Gaza-Streifen abgeriegelt

28.06.2006

Israel lehnt Gefangenenaustausch ab und droht eine militärische Operation an, Hamas hat nicht viel zu verlieren

Nachdem ein palästinensisches Kommando am Sonntag in eine israelische Militärbasis eindrang, zwei Panzer zerstörte, zwei Soldaten erschoss und einen entführte, drohte die israelische Regierung mit einer neuen Großoffensive gegen den Gazastreifen (Nervenkrieg). Drei Meldungen des Tages: "Palästinensischer Angriff torpediert israelisch-palästinensischen Friedensaussichten." "Hamas sorgt für neue Eskalation." "Israel bereitet Gegenschlag vor." Das ist die israelische Perspektive und die der Nahostkorrespondenten, deren allergrößte Mehrheit in Israel lebt. Ihre Realität ist die israelische, über den palästinensischen Alltag werden sie von dritter Seite oder durch seltene Kurzbesuche in den besetzten Gebieten informiert. Von palästinensischer Seite aus stellt sich die Lage allerdings anders dar.

Ein Kommando aus drei der Hamas nahestehenden Milizen aus dem Gazastreifen drang über einen Tunnel in ein israelisches Militärlager auf der anderen Seite des gut gesicherten Grenzzauns ein. In der Operation "Schwindende Illusion" wurden zwei Soldaten und zwei Angreifer getötet. Ein Soldat wurde in den Gazastreifen entführt. Israel macht die palästinensische Regierung für diesen "terroristischen Vorfall" verantwortlich. Präsident Abbas (Fatah-Bewegung) soll den Gazastreifen bis zur Freilassung des Entführten nicht mehr verlassen dürfen. Israel zog massive Panzerverbände und Artillerie am Gazastreifen zusammen. Und Verteidigungsminister Amir Peretz warnte, dass es "weder Vergebung noch Pardon" gebe, sollte dem entführten Soldaten etwas passieren. Am Dienstag gaben zudem die Volkswiderstandskomitees, einem Zusammenschluss mehrerer palästinensischer Gruppen, die Entführung eines israelischen Siedlers im Westjordanland bekannt. Der Mann stammt offenbar aus der Kolonie Itamar, einer Hochburg der rechtsextremen und in Israel offiziell verbotenen Siedlerbewegung Kahane Chai.

Hamas beendete am 9. Juni ihren einseitigen Waffenstillstand, nachdem die israelische Marine eine palästinensische Familie am Strand tötete (Israelisches Militär bombardiert palästinensische Familie beim Picknick, Es war keine Granate). Die Gegendarstellung der Armee wurde mittlerweile durch den Bericht eines israelischen Krankenhauses ausgehöhlt. Die Ärzte fanden israelische Granatsplitter im Körper eines Verletzten. "Hamas hat sich über ein Jahr zurückgehalten und nicht eine einzige Militäroperation unternommen", kommentierte Ijad Sarradsch, Psychologe aus dem Gazastreifen. "Aber Israel reagierte darauf nicht. Und jetzt, nach dem internationalen Boykott und der Verschwörung gegen die Hamas-Regierung zusätzlich zu den permanenten israelischen Tötungen, verstehe ich, warum Hamas den Waffenstillstand beendete."

Der entführte Soldat im Gazastreifen soll im Austausch gegen die Freilassung palästinensischer Frauen und Kinder in israelischen Gefängnissen wieder gehen können. 388 palästinensische Minderjährige sitzen in israelischer Haft, meist ohne Anklage ("Verwaltungshaft"), so Defence for Children International. Bisher war Israel allein verantwortlich für Kidnappings. In unzähligen Militäraktionen rückten die Soldaten in den vergangenen Jahren in palästinensische Orte ein, töten ihre "Zielpersonen" oder verschleppten sie in Gefängnisse. Viele werden misshandelt, schlecht ernährt und nicht ausreichend medizinisch versorgt. Auch Minderjährige werden nicht verschont. Am 17. April verhafteten israelische Soldaten den fünfjährigen Motaz für einige Stunden.

Neue Abriegelung der abgeriegelten Gebiete

Israels Regierung lehnt Verhandlungen und Gefangenenaustausch jedoch ab. Nur die Eltern des Soldaten und die französische Botschaft (der Soldat ist Franzose) wandten sich im Fernsehen direkt an die Kidnapper. Ghasi Hamad, Sprecher der Hamas-Regierung, beruhigte die Mutter des Soldaten, ebenfalls mit Hilfe des israelischen Fernsehens. Ihr Sohn sei wohlauf und werde gut behandelt.

In den palästinensischen Gebieten wurde der Angriff auf das israelische Militärlager und die Entführung des Soldaten in den Gazastreifen mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits passe das Ziel, weil keine Zivilisten gefährdet waren. Andererseits haben viele Angst vor einer neuen Militäroffensive mit vielen zivilen Toten. Das Militär verhängte bereits die "Abriegelung" des eigentlich schon seit 1991 vollständig umzäunten Gazastreifens. Zudem sprach die Marine von einer "Seesperre", obwohl die Gewässer vor dem Gazastreifen für Palästinenser bereits seit Jahrzehnten gesperrt sind.

"Die israelische Armee redet über ihre Zurückhaltung, die sie jetzt aufgeben will", so Ijad Sarradsch. "Das ist Unsinn. Der Gazastreifen leidet seit Monaten unter permanentem Artilleriebeschuss. Die Armee tötet Kinder, Familien und zerstört Häuser. Die gemeinte Zurückhaltung kennen wir sehr gut."

Mahmud Abbas, der palästinensische Präsident, hat inzwischen eine Suchaktion nach dem entführten Soldaten angeordnet. Ob die palästinensische Polizei (Fatah-Bewegung) die Geisel lebend befreien kann, ist allerdings fraglich. Die Hamas hat nicht viel zu verlieren.

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