"Die Bedrohung ist so groß, dass nichts unternommen wird"

Craig Morris 27.06.2006

Amerikas unbekannte Umweltkatastrophe Teil II

Wie wir in Teil I gesehen haben, ist die Umweltkatastrophe in Louisiana fast nur unter den französischsprachigen Cajuns bekannt. Lange wurden sie als "coon-asses" verächtet, aber mittlerweile schaut man nicht mehr auf die Cajuns herab. Louisiana ist der einzige zweisprachige Bundesstaat in den USA, und die Cajun-Küche wird überall in den USA verkauft – zwar nicht die authentische, aber immerhin. Auch die Musik der Cajuns hat längst Zugang in die Popkultur gefunden.

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Dabei sind die Cajuns ihrer Kultur treu geblieben. Wer den Film "Forrest Gump" gesehen hat, wird vielleicht die Figur "Bubba" als übertrieben skurrile Gestalt verstanden haben, denn er redet nur von Shrimps. Doch sowohl Tidewell in seinem "Bayou Farewell" als auch Hallowell in seinem "Holding Back the Sea" beschreiben eine Kultur in den Bayous, die nach Shrimpfischen verrückt ist. Tidwell zitiert einen Cajun:

Eine Frau, die gerade ihre Tage hat, ist nichts im Vergleich zu einem Cajun, der während der Shrimp-Saison nicht mit seinem Boot hinaus kann.

Wie lebenserfüllend muss es sein, jeden Tag in eine zauberhafte Landschaft voller tropischer Vögel und wilden Blütenpflanzen hinauszustechen, um die eigene Familie mit leckeren, frischen Meeresfrüchten zu versorgen... Leider ist aber wenig politischer Einfluss ausgerechnet von den Menschen zu erwarten, die das Verschwinden der Sümpfe tagtäglich hautnah erleben. Tidwell erzählt zwar von einer Gruppe Cajuns, die vor wenigen Jahren zusammen nach Washington DC fuhren, um gegen ein ihrer Meinung nach ungerechtes Gesetz zu protestieren, doch sie hatten keinen Erfolg. Vielleicht lag es dran, dass sie sich ungestüm auf den ehrwürdigen Marmorböden Washingtons verhielten.

Tidwell berichtet, die Cajuns hätten nicht alle ein Auto, und da man schlecht mit dem Fischerboot nach Washington fährt, waren sie alle erst nach New Orleans gefahren – einige von ihnen bestimmt zum ersten Mal – und in den Zug nach DC gestiegen. Da das Bier im Zug bis Atlanta bereits komplett ausgetrunken worden war, musste dort Nachschub für die zweite Hälfte der Reise besorgt werden.

Im Mississippi sammelt sich das Wasser aus einem Gebiet etwa so groß wie die EU. Am Ende entsteht wegen der Dünger im Kornland (Mittelwesten) eine "tote Zone" (hypoxic zone) im Golf von Mexiko. (Bild: epa.gov)

Eine solche gemeinsame Front für die Küste kann man aber selten von den Cajuns erwarten, denn es gibt fast nie eine win-win-Situation. Schon heute bekriegen sich die Austernzüchter und die Shrimper bei jedem auch so kleinen Flussumleitungsprojekt, denn die Ernten fallen für die einen oder anderen immer erst mal aus, wenn sich der Salzgehalt im Marsch ändert.

Man würde aber meinen, dass die Politiker in Louisiana ein großes Interesse daran haben müssten, das Verkleinern des Bundesstaates zu verhindern. Leider hat der Umweltschutz wenig Freunde unter ihnen. Hallowell berichtet, dass die League of Conservation Voters 1999 zum Schluss kam, dass die Senatorin Landrieu, die eine Kampagne für die Rettung der Küste leitete, in Umweltfragen allgemein nur zu 22% für die Umwelt stimmte. Das reichte aber, um sie quasi zum Grünen in Louisiana zu machen, denn laut der League hätten alle anderen Senatoren aus Louisiana zu 0% für die Umwelt gestimmt.

Years ago, when we got a rain in the spring, the crawfish would come out of the mud and come across the road, thousands of them. Now it's open water. Every year a little more water, a little more water coming up. Everything is just sinking.

Ein 50-jähriger Fischer aus Venice/Louisiana gegenüber der Times-Picayune, der nach Katrina das Fischen aufgab, weil alles weg war. Prekär ist seine Lage, weil er zwar bestens fischen kann, aber nur zwei Jahre lang die Schulbank drückte.

Dabei gäbe es einen Lösungsansatz. Da der Hauptschaden daher rührt, dass der Mississippi lange nicht mehr überflutet hat, muss es dem Fluss wieder erlaubt sein, Sediment nachzuschieben. In kleineren Projekten geschieht dies bereits; man weiß also, dass es klappen kann. Aber damit die ganze Küste wiederbelebt wird, müsste der drittlängste Fluss der Welt, der das Wasser zwischen den Apellachen und den Rockies bis nach Kanada hinein drainiert, sozusagen zweigeteilt werden. Der eine Teil wurde in die Sümpfe abgeleitet, der andere weiterhin an New Orleans vorbei fließen, damit dort genug Wasser für die Navigation der Riesenschiffe vorhanden ist. Das Resultat wären zwei Minideltas – und zwei Flüsse mit einer Abflussmenge dreimal so groß wie die des Rheins in den Niederlanden.

Ohne die Sedimente des Mississippi würde Louisiana so aussehen wie die Küste vom Bundesstaat Mississippi, hier rund 40 km östlich von der Mündung – der erste Strand. Erwachsene bevorzugen die weißen Strände und die hohen Wellen Floridas, aber Familien mit kleinen Kindern kommen gerne an die Küste in Mississippi, weil die Wellen nur 1 cm hoch sind. Kaum jemand besucht dagegen die Sümpfe Louisianas. (Bild: Craig Morris, Dezember 2005)

Selbst dann würde sich die Küste nur langsam erholen, aber die Maßnahmen würden direkt zu einer kleinen Katastrophe für die Sumpfbewohner führen: Viele würden ihre Häuser in der künstlichen Flut verlieren, und die Fischwelt würde sich schlagartig ändern, denn schon wieder würde sich der Salzgehalt in großen Gebieten gewaltig verschieben, wenn plötzlich so große Mengen an Frischwasser über den Marsch fließen.

Ein weiterer Nachteil ist der Preis einer solchen Aktion. Das Ende der 1990er von lokalen Wissenschaftlern aufgearbeitete Projekt Coast 2050 würde bei rund 14 Milliarden Dollar veranschlagt – soviel wie zwei Monate Irakkrieg. Da muss man doch Prioritäten setzen. Halliburton kann die Lage bestens abschätzen: Wozu soviel in Louisiana investieren, wenn die Förderung sowieso immer weiter hinaus im Golf stattfindet, weit außerhalb der Hoheit des hinterwäldlerischen Bundesstaates?

Doch diese Strände bieten keinen Schutz vor Flutwellen, und so sieht schon mal ein Walmart direkt am selben Strand aus – rund 400 Meter von dort, wo das obige Bild geschossen wurde. Die 3-4 Meter hohe Flutwelle leerte das Gebäude, und Kleiderfetzen hingen in den geknickten Bäumen drum herum. (Bild: Craig Morris, Dezember 2005)

Die Umleitung hätte aber einen weiteren Vorteil. Weil die ganzen Düngermittel aus dem Kornland im Mittelwesten irgendwann durch die Mündung des Mississippi fließen, entsteht dort eine "tote Zone" (engl: dead zone – auf deutsch sagt man, das Meer "kippt um"): Die Algen blühen so stark auf, dass das Wasser zu wenig Sauerstoff hat. Fische können nicht mehr überleben.

Die tote Zone vor der Küste Louisianas soll so groß sein wie Sachsen-Anhalt – rund 20.000 km2. Würde der Fluss nun diese Nährstoffe in den Marsch leiten, so schätzen Forscher, würden die Düngermittel tatsächlich Wirkung zeigen, denn die vielen Pflanzen im Marsch können damit was anfangen. Statt einer toten Zone hätte man ein schön gedüngtes Feuchtgebiet.

Nach Katrina

Auch die Stadt New Orleans versinkt. In Nature schreiben Wissenschaftler von der University of Miami im Juni 2006, dass der extreme Osten der Stadt (also zum Golf hin) teilweise bereits um zwei Zentimeter pro Jahr versinkt. Katrina hat außerdem alles nur noch beschleunigt: laut einer zum gleichen Zeitpunkt erschienenen Ausgabe des New Scientist sind über Nacht alleine östlich des Mississippi 189 km2 verloren gegangen.

Laut dem New Scientist ist New Orleans aber nicht die einzige Stadt, die von einer Überflutung bedroht ist. Wenn ein Orkan auf New York City träfe, wäre die Stadt komplett unvorbereitet. (Das wäre, so die Zeitschrift, nicht mehr unwahrscheinlich, aber nicht wegen des Klimawandels – nein, die Amerikaner betonen immer, wir wären mitten in einem Warmwasser-Zyklus: "because we’re midway through a roughly 25-year cycle of warm waters in the Atlantic Ocean".) Die Kosten für Schutzmaßnahmen würden in zweistelliger Milliardenhöhe liegen.

Wird New York City das Geld bekommen? Jedenfalls hat New York bessere Chancen als New Orleans, denn die Ungleichbehandlung hat Tradition: Das EVU in New Orleans (Entergy) soll nicht nach Katrina mit Steuergeldern gerettet werden, obwohl genau das mit dem EVU von New York nach der viel kleineren Katastrophe am 11. September 2001 passierte; die Stadt New Orleans ist auch pleite, soll aber nicht von Washington gerettet werden, obwohl der Bund der Stadt New York in den 1970ern unter Präsident Ford zur Hilfe eilte.

Vielleicht sollte Louisiana es so machen wie die Stadt Boston, die in den 1980ern mehr als zwei Milliarden für ein Tunnelprojekt namens Big Dig bewilligt bekam, aber bis 2003 mehr als 14 Milliarden ausgegeben hatte – genau so viel, wie Louisiana für Coast 2050 braucht.

Vielleicht werden New Orleans und die Küste Louisianas aufgegeben, weil die mächtigsten Politiker doch in Neuengland und Kalifornien sitzen. Man macht sich nämlich auch in der Hauptstadt von Schwarzeneggerland Sorgen, denn das Land Sacramento ist – so der New Scientist weiter – teilweise um acht Meter versackt, weil das Grundwasser dort für die Bewässerung der riesigen Obst- und Gemüseplantagen ausgepumpt wird. Es droht eine Katastrophe, wenn das Salzwasser aus der San Francisco Bay ins Land fließt und diese Böden verseucht, "wo die Hälfte des in den USA produzierten Obst und Gemüse angebaut wird".

Wenn Sie auf dieser Graphik eine sich alle 25 Jahre wiederholende Oszillation sehen und den plötzlichen Anstieg am Ende nicht als Anomalie oder gar als Hinweis einer globalen Erderwärmung sehen, dann haben Sie als Klimaforscher in den USA gute Aufstiegschancen. (Bild: Agu.org)

Vielleicht wird Cajun-Country aufgegeben, weil das Problem einfach zu groß ist. Ein Orkan in New York wäre ungewöhnlich, in New Orleans nicht. Und Sacramento braucht vermutlich auch nur einmal gerettet zu werden, nicht jedes Jahr. Der Schutz vor Orkanen scheint ein Kampf gegen Windmühlen zu sein: Vor wenigen Wochen kollabierte der neu aufgebaute Damm vor einer Schule in Buras/Louisiana (siehe Foto in Teil I) um zwei Meter über Nacht – zwei Tage vor Beginn der Orkansaison 2006.

Eventuell profitieren dann Sacramento, New York, und andere Städte (Hamburg? Rotterdam? London?) von den bei der Katastrophe in Louisiana gewonnenen Einsichten, nicht Louisiana selbst. Wie der Autor von "Holding back the sea" (siehe Teil I) sagt:

So massive is the threat to New Orleans that little is being done to guard against it.

Aber wenn Louisiana aufgegeben wird, dann verlieren die Amerikaner nicht nur ein Viertel ihrer Meeresfrüchte und rund ein Viertel ihrer heimischen Ölproduktion sowie eine eigenartige Kultur und Landschaft, sondern auch eine Quelle für Soldaten: Ein Drittel der Louisiana National Guard war im Irak oder Afghanistan stationiert, als Katrina zuschlug. Louisiana stellt ein so großes Kontingent an Guardsmen, dass der Bundesstaat bis Katrina mehr Soldaten im Irak als jeder andere Bundesstaat außer New York verloren hatte. Im Gegensatz zu den regulären Soldaten im US-Militär sind dies junge Leute, die sich für ein Wochenende im Monat und zwei Wochen im Jahr zu Militärausbildung verpflichtet hatten im Falle einer Katastrophe wie Katrina oder für den Fall, dass die USA angegriffen werden. Sie dienen nun 6 bis 24 Monate im Ausland im Kampf gegen den Terrorismus. Als Katrina zuschlug, war ein Drittel der Guardsmen von Louisiana im Ausland.

Anmerkung: Bei Teil I haben viele Leser gemutmaßt, dass das Versinken der Marschen in Louisiana ein natürlicher Vorgang ist, entweder durch Erosion oder durch das Versinken der Kontinentalplatte. Wie man aber unschwer auf diesem Bild erkennen kann, liegt die Küste von Louisiana rund tausend Kilometer von der Plattengrenze entfernt. Die Küste dort versinkt also nicht mit der Platte (siehe Subduktion).

Die Küste erodiert zwar, aber der Sedimentnachschub vom Mississippi würde tatsächlich viel mehr Land schaffen, als der Golf erodiert. Das sieht man sogar auf der Karte von Louisiana am Anfang von Teil I. Zieht man dort eine Linie von der Grenze am Golf zwischen Texas/Louisiana und Louisiana/Mississippi, so ist ungefähr alles südlich davon Land, das trotz der natürlichen Erosion vom Fluß geschaffen worden ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22878/1.html
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"Jedes Jahr ein Sylt kleiner"

Craig Morris 14.06.2006

Amerikas unbekannte Umweltkatastrophe Teil I

Wo findet die größte Umweltkatastrophe der Welt statt? Im kahlgeschlagenen Urwald Brasiliens – oder im Urwald weltweit, wo alle zwei Sekunden die Fläche eines Fußballsfelds::http://info.greenpeace.ch/de/arten/wald/Hintergruende/FS_roadmap_to_recovery_forest_maps_Deutsch_os_final.pdf kahlgeschlagen wird? In den Sandstürmen Chinas – oder am chinesischen Drei-Schluchten-Staudamm::22030? Am ausgetrockneten Aralsee::http://www.taz.de/pt/2003/07/17/a0086.nf/textdruck? Oder ist es gar die globale Erderwärmung? Wenn Ihnen der US-Bundesstaat Louisiana nicht eingefallen ist, machen Sie sich nichts daraus – die Katastrophe dort ist den Amerikanern auch nicht bekannt.

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