Gehirn-Scans in der Strafverfolgung?

04.07.2006

Bildgebende Verfahren wie die fMRI sind für die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU mehr als bessere Lügendetektoren, sie fordert eine Diskussion über Förderung und Einsatz solcher Techniken durch Sicherheitsbehörden

Abu Ghraib und Guantanamo haben nur noch einmal deutlich gemacht, wie versucht wird, aus Menschen die Wahrheit herauszupressen. Folter oder Androhung von Folter, Demütigungen oder andere Techniken, Menschen unter Druck zu setzen, führen, wie man weiß, nicht unbedingt dazu, dass die Opfer sagen, was sie wissen, sie sagen möglicherweise nur, was ihre Quäler hören wollen. Möglicherweise gehört die auch mit wissenschaftlichen und technischen Mitteln optimierte Folter bald schon zum alten Eisen. Die Wissenschaft hat neue Techniken entwickelt, um den Menschen ins Gehirn zu schauen. Mit den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung könnte ganz ohne Angst und Schmerz, also sozusagen human, die Wahrheit an den Tag gebracht werden, auch wenn der Gehirngescannte sich "mit Händen und Füßen" dagegen wehrt. Die Rechtsprechung und die Philosophie scheinen das Problem bislang verschlafen zu haben.

Immerhin hat sich nun präventiv, wie es sich eigentlich im Sinne der Technikfolgenabschätzung gehört, die Bürgerrechtsorganisation ACLU dieser Techniken angenommen, die möglicherweise bald nicht mehr nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Strafverfolgung und Terrorbekämpfung als neuartige Lügendetektoren oder Wahrheitsfindungsmaschinen mit realen Auswirkungen zum Einsatz kommen werden. Zur Erforschung von Konsumentenwünschen zur besseren Manipulation werden bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) bereits eingesetzt und haben den Zweig der Neuroökonomie begründet. Es gibt zahlreiche Anwendungen für eine Technik, die verspricht herauszukriegen, was Menschen wirklich denken oder fühlen, ohne sich noch verstellen oder lügen zu können. Das ist gewissermaßen der Endpunkt der Aufklärung und zugleich deren Abschluss, denn die Voraussetzung von Freiheit ist die Möglichkeit, sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit seine eigenen Gedanken machen zu können, zumindest also hinter dem Schädel und im Gehirn noch einen privaten Raum zu haben, in dem die Gedanken frei sind.

Neben der fMRI wir etwa auch eine "brain fingerprinting" genannte EEG-Technik als neuer Lügendetektor oder Gedankenleser angeboten. Weniger aufwändig als die fMRI müssen hier die Testpersonen nur ein Stirnband mit Sensoren anlegen, mit denen ihre Gehirnwellen erfasst werden. Zeigt man ihnen Bilder beispielsweise von einem Tatort, so ließe sich, propagiert der Anbieter, an den Reaktionen zweifelsfrei feststellen, ob die Person diesen kennt. Beim Wiedererkennen käme es zu unwillkürlichen, nicht beeinflussbaren Reaktionen, die sich in spezifischen Gehirnwellen in Form von P300-Reaktionen niederschlagen (Ein Gehirnscan als Lügendetektor).

Einige Firmen gehen davon aus, die Technik bereits so weit entwickelt haben, dass sie auch von Behörden und in der Rechtsprechung eingesetzt werden können. Daher haben sie bereits ihre fMRI-Versionen dem Heimatschutz- oder Justizministerium, dem Pentagon, dem FBI oder den Geheimdiensten angeboten. Um zu klären, wie der Stand der Dinge ist, also inwiefern Behörden die Entwicklung solcher Gehirnscan-Techniken fördern oder einsetzen wollen, hat die ACLU nun einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz bei den amerikanischen Sicherheitsbehörden eingereicht. "Es gibt Dinge, die für unsere Gesellschaft – und die Menschheit - so große Folgen haben", erklärt Barry Steinhardt von ACLU, "dass wir das Recht haben zu wissen, wie sie verwendet werden, so dass wir mit ihnen als demokratische Gesellschaft zurechtkommen. Die Techniken zum Scannen des Gehirns sind noch weit entfernt davon, als forensische Mittel verwendet zu werden. Und sie werden, falls sie eingesetzt werden, unweigerlich missbraucht und falsch verstanden werden."

Die funktionelle Magnetresonanztomographie bietet sich in erster Linie an, weil sich damit Gehirnaktivitäten nahezu in Echtzeit und hochaufgelöst darstellen lassen. Man kann also beobachten, wie die Gehirne von Menschen reagieren, wenn sie Fragen beantworten müssen oder ihnen Bilder gezeigt oder Tonsequenzen vorgespielt werden. Im Unterschied zu herkömmlichen Lügendetektoren, die physiologische Daten abnehmen, gilt fMRI als täuschungssicher. Auch Trainieren würde nichts nutzen, da das Gehirn, so haben Studien gezeigt, deutlich verrät, wenn die zusätzliche Anstrengung des Lügens oder Schwindelns unternommen wird. Trefferquoten von 90% und mehr werden von Wissenschaftlern und den Herstellerfirmen wie Cephos (Das lügende Gehirn) oder NoLie angegeben, die ihre Technik auch den Sicherheitsbehörden anbieten wollen und mit öffentlichen Geldern entwickelt haben. Umstritten ist freilich bei den bildgebenden Verfahren, was ihre Messungen – im Fall von fMRI der Sauerstoffgehalt im Blut - tatsächlich aussagen, also wie man sie interpretieren kann und damit auch, wie zuverlässig sie sind. Sollten Gehirnscans mit fMRI oder einer anderen Methode als Beweismittel zugelassen werden, dann könnten sie mit über Schuld oder Unschuld von Verdächtigen entscheiden.

"Diese Technik", so Barry Steinhardt zur Begründung des FOIA-Antrages, "darf nicht eingesetzt werden, solange ihre Wirksamkeit nicht bewiesen ist. Und davon sind wir nach Wissenschaftlern in diesem Bereich noch ein weites Stück entfernt. Wir wollen nicht unsere Zeitungen aufschlagen und lesen, dass eine weitere unschuldige Person nach Guantanamo gebracht wurde, weil die Verhörspezialisten zu einem auf einer Technik, die niemand gut versteht, basierenden Schluss gekommen sind." ACLU will, weil sie der Meinung ist, dass die Brain-Scan-Techniken weitreichende Folgen haben werden, verhindern, dass die Regierung diese Technik heimlich einführt, "ohne dass die Amerikaner die Möglichkeit haben, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie zu unseren nationalen Werten passt".

Gehirn-Scans, wie sie mit der fMRI ausgeführt werden können, würden weit über herkömmliche Lügendetektoren hinausgehen. Sie kämen dem sehr viel näher, was man "Gedankenlesen" nennt, wenn erkannt werden kann, dass eine Person trotz Versuch, dies zu leugnen, etwa eine Szene oder eine Person auf einem Bild wieder erkennt. So würde sich eben nicht nur erkennen lassen, dass eine Person lügt, sondern auch, was sie in ihrem Gedächtnis tatsächlich gespeichert hat. Allerdings müsste, falls dieses Verfahren einigermaßen verlässlich ist, auch unterschieden werden können, ob Personen etwa das Gesicht einer Person nur auf einem Bild oder auch in Wirklichkeit gesehen haben.

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