Einmarsch nach Venezuela

27.05.2006

Ein Computerspiel aus den USA, in dem Söldner in Venezuela, beherrscht von einem "machtgierigen Tyrannen", kämpfen, stößt bei Politikern des Landes auf Kritik

Wie vieles andere auch können Computerspiele zu Propagandawerkzeugen werden und eine bestimmte politische Ideologie mitsamt den Stereotypen von Freund und Feind transportieren. Das wird dann problematisch, wenn Spiele in bestimmten Ländern angesiedelt werden und die Feinde als blutrünstige Gegner auftreten, die mit allen Mitteln vernichtet werden müssen. Mitunter verschwimmen bereits bei den Shooter- und Militärspielen die Grenzen zwischen Unterhaltung und Training, wenn für das Militär entwickelte Simulationen auf den Markt kommen oder umgekehrt Computerspiele den Bedürfnissen des Militärs angepasst werden. Jetzt lassen die Pandemic Studios, Los Angeles, Söldner ausgerechnet gegen Venezuela antreten. Das findet in Venezuela keinen Gefallen.

Screenshot aus Mercenaries 2: World in Flames

Als die Welt noch im Kalten Krieg aufgeteilt und das Reich des Bösen jeweils auf der anderen Seite war, konnte man in Büchern oder Filmen leicht Gut und Böse gegeneinander antreten lassen. Mit den Terroristen und den bösen Herrschern wie Saddam Hussein oder dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-il funktionierte dies auch ohne große Probleme. So konnte ohne ernstzunehmenden Proteste ein James-Bond-Film in Nordkorea oder eine Truppe von Söldnern in dem Computerspiel "Mercenaries: Playground of Destruction" nach Nordkorea, einen "evil state", geschickt werden, um Tod und Verwüstung anzurichten.

Handelt es sich um "böse" oder schwache Staaten, die als Schauplatz von Kämpfen dienen, oder eingegrenzte bzw. nicht konkret definierte Personengruppen, so werden aber wie etwa in America’s Army und anderen Spielen, in denen erkennbare Muslime die Bösen darstellen, oder aber in umgekehrten Versionen, in denen beispielsweise "Widerstandskämpfer" gegen israelische Soldaten antreten (Virtuelle west-östliche Kreuzzüge), dadurch Feindbilder genährt und bekräftigt. In China wurden bereits Computerspiele verboten, wenn sie etwa "die nationale Würde und die nationalen Interessen" wie im Fall von IGI2: Covert Strike verletzen. Hier zieht ein Agent als Rambo-Einzelkämpfer unter anderem nach China, um dort seine Mission auszuführen und auch gegen chinesische Militärs zu kämpfen (Computerspiel untergräbt nationale Würde).

Für nächstes Jahr haben Pendemic Studios ein neues Spiel mit dem Titel Mercenaries 2: World in Flames angekündigt. Einzelheiten wurden noch nicht bekannt gegeben, aber der Schauplatz der Handlung soll Venezuela sein, in dem ein "machthungriger Tyrann" sich die Ölressourcen aneignet und deswegen eine von einer Söldnertruppe ausgeführte Invasion stattfindet:

Mercenaries 2: World in Flames is an explosive open-world action game set in a massive, highly reactive, war-torn world. A power-hungry tyrant messes with Venezuela's oil supply, sparking an invasion that turns the country into a warzone.

Pandemic Studios

Der demokratisch gewählte venezolanische Präsident Chavez hat sich in Lateinamerika als Widersacher der US-Regierung aufgebaut, die ihn und seine sozialistische Politik seit Jahren als Risiko für die nationalen Interessen betrachtet. Venezuela besitzt die größten Öl- und Erdgasreserven Lateinamerikas und ist ein wichtiger Öllieferant für die USA. Vor allem seit Chavez die Kontrolle über den Erdölkonzern PDVSA erlangt hat, mit dem Geld innen- und außenpolitisch bislang mit Erfolg handeln und mit den neu gewählten, ebenfalls linksgerichteten Staatschefs eine stärkere politische und wirtschaftliche Einheit Lateinamerikas anstrebt, hat sich der Konflikt mit den USA zugespitzt. Die venezolanische Regierung ist der Ansicht, dass die US-Regierung auch hinter den Putsch 2002 gestanden habe und weiterhin Umsturzpläne hege (Permanenter Alarmzustand).

Dass in dieser Atmosphäre ein US-amerikanisches Computerspiel, bei dem es um die Invasion Venezuelas, das von einem "Tyrannen" regiert wird, und um einen Erdölkonzern geht, die Stimmung ausbeutet und anheizt, liegt auf der Hand – und dürfte den Spielemachern, so politisch unbedarft sie sein mögen, dennoch auch klar gewesen sein. Venezolanische Abgeordnete haben denn auch bereits kritisiert, dass das Spiel ein Propagandamittel sei, um die Amerikaner auf einen möglichen Sturz von Chavez vorzubereiten. So sagte etwa der Abgeordnete Luis Tascon, dass in der US-Medienmaschine die Gringos immer die Helden und ihre Gegner immer die Bösen seien. Die Abgeordnete Gabriela Ramírez sieht das Spiel als eine Rechtfertigung für eine Invasion und kritisiert, dass es ein falsches Bild von der Bedrohung durch Lateinamerika und von Chavez als Tyrannen gebe. Ein anderer sprach von einer "psychologischen Terrorkampagne".

Pandemic versichert, dass das Spiel nur der Unterhaltung dienen soll und man keine Verbindungen mit der US-Regierung habe. Chris Norris, der Pressesprecher, versicherte, dass man mit dem Spiel keine politische Aussage zu Chavez machen wollte. Aber ganz der Fiktion will man es auch nicht anheim stellen: "Auch wenn ein Konflikt nicht notwendigerweise eintreten muss, weist das Spiel ausreichend Realismus auf, um glaubwürdig zu machen, dass er vielleicht geschehen könnte." Aber damit stellt man sich auch auf das politische Spielfeld und trägt womöglich zur "Meinungsbildung" bei, bei der in diesem Fall die Bilder von den Feinden und der Gewalt dominieren.

Allerdings handelt es sich bei dem Spiel auch um eine Söldnergruppe, nicht um Soldaten, die im Auftrag eines Staates in den Kampf ziehen. Söldner sind Unternehmer, die Aufträge von denjenigen annehmen, die ihnen am meisten zahlen. Man spielt also in einer schmutzigen Welt, in der Gewalt und Geld herrschen. Auch das ist ein Szenario, das nicht gerade unrealistisch ist.

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