Allianz gegen das Amphibiensterben

Katja Seefeldt 07.07.2006

Zur Rettung der vom Aussterben bedrohten Amphibien wollen Forscher eine neue internationale Institution ins Leben rufen

Die Amphibien zählen zu den gefährdetsten Arten der Welt. Ihr Verschwinden könnte gravierende Folgen für die globalen Ökosysteme nach sich ziehen. Daher haben sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt zu einer konzertierten Aktion entschlossen: Eine internationale Allianz soll dem Aussterben entgegenarbeiten.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Amphibien, dazu gehören Kröten, Frösche, Molche und einige wurmartige Tiere, sind gegenüber Krankheiten, Umweltverschmutzung und Temperaturveränderungen sehr verletzlich, weil sie sowohl an Land als auch im Wasser leben und eine durchlässige Haut haben. Zurzeit zählen sie zu den am höchsten gefährdeten Tieren auf der Erde.

Der hochgradig vom Aussterben gefährdete scharlachrote Harlekin-Frosch (Bild: Enrique La Marca)

Wie Joseph R. Mendelsohn vom Zoo in Atlanta im Namen vieler Wissenschaftler in einem Policy Forum im aktuellen Science (Vol. 313 vom 7. Juli 2006) schreibt, ist ein Drittel der 5.743 bislang beschriebenen Arten vom Aussterben bedroht, die Hälfte befindet sich im Rückgang. Seit 1980 sind mindestens 9, vermutlich aber 122 Spezies verschwunden. Das Artensterben der Amphibien erstreckt sich über fast allen Teile der Welt und betrifft die meisten taxonomischen Gruppen der gesamten Klasse.

Dendrobates auratus (Bild: Ron D. Holt)

Obwohl diese Zahlen bedrohlich genug klingen, halten Wissenschaftler wie Mendelsohn sie immer noch für untertrieben, da ganze Gattungen bedroht sind. Von den 113 Arten der Harlekinfrösche (Gattung: Atelopus) beispielsweise sind wahrscheinlich 30 ausgestorben, nur 10 Arten weisen stabile Populationen auf. Fast ein Viertel der bekannten Amphibienarten gelten als "datendefizient" im Hinblick auf den Status ihres Erhalts. Eine Vernichtung dieses Ausmaßes muss zwangsläufig Auswirkungen auf das Ökosystem haben. Wie Mendelssohn bedauert, verliert die Menschheit zudem mit jeder Art nicht fruchtbar gemachtes Wissen für Biomedizin und Biotechnologie.

Sterben mit vielen Ursachen

Das Artensterben ist kein neues Phänomen, jedes Jahr werden Rote Listen mit den gefährdetsten Arten veröffentlicht. Warum sind ausgerechnet die Amphibien so stark betroffen? Die Hauptgefährdungsursachen hängen leider sehr stark mit unmittelbaren oder mittelbaren Einwirkungen des Menschen zusammen. Als da wären: Lebensraumzerstörung durch die Entwässerung von Feuchtgebieten, die Trockenlegung von Wiesen und Kleingewässerflächen, intensive Bewirtschaftungsmethoden, Gifte wie Pestizide sowie Straßenbau und Verkehr. Denn da die Jugendentwicklung im Wasser stattfindet, erwachsene Tiere jedoch in einer Vielzahl oft weit entfernt liegende Biotope haben, sind geschlechtsreife Tiere zu regelmäßigen Wanderungen gezwungen.

Grasbaumfrosch (Bild: Ron D. Holt)

Eine weitere Gefahr ist der Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis). Der Parasit wächst in der oberen Hautschicht der infizierten Amphibien. Damit wird diese wichtige Barriere gegen Infektionen in Mitleidenschaft gezogen und die Tiere werden anfälliger für weitere Erreger. Prognosen gehen davon aus, dass dort, wo er auftaucht, binnen vier bis sechs Monaten 50 Prozent der Amphibienarten und 80 Prozent der Individuen verschwunden sind.

Erst im Januar dieses Jahres hatten Forscher in Nature (Vol. 439, No. 7073 vom 12. Januar 2006) einen Zusammenhang dieser Infektionskrankheit mit dem Klimawandel hergestellt. In Mittel- und Südamerika schaffe der Treibhauseffekt günstige Wachstumsbedingungen für den Pilz, weil er zu mehr Wolken führt. Diese sorgten für kühlere Tage und wärmere Nächte und damit für optimale Bedingungen für den Schädling, der zwischen 17 und 25°C am besten gedeiht.

Paradigmenwechsel bei Schutzprogrammen

Weil die herkömmlichen Programme und gesetzlichen Vorschriften nicht den ersehnten Effekt bringen, um der globalen Bedrohung etwas entgegenzusetzen, haben sich führende Wissenschaftler und Umweltschützer auf einen Aktionsplan verständigt: Den Amphibian Conservation Action Plan (ACAP). Er sieht die Gründung einer neuen internationalen Einrichtung vor, die künftig Schutzprogramme koordinieren sowie Geldmittel beschaffen und verteilen soll. Die neue Einrichtung wird "The Amphibian Survival Alliance" (ASA) heißen und von einem internationalen Sekretariat der Amphibian Specialist Group of the Species Survival Commission of IUCN geleitet werden. Die finanzielle Ausstattung soll 400 Millionen Dollar für die erste fünf Jahre umfassen – zur Förderung von Forschung, von Schutzprogrammen und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Artenschutzaktivitäten werden vor Ort in den betroffenen Ländern mit einheimischen Wissenschaftlern durchgeführt. Als eine spezielle Initiative sollen regionale Zentren gegründet werden, die sich der Erforschung von Amphibienkrankheiten und der Pflege von Zuchtbeständen widmen. Besonderes Augenmerk ruht auf der Bekämpfung der Pilzinfektion Chytridiomycosis. Die Gründer des ADA-Modells setzen darauf, dass ein "Paradigmenwechsel" beim Artenschutz gelingt, Experten verschiedener Fachgebiete und Länder gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten.

Dendrobates galactonotus. (Bild: Ron D. Holt)

Im Übrigen sind Kröten & Co. irgendwie doch nicht zu unterschätzen: Weil sie sich im Frühjahr bei ihren Wanderungen vom Winterquartier zu den Laichgewässern nicht an der Straßenverkehrsordnung orientieren, halten sie alle Jahre wieder Naturschützer und Autofahrer auf Trab. Und so manches Straßenbauprojekt musste wegen eines Feuchtbiotops eine ungeplante Schleife nehmen.

Dendrobates tinctorius (Bild: Ron D. Holt)
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23044/1.html
Kommentare lesen (29 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

Nazi-Virus im Film

Die NS-Propagandafilme bleiben im Giftschrank eingeschlossen, als wäre die NS-Ideologie eine ansteckende Krankheit. Aber stimmt das auch? Ein Erfahrungsbericht.

Hitlerjunge Quex

Hans Westmar - Ein deutsches Schicksal

Braune Volkstänzer im russischen Wald

Verwehte Spuren

mehr

SETI Mobilität im regenerativen Zeitalter Die Bank sind wir
bilder

seen.by


TELEPOLIS