Selbstmord als "asymmetrischer Krieg"

12.06.2006

Das Pentagon zu den Selbstmorden im Gefangenenlager Guantanamo

In Guantanamo haben drei der Gefangenen Selbstmord begangen. Erstmals seit Öffnung des Lagers für die sogenannten "feindlichen Kämpfer", die von der US-Regierung als Outlaws behandelt werden und trotz einiger kleiner Verbesserungen praktisch immer noch keine Rechte besitzen, wurde vom Pentagon das Vorkommen von Selbstmorden eingeräumt. Die US-Regierung behauptete immer wieder, dass in Guantanamo, wo sich immer noch 450 Gefangene befinden sollen, die "Schlimmsten der Schlimmen" gefangen gehalten würden, der weitaus überwiegende Teil der Gefangenen hat aber mit Terrorismus nichts zu tun und wird dort seit Jahren ohne Anklage festgehalten.

Guantanamo steht seit Jahren unter Kritik. Das Lager für "feindliche Kämpfer", das keineswegs das einzige ist, gilt als Symbol für die verfehlte US-Politik, die zur angeblichen Verteidigung von Freiheit und Demokratie rechtsfreie Räume im Kampf gegen den Terrorismus geschaffen hat. US-Präsident Bush zeigte sich nach Bekanntwerden der Selbstmorde "ernsthaft besorgt". Bislang hat das Pentagon noch nicht mitgeteilt, um wen es sich handelt. Offenbar aber liegen keine Klagen gegen sie vor.

General Bantz J. Graddock, Oberkommandierender des U.S. Southern Command wiederholte bei der Bekanntgabe der Selbstmorde das Mantra der US-Regierung ohne jede nähere Begründung: "Gefangenen werden in JTF-Guantanamo festgehalten, weil sie gefährlich sind und weiterhin eine Gefahr für die USA und ihre Alliierten darstellen. Sie haben ihre Absicht zum Ausdruck gebracht werden, Amerikaner und ihre Freund zu töten, wenn sie freigelassen werden. Das sind keine normalen Kriminellen, es sind feindliche Kämpfer, die festgenommen wurden, weil sie Krieg gegen unsere Nation führten und weiterhin eine Gefahr darstellen."

Nach Angaben des Pentagon haben sich die drei Männer, zwei von Saudi-Arabien und einer aus Jemen, mit Seilen erhängt, die sie aus Bettlaken und Kleidung gemacht hatten. Sie haben angeblich Mitteilungen hinterlassen. Konteradmiral Harry Harris, der Leiter des Lagers, hatte die Selbstmorde am Samstag bekannt gegeben. Alle drei hätten schon an Hungerstreiks teilgenommen, einer sei ein al-Qaida-Angehöriger gewesen, ein anderer habe einer Splittergruppe angehört. Schon zuvor hatte es zahlreiche Selbstmordversuche gegeben. Im Mai kam es zu einer größeren Revolte der Gefangenen. Einige Gefangene sollen weiterhin im Hungerstreik sein. Menschenrechtsorganisationen hatten schon lange moniert, dass immer noch so viele Menschen gefangen gehalten werden, da die meisten der Gefangenen weder Terroristen seien, noch eine Gefahr darstellten. Auch viele Regierungen fordern eine Schließung des Lagers, das auch durch die CIA-Flüge mit verschleppten Personen über europäische Länder in Kritik kam.

Für William H. Goodman, dem Direktor des Center for Constitutional Rights, das viele der Gefangenen vertritt, sind die Selbstmorde auf Verzweiflung zurückzuführen, da die Gefangenen beliebig lange festgehalten werden und ihre Unschuld nicht beweisen können. Er sagte, die Verzweiflung unter den Gefangenen habe immer mehr zugenommen. Auch saudische Rechtsanwälte, die Gefangene vertreten, führen die Selbstmorde auf die "Unterdrückung" und die Verletzung von Menschenrechten zurück.

Was auch der wirklich Grund für die Selbstmorde sein mag, so sind die Erklärungen des Lagerkommandeurs und anderer Pentagon-Mitarbeiter doch geradezu grotesk. Die Gefangenen hätten sich umgebracht, um Medienöffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu erreichen. Ob sie Kenntnis hatten vom Tod Sarkawis ist unbekannt

Der Lagerkommandant Harris treibt die Erklärungen noch auf die Spitze. Das sei kein spontaner Akt gewesen, sondern "ganz klar ein geplanter Akt", meinte er. Die Toten seien entschlossene Gotteskämpfer gewesen und auf dem Schlachtfeld gefangen genommen worden: "Ich glaube, das war kein Akt der Verzweiflung, sondern des asymmetrischen Kriegs, der gegen uns geführt wird. Wir haben entschlossene Gotteskämpfer hier. Sie werden alles tun, was sie können, um ihren Kampf zu befördern."

Er führte an, dass es in Guantanamo einen "mythischen Glauben" gebe, dass das Lager geschlossen werde, wenn drei der Gefangenen sterben. Solche Hoffnungen wären angesichts der Lage der Gefangenen tatsächlich nicht unverständlich. Harris versicherte auch, man habe bereits mit Maßnahmen begonnen, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Man nehme beispielsweise den Gefangenen am Morgen die Bettlaken aus den Zellen und gebe sie ihnen erst wieder am Abend: "Wir halten konzentriert an unserer Mission fest. Es ist eine wichtige Mission im globalen Krieg gegen den Terror."

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