Grün reden, aber trotzdem dreckig handeln?

Wolf-Dieter Roth 22.06.2006

Die Kyoto-Versprechen einiger Industriestaaten sind nichts als heiße Luft

Ursprünglich war es nur eine Absichtserklärung, doch heute basieren ganze Emissionsrechtsgeschäfte auf den im Kyoto-Protokoll festgelegten maximalen Klimagas-Emissionen der einzelnen Teilnehmerstaaten. Doch gibt es Fehlmessungen und -deklarationen in erheblichem Ausmaß.

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Im Kyoto-Abkommen hat jede Regierung ausgerechnet, wie viel der zur globalen Erwärmung beitragenden Klimakiller Kohlendioxid, Methan und Stickstoffdioxid ihr Land anhand der verschiedenen bekannten Emissionsquellen schätzungsweise freisetzt. Dazu kamen Willenserklärungen, diese Mengen um einen bestimmten Prozentsatz zu reduzieren. Später kam noch die Option dazu, Emmissionsrechte an andere Staaten verkaufen zu können, wenn man sein Kontinent nicht ausgenutzt hatte – für manche Staaten ein Geschäft in Höhe von Milliarden Dollar.

Die ursprünglichen Schätzwerte wurden von den Wissenschaftlern jedoch nie in Frage gestellt, ebenso wenig wie die aktuell gemessenen, errechneten und gegenüber den anderen Staaten angegebenen Werte. Wie der New Scientist in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, sind zwei Wissenschaftlerteams nun darauf gekommen, dass die von einigen Staaten angegebenen Werte in extremer Weise von der Realität abweichen, insbesondere beim klimatechnisch sehr relevanten Methan: auch wenn es sich im Vergleich zu Kohlendioxid nur ein Zehntel so lang in der Atmosphäre aufhält, ist seine Treibhauswirkung doch etwa hundertmal stärker. Ihm wird deshalb etwa ein Drittel Mitschuld an der globalen Erwärmung zugeschrieben. Die schlimmsten Sünder sind übrigens nicht die Vereinigten Staaten, sondern Großbritannien und Frankreich: Letzteres emittiert 47% mehr Methan als angegeben, Großbritannien mit 92% mehr sogar fast doppelt soviel wie angegeben und somit weit über dem Limit.

Nicht schätzen, sondern messen

Peter Bergamaschi vom European Commission Joint Research Centre in Ispra in Italien hat mit seinem Team das Problem der Klimagasmessungen anders angepackt: sie messen, wie sich die die Konzentration der Treibhausgase über den gesamten Planeten verteilt. Die Werte sind in der Nähe von Städten und Industrieanlagen höher; ebenso, wenn Inversionswetterlagen herrschen, die den Smog gefangen halten, während sie in der Nähe natürlicher Gassenken wie kalten Ozeanen abnehmen. Natürlich sind sie ebenso stark vom Wetter abhängig: über London variieren die Messungen beispielsweise von 1,8 ppm (parts per million, Millionstel), dem globalen Hintergrundniveau, gemessen an windigen Tagen, bis zu über drei ppm, wenn die Emmissionen von Müllhalden und Gaspipelines durch kalte Nachtluft festgehalten werden.

Mit diesen Messungen und entsprechenden Vergleichswerten errechneten die Wissenschaftler für Großbritannien 4,21 Millionen Tonnen Methan an Stelle der offiziell deklarierten 2,19 Millionen Tonnen und 4,43 Millionen Tonnen an Stelle der deklarierten 3,01 Millionen Tonnen für Frankreich. Die deutsche Regierung hat ihre Schätzungen der Methanemission aufgrund der Studie von Bergamaschi bereits um 70% erhöht und damit an seine Berechnungen angepasst, England und Frankreich wollen dies allerdings nicht tun.

Ursache der Fehler: Müll, Torf, Gaspipelines – und Planwirtschaft

In England dürfte der Berechnungsfehler daran liegen, dass die Methanemissionen von Müllkippen nicht ausreichend berücksichtigt wurden, während Frankreich generell zu geringe Werte ansetzt. Umgekehrt dürften Irland und Finnland ihre aus Torfmooren resultierenden Emissionen zu hoch angesetzt haben. China wiederum hatte trotz um 10% wachsender Wirtschaft in den späten 90er-Jahren verringerte Kohlendioxid-Emissionen gemeldet, von 911 Millionen Tonnen im Jahr 1996 auf 757 Millionen Tonnen im Jahr 2000, also eine Reduktion um 17%, weil angeblich weniger Kohle verbrannt wurde. Umso erstaunlicher, dass 2004 geschätzt 1200 Millionen Tonnen Kohlenstoff emittiert würden. Wo liegt hier der Fehler?

Nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit: Als Chinas Kohleförderung von staatlicher Planwirtschaft auf freie Marktwirtschaft umgestellt wurde, meldeten die Zechen plötzlich nicht mehr die gewünschten und vom Staat angeordneten Produktionsziele, sondern die deutlich darunter liegende tatsächliche Produktion...

Die Berechnungen von Bergamaschi werden von einer englischen Studie unterstützt, die von Euan Nisbet von der Royal Holloway University of London geleitet wird. Nisbet schätzt, dass die Methanemissionen in der Umgebung von London in den späten 90er-Jahren 40 bis 80% höher waren als von der englischen Regierung angegeben.

Zu wenig Messstellen an den falschen Orten

Beide Wissenschaftler gehen davon aus, dass Staaten außerhalb Europas ebenso falsche Werte in beide Richtungen – zu hoch und zu niedrig – angeben. Während es früher schlichtweg Messfehler waren, ist es mittlerweile bei zu niedrigen Angaben oft die Versuchung, angesichts des lukrativen Verkaufs von Emissionrechten zu betrügen, so Nisbet.

Die Wissenschaftler wollen nun ein zuverlässiges weltweites Messsystem für Klimagase aufbauen. Die meisten bisherigen Messstellen sind außerhalb der Wirtschaftszentren aufgestellt und sollen die Hintergrundpegel in sauberer Meeres- oder Bergluft messen. Damit können sie zwar nachweisen, dass die Pegel global ansteigen, doch um die Anteile eines spezifischen Landes zu bestimmen, ist dies ungeeignet. In China befindet sich die einzige Messstation beispielsweise in der tibetischen Hochebene, in Indien ebenfalls in der Hochebene von Ladakh. In Afrika gibt es überhaupt keine Messstation und nur wenige in Südamerika und Südostasien.

Doch auch die westlichen Regierungen drücken sich davor, entsprechende Messtationen aufzubauen und die EU hat vor kurzem ein Pilotprogramm, die Methanverteilung über den Kontinent zu bestimmen, beendet. "Ausgerechnet die USA und Australien, die beide das Kyoto-Abkommen verweigert haben, haben die ausführlichsten Messprogramme", so Nisbet. Doch erst wenn ein zuverlässiges Netzwerk von Messstationen existiert, können Klimasünder konsequent zur Verantwortung gezogen werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22947/1.html
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