US-Raketenabwehrschild einsatzbereit?

Florian Rötzer 25.06.2006

Der erfolgreiche Test mit dem seegestützten Raketenabwehrsystem sagt nichts darüber aus, ob eine Langstreckenrakete abgeschossen werden könnte

Ob Nordkorea tatsächlich eine Langstreckenrakete testen will, wie US-Geheimdienste aus der Analyse von Satellitenbildern erkenn wollen, ist weiterhin unklar (Nordkoreas Langstreckenrakete). Nordkorea fordert weiterhin ähnlich wie Iran direkte Gespräche mit den USA, die US-Regierung lehnt dies ab und droht hingegen dem Land mit schwerwiegenden Konsequenzen, falls die Rakete gestartet werden sollte, die, so wird unterstellt, womöglich auch die USA erreichen könnte. Innen- und außenpolitisch hat das Pentagon das größte und teuerste Rüstungsprojekt der USA, das Raketenabwehrsystem, wieder ins Spiel gebracht. Angeblich wurde es aktiviert und könne, wie General Henry A. "Trey" Obering III, der Leiter des Missile Defence Agency, Skeptikern des umstrittenen sagte, auch tatsächlich eine nordkoreanische Rakete nach dem Start abfangen und zerstören.

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Abschuss einer Abfangrakete des seegestützten Aegis-Systems für Kurz- und Mittelstreckenraketen. Foto: MDA

Südkorea zweifelt weiterhin an der amerikanischen Version und geht davon aus, dass die sogenannte Taepodong-2-Rakete, über deren technische Details wenig bekannt ist, eher einen Satelliten in den Weltraum bringen soll. Offenbar liegen US-Regierung und die südkoreanische Regierung über diesen Punkt über Kreuz. So hatte US-Präsident Bush zwar mit mehreren Staatshäuptern telefonisch über Nordkorea gesprochen, aber nicht mit dem südkoreanischen Präsidenten Roh Moo-hyun, wie man in Südkorea notierte. Dagegen wurden engere Bande zwischen der japanischen und der US-Regierung geknüpft. Japan war das erste Land, das unter den technisch und politisch fragwürdigen Raketenabwehrschild schlüpfte und sich an der Weiterentwicklung des Systems beteiligte. Andere Länder sind im Gespräch mit den USA, in ihren Territorien Radarsysteme zur Früherkennung von Raketen zu installieren (Danaer-Geschenk?).

Passend zur Aktivierung des landgestützten Raketenabwehrsystems, um im Bedarfsfall, wie Stephen J. Hadley, der Sicherheitsberater des Weißen Hauses, sagte, die nordkoreanische Rakete abzuschießen, fand ein Test des technisch zuverlässigeren seegestützten Abwehrsystems (Aegis Ballistic Missile Defens) am letzten Donnerstag statt. Nach Angaben von Obering war "wichtige" Test mit dem weiter entwickelten Raketenabwehrsystem 3.6 erfolgreich. In Hawaii wurde eine Zielrakete gestartet und von den Radarsystemen auf dem Kriegsschiff USS Shilow verfolgt. Vier Minuten später wurde dann nach den erforderlichen Berechnungen eine Trägerrakete SM3 gestartet, die die von der Zielrakete bereits getrennte Sprengkopfattrappe durch Aufprall (hit to kill) in einer Höhe von 130 Kilometern zerstörte. Die dabei gewonnenen Daten, so wurde hervorgehoben, seien auch für das landgestützte System wichtig, die die "50 Bundesstaaten vor einem begrenzten Angriff mit Langstreckenraketen" – gemeint ist vor allem von Nordkorea – schützen soll. Hervorgehoben wurde auch, dass dieses Mal erstmals ein Alliierter, nämlich Japan, an einem solchen Test teilgenommen hatte. Nach diesem wurden weitere Kooperationsabkommen zwischen den beiden Ländern im Hinblick auf das Raketenabwehrsystem geschlossen.

Das seegestützte Raketenabwehrsystem hat damit 7 von 8 Tests erfolgreich bewältigen können. Der Test war zwar schon lange geplant, kam aber für das Pentagon zur richtigen Zeit, um auf die angebliche Bedrohung durch Nordkorea und die Notwendigkeit des Raketenabwehrsystems, das mehr und mehr auch wegen technischer Mängel in die Kritik gekommen ist, aufmerksam zu machen. Allerdings ist das Aegis-System ausgerichtet auf Kurz- und Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von max. 700 km. Für Langstreckenraketen, wie sie angeblich Nordkorea testen will, wäre das System zu langsam, weswegen das Pentagon auch das landgestützte System aktiviert hat, das aber weitaus weniger erfolgreich ist und das nur in wenig realistischen Tests geprüft wurde.

Gleichwohl versucht man im Pentagon mit dem erfolgreichen Test den Glauben zu erwecken, dass das landgestützte System die USA vor Langstreckenraketen aus Nordkorea oder anderswo – sofern es sich um einen "begrenzten" Angriff handelt – zu schützen. Obering meinte jedenfalls, er sei von der Einsatzfähigkeit des Raketenabwehrschilds "sehr überzeugt", äußerte sich aber nicht dazu, ob man eine eventuell von Nordkorea abgefeuerte Langstreckenrakete tatsächlich abschießen will. Man habe die Testphase des Raketenabwehrsystems seit der Installation schon mehrmals aktiviert.

http://www.heise.de/tp/artikel/22/22964/1.html
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