Panikalarm

Florian Rötzer 06.06.2006

Angeblich hatten die britischen Sicherheitsbehörden keine Alternative, als ein Haus in London zu stürmen, in dem sich eine einsatzfähige chemische Waffe befinden und daher eine "unmittelbare Gefahr" vorliegen sollte, die sich erst einmal in Luft aufgelöst hat

Es war wieder einmal eine Meldung, die Aufsehen erregte. Nach Hinweisen – "specific intelligence" - auf einen angeblich geplanten Terroranschlag mit einer chemischen oder biologischen Waffe stürmten in der Nacht vom Freitag auf Samstag 250 Polizisten, teils mit Schutzanzügen, in ein von einer Familie aus Bangladesch bewohntes Haus, das flugs als "chemical bomb factory" tituliert wurde, im Londoner Stadtteil Forest Gate. Dabei wurde einer der unbewaffneten Verdächtigen angeschossen. Die beiden Inhaftierten leugnen jede Verwicklung mit Terrorismus. Gefunden wurde in dem Haus nichts, auch keine "einsatzbereite" chemische Waffe, Scotland Yard will aber die Suche noch fortsetzen.

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Mittlerweile räumen auch Polizisten ein, dass die ominöse chemische oder biologische Waffe wohl gar nicht existiert. Man habe schnell handeln müssen, um einen möglichen Anschlag mit Hunderten von Toten auf die U-Bahn oder auf Kneipen, die mit Zuschauern der Fußball-WM gefüllt seien. Nähere Angaben über die Waffe – der Spiegel spricht von einer "schmutzigen chemischen Bombe" oder von einer "Bombe mit giftigem Material" – wurden bislang nicht bekannt. Es war die Rede von einer mit Giftgas wie Sarin oder mit Anthrax gefüllten Jacke. Wie technisch diese Verbindung zwischen einem Sprengstoffgürtel und einer chemischen oder biologischen Waffe aussehen sollte, wäre interessant. Dass sich Selbstmordattentäter finden, die davon ausgehen, mit der Explosion sofort tot zu sein, lässt sich vielleicht noch nachvollziehen, aber bei Milzbrand oder Sarin ist der Sachverhalt doch anders. Später kam man daher wohl wieder bei der Polizei ab von dieser Version und meinte eher, dass das Giftgas sich in einem Kanister oder einem ähnlichen Behälter befinden könnte.

Die Polizei erklärte, sie habe nach dem Hinweis auf eine tödliche Waffe keine Alternative gehabt, als schnell zu handeln, in das Haus einzudringen und es zu durchsuchen. Die "öffentliche Sicherheit" habe oberste Priorität. Begründet wurde die Razzia durch eine "unmittelbare Bedrohung", der Gefahrenindex blieb allerdings unverändert bei "ernsthaft" (severe).

Offenbar reicht es schon, wenn nur mysteriöse chemische oder biologische Substanzen erwähnt werden, um Panik vor dem Unvorstellbaren auszulösen, auch wenn es keinerlei konkrete Informationen gibt. Lange genug wurden schließlich auch die Gefahren, die von diesen "Massenvernichtungswaffen" ausgehen, als besonders gefährlich und heimtückisch beschrieben, während Terroristen, die angeblich immer schon mit schmutzigen Bomben oder biologischen Waffen Angriffe planen sollen, weiterhin auf die leichter zu handhabende Zerstörungskraft der traditionellen Sprengstoffe setzen. Unklar ist auch, von wem die Information an den Geheimdienst MI5 kam und ob hinreichend überprüft wurde, ob sie vertrauenswürdig ist. Der Rest der Familie wurde 12 Stunden lang verhört und anschließend ohne Anklage freigelassen.

Die martialische Aktion, die vermutlich ein Schlag ins Wasser war, ging vor allem auch deswegen daneben, weil ein Polizist den 23-jährigen Mohammed Abdul Kahar an der Schulter mit einem Schuss verletzte. Der hatte sich angeblich nicht gewehrt, wie es zuerst hieß. Berichtet wurde auch, sein bei der Razzia ebenfalls festgenommener Bruder Abul Koyair Kalam (20) habe ihn angeschossen. Jetzt heißt es überdies von der Polizei, der Schuss sei zufällig von der entsicherten Maschinenpistole losgegangen, ohne dass der Polizist in seinem Schutzanzug und mit Handschuhen und Sauerstoffmaske die Waffe berührt habe. Der angeschossene Kahar ist noch nicht vernehmungsfähig, Koyair streitet alle Anschuldigungen ab, auch die, dass er für den Schuss auf seinen Bruder verantwortlich sein könne. Kahar sei in den letzten Jahren religiös geworden, lehne aber Terrorismus ab und habe ebenso wie sein Bruder nie irgendwelche Kontakte zu Terroristen gehabt, erklären die Verteidiger der beiden Verdächtigen.

Sie erinnern an die Tötung des unschuldigen Brasilianers Jean Charles de Menezes am 22. Juli durch die Polizei und stellen damit auch die nach 7.7. erlassene Regel in Frage, nach der Polizisten Personen ohne Warnung erschießen dürfen, wenn sie im Verdacht stehen, Selbstmordattentäter zu sein. Wie seine Anwältin berichtete, sagte Kahar, dass er die Treppe hinunter ging, nachdem die Polizei in das Haus eingedrungen war. Sein Bruder ging hinter ihm. Ein Polizist habe ihn dann ohne Warnung aus großer Nähe angeschossen. Nachbarn erklärten, sie seien von der Polizei bei der Razzia geschlagen worden.

Chemische oder biologische Waffen sind Panikwaffen, selbst wenn sie nur in der Fantasie existieren. Natürlich steht die Polizei unter Zwang, Hinweisen nachzugehen, um Anschläge mit solchen Mitteln zu verhindern, zumal im Kontext von Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft oder im Vorlauf zum 7. Juli. Allerdings sollte sie nicht selbst in Panik verfallen und diese weitergeben, so dass sich die Angst weiter aufbaut. Offenbar aber scheint der Geheimdienst MI5 die Panik zu instrumentalisieren, wenn er nicht nur den Anstoß zur überstürzten Razzia gab, sondern auch in dem Kontext berichtete, dass Großbritannien angeblich von einer "verdeckten Verschwörung" von Hunderten von Terroristen bedroht werde, die als Schläfer unauffällig in den Vororten britischer Städte leben. Die Terroristen, die eine mindestens 1.200 Mann starke "Armee" bildeten, würden auch ihren Familien und Freunden unbekannt sein und mindesten 20 große Anschlagspläne aushecken.

Angeblich kam, wie der Telegraph berichtet, die Information zu einem MI5-Mitarbeiter, der Kontakt zu einer radikalen muslimischen Gruppe habe. Der Geheimdienst bezahlt Informanten auch aus den muslimischen Kreisen. Die Zuverlässigkeit ist dabei nicht unbedingt groß. Wie der Telegraph berichtet, ging es vielleicht auch gar nicht in erster Linie darum, dass schon eine Waffe vorhanden ist, sondern lediglich darum, dass einer der beiden Brüder versuchen könne, sich über das Internet die Mittel zum Bau einer chemischen Waffe zu besorgen. Daraufhin wurden die beiden Brüder aber bereits vom Geheimdienst überwacht. Telefone wurden abgehört, Emails eingesehen und Wanzen in die Wohnung installiert. Angeblich seien aber daraus keine Hinweise auf eine konkrete Bedrohung gewonnen worden. Trotzdem wurde die Razzia durchgeführt, um zu sehen, wie der Leiter der Antiterrorismus-Abteilung von Scotland Yard sagte, "ob die Information richtig ist oder nicht".

Das klingt freilich alles nicht mehr so alternativenlos, wie die Sicherheitsbehörden die Razzia nun darzustellen versuchen, sondern eher nach einem sehr vagen Verdacht. Ein Regierungsmitglied soll überdies dem Telegraph gesagt haben, dass auch dann, wenn nichts in dem Haus gefunden werde, die Information nicht falsch sein müsse. Schließlich könne das Giftgas zuvor fortgeschafft worden sein. So kann also immer alles möglich sein.

Update: Wie der Guardian berichtet, bestätigen inzwischen Polizeiangehörige, dass die Information, die als Anlass zur Razzia gilt, falsch gewesen ist. Nach gründlicher Durchsuchung des Hauses wurden weder eine Waffe noch Chemikalien oder irgendetwas anderes Verdächtiges gefunden. Angeblich habe man schnell und ohne Nachprüfung handeln müssen, weil der Geheimdienst die Information für glaubwürdig hielt, dass eine unmittelbare Bedrohung vorlag.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22825/1.html
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