Der Wahnsinn hat begonnen
Mit Ankunft der US-Fußballmannschaft wurde über die Hamburger Innenstadt der Ausnahmezustand verhängt
Dass Sicherheit das oberste Gebot bei der WM sein würde, war gemeinhin bekannt. Doch das martialische Aufgebot von bis an die Zähne bewaffneten Uniformierten und das Militärarsenal zur Bewachung des US-Teams rufen selbst bei rechtschaffenen Bürgern in und um Hamburg Kopfschütteln und Missfallen hervor.
Zügig schiebt sich der ungewöhnliche Tross durch die engen Straßen des idyllischen Wohnviertels: Ein gutes halbes Dutzend Polizeiwagen unterschiedlicher Größe mit Blaulicht, in deren Mitte ein dunkelblauer Bus. Dem alten Mann am Gartenzaun klappt die Kinnlade herunter - so etwas hat er in seinen fast 80 Lebensjahren noch nicht erlebt. Ungläubig schüttelt er den Kopf.
Die beschriebene Szene stammt nicht aus einem Fernsehbericht über den Staatsbesuch von Queen Elisabeth oder dem Kaiser von China, sondern ist eine Reality-Show, die sich den Anwohnern des HSV-Trainingsgeländes etwas außerhalb der Stadtgrenze Hamburgs nun täglich darbieten wird - live und in Farbe. Denn in dem Bus sitzt weder die Queen, noch ein Kaiser oder ein anderer Staatsmann, sondern die derzeit best bewachte Fußballmannschaft der Welt: das US-Team auf dem Weg zur "Arbeit". Mit großem Polizeiaufgebot werden die Spieler von der Hamburger Innenstadt zum täglichen Training gebracht.
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Am vergangenen Freitag um kurz vor sechs landete das Team auf dem Hamburger Flughafen. Dort wedelte die aufgrund ihrer nachweislichen Unfähigkeit äußerst umstrittene Bildungs- und (ich las und staunte) Sportsenatorin Alexandra Dinges-Dierig freudig erregt mit Stars-and-Stripes-Fähnchen. Doch bevor sie Shake-Hands machen konnte, mussten die Personalien der "Boys" gecheckt werden - an Bord, versteht sich. Über dem Flughafen kreisten Hubschrauber, Panzerfahrzeuge und schwer bewaffnete Mitglieder einer Sondereinheit patrouillierten das Gelände, Infrarotkameras und Spürhunde waren ebenfalls im Einsatz.
"Die WM ist gelandet", titelte einen Tag später das Hamburger Abendblatt. "Der Kriegszustand hat begonnen", wäre treffender gewesen. Dasselbe Szenario wie am Flughafen spielte sich etwas zeitversetzt an und über dem Hotel Park Hyatt in der Hamburger Innenstadt ab, wo die Mannschaft untergebracht ist. Eigentlich eine Provokation, die Spieler ausgerechnet mitten in der City unterzubringen, denn Luxushotels gibt es in Hamburg viele, die meisten davon in weit weniger frequentierten Gebieten als der Haupteinkaufsstraße. Aber nur so kann Innensenator Udo Nagel (parteilos) sein Spiel mit den Muskeln wirksam zur Schau stellen und den schwer bewaffneten Terroristen, die er wohl auf jedem Dach der angrenzenden Hochhäuser und hinter jedem Bürofenster in der Umgebung zu vermuten scheint, öffentlich eine lange Nase machen. Eine Hundertschaft Polizeibeamter - schwer bewaffnet und mit kugelsicheren Westen bekleidet und eigens zu diesem Zweck eingeflogene Spezialkräfte aus den USA sichern das Hotel rund um die Uhr. Die schwer bewaffneten Polizisten zwischen den Passantinnen mit den H&M-Plastiktüten werden dort in den nächsten Wochen wohl zum Stadtbild gehören, jedenfalls so lange die US-Mannschaft in der WM mitspielt.
Das Park Hyatt befindet sich inmitten der Einkaufspassage, in unmittelbarer Nähe des Jungfernstiegs. Millionen Euro wurden in den Umbau von Hamburgs Edel-Shoppingmeile gesteckt und mit Hochdruck daran gearbeitet, dass sie pünktlich zur WM im neuen Glanz erstrahlt: Angeblich ist der Jungfernstieg jetzt eine der schönsten Einkaufsstraßen der Welt . Doch kaum eingeweiht wurde sie nun quasi über Nacht zum schönsten Krisengebiet der Welt.
Über Schönheit lässt sich streiten, über den Abbau demokratischer Grundrechte nicht. Das geht selbst den Bewohnerinnen und Bewohnern des kleinbürgerlichen Viertels neben dem HSV-Trainingsgelände in Norderstedt langsam auf. Auch über dieses Wohngebiet wurde der Ausnahmezustand verhängt. Mülltonnen, Altglascontainer, alles musste verschwinden oder wurde mit entsprechender Sicherheitstechnik untersucht, niemand darf in den angrenzenden Straßen parken. Schließlich braucht der Mannschaftsbus samt Vor- und Nachhut Bewegungsfreiheit und die 120 Polizeibeamten, die das Training absichern sollen, müssen auch irgendwo hin. Nicht nur der alte Mann am Gartenzaun findet diese Maßnahmen "´n ´büschen übertrieben", auch in seiner Nachbarschaft wird der Unmut laut: wegen der abhanden gekommenen Parkplätze und weil sich niemand mehr traut, seine Kinder aus dem Haus zu lassen, wie eine Anwohnerin vor laufenden Fernsehkameras schimpfte.
Die Strecke vom Hotel bis zum Trainingsplatz werden die Spieler mit einem dunkelblauen Bus mit verstärkter Polizeieskorte kutschiert. Dieser Bus hat als einziges WM-Fahrzeug einer auswärtigen Mannschaft kein Nationalitätenkennzeichen, sondern trägt die Aufschrift "United we play, united we win." Eine von vielen Sicherheitsmaßnahmen, die nun indes völlig unsinnig wurde, da inzwischen vermutlich jedes Kind in Hamburg diesen Bus kennt.
In der Hansestadt werden vier Vorrundenspiele sowie ein Viertelfinalspiel stattfinden, dazu werden Hunderttausende Fans aus aller Welt erwartet, allein der öffentliche Personennahverkehr rechnet mit fünf Millionen mehr Fahrgästen. Um allen Sicherheit zu garantieren, werden umfangreiche Maßnahmen durchgeführt, die geschilderten Polizeiaktivitäten sind ein kleiner Vorgeschmack davon. Laut Innensenator Nagel werden die Kosten dafür den Etat der Hansestadt mit etwa 8,8 Mio. € belasten.
Hamburg ist einer von 12 Austragungsorten der WM, auch in den anderen Städten lassen die Politiker sich nicht lumpen. Doch absolute Sicherheit kann niemand garantieren, dass musste Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) anlässlich der Messerstecherei in Berlin kürzlich einräumen. Trotzdem werden Unsummen verschleudert - und zwar zur Durchführung eines Events eines privaten Veranstalters. Die Kosten trägt nicht der Weltfußballverband FIFA, sondern die - angeblich völlig leeren – Staatskassen.
http://www.heise.de/tp/artikel/22/22821/1.html- tja (15.6.2006 15:42)
- Off Topic, aber egal (13.6.2006 3:25)
- AAAARRRGH (9.6.2006 17:48)
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