Die entscheidende Waffe

Thomas Pany 12.07.2006

Journalisten als Sprachrohr und "Information Operations"

Die Antworten, die Rod Nordland, ehemaliger Büroleiter von Newsweek in Bagdad kürzlich in einem Interview auf Fragen zur Berichterstattung aus dem Irak mit dem Magazin Foreign Policy gegeben hat, überraschen eigentlich niemanden mehr. Nordland ist nicht der erste Journalist, der konstatiert: "Es ist dort viel schlimmer, als berichtet wird".

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"Die Nachrichten aus dem Irak werden von der Regierung geregelt" - auch diese Kernaussage hat man schon von anderen Journalisten, die im Irak arbeiteten, in der ein oder anderen Form gelesen, eher selten mit dem Zusatz, dass die Regierung diese Aufgabe ganz gut meistert: "The administration does a great job of managing the news." Dass der Erfolg dennoch beschränkt ist und sich die Regierung trotz ihrer Bemühungen über die "zu negative" Berichterstattung in den Medien beklagt, zeigt laut Nordland die Grenzen des Informationsmanagements. Dennoch hat die Regierung nach seiner Auffassung einen gewissen Erfolg:

Die Amerikaner sind sich dessen nicht bewusst, wie gräßlich es (die Situation im Irak, Anm. d. A.) ist und wie wenig Fortschritte gemacht worden sind. Sie reden weiter darüber, wie sehr viel besser die irakische Armee jetzt ist und dass sie mehr Verantwortung übernimmt, aber in den meisten Fällen stimmt das nicht.

Doch Nordland berichtet auch von einer neueren Entwicklung: Das Militär habe angefangen, viele Regelungen der "eingebetteten Berichterstattung" (vgl. Eine gesäuberte Version vom Krieg)zu "zensieren". Bevor ein Journalist als "embed" zugelassen werde, würde seine vorhergehende Arbeit sehr genau geprüft und besondere Aufmerksamkeit darauf gelegt, welchen "Slant" (Anstrich) seine Stories haben.

Man werde abgelehnt, wenn den Militärs die Tendenz nicht gefalle. Es gäbe Fälle von Journalisten, die auf eine schwarze Liste gesetzt wurden, weil die Militärs "nicht glücklich" über die Arbeit waren, welche die Journalisten als "Embeds" geliefert hätten. Aber schließlich erfahre man von den Irakern selbst mehr als jeder offizielle amerikanische Vertreter, vor allem wenn er zum Militär gehört.

Ähnliche Erfahrungen als eingebettete Berichterstatterin sammelte auch eine Fernsehjournalistin von Reuters im Irak. Ihr Fazit: "Was wir dort taten, war kein echter Journalismus...Ich war ein Sprachrohr des Pentagon."

Auch Colonel Ralph Baker ist den eingebetteten Journalisten gegenüber argwöhnisch, nur wenn sie längere Zeit blieben und viel Zeit mit seiner Einheit verbringen würden und dadurch deren Arbeit im richtigen Kontext kennenlernen, sei dies eine gute Sache. Dass mit solchem Engagement des Reporters oft auch die nötige Distanz verloren geht und die es die Nähe des Journalisten zu den Soldaten schwer macht, über Dinge zu berichten, die ihnen Schaden zufügen könnten, verschweigt Baker.

Um Ausgewogenheit oder "echten Journalismus" geht es Colonel Ralph O. Baker auch nicht. Baker war bis vor kurzem Kommandeur einer Brigade, deren Einsatzgebiet bei Bagdad lag und zwei große Bezirke der Hauptstadt einschloss - "mittendrin" also. Sein Erfahrungsbericht, veröffentlicht in einer Publikation der US-Army, handelt vom Stand der Dinge der praktizierten "Information Operations" (vgl. "Das Netz muss wie ein feindliches Waffensystem bekämpft werden").

70 Prozent der Arbeitszeit für IO

Der Artikel wendet sich an ein Fachpublikum und die meisten seiner strategischen Rezepte, wie etwa die forcierte Wiederholung von einfachen Botschaften, die an die Umgebung vermittelt werden, und die Betonung der eigenen Erfolge sowie der schädlichen Aktivitäten der "Aufständischen" in jedem Kommuniqué nach außen, sind nichts Neues. Dennoch bietet der Artikel ein paar Einblicke, die überraschen.

Zum Beispiel die generelle Bewertung von Information Operations (IOs): Dass sie von Baker als "entscheidene Waffe" schon in der Überschrift genannt wird, könnte man noch als eine Art Lippenbekenntnis sehen, dass der Kommandeur einer militärischen Einheit aber 70 Prozent seiner Arbeitszeit für "Intelligence and IO Systems" aufgewendet hat, erstaunt schon. Für Baker war dies ein "Paradigmenwechsel" in seiner Arbeit

Baker plädiert für eine Modernisierung der IOs. An der Art seiner an Bedingungen vor Ort geknüpften Vorgehensweise kann man erkennen, wie sehr die Armeeführung versucht, größtmögliche Kontrolle über jede Mitteilung, die nach außen geht, zu haben. Jede Mitteilung zu einem Ereignis müsse den zeitraubenden bürokratischen Weg gehen und von oben abgesegnet werden, beklagt sich Baker. Viele der relevanten Regeln und Strukturen datierten noch aus den Erfahrungen des Kalten Krieges, die hierarchischen Wege der Informationspolitik waren zu langsam, stellte er fest, die Gegner immer im Voraus damit, ihre Sicht zu verbreiten.

Dass Baker auch das Hierarchie-Paradigma in der Informationspolitik änderte und zum Beispiel eigene Pressekonferenzen abhielt, muss nicht eigens erwähnt werden, dass er andere Zielvorgaben hatte als die Führung und andere Adressaten, ist allerdings bemerkenswert, weil das ein paar Schlüsse zulässt. So wandte sich Baker vor allem an die arabische Medien, Zeitungen und TV-Sender, weil dort das geschrieben und gesendet werde, was sein Zielpublikum, die "schweigende Mehrheit der lokalen Bevölkerung", tatsächlich beeinflussen würde. Seine Vorgesetzten hatten dagegen "Höheres" im Sinn, deren Zielmedien-Vorgabe waren die nationalen Medien in den USA und internationale.

Daraus kann man dreierlei lesen, einmal eine offensichtliche Ignoranz der Führungsebene gegenüber der irakischen Öffentlichkeit, zum anderen, dass dem amerikanischen Sender Al-Hurra, der überhaupt nicht erwähnt wird, auch in offiziellen Kreisen nur wenig Relevanz eingeräumt wird, und zum dritten, wie sehr es der Führung darauf ankommt, die "Befreiung des Irak" vor allem in den USA und international gut zu verkaufen. Irakische bzw. arabische Medien taugen in der Sichtweise der Führung anscheinend nur als Umwege, um willkommene Nachrichten - Propaganda - in die eigenen bzw. internationalen Medien einzuschleusen (vgl. Happy Irak).

Interessant ist, dass Baker noch eine andere Zuhörerschaft erwähnt, die IOs mit dem nötigen Wiederholungsprogramm zur Einschärfung von grundsätzlichen Wahrheiten nötig hatte: die eigenen Soldaten, deren "einflussreichsten Informationsquellen" CNN, BBC oder FOX-News mehr und mehr negative Sichtweisen produzierten.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23080/1.html
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