Schönere Antworten durch weniger Fragen

Thorsten Stegemann 02.06.2006

Die Humboldt-Stiftung will herausgefunden haben, welche deutschen Universitäten für ausländische Spitzenwissenschaftler besonders attraktiv sind

Der "Spiegel" hat es getan, der "Focus" natürlich auch und ebenso die "Wirtschaftswoche". Der "Stern" macht es ebenfalls, und das Centrum für Hochschulentwicklung ist per se und überhaupt dazu verpflichtet. Seit Jahren rankt Deutschland, was die Statistik hergibt, und vermittelt Verantwortlichen und Betroffenen so das beruhigende Gefühl: Wenn die hiesige Bildungslandschaft schon einer Trümmerwüste gleicht, dann ist dank der vermeintlich typisch deutschen Ordnungsliebe wenigstens alles an seinem Platz.

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Rankings verraten uns nicht nur, an welcher Universität man am besten Physik, Maschinenbau oder Geschichte studieren kann, welcher Bildungstempel die meisten Drittmittel einsammelt und wo sich die beliebtesten Professoren tummeln, sondern zur Not auch noch, welche Mensaköche die leckersten Salate zaubern. Eine Auflistung der nettesten Hausmeister und pünktlichsten Wach- und Schließdienste wird vermutlich nicht mehr lange auf sich warten lassen, und dann sind vielleicht die langlebigsten Kopierer und die größten Pinnwände an der Reihe.

Obwohl die Rankings mit schöner Regelmäßigkeit zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, gleichen sich die Reaktionen der Universitäten und Fachhochschulen wie ein sprichwörtliches Ei dem anderen. Auf den Plätzen eins bis zehn herrscht abnehmend eitel Sonnenschein, das Mittelfeld findet garantiert irgendwo irgendeinen Forschungszweig, der von einer halbwegs positiven Erwähnung gestreift wurde und dann zur Meldung des Jahres umgearbeitet wird, und die Schlusslichter erklären die Parameter, auf denen die Untersuchung basiert, ganz einfach für ungeeignet oder falsch bewertet.

Tatsächlich hängt die Seriosität aller Rankings von der Aussagekraft ihrer Bewertungsmaßstäbe ab. Auf den ersten Blick gibt das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden, die durchschnittliche Studienzeit, die Anzahl der Absolventen, Promotionen, Habilitationen, Publikationen, Zitierungen, die Höhe der Drittmittel oder das Image der Professoren und sonstigen Lehrbevollmächtigten wichtige Hinweise auf Stärken und Defizite der jeweiligen Hochschule. Der pädagogische Wert und die Effizienz von Forschung und Lehre lässt sich damit allerdings kaum beziffern, und das gilt aufgrund der großen individuellen Differenzen erst recht für die Lebensqualität im Umkreis der Hochschulen.

Das vergleichsweise offene Bildungssystem der Bundesrepublik begünstigt subjektive Einschätzungen und persönliche Entscheidungen, die von den Studierenden immer wieder eingefordert werden und sich für diverse Rankings nicht ohne weiteres objektivieren lassen. Die Entwicklung allgemein vergleich- und verwertbarer Standards ist folglich eine Sisyphos-Aufgabe, an der trotzdem mit Hochdruck gearbeitet wird.

Die renommierte Alexander von Humboldt-Stiftung, die ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seit 1953 Forschungsaufenthalte an deutschen Hochschulen ermöglicht, trägt dem Problem insofern Rechnung, als ihre jüngst veröffentlichte Bewertung auf einem einzigen Indikator basiert. Die Stiftung zählt die Forschungsaufenthalte ihrer Stipendiaten und Preisträger in den Jahren 2001 bis 2005. Das Ergebnis ist erklärtermaßen subjektiv, denn die Humboldtianer dürfen sich ihre Gasthochschule selbst aussuchen.

Insgesamt wurden im genannten Zeitraum 4.943 Forschungsaufenthalte gefördert, 2.422 fielen in den Bereich Naturwissenschaften und 1.214 in den der Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften. 790 verbuchten die Lebenswissenschaften, während die Ingenieurwissenschaften auf 517 kamen. Entsprechend dieser Vierteilung fällt nun das Ranking der Humboldt-Stiftung aus. Ausländische Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaftler entschieden sich in 113 Fällen für einen Aufenthalt an der Freien Universität Berlin, die sich damit stadtintern gegen die Humboldt-Universität (96), aber auch gegen die Universität München (88) durchsetzte. Für Bio- und Agrarwissenschaftler, aber auch für Mediziner sind die Universitäten München (42), Freiburg (32) und Tübingen (22) offenbar besonders interessant. Naturwissenschaftler gaben der TU München (115) sowie den Universitäten Heidelberg (83) und München (82) den Vorzug, während sich die Ingenieure überwiegend für die TU Darmstadt (48), die TH Aachen und die Universität Stuttgart (beide 38) entschieden.

Die meistgewählte außeruniversitäre Einrichtung war das Fritz-Haber- Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin mit 58 Forschungsaufenthalten, beim Verhältnis ausländische Gastwissenschaftler/einheimische Professoren schnitt die Universität Bayreuth mit 40 Aufenthalten an 100 Lehrstühlen am besten ab.

Gegen die absoluten Zahlen lässt sich nichts ernsthaft einwenden, doch über die Interpretation, die Stiftungs-Generalsekretär Georg Schütte gleich mitlieferte, muss sicherlich noch gesprochen werden.

Das Humboldt-Ranking zeigt, welche deutschen Einrichtungen und welche Fachbereiche so gut sind, dass wir die Besten für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland gewinnen können. Ein Spitzenplatz in unserem Ranking ist gleichzeitig ein Qualitätssiegel für die internationale Reputation deutscher Gastgeber. Der Ruf der deutschen Wissenschaft ist im Ausland viel besser, als manch pessimistische Diskussion hierzulande glauben macht.

Georg Schütte

Wie bei so vielen anderen Hochschulrankings wirft die Deutung mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Auch wenn es unter den weltweit rund 22.000 Humboldt-Stipendiaten und –Preisträgern 40 Nobelpreisträger gibt, wüsste der unvoreingenommene Betrachter gern, aufgrund welcher Qualitäten die Geförderten automatisch in die Kategorie "die Besten" gehören und aus welchen Gründen sie sich denn im Detail für die jeweilige Hochschule entschieden haben. Abgesehen davon darf bezweifelt werden, dass 4.943 Forschungsaufenthalte eine ausreichende Datenbasis liefern, um seriöse Aussagen über die "internationale Reputation deutscher Gastgeber" und den "Ruf der deutschen Wissenschaft im Ausland" treffen zu können. Ohne die Einbeziehung internationaler Leistungsvergleiche, externer Gutachten, ohne Berücksichtigung der Gastaufenthalte deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an ausländischen Universitäten oder die Einschätzung der Fachpresse rund um den Globus steht eine solche Einschätzung auf tönernen Füßen.

Um hier verlässlichere Erkenntnisse zu gewinnen, müsste außerdem die Situation der etwa 250.000 ausländischen Studierenden in Deutschland berücksichtigt werden. Deren Entscheidung hängt nämlich keineswegs nur mit dem phänomenalen "Ruf der deutschen Wissenschaft" zusammen. Nach Einschätzung des Deutschen Studentenwerks sind viele von ihnen vor allem wegen der bisherigen Gebührenfreiheit gekommen. 68% der Studierenden aus den Entwicklungsländern, 51% des akademischen Nachwuchses aus Schwellenländern und immerhin noch 29% der Studierenden aus den Industriestaaten fühlten sich von diesem Aspekt des deutschen Bildungswesens besonders angezogen.

Da die Einführung von Studiengebühren in sechs Bundesländern schon beschlossen oder kaum noch zu verhindern ist (Mitzahlen statt Mitreden), dürfte sich an dieser Ausgangssituation Entscheidendes ändern. Entweder wird die Anzahl der ausländischen Studierenden dramatisch zurückgehen oder sich auf die Länder verteilen, in denen eine entsprechende Abgabe vorerst ausgeschlossen ist. Wenn die fleißigen Ranker auch im studentischen Bereich nur mit absoluten Zahlen operieren, könnte die deutsche Universität mit der größten internationalen Reputation also bald in Greifswald oder Potsdam stehen ... allerdings könnte das schlechte Renomme Ostdeutschlands im Hinblick auf Gastfreundlichkeit für Fremde hier entgegenwirken.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22761/1.html
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