Die neuen deutschen Tugenden
Sieg des Glaubens: Warum Deutschland besser spielt als erwartet und trotzdem im Viertelfinale ausscheiden wird
Am Ende wird man Bruno die Schuld geben. Oder Waldemar "Waldi" Hartmann, der bereits nach dem Eröffnungsspiel in seinem öffentlich-rechtlichen Privatstammtisch "Waldis WM-Club" das "Bären-Theorem" verkündete: Braunbär Bruno verkörpere "die Seele" des gegenwärtigen deutschen Fußballs und zugleich seine Hoffnung: Ein Bär sei - im Stadtwappen oder auf der Fahne des Papstes - mit allen bisher errungenen deutschen WM-Titeln verbunden gewesen. Indem man nun das Maskottchen des Titelgewinns abgeschossen hat, werde im Viertelfinale Schluss sein.
Aber es gibt, neben Waldis oberbayerischer Bären-Mystik, auch objektive Gründe, davon überzeugt zu sein, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am kommenden Freitag gegen Argentinien ausscheiden wird. Nein, um Patriotismus soll es hier zunächst einmal nicht gehen - ganz vermeiden lassen wird es sich angesichts der Umstände natürlich nicht -, sehr wohl aber um den geistigen Zustand der deutschen Republik, um ein Land, das schon immer ganz besondere Fähigkeiten der Selbstberauschung und des Realitätsverlusts an den Tag gelegt hat.
Dazu muss man gar nicht die politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, das "Wunder von Bern" oder die "Hölle von Göteborg" bemühen, es genügt schon, die Dichter der Romantik zu lesen oder Heinrich Heines Kritik dazu.
System Klinsmann - "Der Messias aus Geislingen"
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Tatsächlich hat unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann ein bemerkenswerter und auch unerwarteter Mentalitätswandel im deutschen Fußball stattgefunden. Nachdem die Europameisterschaft vor zwei Jahren, die zum Rücktritt Rudi Völlers und zur Installierung Klinsmanns führte, trotz Otto Rehhagels Triumph mit den Retro-Griechen das Ende der alten deutschen Fußball-Tugenden, des Über-den-Kampf-zum-Spiel-Finden, des Gebolzes der Briegels und Försters, für das sich jeder Deutsche mit Minimalsinn für Ästhetik im Ausland schämen musste, für jedermann augenfällig gemacht hat, in einer Weise, die kein Ausreden mehr zuließ, kam mit Klinsmann der Umbau.
Fußball ist, keine Frage, ein Zeitgeist-Indikator par excellence. Der WM-Verlauf zeigt allerdings, dass die Parallelisierung Klinsmann-Merkel zwar nicht falsch, aber doch etwas zu kurz gegriffen ist. Klinsmann ist weiter als Merkel, wie diese sprach auch Klinsmann vom "Sanierungsfall" - aber anders als Merkel. Auch Klinsmann sieht sich als Reformator und als Repräsentant einer großen Koalition. Er teilt auch diese "Es geht um die Sache"-Rhetorik mit Merkel, den Pragmatismus, die Ingenieurskunst, mit den neuesten Mitteln natürlich. Es ist eine "Wir müssen unseren Stil ändern"-Kunst, es geht um die Veränderung des Gesamtbilds, nicht nur um den Austausch einzelner Bauteile, sondern um den der Maschine.
Noch mehr aber gebärdet sich Klinsmann wie einer jener Jungmanager der neuen Generation, die sich endgültig von der Deutschland AG des Konsens und der strengen Ordnung der Abläufe verabschieden - wie zum Beispiel Klaus Kleinfeld, Chef des deutschen Vorzeige-Traditionsunternehmens Siemens. Entgegen aller Traditionen beim Tanker DFB steht Klinsmann für Rationalisierung, Restrukturierung, flache und flexible Hierarchien - wobei am Ende nur einer entscheidet: er selbst. Klinsmann gefällt sich als Pragmatiker, als Vollstrecker des ökonomisch Unausweichlichen.
Ein wesentlicher Bestandteil des "System Klinsmann" ist dabei der geforderte "Mentalitätswandel". Klinsmann lacht gern mal, versprüht Optimismus und Begeisterung, ist locker und freundlich. Dass er dabei jenseits aller Nettigkeiten jederzeit über die nötige Härte verfügt, darüber sollte man sich allerdings keine Illusionen machen. Zur Not kann man bei Oliver Kahn nachfragen. Sobald es irgendwo nicht läuft, schlägt er zu.
Klinsmann setzt sich radikal von seinen Vorgängern ab. Seine Vorgaben sind hart, Konflikte scheut er nicht, Probleme werden schnell und radikal gelöst. Der eigentliche Unterschied ist aber die maximalistische Geste: "Wir wollen Weltmeister werden." Weil sie Klinsmann nicht mit der Arroganz der Engländer vorträgt, in der mitschwingt, dass sie für irgendetwas nun endlich Genugtuung einfordern, sondern mit der Selbstverständlichkeit, mit der man sich an den besten Konkurrenten misst, mit Leistung, Motivation, Fitness begründet wird, hat sie zugleich etwas Messianisches. Der "Messias aus Geislingen" führt uns ins gelobte Land der Weltmeisterbrötchen.
Das Killen der ganz großen Egos
Ist das nun aber wirklich ein Wiederaufleben des "linken Fußballs", wie ihn Holländer und Argentinier in den 70er Jahren praktizierten? Hat Daniel Cohn-Bendit, Europa-Abgeordneter der Grünen, recht, wenn er sagt: "Klinsmann hat mit der Mannschaft das geschafft, was Rot-Grün mit der deutschen Gesellschaft nicht geschafft hat: Eine Modernisierung durchzusetzen in einer Umgebung, die modernisierungsresistent ist."
Das Grundphänomen Klinsmann ist die Amerikanisierung des Fußballs, verbunden mit neuem Effizienzdenken, das in allen Formen von Nachlässigkeit und Selbstgefälligkeit den Hauptgegner sieht und das einen universalen Fitnessgedanken mit Motivation verknüpft. Klinsmann hat US-Trainings-Methoden eingeführt, zuerst physiologischer und sportmedizinischer Natur, und diese dann zunehmend auch mit einem neuen Optimismus und Hoffnungsbegriff ausgestattet. Der Team-Geist wird von ihm auf eine ganz andere Weise definiert als von seinen Vorgängern, und diese Definition ist gekoppelt mit einem bestimmten Material an Gesten, mit einer bestimmten Art zu sprechen: fast als eine Art gewollte Ich-Schwäche.
Jeder, absolut jeder ist ersetzbar. Während früher der Ich-Begriff im deutschen Fußball viel stärker ausgeprägt war, dürfte es heute den meisten schwer fallen, sämtliche Namen von Klinsmanns Team aus dem Kopf zu nennen. Die ganz großen Egos hat Klinsmann bewusst gekillt, um den Rest zusammenzuschweißen. Zu aktiven Zeiten immer der Erz-Feind von Matthäus wurde mit Kahn der Quasi-Matthäus des Teams bei lebendigem Leib öffentlich geopfert. Kahn ist abserviert worden, genau weil er der Superstar der letzten WM war. Ballack hingegen ist nur der erste unter Gleichen, nicht der Nachfolger von Matthäus oder Sammer oder Klinsmann, kein "Leitwolf".
Fußball ist ein Starsystem und lebt vom Hervorheben des Einzelnen: Beckham schießt den Freistoß, Ronaldo die Tore, Ballack gibt das Kommando. Gleichzeitig ist "der Star" in der Krise: van Nistelrooy bleibt im entscheidenden Spiel draußen, Ronaldo ist krank, Beckham schlecht. Unter Klinsmann werden Stars nur geduldet, wo sie stellvertretend vorführen, was die Gesellschaft tun soll. Der Star muss sich nutzbar machen "für das Team".
Der Star ist der Trainer
Die neuen deutschen Tugenden unter Klinsmann sind nicht allein die Fähigkeiten, über das Spiel das Spiel zu finden, über die Begeisterung und den Sieg, sondern auch die, Probleme nicht länger liegen zu lassen, weil sie dann bloß wachsen. Und Konflikte auszutragen. Hinzu tritt Glaube, Optimismus und Selbstbegeisterung: "Diese Mannschaft glaubt an sich. Die kann noch eine ganze Menge erreichen. Und ich glaube auch daran", sagt nicht Klinsmann, sondern Merkel.
Darin ähnelt die Klinsmannsche-Motivationstechnik der "Du bist Deutschland"-Kampagne. Auch sie ist keine, die den Ruck fordert, sondern eine die so tut, als habe er schon stattgefunden. Die Industrie hat in den letzten zwei Jahren - schon vor der Neuwahl 2005 - ihre Rhetorik zu 50 Prozent umgestellt. Es war immer Krisen-Rhetorik, heute ist es Optimismus-Rhetorik. "Deutschland hat eigentlich das Potential." "Eigentlich geht es Deutschland gut." "Wir müssen nur die Kräfte entfesseln, Prometheus befreien. Optimistischer sein." Während früher galt: Die Lage ist schlechter als der Anschein, gilt heute: Sie ist besser als der Anschein.
Obgleich die Mannschaft unter Klinsmann wie einst unter Vogts alles Individuelle transzendiert, gilt dessen Konzept "Der Star ist die Mannschaft" nicht mehr. Es ist schief gegangen, was auch daran liegt, dass der Star nicht der Trainer war. Heute ist die Tendenz in Deutschland: "Der Star ist der Trainer". Heute geht es um den Optimismus und die Flexibilisierung jedes Einzelnen, um den "Eigenanteil".
In ihrem Klinsmann-Patriotismus der sauberen, lustigen und freundlichen Party-Deutschen und dem jamaikaartigen Schwarz-Rot-Gelb leistet die Nation ihren Eigenanteil. Differenzfrei koppelt sich - wie in der Mannschaft mit Odonkor, Asamoa, zwei Halb-Polen und einem Belgisch-Schweizer-Italiener mit deutschem Pass - Identitätsgefühl mit Öffnung, Globalisierung und einer anderen, neuen Weltoffenheit, die etwas angestrengt und übertrieben, auch ungeübt daherkommen mag, aber doch grundsätzlich sehr angenehm entspannt ist.
Kommt der große Kater?
Trotz alldem wird es nicht reichen, denn Glaube allein gibt zwar Kraft, versetzt aber keine Berge. Die ganz eigene Dramaturgie mit den nicht gerade glänzenden Vorbereitungsspielen, dem mäßigen, aber unterhaltsamen Eröffnungskick gegen Costa Rica, der Steigerungsfähigkeit der Deutschen, einem Offensivspiel, das genau das zeigte, was sich jeder Fußballfan wünscht, geht zu glatt. Es ist genau das Problem des Managertypus Kleinfeld-Klinsmann: In ihrem Denken kommt die Niederlage, das Scheitern nur ganz am Rande vor. Doch diese neue Bruchlosigkeit erzeugt eine Unfähigkeit mit Rückschlägen umzugehen. Was passiert, wenn der Gegner stärker ist? Wenn kein frühes Tor fällt? Wenn die Mannschaft in Rückstand gerät? Wir werden es gegen Argentinien erfahren.
Wenn die Deutschen ein Spiel verloren oder zumindest mal ein Unentschieden erspielt hätten - was ja eigentlich üblich war, selbst in den Jahren, in denen sie Weltmeister wurden -, dann würde man mehr das, was eben immer auch möglich ist, das Verlieren, mitreflektieren, die Verunsicherung, zumindest die mögliche Verunsicherung. Was auf der anderen Seite ja auch den Vorteil hätte, dass man sich mental auf Rückschläge einstellen würde. Klinsmann nutzt der deutschen Nationalmannschaft. Dem Land nutzen wird er nicht.
Die inzwischen klinsmannisierte deutsche TV-Berichterstattung repräsentiert das ganz gut: Die Enttäuschung taucht dort nicht auf. Weil sie eben auch die deutsche Mannschaft nicht betroffen hat, wird nur kurz über Schwächen gesprochen, dann redet man nur noch über Stärken und Sieger, kaum über Verlierer, allenfalls großherzig gegenüber den putzigen Afrikanern.
Das wird auch das übrige Land treffen: Wenn Deutschland jetzt nicht Weltmeister wird, wenn es vielleicht schon im Viertelfinale gegen Argentinien ausscheidet, dann kommt der große Kater. Dann spricht man wieder über die Haushaltsdebatte und über die Mehrwertsteuererhöhung. Und der positive Ausnahmezustand im Urlaub auf dem Traumschiff MS Deutschland ist zu Ende. Vielleicht ist das dann aber "auch gut so" (Klaus Wowereit). Wer Papst ist, muss nicht auch noch Weltmeister werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/22/22988/1.html- guter Slogan ... (4.7.2006 17:48)
- Und ab mit antx... (4.7.2006 15:13)
- Danke vielmals! (4.7.2006 15:03)
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