen großen Michigansee. Die Medienkunst bestand im Wesentlichen aus Photoshop-Anwendungen, mit einer rühmlichen, aus Hamburg stammenden Ausnahme, die war fantastisch gut.

Die Künstler programmieren in HTML oder einer den Maschinen unendlich fernen Sprache irgendwelche Bildchen und dann kommen die jungen Professoren und Professorinnen und schreiben ihnen Artikel, was das für tolle Kunst sei. Ich habe sie alle nach ihrer Programmiersprache gefragt und sie haben ehrlich zugegeben, dass sie HTML benutzen - und diese rühmliche Ausnahme aus Hamburg: "in plain C", war seine Antwort, in einfachem C, nicht mal in C++ . Gehen Sie zu Peter Weibel. Der hat nun das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie aufgebaut, aber wenn er das Wort Medienkunst hört, dann geht er an die Decke. Es geht ihm genauso wie mir.

Unendlich viele Mitmenschen reden heutzutage über Computer ohne technische Ahnung

Die Geisteswissenschaften haben schon fast traditionell ein gestörtes Verhältnis zu Technologien. Das haben sie einmal am Beispiel der Psychophysik deutlich gemacht. Statt neugierig auf das muntere Experimentieren der Psychophysiker zu schauen, haben sich die Geisteswissenschaftler auf die Selbstbeschreibung der Psychophysik gestürzt und genüsslich festgestellt, dass diese ihren Anforderungen nicht genügt. Das war ein willkommener Anlass, die Geisteswissenschaft über die Naturwissenschaft zu stellen. Aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht müsste man heute jedoch sagen, die Geisteswissenschaft hat sich damit selbst ins Abseits manövriert. Haben Sie die gegenwärtige Medienwissenschaft einmal einer vergleichbaren Analyse unterzogen?

Friedrich Kittler: Da kann man große Parallelen ziehen. Ich finde es ungut, dass unendlich viele Mitmenschen heutzutage über Computer reden, ohne die mindeste technische Ahnung zu haben, und es in der Öffentlichkeit auch gar nicht auffällt, dass da eigentlich bisschen Geflunker dabei ist, also wieder die Technik rausgelassen und eine allgemeine Theorie gemacht wird, Cyborg-Theorien oder kollektive Intelligenz.

Obwohl, langsam scheint mir das plausibel zu klingen, dass es in Wikipedia und so weiter schon eine Art von kollektiver Intelligenz gibt. Aber Cyborgs zum Beispiel, ein ganzes Jahrzehnt lang ist man doch Judith Butler oder Donna Haraway, oder wie die Damen hießen, so vollkommen auf den Leim gegangen, oder eben William Gibson mit seinem Newromancer und den nachfolgenden Romanen, ohne das sich irgendein Mensch die Frage gestellt hätte, ob denn im Mainstream der Hardwareentwicklungstechnik das auch der Mainstream ist. Meines Erachtens überhaupt nicht.

Gut, es gibt dieses Wunder der künstlichen Retina aus Silizium, um noch einmal auf Aristoteles zurückzukommen, wo es sozusagen schon Prothesenanwendungen für Handicaps und Krankheiten gibt, Berührungsschnittstellen, Interfaces zwischen Fleisch und Silizium, aber die Milliarden werden in ganz anderen Richtungen gemacht. Wenn das stimmt, dass die wichtigste Forschung - Anton Zeilinger und so weiter - in Richtung Quantencomputerei geht, dann ist doch der Weg weg vom Fleisch und der Biocarbonmasse, die wir sind, mit 70 oder 80 Prozent Wasser, dann teilen sich die Wege noch weiter.

Gut bezahlte Programmiersklaven

Wenn es um die industrielle Softwareproduktion geht, sprechen Sie gern mal von gut bezahlten Programmiersklaven. Denn technisch gesehen ist das Computerzeitalter gar nicht so sehr beeindruckend, da wäre noch viel mehr machbar, es ist eher ein betriebswirtschaftlicher Kompromiss.

Friedrich Kittler: Das kann man so sagen, auch für den Wirtschaftsteil von Zeitungen, in denen ja nie ernsthaft über die Prinzipien geschrieben wird, nach denen die Rivalitätswettkämpfe etwa zwischen Intel und AMD in Dresden stattfinden.

Man erfährt nur, dass die einen den Aktienkurs haben und die anderen jenen, aber dass AMD zum Beispiel an ein gescheitertes europäisches Projekt anknüpft und damit Intel ganz schön in die strukturelle Enge getrieben hat, dies weiß ich immer nur aus der c't, die als einzige Zeitschrift die Prinzipien dessen, was sich gerade abspielt, publiziert und auch die Programmierer nicht als Sklaven benutzt, sondern eben als Autoren, die anderen Leuten, die es weniger gut verstehen, mit schlichten Worten beschreiben, worum es eigentlich geht.

Ich will ja auch nicht in dieser Medienwissenschaft nun die letzten technischen Einzelheiten mit meinen Studenten durchsprechen, aber Programmieren sollen sie schon lernen. Sie sollen wissen, welche Maschinen sie programmieren und wie Software und Hardware aufeinander zugeschnitten sind.

Von der Simulation zur Stimulation!

Sie haben immer Hardware gepredigt. Wenn Sie nun aus der reinen Medienwissenschaft aussteigen, wollen Sie dann diesen Platz, den Sie innerhalb der Medienwissenschaft sehr prominent besetzt haben, aufgeben?

Friedrich Kittler: Nein, verlassen möchte ich ihn nicht. Das könnte ich auch den Studenten gegenüber kaum verantworten. Sagen wir es mal so, in der Lehre muss es einfach sein und weiter gemacht werden, weshalb ich für nächstes Semester gleich mal Gravity's Rainbow, also Die Enden der Parabel von Thomas Pynchon als Seminarthema angekündigt habe, einfach, weil es ein Buch ist, das alle kaufen können und müssen und weil es eben fast keine bessere literarische Mediengeschichte bis zum Zweiten Weltkrieg gibt.

Was ich selber forsche, läuft in eine andere Richtung. Aber lassen Sie mich noch sagen, dass Peter Weibel nicht einfach über die Medienkunst, so wie sie jetzt ist, spottet, sondern in einem ganz aufregend schönen Vortrag in Lissabon erklärt hat, dass jetzt 30 Jahre simulativer Medienkunst vorbei seien.

Dann hat er über die Entwicklung der Computerhardwaretechnologie in den nächsten 20 Jahren Spekulationen angestellt und fast strahlend und prophetisch verkündet, wenn die Medienkunst jetzt wach und hell wäre, würde sie sich an den neuen Entwicklungen beteiligen und von der Simulation zur Stimulation übergehen. Das ist schön gesagt. Und dann konnte ich ihm sagen, dass Stimula die schweinischste aller lateinischen Gottheiten in Augustins' Augen war. Das hat ihn gefreut.

Sie sagen, Sie machen für die Studenten das Programm weiter. In der Forschung gehen Sie aber Ihren eigenen Weg. Wieso machen Sie Ihre Forschungsarbeit nicht auch zum Seminarthema? Warum diese Differenz?

Friedrich Kittler: Ja, das ist vielleicht auch eine Spaltung zwischen den Mitarbeitern auf der einen Seite, die mitforschen, den ganzen Raum seit den Griechen mitdurchmessen, und den jungen Studenten, die heute noch Proseminare bekommen oder eines schönen, schrecklichen Tages als Bachelors mit Modulen abgespeist werden.

Für die, glaube ich, wäre es zu viel verlangt, noch die ganze Antike dazuzudenken und das Mittelalter. Ich fange Proseminare ganz gerne mit Gottfried von Straßburg (Tristan und Isolde) an. Wenn ich es laut vorlese, verstehen sie das Mittelhochdeutsch gerade noch, lesen können sie das schon nicht mehr. Ich kann doch von niemandem erwarten, dass er Homer auf Griechisch aufschlägt.

Die Größe der vernachlässigten Geschichte

Warum machen Sie es?

Friedrich Kittler: Ich schreibe ja auch gerade einen Text darüber und es ist wahnsinnig schwer. Es gibt einen transzendentalen Schein, den die Transzendentalphilosophie selber miterzeugt und bestärkt hat, dass wir die Welt von uns aus, das heißt von jetzt her beschreiben. Desto weiter weg die Dinge sind, desto kleiner und unwichtiger werden sie, wie die Dinge am Horizont. Dann wundert man sich, wie Parzival am Anfang von Wolfram von Eschenbachs Roman, dass die Türme immer größer wachsen, wenn man auf eine Burg zureitet.

Dieser transzendentale Schein, der zum Beispiel in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno zum Himmel stinkt oder schreit, der besteht gliederungsmäßig, wissensmäßig im Großen und Ganzen darin, dass man bis Kant zurück alles ganz gut kennt.

Anständigerweise hatten die beiden, vor allem Adorno, noch das Gefühl, das kann es doch nicht gewesen sein, dass die Welt 1790 oder 80 mit der Kritik der reinen Vernunft anfängt, und dann haben sie schnell noch die Odyssee davor gehängt und gleich Odysseus zum ersten Kantianer und Bürger gemacht und zum transzendentalen Subjekt. Das ist so kindlich, lächerlich eigentlich. Zu meinem Bildungsglück war ich Romanist und fing schon im Frühmittelalter an zu lesen und ich war Philosoph - wir hatten Aristoteles und Platon gelesen, und zu meinem allergrößten Glück habe ich manchmal den Schatten Heideggers über die Korridore schlurfen sehen und merke jetzt, dass sein Versuch einer nichtteleologischen, also nichtzielgerichteten Seinsgeschichte mir die einzige vernünftige Weise zu sein scheint, wie man die Geschichte Europas, das heißt, die Geschichte der Dinge, in den Sprachen, die ich zur Not lesen kann, beschreiben kann.

Ich glaube nicht, dass die gesprochene und gesungene Sprache ein Medium ist, das man wie alle anderen Medien technisch analysieren kann, sondern ich glaube schon, dass sie das Haus des Seins, unseres Seins ist, wenn man das vielleicht ein bisschen mitmenschlicher als Heidegger formulieren darf.

Diese Seinsgeschichte ist so präzise, lassen Sie es mich einmal kurz skizzieren. Musik heißt immer noch griechisch Musik und Orchester heißt immer noch Orchester und Chor heißt immer noch Chor und Plektron an der Gitarre heißt immer noch Plektron, die Gitarre heißt nach der kithára (große Leier), und die Zitter in denn Alpen heißt nach kithára und die Sitar in Indien heißt nach kithára, also soweit hat diese Musik ausgestrahlt, bis ins klassische Indien.

Griechisch und Programmiersprachen

Und dennoch ist Homers Griechisch keine lebendige Sprache mehr.

Friedrich Kittler: Das ist die wahre Katastrophe, die Übersetzung aller griechischen Worte ins Bodenlose, wie Heidegger sagen würde, nämlich in Ciceros Latein. Unter Weglassung der Musik wird alles übersetzt und sozusagen wurzellos. De facto leben wir als Erste seit den Griechen wieder in einer Kultur, in der ein Zeichensystem alle Zeichensysteme integriert. Das war eben seit den Römern nicht so, das hat schon Isidor von Sevilla 700 oder 600 nach Christus bemerkt.

Die Römer haben an ihren furchtbar primitiven Zahlzeichen festgehalten und von den Griechen die Buchstaben indirekt übernommen, aber bei den Griechen waren eben die Buchstaben, also die Lautzeichen, ein bisschen später auch die Zahlzeichen und noch ein bisschen später dann auch die Tonhöhenzeichen alle im selben Alphabet codiert. Also strukturell ist unsere Turing-Zeit eine Rekursion auf diese griechische Einheit des Zeichensatzes.

Je komplexer der Zeichensatz, um so größer die Möglichkeiten.

Friedrich Kittler: Ja. Ich habe mich jetzt bei SchrifthistorikerInnen des Vorderen Orients bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend kundig gemacht. Die haben tolle Zeichensysteme, aber diese Rekursivität des griechischen Zeichensystems, das ein Zeichensystem im Grunde alles, was relevant ist, das Dichterische, das Mathematische, das Musikalische encodiert, das ist sensationell.

Dennoch, wenn man sich Programmiersprachen anschaut, sind sie doch relativ schwach, verglichen mit dem Griechischen.

Friedrich Kittler: Also, in der einen Hinsicht sind sie vielleicht schwach, aber in der anderen Hinsicht unglaublich effektiv.

Geht es Ihnen denn um die Effektivität?

Friedrich Kittler: Es geht mir schon immer auch um die Schönheit, und das ist natürlich bei den Griechen entschieden schöner als bei uns. Ich hatte vollkommen überlesen oder vergessen, dass in den Vorlesungen zur Philosophie der Weltgeschichte Hegel seinen Studenten was ganz wahnsinnig Schönes über die Griechen erzählt hat. Die Griechen lauschen und staunen über alles, was sie wahrnehmen, und sie staunen nicht über das, was absonderlich ist, über Mischwesen, Monstren und so weiter. Sie staunen über das Natürliche an der Natur und dem lauschen sie.

So entstehen die Nymphen, indem man auf die Quellen lauscht. Wenn man ganz arg auf die Quellen lauscht, verliebt man sich in die Nymphen dieser Quellen und kann eigentlich gar nicht anders - alles Hegel noch - als eine Rohrflöte sich zu schnitzen und sie anzusetzen und dem Gesang der Nymphen zu antworten oder dem Rauschen der Quellen und dann ist man Pan geworden, Erfinder der Hirtenflöte. Das, glaube ich, ist der schöne Ursprung unserer Kunst und Kultur.

Zwei wahnsinnig schöne Gedanken

Das Christentum hingegen begreifen Sie als kulturelle Katastrophe.

FK: Julianus Apostata hatte einen Brief an die Galiläer geschrieben, die Christen, einen offenen, einen kaiserlichen Brief. Da schreibt er zwei wahnsinnig schöne Gedanken. Erstens:

Ihr dürft predigen, Kirchen bauen, ich baue Euch gerne selber eine große Kirche, schenke sie Euch, Ihr seid so frei wie alle anderen in meinem Reich. Ihr dürft nur eines nicht, Ihr dürft unsere Dichter nicht vor den jungen Leuten auslegen mit dem ständigen Begleitkommentar, das sei alles nur allegorisch, weil es ja keine Götter und Nymphen gibt und für diese Auslegung, die die Dichtungen leugnet, noch Geld verlangen. Das verbiete ich Euch.

Das ist der erste schöne Gedanke, finde ich, den wir heute reaktualisieren sollten, und der zweite schöne Gedanke ist:

Nicht alles haben wir Griechen erfunden, das Rechnen mit den Zahlen stammt von den großen Kaufleuten aus Phönizien, haben wir aber von denen gelernt. Die Astronomie stammt von den Babyloniern, die haben wir aber von ihnen gelernt. Die Geometrie stammt von den ägyptischen Feldvermessern, bei den Nilüberschwemmungen, das haben wir auch von ihnen gelernt, wir Griechen. Und dann haben wir was Viertes selbst entdeckt und das hat die anderen drei, Arithmetik, Geometrie und Astronomie überhaupt erst zu dieser schönen Vierheit gerundet, nämlich die Musik, an der wir das alles beweisen können, dass die Gesetze gelten.

Und dann fragt er:

Und ihr Christen, was habt Ihr an der Stelle anzubieten? Nichts.

Also, die Griechen sind nicht so chauvinistisch zu sagen, alles ist erst griechisch. Sie sind schon dankbar für ihre Vorgänger.

Sie beklagen heute eine gewisse Lustfeindlichkeit.

Friedrich Kittler: Ja, das scheint mir das Schlimmste - und das, was die großen Vorsokratiker, Vorgänger von mir, Nietzsche und Heidegger, immer übersehen haben. Heidegger sagt einmal in dem zu Lebzeiten nie gedruckten, ausgerechnet im Sommer 1945 geschriebenen, langen Gespräch, dass es eigentlich um die Liebe geht im Denken. Er hat mich völlig verblüfft, weil im gesamten veröffentlichten Werk kein Wort davon drinsteht.

Ich sitze gerade an der Umstellung auf Platons Ideenlehre. Warum erfinden Euripides und Sokrates die Trennung von Leib und Seele? Was hat das für einen Zweck? Meine Antwort ist die: Um die Götter brav zu machen. Die Götter sollen entweder monogam leben oder es gibt nur einen Gott und der hat dann keine Probleme mehr mit der Monogamie. Das Verrückteste an den Göttern ist ja ihre Wandelbarkeit. Sie können uns als Menschen erscheinen, als Frauen, als Männer, als Tiere, als Schwäne, Adler und so weiter. Und dann sagt Platon, es ist das Wesen des Gottes, des einen Gottes, einer zu sein.

Also sind ihm alle Metamorphosen verboten und es liegt in seinem Wesen, dass er sich nicht wandelt und deshalb darf Dichtung nicht sein. Punkt, Ende der Durchsage. Ich meine, dass kann man ja nicht alles aus der Welt schaffen in diesem einen Leben, aber so entsteht dann, das will ich irgendwie nächstes Semester neben Pynchon durchexerzieren, das ist noch nicht geschrieben, so entsteht dann der Anlass, Begriffe wie Metapher und Allegorie in die Welt zu setzen.

Wenn es bei Homer steht, dann muss es eben irgendwie wegerklärt werden. Platon überlegt sich, ob er das machen soll, oder ob er sagen soll, der uneheliche Beischlaf von Ares und Aphrodite im achten Gesang der Odyssee, den kann man auch wegerklären als Hochzeit von Erde und Himmel und sagen, das sei eben eine Allegorie auf Erde und Himmel. Dann sagt er: Nein, das geht nicht, denn die jungen Leute, denen wir das wegerklären wollen, die wissen gar nicht, was eine Allegorie ist. Die können noch gar nicht zu dieser Fiktionalitätseinstellung gebracht werden. Mit anderen Worten, ich habe das Gefühl, die ganze Literaturwissenschaft, wie wir sie kennen, mit solchen tragenden Begriffen wie Metapher, das ist nicht so gemeint, wie es dasteht, das ist nur so uneigentlich gemeint, die möchte eigentlich die Göttinnen und Götter und deren Wildheit wegerklären.

Erotik, Musik und die griechische Mathematik

Sie sagen, es gibt drei wertvolle Dinge, die uns die alten Griechen geschenkt haben. Die Erotik, die Musik und die Mathematik. Warum betonen Sie die Mathematik?

Friedrich Kittler: Weil sie was tut, weil sie praktisch ist. Weil sie Formen und Spielräume wirklich, wirklich eröffnet. Als René Thom, der große Mathematiker, noch jung war und nicht seinen älter werdenden Geist an Aristoteles verkauft hatte, hat er ein Buch über Morphogenese und strukturelle Stabilität geschrieben, das nur aus Heraklit-Zitaten und mathematischen Gleichungen bestand, mit dem Zweck, dass die ganze Mathematik eine Mathematik der Paarungen wird.

Das bestand wesentlich darin, dass er einmal Algorithmen für spitze, hochsignifikante und labile Formen angegeben hat, und andererseits Algorithmen für bergende und langzeitstabile Formen. Also ich wusste sofort, was er meint: Phallus und Vulva. Er hat wirklich versucht, eine moderne sexuelle Mathematik aufzubauen, die besser und präziser ist als die alte pythagoreische Unterscheidung, dass der Mann ein Bein mehr hat als die Frau, drei statt zwei.

Nun gibt es auch in der Mathematik Beschreibungsprobleme. Der französische Philosoph Henri Bergson hat einmal geschrieben, wir könnten das Schmelzen eines Zuckerwürfels nicht wahrnehmen. Wir zerhacken den Vorgang.

Friedrich Kittler: Ja, wir zerhacken ihn in Einzelbildchen, wie der Film.

Genauso macht es die Mathematik, wenn sie Prozesse berechnet. Sie muss Prozesse aufschneiden, in kleinste, infinitesimale Einheiten. Deshalb kann sie immer nur annähernd, approximativ beschreiben.

Friedrich Kittler: Ja, dass kann man so sagen. Ich bin immer hin und hergerissen. Genau wie Sie. Aber es ist ja nicht die Mathematik. Es ist ja nun gerade das Unterscheidungsmerkmal zwischen neuzeitlicher und griechischer Mathematik, dass erst die neuzeitliche Mathematik Prozesse als Prozesse beschreiben kann, infinitesimal, wie Sie sagen, mit beliebiger Annäherung ans Kontinuum oder ans Reelle.

Im Unterschied zu dem, was Sie gesagt haben, scheint mir, dass überall dort, wo die Mathematik weiterkommt, als bloß Prozesse annähernd zu beschreiben, dass sie da wieder griechisch wird, nämlich auf ganze Zahlen rekurriert und da eigentlich ihr Glücksgefühl hat. Der große Physiker Arnold Sommerfeld, der um 1920 herum in Gestalt seiner Schüler Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger die Quantenphysik sozusagen als Vater generierte, indem er die beiden Söhne so toll gemacht hat, hat einfach gesagt, wir sind wieder Pythagoreer, wir haben ganze Zahlen und zwischen ihnen nichts. Es gibt Elektronenzustand eins, es gibt Elektronenzustand zwei, aber es gibt nicht den Elektronenzustand 1,79.

Ich finde, das Tiefste an Turings Gedanken ist genau dasselbe. Turing sagt also, die reellen Zahlen sind überabzählbar viele. Turing führt anstelle der unhandlichen, weil überabzählbaren reellen Zahlen, eine handliche abzählbare runde Menge derselben reellen Zahlen ein, und ohne dass er das sagt, ist ihm klar, dass abzählbare Mengen, dass alle abzählbaren Mengen, nach Cantors Beweis, äquivalent sind der Menge der ganzen Zahlen und deshalb so behandelbar wie die abzählbaren Quantenzustände. Und de facto läuft das darauf hinaus, dass die Turing-Maschine die Zahl Pi genauso anschreibt, wie die Formel von Leibniz für die Zahl Pi aussieht.

Die Turingmaschine ist einfach eine Automatisierung dieser Formel. Diese Mathematik scheint mir die grundlegendere zu sein, weil sie nicht den Erscheinungen hinterher hechelt, transzendental, sondern dem Ding an sich, wenn man es so böse sagen will. Ich glaube, die Mathematik, die dann auch so heißt, fängt eben bei den Pythagoreern an, das Wort Mathematik stammt von Archytas, und seine Lehrer und Vorgänger haben eben den ersten allgemeinen Satz gesagt, dass alle Zahlen entweder gerade oder ungerade sind. Daraus folgt: Für alle harmonischen Intervalle auf der kithára, auf der Leier, gilt, dass es Verhältnisse zwischen den ganzen Zahlen sind, und zwar jeweils einer geraden und einer ungeraden, weil diese Verhältnisse immer eine Zahl mit ihrem Nachfolger verspannen; drei zu zwei - Quinte, vier zu drei - Quarte und so weiter.

Jede Harmonie, jedes Schöne, ist eine Paarung von gerade und ungerade. Es entsteht eine Mathematik, in der eben Zahlentheorie nicht mehr Ausrechnen ist, sondern Unausgerechnetlassen. Gerade und ungerade sind sozusagen der Ursprung so einer Entwicklung, dass Mathematik Strukturen sieht und nicht mehr zählbare Dinge.

Um Strukturen zu beschreiben, hat der Kybernetiker Heinz von Foerster eine Kopplung von Operatoren vorgeschlagen. Vernachlässigt man nun, dass auch diese Beschreibung nur eine Annäherung sein kann, gibt es weitere Grenzen der Anwendung: Organische Strukturen beispielsweise bilden ihre Operatoren quasi erst im Prozess heraus. Es gibt nicht erst ein komplett ausgebildetes System und dann folgt der Prozess.

Friedrich Kittler: Ja, da kommt man natürlich in Beschreibungszwickmühlen hinein. Aber das betrifft doch wahrscheinlich nur die Systeme, in denen wir drinstecken, die technischen Systeme. Da ist wahrscheinlich leider Gottes erst einmal das System da und dann schaltet man den Strom an und dann läuft der Prozess.

Ich meine, das Furchtbare an den Rückkopplungsschleifen, auf denen ja die gesamte Musikelektronik beruht - ohne Rückkopplungsschleifen keine Frequenzen, keine Töne und gar nichts -, ist, dass man sie unmöglich messen kann, während sie laufen. Man muss sie aufschneiden, um zu messen, und dann läuft der Prozess nicht mehr und das, was man messen will, erwischt man nicht.

Kant macht mich krank

Vielleicht ist dieses Beschreibungsproblem auch weniger ein mathematisches, sondern ein erkenntnistheoretisches Problem.

Friedrich Kittler: Ich bin ja schon immer gegen Erkenntnistheorie gewesen. Kant macht mich krank. Die schönen Formen der Mathematik, das sind, glaube ich, schon Kippphänomene, die man entweder als Prozess oder als System anschreiben kann, indem man einfach inverse Formeln prägt.

Ich habe es jetzt erstmals von Brüning schriftlich. Er forscht wirklich Spektralgeometrie, das hat er mir am Telefon folgendermaßen erklärt: "Stell Dir mal vor, wir hätten eine Gitarre, in einem großen Konzertsaal und die wird gespielt. Überall sind Messpunkte für Mikrofone eingerichtet und all diese Messpunkte kriegen ihre Koordinaten im Raum zugeordnet. Dann fouriertransformieren wir sämtliche Signale im Raum und rechnen das um und wollen", sagt er dann lachend, "von Hall, Echo, Laufzeit, Frequenzproblemen und Fouriertransformationen am Ende die Geometrie dieser Gitarre ermitteln". Und dann hat er gelächelt und gesagt: "Das schaffen wir nur approximativ." Ich meine, dass man wirklich diesen nackten Bauch, den Resonanzboden aus seinen Prozessen wieder herausrechnen kann, das ist schon unglaublich.

Ich bin ein bisschen auf die Nase gefallen beim Schreiben meines Buches. Sie werden es sehen, der Schluss über die pythagoreische Mathematik ist eigentlich das Schlechteste an dem ganzen Buch. Ich habe die Mathematik nicht so schön rübergebracht wie mein Lehrer Johannes Lohmann in Musiké und Logos. Aber er hat, abgesehen von einigen entzückenden Bemerkungen über die Hochzeit von Kadmos und Harmonia, das Erotische und das Tänzerische rausgelassen. Deshalb habe ich mir die Mühe gegeben, diese analoge Seite mehr zu beschreiben, eben Dionysos und die Liebe. Roland Barthes, im letzten Satz der Mythologies, wie hat er da so schön gesagt:

Ich sehe nur zwei völlig inverse Möglichkeiten der Methode. Entweder, wir machen Poesie, dann verlieren wir alle kritische Vernunft oder, wir machen kritische Vernunft und dann verlieren wir aber auch jede Poesie.

Das ist eine Zwickmühle. Niemand, auch ich nicht mehr, zerhaut den Gordischen Knoten, den Aristoteles geknüpft hat, nämlich die Trennung von Stoff und Form. Das ist es ja, wovon wir die ganze Zeit reden, Prozess und Struktur sind ja dezente Umschreibungen dessen.

Das Zuviel an Sex und das Zuwenig, oder das Nichts an Sex

Ihr erster Band Musik und Mathematik ist gerade erschienen. Vier sind insgesamt geplant.

Friedrich Kittler: Ja, vier logische Bände, aber geplant sind eigentlich sieben physikalische Bände. Also jetzt der ziemlich schwierige Band über Platon und Aristoteles und die ihren. Dann der absolut vernichtende Doppelband in einem physischen Band, Rom und die Christen, das Zuviel an Sex und das Zuwenig, oder das Nichts an Sex. Ich will ja nicht groß über die mittelalterliche Musik, die ich nicht gut kenne, schreiben, oder ich muss mich noch reinhören, eines von beidem, aber ich will eben Tristan als Wiederkehr, als Rekursion von Odysseus feiern, sehr feiern eigentlich und die Wiederentdeckung der Minne unter erschwerten, nämlich christlichen Bedingungen.

Dann wollte ich schon, um Euripides irgendwie weiterzudenken, über das große 17. Jahrhundert, die Musiktheorie bei Leibniz, die Entstehung der Algebra und die gleichzeitige Phaedra von Racine ein bisschen was machen und das Ganze Liebe nennen. Dann einen bösen Band über das 19. Jahrhundert namens Sex und den logisch vierten Band ohne jeden Titel über die Gegenwart.

Sie haben es im Zusammenhang mit Ihren Studenten angesprochen - es wird nicht leicht, dem späten Kittler zu folgen.

Friedrich Kittler: Ich denke es lohnt sich. Aristoteles habe, so Heidegger, die Logik zu einer Sache des bloßen Denkens gemacht, die Logik von den Sachverhalten abgeschnitten, von der Ontologie. Dann habe sich die Logik immer weiter verselbständigt und sei zum Geschäft von Philosophie-Lehrstühlen geworden. Jetzt aber, seit neuestem, könne man alle Philosophie-Lehrstühle abschaffen, denn die Logik würde von Maschinen betrieben. Ende der Philosophie und Aufgabe des Denkens ist es, diesen Weg von den Vorsokratikern rückwärts wie vorwärts immer wieder zu gehen und weiter zu überliefern. Ich finde es richtig einleuchtend.

Wenn Sie sich einfach mal wirklich erfahrbar zu Ohren führen, das ist das Wichtigste, was man tun kann, dass die Griechen ihre jungen Babys Theodorus oder Theodota getauft haben, also von Gott geschenkt, und das die Römer ihre Kinder Tertius, Quartus, Quintus, Sextus, Septimus nennen, was da passiert, in der dahinter stehenden Haltung, also wie Mathematik reinhauen kann.

Dasselbe Dezimalsystem bei den Legionen - wenn sich eine Legion weigert, ins Gefecht zu ziehen, in die Schlacht gegen Hannibal, wo sie ganz genau wissen, dass sie eines auf die Rübe kriegen, da muss jeder Zehnte vortreten und Kopf ab. Von diesen Römern stammt Oktave, Quinte, Quarte, unsere ganze musikalische Begrifflichkeit, während die Griechen dafür die absolut sprechenden Namen hatten, die das Verhältnis noch in die Alltagssprache heben. So eine Mathematik, das scheint mir meine Aufgabe, so einfache Dinge, strukturelle Dinge, die eigentlich Code-Dinge sind, zum Sprechen zu bringen.

Als wir das Buch endlich physikalisch oder gutenbergtechnisch herstellten, da habe ich auch gemerkt: Das Buch treibt richtig Kult, das schreibt Griechisch griechisch, das schreibt Hebräisch an einer Stelle hebräisch, das setzt von mir geschriebenen C-Code in andere Buchstaben als den normalen Fließtext. Wir haben richtig geschwelgt in Unicode, weil mir das die einzige Evidenz schien, die den Lesern vermittelbar ist.

Wissen Sie was, wir haben uns bei der Produktion derart in die Zeichensätze verstrickt, fünf Monate, dass ich auf die normalen Druckfehler gar nicht so sehr geachtet habe. Es dürften relativ, überdurchschnittlich viele sein, auch, weil ich die Endredaktion nicht hatte. Ich träume einfach von einer zweiten Auflage. Zumindest vom ersten Band. Ich habe noch ein bisschen Angst davor, das sage ich offen, dass es mir ergeht, wie es Klaus Theweleit erging, der so lebenslängliche Planungen wie ich jetzt gemacht hat und der dann einfach die riesigen Projekte abgebrochen hat und stattdessen Bücher über Fußball schreibt.

Ich hoffe, dass ich es irgendwie durchhalte und nicht nur ich, sondern auch die Leser mitgehen. Also, wenn sie den zweiten Band noch kaufen, den Platon-Band, dann ist es gut. Die anderen brauchen ja noch Zeit.

Literatur:

Friedrich Kittler, Musik und Mathematik 1: Hellas - Aphrodite. München 2005

Friedrich Kittler, Musen, Nymphen und Sirenen. Köln 2005 (Audio-CD, 56 Minuten)

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