Deutsche Einspeisetarife: eine heiße Exportware

Craig Morris 08.07.2006

Deutsche Energiepolitik: ein Vorbild - Teil I

So langsam kommen die erneuerbaren Energien weltweit in Fahrt. Teilweise sind es steigende Ölpreise, die Biotreibstoffe bezahlbar machen - auch ohne Subventionen. Doch auch bei der Stromversorgung boomen vor allem Wind und Photovoltaik weltweit. Höchste Zeit, denn es gibt keine Alternativen. Und wie Thomas Vasek in der Oktober-Ausgabe von Technology Review gesagt hat, "Deutschland hat gute Chancen, sich als weltweit führender Cleantech-Standort zu profilieren."

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"Kernenergie macht uns unabhängig." Das wird auf der Webseite kernenergie.de behauptet. Unabhängig wovon? "Die Ölreserven werden in zirka 30 Jahren aufgebraucht sein", heißt es dort gleich weiter. Aber mit Strom tanken wir unsere Autos nicht in absehbarer Zeit. Und solange die Uranvorräte im Ausland liegen, macht uns die Kernkraft auch nicht von Energieimporten unabhängig.

Grafik: WISE Uranium Project (Anklicken für Vergrößerung

Erdgasimporte sind für Deutschland ein sensibles Thema. Das weiß jeder, seitdem Russland seine Erdgaslieferungen als Waffe einzusetzen droht. Die Kohle bleibt für Deutschland wichtig, zu groß sind die eigenen Braunkohlereserven. Doch der Ausbau der Kohlekraftwerke könnte verheerende Folgen auf die Umwelt und das Klima haben. Und auch die Atomkraft - würde der Ausstieg rückgängig gemacht - würde Deutschland nicht unabhängiger machen, denn die Uranminen liegen im Ausland.

Länder wie China und die USA - die zwei größten Kohleproduzenten - wollen zwar neue Kohlekraftwerke bauen (die USA sogar bis zu 100 neue), denn sie haben weltweit die größten Reserven. Doch auch in diesen Ländern denkt man um. So ist China der Weltmarktführer in Solarthermie mit rund 50% der weltweit installierten Leistung. Und die USA dürften innerhalb der nächsten 10 Jahre den Weltmeister Deutschland in Sachen Wind und Photovoltaik überholt haben. Das Potenzial hat das Land locker, aber die Politik muss stimmen - wie in Deutschland.

Denn während die Reserven oft bestimmen, wie viel Kohle oder Erdgas ein Land verbraucht, ist die Situation anders bei Wind und Photovoltaik. Hier ist nicht das Potenzial, sondern die richtige Einstellung entscheidend. Lange führte das sonnenarme Japan in der Photovoltaik, nun steht das bewölkte Deutschland an der Spitze. Beiden Ländern gemeinsam war weniger das Potenzial als die intelligente Förderpolitik, die aus der Einsicht erwuchs, dass man sowieso keine Alternative hat. Warum nicht gleich loslegen, um die Nase vorne zu haben? Gleiches gilt für Wind: Deutschland ist relativ windschwach im Vergleich vor allem zu Großbritannien, aber die Einstellung stimmt.

Das Geheimnis an der deutschen Energiepolitik: Sie ist marktorientiert. Man errechnet den Preis (den so genannten "Einspeisetarif"), den eine Energiequelle bekommen muss, damit sie sich für die Investoren lohnt. Damit das System nicht zum Fass ohne Boden wird, gestaltet man die Preise degressiv, d.h. die Hersteller werden unter Druck gesetzt, mit der Zeit billiger zu produzieren. Keiner muss dabei kontrollieren, ob Ziele eingehalten werden, der Markt muss nicht sonderlich reguliert werden (Deutschland kam bis Mitte 2005 sogar ganz ohne Regulierer aus - immerhin mehr als 6 Jahre), und der Staat muss nicht Polizei spielen und Stromversorgern Strafen auferlegen, wenn Ziele nicht eingehalten werden. Wenn die Berechnung für den Tarif gestimmt hat, regelt der Markt alles andere, und die Politiker sehen sich in ein paar Jahren wieder, um die Tarife gegebenenfalls anzupassen.

Dabei kann man die Energiepolitik durchaus anders gestalten. Die Hauptalternative heißt die "Quotenregelung". Hier wird ein Ziel bestimmt - z.B. einen bestimmten Prozentsatz bis zu einem bestimmten Jahr - und (meistens, aber wir werden die Ausnahmen gleich sehen) Strafen festgelegt, aber es wird nicht immer festgelegt, wie man das Ziel zu erreichen hat. Man kann z.B. Steuervergünstigungen anbieten, Rabatte auf Systeme gewähren und grüne Zertifikate verteilen. Letztere funktionieren so wie die CO2-Zertifikate: Erreicht ein Stromversorger seine Vorgaben für grünen Strom nicht, kann er sich überlegen, ob er lieber ein paar neue Windräder und Biomasse-befeuerte Blockheizkraftwerke installiert oder einfach grüne Zertifikate von der Konkurrenz kauft, wenn diese ihre Vorgabe für grünen Strom bereits erfüllt hat. Oder vielleicht wäre die Strafe vom Staat für das Verfehlen des Ziels am billigsten?

Innerhalb der EU setzt sich das System der Einspeisetarife immer mehr durch, es führt in Ländern wie Dänemark, Spanien und Deutschland zu den größten Erfolgen, während andere Systeme wie in der UK und Italien nicht zu solchen Ergebnissen führen. Frankreich ist ein gutes Beispiel: Das Land hatte bis vor kurzem ein Bündel von Rabatten auf Anschaffungskosten (beispielsweise für Biomasseanlagen) angeboten, aber mittlerweile festgestellt, dass alles viel schneller und einfacher mit Einspeisetarifen ("feed-in rates") klappt. Die installierte Windkraft dürfte sich deshalb dort 2006 verdoppeln. Bild : Acore

Bei CO2-Emissionen erlauben solche Zertifikate erst den Handel mit CO2. Dem Klima ist es nämlich egal, ob die gleiche Menge CO2 billig in maroden russischen Kraftwerken oder teuer in modernen, bereits relativ sauberen deutschen Kraftwerken eingespart wird. Wenn der größte Fortschritt gerade in ärmeren Ländern machbar ist, erlauben es CO2-Zertifikate westeuropäischen Energieversorgungsunternehmen, CO2-Ziele zu Hause zu erreichen, indem sie billiger im Ausland in die Modernisierung investieren. So wird immer am effizientesten CO2 international eingespart.

Grüne Zertifikate sollten auch eine solche Effizienz ermöglichen: Es würde immer dort in erneuerbare Energien investiert, wo es am meisten helfen würde. Dabei hat man eines übersehen: Solche Zertifikate machten die CO2-Vermeidung erst zu einer handelbaren Ware, der Strom dagegen war es schon immer. Jedenfalls ist es heute klar, dass Quotenregelungen - wie auch immer gestaltet - nicht nur komplizierter, sondern auch weniger erfolgreich als Einspeisetarife sind. So verkündete die EU im Dezember 2005:

Es stellte sich heraus, dass Einspeisetarife, also feste Preise für Ökostrom, die in den meisten Mitgliedstaaten praktiziert werden, derzeit in der Regel kostengünstiger und wirksamer sind als so genannte Quotensysteme, vor allem im Bereich der Windenergie.

Craig Morris übersetzt bei Petite Planète Translations und ist Autor des Telepolis-Buches Zukunftsenergien, das im Juli als Energy Switch auf englisch herauskommt.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23031/1.html
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