Geistige Gesundheit im Atomic Café

25.06.2006

In Politik und Film drängt sich die gleiche Frage auf: Wie verrückt muss ein Staatschef sein, der die Bombe wirft?

Bei den wirklich schlechten Filmen führen Politik oder so genanntes Weltgeschehen die Regie. Weitere schlechte Filme im Kino und anderswo sorgen hernach dafür, dass niemand daraus klug wird. Aus den schlechten Filmen der letzten Art kann man allerdings eine Collage erstellen, die dann doch sehr lehrreich ist. Hier folgt in Telepolis den Hiroshima-Artikeln vom August letzten Jahres eine Nachlese zur massenkulturellen Darbietung des Themas "Atombombe".

1998 klagten 75 katholische Bischöfe in den USA, das Atomwaffensystem des Kalten Krieges werde nunmehr zur Dauereinrichtung. Sie verurteilten die aggressive, am "nationalen Interesse" ausgerichtete Nukleardoktrin ihres Landes. Zwischenzeitlich ist die Nukleardoktrin der Vereinigten Staaten noch sehr viel weitgehender fortgeschrieben worden. Grenzen für Erstschlagoptionen und Einsatzszenarien sind kaum noch auszumachen. Nicht zuletzt berichten seriöse US-Medien von Planungen der Administration, bei einem "Militärschlag" gegen den Iran auch Atomwaffen einzusetzen. 1.800 US-Physiker, darunter mehrere Nobelpreisträger, warnen in einem Brief an Präsident Bush vor den Folgen der neuen Nuklearpolitik.

Europa trägt nicht minder dazu bei, die Hemmschwellen zur atomaren Kriegsführung Schritt für Schritt abzubauen. 2003 erklärte der britische Verteidigungsminister mit Blick auf den Irakkrieg, der Einsatz von Atomwaffen sei nicht ausgeschlossen. Ebenfalls 2003 befürwortete das aus deutschen Steuergeldern mitfinanzierte "Centrum für Angewandte Politikforschung" den "Aufbau der Vereinigten Europäischen Strategischen Streitkräfte", die sich "des Atomwaffenpotenzials Frankreichs und Großbritanniens bedienen können". Im Mai des Folgejahres hieß es in der Expertise European Defence Paper für die EU-Staatschefs: "Wir haben uns nicht gescheut, auch Szenarien zu präsentieren, in denen die nationalen Nuklearstreitkräfte explizit oder implizit mit einbezogen werden."

Im Januar 2006 erklärte der französische Präsident Jacques Chirac, die Atomwaffen seines Landes könnten eingesetzt werden gegen "Staaten, die mit terroristischen Methoden oder Massenvernichtungswaffen drohen" und auch "zur Sicherstellung unserer strategischen Versorgung". Nur leicht verhüllt spielte der Staatschef in einem Nebensatz auf den Iran an. Die deutsche Bundeskanzlerin bewertete Chiracs Äußerungen lediglich als "eine den aktuellen Veränderungen in der Welt angepasste Doktrin".

In Fragen der nuklearen Teilhabe Deutschlands und der Kursrichtung einer europäischen Atomwaffenpolitik kann sie auf den Koalitionspartner SPD wohl bauen. Im Februar 2004 - noch zur Zeit von Rotgrün - bekannte sich z.B. Walter Kolbow (SPD), Staatssekretär im Verteidigungsministerium, in einem Schreiben an die Friedensbewegung zur bestehenden "Stationierung von verbündeten Nuklearstreitkräften auf deutschem Boden" sowie zur "Bereitstellung von Trägermitteln" durch die Bundeswehr. Eine bessere Ausgangsbasis für die atomare Aufrüstung eines großmächtigen Deutschlands, so jemand sie wünscht, ist kaum denkbar. In Gronau stünde die Urananreicherungstechnologie dafür zur Verfügung. Vorerst jedoch lautet die Devise: "Wir sind Teil einer Atommacht Europa."

Zwei sehr verschiedene Fernsehereignisse zum 60. Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs

Der Einsatz von Atombomben in ganz neuen Zusammenhängen wird von der Politik also immer unverhohlener erwogen. Durch eine "Modernisierung" der Arsenale in den USA, Großbritannien und Frankreich wird er aber auch vorbereitet. Nukleare "Miniaturbomben" und Bunkerbrecher sollen z.B. unterirdische Terrornester, Waffenlabors, Militäranlagen etc. treffen oder mit Radioaktivität bakteriologische Angriffe abwehren. Die Medienöffentlichkeit übt sich angesichts der diskutierten atomaren Kriegsführungsszenarien in Unbekümmertheit, soweit es nicht um fiktive Atombomben in der Hand von "Schurkenstaaten" wie Iran geht.

Gelenkte Geschichtsschreibung und eine atombombenfreundliche Erinnerungskultur sorgen seit Hiroshima dafür, dass ein nachhaltiger Lernprozess der Zivilisation ausbleibt. Die öffentliche Duldsamkeit gegenüber dem neuen Nuklearismus ist nur im Licht der vorherrschenden Massenkultur erklärbar.

Zum 60. Jahrestag der beiden ersten Atombombenabwürfe stand im August 2005 z.B. immer noch keine bedeutsame Spielfilmproduktion zum Gedenkanlass zur Verfügung. Hierzulande wurde auf Arte allerdings das zweiteilige TV-Dokumentardrama Hiroshima (Kanada/Japan 1995) von Roger Spottiswoode und Koreyoshi Kurahara ausgestrahlt. In diesem Film erfahren die Zuschauer erstaunliche Hintergründe zu dem, was US-Präsident Harry S. Truman "das größte Ereignis der Geschichte" genannt hat: In den USA wird die Frage nach einer Verträglichkeit des "Dings" mit den Genfer Konventionen nach der Devise "Eine Bombe ist eine Bombe" abgehandelt.

Die Nichtanwendung der zwei Milliarden Dollar teuren Neuerfindung ist 1945 bei der Diskussion über mögliche Optionen von vornherein ausgeklammert. Ein Kritiker des geplanten Bombenabwurfs nach Niederschlagung des Hitlerfaschismus, der Atomwissenschaftler Leo Szilard, wird sogar mit beleidigenden Anspielungen auf seine jüdische Abstammung abgewimmelt. Man weiß in Washington um die historisch bedingte "Unerfahrenheit" der Japaner bezüglich des Vorgehens bei einer unabwendbaren Kapitulation und auch um den hohen Stellenwert einer Garantie für den Verbleib des Kaisers. Konsequenzen werden daraus aber offenbar nicht gezogen.

US-Kriegsminister Stimson wird von einem Kabinettskollegen in seinem Eifer für diplomatisches Geschick gegenüber Tokio gebremst: "Nichts überstürzen. Wir wollen das Gerät dort noch testen!" Nach der Kriegserklärung Russlands an Japan folgt unmittelbar der zweite Bombenabwurf über Nagasaki. In der Öffentlichkeit behauptet Truman später wider besseres Wissen, die Feinde der USA seien kurz davor gewesen, erfolgreich eine eigene Atombombe zu bauen ... Viele Passagen dieses Films setzen für eine richtige Einordnung historisches Hintergrundwissen voraus, das ein Dokudrama nur schwer vermitteln kann. Doch wohl bei jedem Zuschauer weckt das Werk ein Bedürfnis, weitere kritische Fragen zu stellen.

Nur scheinbar ähnlich konzipiert ist das gleichnamige Infotainmentprodukt Hiroshima (GB 2005) von Paul Wilmshurst, das zum gleichen Anlass im Zweiten Deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Anleihen aus dem um zehn Jahre älteren Vorbild sind in einigen Szenen schwer zu übersehen. Die Leiden der Menschen in Hiroshima werden noch dramatischer ins Bild gesetzt als bei Spottiswoode und Kurahara.

Den ersten Einstieg bildet allerdings ein ausführlicher Blick auf die Fanatisierung der japanischen Soldaten und Zivilisten für den selbstmordbereiten Kriegseinsatz. Zumindest die mir bekannte deutschsprachige Fassung, für welche eine ZDF-Redaktion unter Leitung von Guido Knopp als Kooperationspartner der BBC verantwortlich zeichnet, hinterlässt beim aufmerksamen Zuhören größte Beklemmungen. Man erfährt, dass die USA durch Dechiffrierung des japanischen Funks über die Bedeutsamkeit der Kaiserfrage bestens unterrichtet sind. Suggeriert wird hernach jedoch, man habe darauf durch die zweite, abgemilderte Form der Potsdamer Kapitulationsforderung auch angemessen reagiert.

"Objektivität" verfolgt der Film durch Gegenüberstellungen der folgenden Art: Eine Japanerin bestätigt als Zeitzeugin, dass Hiroshima "Stadt in Waffen" genannt worden sei. Ergänzt wird im Kommentar: "Die Amerikaner haben Hiroshima bislang mit Bedacht verschont, um die Atombombe testen zu können." Mit viel Sinn für das Soldatische vermitteln Spielszenen und Interviews die Sicht der Hiroshima-Crew des Geschwaders 509, die den Einsatz mit drei Flugzeugen (Bombe, Messgeräte, Fotodokumentation) ausführt. Dutch van Kirk vergleicht die Szenerie vor dem Start mit einer "Hollywoodpremiere" und erinnert zum Datum: "Es war einfach ein wunderbarer Morgen." US-Oberst Paul W. Tibbets darf unkommentiert zu bedenken geben, man habe ja mit der Bombe mehr Menschen vor dem Tod bewahrt als getötet. Bei der Opferzahl hält sich der Filmkommentator an die US-Museumssprache: "Mehrere Zehntausend verbrennen; niemand kennt die genaue Zahl der Toten."

Der "Regen des Verderbens" (Truman) bringt den Untergang Japans. Der bedeutungsschwangere Filmkommentar zu den Bildern der Leidenden: "Die Morgensonne ist erloschen." Nun kommt menschliche Rührung ins Spiel und vermittelt zwischen dem Grauen von einst und dem Wohnzimmer von heute. Ein Kind wird gerettet und findet sogar seinen Vater. Der Filmtext dazu ist dem Schlager entlehnt: "Inmitten der Zerstörung geschieht ein Wunder." Mit historischen Kenntnissen über Schwerfälligkeit und Psychologie der japanischen Kaiserbürokratie scheinen sich die Filmemacher nicht belasten zu wollen. Man weiß, warum nach kurzer Zeit das nächste Unheil folgt: "Drei Tage nach dem Abwurf der Hiroshimabombe hat Japan trotz allem noch immer nicht kapituliert. Eine zweite Bombe wird einsatzbereit gemacht." Punkt und Nagasaki.

Der Erfolg stellt sich jetzt ein: "Die Soldaten kehren in ihre Heimat zurück. Überall auf der Welt Jubelfeiern." Erst Tage später zeigen dann viele Strahlenkranke die Schattenseite des glücklichen Kriegsendes. (Das bis dahin bekannte Ausmaß des Schreckens ist offenbar noch nicht "unkonventionell" genug.) Die dahinsiechenden Babys werden dann im Zeitsprung verabschiedet: "Heute ist Hiroshima eine prosperierende Millionenstadt. Japan ist ein wohlhabendes Land. Es hat Angriffskriegen abgeschworen. Obwohl seither nie wieder eine Atomwaffe gezündet wurde, hält die Debatte um ihren ersten Einsatz an. War er wirklich nötig? Gab es keine andere Möglichkeit, den Frieden zu erzwingen? Oder ging es den Amerikanern längst um mehr, nämlich dem neuen Rivalen Sowjetunion vorzuführen, wer nach dem Krieg der Stärkere sei?"

Die Frage, ob hier vielleicht ein Verbrechen größten Ausmaßes vorliegt und ob Vorbereitungen für noch Schlimmeres von der Weltgesellschaft geduldet werden dürfen, wird in diesem gefälligen Redefluss nicht gestellt. Es folgen, da die BBC/ZDF-Koproduktion ja alle Seiten zur Sprache bringen will, noch zwei Statements. Ein japanischer Zeitzeuge bezeichnet den Bombenabwurf auf Hiroshima als "Experiment am lebenden Menschen". Ein ehemaliger Mitarbeiter der Truman-Administration konstatiert abschließend, dass allein Tokio durch seine Kapitulationsverweigerung für die Weichenstellung der Bombe verantwortlich ist. Damit hat sich der Kreis geschlossen, und man kann getrost zu Bett gehen.

Atomic Café, Country-Songs und "geistige Gesundheit"

Auf der Suche nach weiteren Medienangeboten zum Thema stößt man unter anderem auf die DVD Amerika's Atombombentests - Projekt Tumpler Snapper. Die Verpackung vermerkt "Made in EU 2003" und nennt den Anbieter des Produktes (CAT Entertainment). Der Inhalt besteht aus einer alten Werbeproduktion des US-Militärs: "Department of Defense presents: Military Participation on Tumbler/Snapper, produced by United States Air Force - Lookout Mountain Laboratory Hollywood, California for Armed Forces Special Weapons Project."

Nicht mehr für den deutsprachigen Markt vertrieben wird derzeit der herausragende Dokumentarfilmklassiker The Atomic Café (USA 1982). Aufgrund der Verabschiedung von VHS-Kassetten verschwindet der Titel auch aus dem öffentlichen Medienverleih. Übrigens verarbeitet auch dieser Film Material, welches den Regisseuren vor nunmehr 25 Jahren von Militärarchiven zur Verfügung gestellt worden ist (Center for Defense Information, Defense Nuclear Agency, Department of the Air Force, Department of the Army, Department of the Navy, Los Alamos Scientific Laboratories, U.S. Marine Corps). Der "Filmkommentar" besteht im Grunde nur aus dem Schnitt und der Auswahl von Musikstücken.

Ein besserer "Atom-Cocktail" über die massenkulturelle Vermittlung nuklearer US-Ansichten nach Hiroshima bis hin zur Wasserstoffbombe ist wohl kaum zu mixen: Präsident Truman dankt Gott, dass die "sehr schwere Aufgabe" des Atomtechnologiebesitzes den USA und nicht den Feinden zugekommen ist. Er bittet den Herrn der Welt, "dass er uns anleiten möge, sie zu verwenden nach seinem Willen und für seine Zwecke". Nach Bildern des Jubels über das Kriegsende hören wir im Film den ersten historischen Country-Song:

Im Schützengraben gab's keinen einzigen Atheisten mehr, und Männer, die nie zuvor gebetet hatten, erhoben ihre müden, blutunterlaufenen Augen zum Himmel und baten Gott, diesen furchtbaren Krieg zu beenden. Sie erzählten ihm von ihrem Zuhause und von ihren Lieben. Sie sagten ihm, wie gerne sie wieder bei ihnen wären. Ich glaube, die Bombe, die Hiroshima zerstört hat, war die Antwort auf all die Gebete unser kämpfenden Jungen.

Ein Mitglied der Nagasaki-Besatzung antwortet auf die Frage nach dem schönsten Augenblick des Fluges so:

Wohl der Moment, als die Wolken aufrissen über dem Ziel Nagasaki. Da lag das Ziel, einfach bildschön. Ich machte den Anflug, warf die Bombe ab. Das war für mich der aufregendste Moment.

Die "Eingeborenen" auf dem Bikiniatoll verstehen später, warum sie ihre ebenfalls bildschöne Heimat verlassen müssen. Der Vertreter des US-Militärs vermittelt ihnen die Atomtests als Entfaltung einer "Zerstörungskraft für das Gute". Er versichert: Da alles, was in Gottes Hand liegt, gut ist, muss auch sie gut sein. Im Übrigen erfahren wir, dass die Inselbewohner gerne reisen und also durch die Evakuierung regelrecht beschenkt werden.

Das schützenswerte Gute, so weiß man in einem nachfolgenden Filmausschnitt über den "praktischen US-Idealismus", besteht aus unbegrenzten Einkaufsmöglichkeiten und freien Parkplätzen. Gegen das Risiko einer nuklearen Kriegsführung gibt es Bunker, Schutzkleidung, Dosennahrung und die amüsante Übung "Ducken & Bedecken". Auch der Country-Sänger predigt wieder, dass die Bombe nicht Anlass zur Panik sein sollte:

Jeder macht sich Sorgen wegen der Atombombe, aber niemand wegen des Tages, an dem unser Herr kommen wird, wenn er uns züchtigen wird, Großer Allmächtiger Gott, wie eine Atombombe!

Beim Eintritt Chinas in den Koreakrieg erwägt Truman den erneuten Einsatz von Atomwaffen. Der Kongressabgeordnete James E. Van Zandt ist unbedingt dafür. Er weiß im Interview auch schon um potenzielle Ziele in Nordkorea und der Mandschurei. Die U.S. Air Force klärt die Menschen mit Filmen über den Nutzen der Atomwaffen auf. Ein neuer Country-Song trifft den Ton des Krieges gegen das Böse:

Bald wird's ein Ende haben mit diesem kalten und bösen Krieg, wenn die starrköpfigen Kommunisten das kriegen, was sie haben wollen! Nur dann wird ihrem fürchterlichen Treiben ein Ende gemacht, wenn General Mac Arthur die Atombombe abwirft! Dann gibt's Feuer und Staub und Metall fliegt durch die Luft, und die Radioaktivität wird sie in Grund und Boden brennen! Und falls noch Rote übrig sind, dann gehen sie alle laufen ...

Man braucht nicht viel von Politik zu verstehen, um zu wissen, dass Rote wie die Atomspione Julius und Ethel Rosenberg einem die eigene Kuh nicht gönnen: "Nicht auf den elektrischen Stuhl; stinken zu sehr!" Der offizielle Gefängnisberichterstatter über die Hinrichtung der beiden schildert detailliert die hartnäckige Weigerung von Frau Ethel Rosenberg, schon beim ersten Durchgang zu versterben. Ihr Kopf muss erneut mit Strom zum Dampfen gebracht werden. Dem Fernsehzuschauer wird aber versichert, dass das Werk letztendlich doch vollbracht ist und nun der Schöpfer das böse Ehepaar verhören kann. Danach folgt ein musikalisches Unterhaltungsprogramm. Mit Blick auf die Russen meint auch ein Franziskanerpater: Die H-Bombe muss unbedingt gebaut werden, nur einsetzen sollte man sie vielleicht nicht. Im Fernsehen erklärt ein anderer Gottesmann mit moraltheologischer Kompetenz, warum ein Familienvater bei schwindenden Überlebenschancen keine fremden Menschen zusätzlich in den häuslichen Bunker hereinlassen darf. Strittig ist offenbar, wie entschlussfreudig man in einer solchen Situation Waffen gebrauchen sollte.

Swingtänzer freuen sich über einen Songtext, demzufolge nach einem Atomangriff dreizehn Frauen und nur ein Mann in der Stadt überlebt haben. Ein Nachrichtenbeitrag zeigt, wie Vizepräsident Richard Nixon auf den Stufen des Kapitols die "Woche der geistigen Gesundheit" mit einer Glocke einläutet: "Der Vizepräsident bezeichnete die geistige Gesundheit als das vordringlichste Problem der Nation." Die im letzten Filmkapitel gezeigten Fiktionen des nuklearen Ernstfalls werden mit dem Rat eines Fernsehansagers eingeleitet: "Versorgen Sie sich auf jeden Fall mit Beruhigungsmitteln!"

Kann ein US-Präsident so verrückt sein, Atomwaffen einzusetzen?

Im Vietnamkrieg wird Nixon später bereit sein, auch Atombomben einzusetzen. Viele Menschen meinen, das sei lediglich Teil seiner "Verrückten-Strategie" gewesen. Die Gegner sollten demnach nur glauben, er sei unberechenbar und zu allem fähig. Ein Tonbandmitschnitt aus dem Weißen Haus beweist, dass es sich mitnichten so verhielt:

Nixon: Ich würde sogar die Atombombe tatsächlich einsetzen.
Kissinger: Ich glaube, das ginge zu weit.
Nixon: Die Atombombe? Hast du etwa Angst davor? ... Mensch Henry, denk doch mal in großen Dimensionen.

Zzitiert nach: Andreas Elter: Die Kriegsverkäufer. Frankfurt 2005, 166

Zu diesem Zeitpunkt hatte Stanley Kubrick das paranoide Szenario eines Atombombeneinsatzes bereits mit seinem an Subversivität nicht zu überbietenden Titel "Dr. Stranglove or How I learned to stop worrying and love the Bomb" (1963) auf die Leinwand gebracht. Im Vietnamfilmklassiker "Apokalypse Now" (1979) ist es dem wahnsinnigen Colonel Kurtz vorbehalten, als Höhepunkt seines "spirituellen Vermächtnisses" mit roten Buchstaben zu fordern: "Drop the bomb! Exterminate them all!" In der Stephen-King-Verfilmung "Dead Zone" (1983) von David Cronenberg sieht die Hauptfigur hellseherisch, wie ein zukünftiger US-Präsident Ernst macht. Auch hier kommt die Proklamation eines Nukleareinsatzes geradewegs aus der Psychiatrie: "I have to do it to fullfill my Destiny and that of the United States ... The missiles are launched! Hallelujah! Hallelujah!"

Wie man sich Vergleichbares in der Gegenwart vorstellen könnte, verrät ein sehr preiswertes DVD-Angebot. Der Lowbudget-Film Deterrence (USA/Frankreich 1999) von Rod Lurie verlegt den ersten Atomwaffeneinsatz nach Hiroshima und Nagasaki in das Jahr 2008. Auf die Frage, wie verrückt ein US-Präsident sein muss, der die Bombe wirklich zündet, enthält er einige eigenwillige Antworten. Die Umsetzung der äußerst interessanten Drehbuchidee weist allerdings viele Schwachstellen auf. Der Film verführt dazu, unterschätzt zu werden. Heute, acht Jahre nach den Dreharbeiten und mehr als drei Jahre nach dem Auftakt zum Irakkrieg der USA, wird man diesen Titel zu den relevanten massenkulturellen Beiträgen zum Thema zählen müssen.

Der Ausgangspunkt seiner Geschichte: 2008 marschiert der irakische Diktator Udai Hussein - wie 1990 schon sein Vater Saddam - in Kuwait ein. Die 300 Mitglieder des rotationsgemäß vor Ort eingesetzten "amerikanischen Friedenskorps der UN" werden überrannt. Satellitenbilder zeigen bewegliche Abschussbasen des Iraks für taktische, chemische und biologische Waffen. Einige von ihnen sind an der Grenze zur Türkei postiert und vielleicht nach Israel ausgerichtet. Die USA können in dieser Situation nicht mit einem Bodenkrieg antworten. Ein Abzug ihrer Truppen aus Südkorea hätte dort einen Einmarsch Chinas zur Folge. 80 Prozent der US-amerikanischen Truppenkontingente sind an andere Militärschauplätze gebunden und derzeit nicht verfügbar. Der US-Präsident Walter Emerson wird sich deshalb als Alternative zum "konventionellen Vorgehen" für das schwerste denkbare Geschütz entscheiden.

Zentral für den Film ist der Schauplatz dieser weltpolitischen Entscheidung. Emerson ist als Vizepräsident nach Abdankung seines Vorgängers automatisch ins höchste Amt gelangt. Auf einer Wahlkampftour für seine Nominierung als Präsidentschaftskandidat gerät er in Colorado in einen schweren Schneesturm. Sein Team und der Live-Reporter eines großen TV-Senders finden in einem abgelegenen Restaurant Unterschlupf. Von der Außenwelt abgeschnitten, verfolgen sie dort am Fernsehbildschirm die aktuellen Nachrichten über die "Nahostkrise" bzw. über "den Anfang des 3. Weltkrieges". Laptops, Satellitentelefone, digitale Kameratechnik und eine Weltkarte verwandeln das kleine Restaurant in eine Kommandozentrale der Supermacht. Zugleich fungiert die Billardstube als Studio für die Fernsehübertragung zum "Showdown in the Desert". Der US-Präsident hält in diesem Provisorium die "dramatischste Rede, die je gehalten wurde". Er will "das schwere Richtigere dem leichten Falschen" vorziehen. Er wendet sich nicht an "den unberechenbaren Barbaren Udai Hussein", sondern direkt an die Iraker:

Wenn euer Führer Udai Hussein nicht sofort seine Stellungen räumt und Kuwait verlässt (...) und sich nicht selbst zur Festnahme in der amerikanischen Botschaft in Kuwait stellt, werde ich den Abwurf einer Multimegatonnennuklearbombe auf die Stadt Bagdad anordnen. Ich gebe euch, den Einwohnern der Stadt Bagdad, eine Stunde und zwanzig Minuten Zeit, die Stadt zu verlassen, um euer Leben zu retten und das eurer Kinder. Es ist mein zutiefst empfundener Wunsch, und dafür bete ich, dass Udai Hussein seine Verantwortung wahrnimmt. (...) Das ist alles. Gott rette uns alle!

Präsident Emerson meint, durch diese Vorwarnung ein besseres Gewissen haben zu können als einst Truman. Außerdem hält er einen guten Ausgang seines Pokerspiels für denkbar: "Hoffen wir, dass die Würfel zu unseren Gunsten fallen werden." Seine afroamerikanische Sicherheitsberaterin wendet ein, bei nuklearer Kriegsführung gehe es nicht ums Spielen, sondern um strategische und moralische Gewissheit. Direkte Satellitengespräche mit Vertretern des Iraks tragen zur Eskalation bei. Die Gegenseite übt sich in großspuriger Rhetorik, weist jedoch in versteckten Nebenbemerkungen auf Auswege hin, bei denen beide Seiten ihr Gesicht wahren könnten (z.B.: USA als Friedensvermittler im Nahen Osten; Garantien für eine verlässliche Ölpolitik). Der irakische Beauftragte sagt: "Wir haben das Öl!" Der US-Präsident kontert: "Und ich habe das Streichholz!" Er ist zu keinerlei Konzessionen bereit.

Ein besonderes Problem ergibt sich aus dem Umstand, dass Präsident Emerson - anders als z.B. Bush Senior als oberster Befehlshaber des Golfkriegs 1991 - jüdischer US-Amerikaner ist. Da der Irak nach Saddam Hussein vom säkularistischen ins religiöse Lager übergewechselt ist, wird der Konflikt dadurch für die Gegenseite zum "Heiligen Krieg". Sogar im eigenen Beraterstab scheint man Emerson semi-zionistische Motive zu unterstellen. Das Religiöse liegt dem US-Präsidenten allerdings nur bei TV-Ansprachen. Sein persönliches Bekenntnis: "Jeder Präsident wird irgendwann zum Atheisten. (...) Man sollte nicht an einen besseren Ort glauben. Meine Verantwortung gilt der Erhaltung unserer Existenz hier auf Erden."

Im Verlauf der Ereignisse wird bekannt, dass der Irak im Gegenzug offenbar eigene Nuklearsprengköpfe auf die USA, Israel und alle NATO-Staaten richtet. Der US-Präsident lässt sich davon nicht beeindrucken. Allerdings hat er nach seiner Entscheidung für einen Atomwaffeneinsatz fast alle gegen sich. Seine Ehefrau ist entsetzt. Sein engster Berater erinnert daran, dass der Irak einst der Garten Eden und Wiege der Zivilisation gewesen sei. Im Vergleich zum scharf gemachten Sprengkopf für Bagdad sei der Prototyp von Los Alamos nur ein Moskitostich. Einige Militärs raten wiederholt zu einem konventionellen Vorgehen.

Vor allem die einfachen Leute im Restaurant stehen am Ende in Opposition zu ihrem leutseligen Staatsoberhaupt. (Selbst ein rassistischer Biedermann, der anfänglich "Volkes Stimme" für die Bombe reklamiert, kommt zur Besinnung.) Der afroamerikanische Besitzer des kleinen Ladens vertraut der Nationalen Sicherheitsberaterin an: "Dieser Mann ist total verrückt. Dieser Mann, unser Präsident, wird noch das Ende der Welt auf uns alle herabregnen lassen." In seiner Not erschießt dieser einfache Bürger von der Theke aus den Träger des berüchtigten Atomeinsatzkoffers. Wegen dieses Versuchs, die Apokalypse abzuwehren, wird er selbst erschossen. Das Kleinstadtrestaurant ist also nicht nur zum "Atomic Café", sondern auch zum Ort eines blutigen Gemetzels geworden.

Der weitere Verlauf: In der irakischen Hauptstadt befinden sich 12 Millionen Menschen in Panik; sehr viele von ihnen werden tot getrampelt. Die Atombombe über Bagdad wird nach fernmündlicher Ermittlung des Geheimcodes wirklich abgeworfen. Satellitenbilder zeigen die Entfaltung des Atompilzes. Alle Nuklearsprengköpfe des Iraks, vor denen die ganze Welt bangt, erweisen sich hingegen als Blindgänger. Die gebotene Auflösung lautet: Die USA selbst haben diese untauglichen Pseudoatomwaffen über Frankreich an den Irak liefern lassen. Der Präsident der Vereinigten Staaten befindet sich noch an seinem Zufluchtsort im eingeschneiten Colorado und wendet sich von dort aus ein letztes Mal an die Fernsehzuschauer:

Meine amerikanischen Mitbürger. Präsident Roosevelt sagte einst: Wir haben nichts zu fürchten außer der Furcht selbst! Bei Gott, das ist wahr. (...) Um 1:47 Uhr östlicher Küstenzeit warf auf meinen Startcodebefehl hin ein B2-Spiritbomber eine 10 Megatonnen-Nuklearbombe auf die irakische Hauptstadt Bagdad ab. Unsere Luftaufklärung hat eine erfolgreiche Detonation und die Vernichtung dieser Stadt gemeldet. (...) Seit dem 2. Weltkrieg hatten wir gehofft und geglaubt, dass die nukleare Ära de facto nur zwei Tage währen würde: von Hiroshima bis Nagasaki. Als fünf Mitgliedsnationen des Sicherheitsrates bestätigten, nukleare Arsenale zu haben, wurde angenommen, sie würden niemals eingesetzt. Der Dominoeffekt wäre zu schrecklich gewesen. Abschreckung war unser globaler Schild. Heute sandten die Vereinigten Staaten eine Botschaft an die Welt. Ist unsere nationale Sicherheit bedroht, haben wir nukleare Waffen und werden sie einsetzen. (...) Ich möchte mein tiefstes Bedauern über alle heute verlorenen Leben ausdrücken. Gott segne jeden Einzelnen von Ihnen, und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika!

Die sich anschließende Nachbesprechung enthüllt wichtige Hintergründe. Der Einsatz der Bombe war durchaus kein Wahlkampf-Clou, denn der außenpolitische Pragmatiker Emerson beabsichtigt seinen alsbaldigen Rücktritt. Offenbar ging es ihm letztlich auch nicht um Israel oder die Golfstaaten. Als Ertrag seiner Kriegspolitik erhofft das US-Staatsoberhaupt nämlich vor allem, China werde nun im Koreakonflikt nachgeben. Draußen wartet ein Helikopter. "Gehen wir!", sagt der Präsident. Die anfangs doch so nette Kellnerin verweigert ihm die Hand. Das Schlussbild zeigt verkohlte Überreste von Menschen. Die DVD-Hülle zum Film gibt zu bedenken: "Man weiß nie, wohin einen die Geschichte als nächstes führt."

Die Filme

Amerika's Atombombentest - Projekt Tumpler Snapper, CAT Entertainment "Made in EU 2003" (= U.S. Department of Defense presents: Military Participation on Tumbler/Snapper, produced by United States Air Force).

Deterrence (Deterrence - Die Welt in Atem), USA/Frankreich 1999, Regie und Drehbuch: Rod Lurie.

Hiroshima, GB 2005 (TV-Dokumentardrama, BBC & ZDF), Regie und Drehbuch: Paul Wilmshurst (dt. Fassung: ZDF-Redaktion unter Leitung von Guido Knopp).

Hiroshima, Kanada/Japan 1995 (TV-Dokumentardrama), Regie: Roger Spottiswoode, Koreyoshi Kurahara, Drehbuch: Ben Hopkins, Toshiro Ishido (dt. Fassung ZDF; ausgestrahlt am 30./31.7.2005 auf Arte).

The Atomic Café, USA 1982 (Dokumentarfilm), Produktion und Regie: Kevin Rafferty, Jayne Loader, Pierce Rafferty.

Peter Bürger ist kath. Theologe und arbeitet als Publizist in Düsseldorf. Seine Studie Kino der Angst - Terror, Krieg und Staatskunst aus Hollywood ist mit dem Bertha-von-Suttner-Preis 2005/2006 in der Kategorie "Film & Medien" ausgezeichnet worden.

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