Ich glaub, mein Handy pfeift!

13.06.2006

Jamba-Sommerhit 2006: der lehrersichere Klingelton?

Das süße Küken, das lila Nilpferd und der verrückte Frosch sind diesen Sommer so was von out. Stattdessen ist eine Mücke angesagt – die aber niemand hört, der sie nicht hören soll.

Mobiltelefone sind heute überall, und trotz den Überlegungen, sie wegen der Verbreitung von Gewalt- und Pornographievideos an den Schulen zu verbieten, auch an diesen allgegenwärtig: einerseits wollen die Eltern sicher sein, dass sie ihre Kinder erreichen können, andererseits denken diese erst recht nicht daran, auf ihr Handy zu verzichten. Nicht einmal im Unterricht wird es abgeschaltet, und wenn heute unter der Schulbank "gepfuscht" wird, so handelt es sich oft nicht mehr um Spickzettel, sondern Gameboy und SMS – und zukünftig womöglich RTL (Statt Gameboy: Zukünftig Fernsehen unter der Schulbank und im Büro?).

Käufliche "Mückenpiepser", links für Netz- rechts für Batteriebetrieb (Bild: W.D.Roth)

Natürlich gibt es dicken Ärger, wenn ein Handy im Unterricht klingelt – außer es ist das des Lehrers, was auch nicht so selten vorkommt. Hiergegen gibt es ja eigentlich schon seit Jahren Vibrationsalarm, doch ist es immer wieder sehr amüsant, wenn ein unter der Schulbank liegendes Handy plötzlich Mroooom mroooom mroooom macht und dann Kladosch, weil es vibrierend aus der Ablage gerutscht und gerade auf dem Boden aufgeschlagen ist.

Doch nun macht ein neuer Klingelton die Runde, den die Lehrer angeblich nicht hören können. Wirklich neu ist die Idee eigentlich nicht – es handelt sich um einen besonders hochfrequenten Ton von 17 kHz, den nur junge Ohren gut hören können. Ursprünglich wurde er für ein Gerät entwickelt, mit dem Mücken vertrieben werden – derartige Piepser gibt es ja beispielsweise zum Einstecken in die Steckdose und in den vergangenen Jahren taten sich auch einige Radiosender damit hervor, einen solchen Ton mit auszustrahlen, um die Mücken vom Radio und damit auch vom Hörer zu vertreiben.

Mancher Radiohörer stellte dann erstaunt fest, dass sein Hund sich plötzlich ganz unabhängig von der Musik jaulend unters Sofa verzog, sobald er diesen Sender einstellte. Nicht nur Mücken, auch andere Tiere wie Hunde, Katzen und ganz besonders Fledermäuse hören diese hohen Töne nämlich sehr gut und folglich werden derartige Piepser auch verwendet, um Hunde und Katzen vom Grundstück fernzuhalten.

Vor der Infrarot-Technik Standard: Historische Fernseh-Fernbedienung für einen der ersten Farbfernseher Ende der 60er-Jahre mit Ultraschall (Bild: W.D.Roth)

Ein Sicherheitsunternehmen hatte schließlich die Idee, mit einem derartigen Gerät Jugendliche vom Herumlungern in Einkaufszentren abzuhalten, weil diesen der hohe Ton auf die Nerven geht, während er die Erwachsenen nicht mehr stört. Findige Jugendliche kam dann auf die Idee, das eigentlich gegen sie bestimmte Geräusch aufzunehmen, ein MP3 daraus zu machen und dann als Handy-Klingelton zu verwenden.

In Deutschland werden herumlungernde Kinder, Jugendliche und Junkies bislang nicht "weggepfiffen", hier wird stattdessen an entsprechenden Örtlichkeiten klassische Musik gespielt, was denselben Effekt hat. In England und Amerika scheint der pfeifende Klingelton jedoch zum Hit zu werden. Dabei ist die ganze Sache ebenso unzuverlässig wie das Verjagen der Mücken per Piepton, denn das Hörvermögen der Menschen ist doch sehr unterschiedlich, wie wir schon zur eigenen Schulzeit feststellen mussten: Da hatte ich eine der ersten je gebauten TV-Fernbedienungen mit in die Schule genommen, die noch mit einem großen elektrostatischen Ultraschall-Lautsprecher ausgerüstet war. Der von ihr ausgesendete Ton am Rande des Hörbereichs zwischen 19 und 22 kHz je nach Fernbedienungskommando war auf kürzere Entfernung durchaus noch hörbar, bei manchen Schülern allerdings erst, wenn sie das Gerät auf wenige Zentimeter ans Ohr brachten – dann aber sehr plötzlich und schmerzhaft. Längere Benutzung hätte mit Sicherheit zu Hörschäden geführt, ebenso wie frühere Fernseher, die auf der Zeilenfrequenz von knapp 16 kHz (15625 Hz) unangenehm intensiv schmerzend pfiffen.

Blick in eine der ersten deutschen Ultraschall-Fernbedienungen aus den 50er-Jahren: insgesamt drei unterschiedliche Kommandos konnten an den Fernseher über drei Tasten gegeben werden; drückte man mehrere Tasten gleichzeitig, sank das starke Signal in den oberen Hörbereich bei 18 bis 20 kHz. Der elektrostatische Lautsprecher aus goldbedampfter Folie ist oben zu sehen, links ein weiteres Exemplar aus einem alten Radio, mit dem der Schalldruck noch erhöht werden konnte. (Bild: W.D.Roth)

Und auch in der Klasse gab es Unfrieden, denn eine Mitschülerin, die fast am anderen Ende des Klassenzimmers saß, nahm den Ton auch noch aus acht Metern Entfernung sehr laut und schmerzhaft wahr und schrie bei jedem Knopfdruck sofort, doch bitte mit dem Unsinn aufzuhören. Ein ähnlicher Effekt ergibt sich nun beim neuen Klingelton, der des öfteren von anderen Schülern viel intensiver gehört wird als vom Handybesitzer – und dummerweise auch von manchen Lehrern. Zudem ist nicht jedes Handy imstande, einen solchen Ton überhaupt wiederzugeben.

Wenn das piepsende Handy also schon nicht dazu taugt, unter der Schulbank unbemerkt zu simsen, so ist er vielleicht immer noch nützlich, um nach der Schule am Badesee die Mücken zu vertreiben. Allerdings braucht es dann noch einen guten Freund, der alle fünf Minuten anruft oder simst…

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